• Annika Singer

Karibische Momente.

Reise. Tauchen ist eine Leidenschaft – und natürlich auch ein Geschäft. Einer der ältesten Anbieter von Tauchreisen in Deutschland ist die Firma Nautilus. Seit den 1960er-Jahren erkunden die Eigentümer die interessantesten Reviere rund um den Globus. Ihre Geschichte erzählt von Abenteuern unter und über dem Meeresspiegel.

Allein schon die Anreise zu unserem neuesten Tauchspot in Nicaragua ist ein Erlebnis“, erzählt Jan Thies, Geschäftsführer des Tauchreiseveranstalters Nautilus aus Inning am Ammersee: „Auf Little Corn Island sind Autos nicht erlaubt, es gibt auch keine befestigten Straßen, nur staubige oder matschige Fußwege. Und das einzige Hotel, das warmes Wasser hat, ist lange im Voraus ausgebucht.“ Wer dort zum ersten Mal abtaucht, dem verschlägt es angesichts der Vielfalt an Leben unter Wasser dann fast den Atem. „Ein fünf Meter hoher Riffblock vereint die komplette karibische Riffflora. Dieser Tauchplatz ist ein einziger Fischschwarm und zwischendrin Muränen, unglaublich viele Rochen, ein Barrakuda auf Nahrungssuche, neugierige Ammen- und Riffhaie. Es war einer meiner besten Tauchgänge ever!“

Die besten Tauchspots der Welt, erklärt Thies, befänden sich eben oft in entlegenen Regionen. Also dort, wo keine Unterkünfte mit allen Annehmlichkeiten zu erwarten sind. „Der Luxus liegt vielmehr im ganz besonderen Flair, in der Nähe zu Fischen, Land und Leuten. Man lernt liebenswerte Menschen kennen, die dort lebensfroh und aufgeschlossen in einer einmalig stimmungsvollen Umgebung leben, wie sie nur selten zu finden ist.“

Jan Thies hat fast die Hälfte seines 39-jährigen Lebens mit dem Tauchsport verbracht. „Ich war 23 Jahre alt, als ich nach meiner Lehre zum Reisekaufmann Nautilus übernahm, sah aus wie 18 und hörte häufig die Frage: ,Und wann kommt Ihr Chef?‘“, erinnert sich Thies schmunzelnd. Doch „der Chef“, an den sich viele Kunden erinnerten, hatte sich ja zurückgezogen und an Thies verkauft.

Diese kleine Anekdote deutet schon darauf hin, dass die Geschichte von Nautilus eigentlich zwei Geschichten sind.

Der deutschstämmige Wilfried Boemeleit wuchs in Caracas auf, kam 1960 mit 17 Jahren nach Deutschland, studierte Betriebswirtschaftslehre in München und merkte dann aber sehr schnell, dass er in Großraumbüros wohl keine Zukunft finden würde. „Ich kannte den Tauchsport aus Venezuela. Gemeinsam mit einem Münchner Freund, Eigentümer eines Veranstalters für Jugendreisen, fassten wir einen verwegenen Plan: Ich sollte für ihn als Reiseleiter nach Mallorca gehen und parallel testen, ob Tauchkurse auf der Insel einen Markt finden würden.“

1966 eröffnet Boemeleit den Club Nautilus in Cala Fugera, die erste Tauchschule Europas. Vom ersten Tag an ist sie den ganzen Sommer über ausgebucht. Boemeleit hat einen Nerv der Zeit getroffen –  „Tauchen war damals als Modesport unglaublich stark im Kommen“. Der Leiter von Quelle-Reisen International spricht ihn an. Fragt, ob er nicht Lust hätte, eine weitere Schule im Quelle-eigenen Hotel in Porto Colom zu eröffnen. „Ich hatte aber kein Kapital. Da sagte er: ,Komm, wir strecken das vor.‘“

Jetzt geht es schnell. Weitere Tauchschulen folgen – unter anderem auf Mallorca, in Tansania, auf den Malediven. Ende der 1970er-Jahre gehören zu Nautilus 17 Tauchschulen, ein Tauchshop, ein Reisebüro in München und sogar eine Uhrenkollektion, entwickelt mit einem Schweizer Hersteller.

Doch der größte Coup gelingt Boemeleit in Kuba. Im Canarreos-Archipel zwischen Kuba und Mexiko liegt die Isla de la Juventud, unter Tauchern und Eingeweihten hat sich der Name „Schatzinsel“ eingeprägt. Er ist ihrer Piratenvergangenheit geschuldet. Die Insel hat die Größe von Mallorca, an ihren Rändern liegt ein traumhaftes Tauchgebiet mit kilometerlangem unberührtem Korallenriff. „Es gab dort ein Hotel, Hilton hatte es gebaut. Es sollte 1959 eröffnet werden. Dann kam die Revolution und Fidel Castro enteignete Hilton“, erinnert sich Boemeleit: „Während der Internationalen Tourismusmesse in Berlin im Jahr 1978 kam es zu einem Treffen mit dem Tourismusminister von Kuba, es ging um die Vermarktung der Schatzinsel. Ein Treffen vor Ort folgte, ich verlangte aber Exklusivität.“

Die Parteibosse samt Fidel Castro geben nach einem Tag Bedenkzeit ihr Einverständnis, Boemeleit muss aber eine 80-prozentige Belegung des Hotels garantieren. „Mein Vertragspartner, die staatliche Firma Cubatur, erhielt einen vorgegebenen Preis pro Zimmer. Ich habe erst einmal durchgeatmet, dann zugesagt. Tatsächlich gab es dann aber nie ein Problem, die Garantie zu halten.“ Die Gäste kommen aus ganz Europa, überwiegend aus Deutschland, den USA und Kanada – bis zu 4000 sind es jährlich. In Kuba zu tauchen, ist zu dieser Zeit etwas ganz Besonderes. Zur Schatzinsel kommen die Stars von A wie Mario Adorf bis Z wie Zsa Zsa Gabor – aber nur mit Nautilus.

Ende der 1990er-Jahre verkauft Boemeleit seine Firmen und zieht sich ins Privatleben zurück. Jan Thies erwirbt den Reiseveranstalter. „Ich hatte die Rückendeckung zweier Banken, sah das Potenzial der Firma und hatte Pläne, unser Programm auszubauen. Ich war voller Enthusiasmus“, erinnert sich Thies heute. Das Geschäft allerdings hatte sich mittlerweile ziemlich gewandelt. Während früher Netzwerke und persönliche Bekanntschaften zählen, regiert nun das Internet. Und auch die Kubaner hatten längst erkannt, dass internationale Großanbieter noch mehr Kontingente füllen können als ein Nischenanbieter aus München. Mit der Exklusivität ist es deshalb schon länger vorbei.

Thies reist viel. Erkundet neue Spots. Will durchstarten. Doch dann erweisen sich die Anfangsjahre als Jungunternehmer als seine „schwierigste Zeit“.

Nach dem 11. September 2001 bucht kein Mensch mehr Fernreisen. 2003 folgt dann die Insolvenz der Charterfluggesellschaft Aero Lloyd. „Mitten in den Herbstferien stellte sie mit sofortiger Wirkung die Flüge ein – und ich musste zusehen, wie ich meine Kunden auf andere Airlines umbuchen konnten. Die zusätzlichen Kosten waren immens.“

Als der Tsunami im Dezember 2004 weite Teile Asiens überrollt, denkt Thies ernsthaft darüber nach aufzugeben. „Ich war gerade von Thailand zurückgekehrt, als die zerstörerische Welle die Orte mit sich riss, die ich Tage zuvor noch betreten hatte. Ich war emotional absolut angeschlagen und frustriert. Ich dachte: Du kannst noch so fleißig, kreativ und ideenreich sein, es hilft nichts. Letztlich bist du doch machtlos angesichts derlei Katastrophen.“

Jan Thies ist in diesem Moment durchaus nicht ohne Alternative. „Ich war jung, ich hätte noch ein Studium anfangen und das unternehmerische Risiko einfach hinter mir lassen können.“ Doch er bekommt reichlich positiven Zuspruch aus der Branche und „ich sträubte mich innerlich bei der Vorstellung, das Reisen und Tauchen aufzugeben, beruflich nicht mehr das zu tun, was mir so viel bedeutet. Ich hatte doch Pläne!“

Also macht Thies weiter. Er stellt sich breiter auf, ohne den Spezialistenbonus für Kuba und die Karibik zu verlieren. Wenn Hurrikan-Zeit in der Karibik herrscht, schiebt er Ziele in Asien nach vorn – Philippinen, Bali und die pazifische Insel Yap. Waren es früher ausschließlich Fernreisen, um dem europäischen Winter zu entkommen, vermittelt Nautilus den Kunden heute auch im Sommer attraktive Tauchziele vor der Haustür im Roten oder Mittelmeer.

Doch eines bleibt dabei so, wie es immer war: „Keine unsere Reisen können pauschal oder über Großveranstalter gebucht werden. Wir stellen die Routen und Ziele individuell zusammen. Denn dafür haben wir das Know-how vor Ort über Jahre aufgebaut.“

Dass die Ansprüche der Kunden immer weiter steigen, kommt ihm entgegen. „Mit schönen Rifflandschaften und Kleinfischen allein kann heute niemand mehr punkten. Die wirklich attraktiven Ziele sind durch eine Mischung aus Artenvielfalt, Großfischen, Wracks und außergewöhnlichen Unterwasserlandschaften gekennzeichnet. Das Erlebnis Tauchen muss gut sein.“

So wie im vergangenen Jahr, als Jan Thies im Crystal River in Florida die seltenen Manatees hautnah erlebt. „Diese extrem verspielten, neugierigen, riesigen Seekühe waren absolut zutraulich. Sie spielten wie selbstverständlich mit mir und ließen sich sogar hingebungsvoll kraulen.“

Über 15 Jahre lang ist Jan Thies nun schon im Geschäft: „Ich bereue meine Entscheidung nicht, ich bin froh, dass ich durchgehalten habe, mein Job macht mir absolut Spaß und ich bin gespannt darauf, wieder Neues zu entdecken.“ ®

Autorin: Antje Annika Singer

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