• Jörg Zipprick

Ein Stück Unsterblichkeit.

In der guten alten Zeit galt ein Porträt von Harcourt in Paris als „Muss“ in der Gesellschaft. Catherine Renard kaufte 2007 den mythischen Ort und lässt die Faszination traditioneller Fotografie wieder auferstehen.

„Unsere Kunden sind Menschen, die der Nachwelt buchstäblich ein Bild von sich hinterlassen wollen. Ein Harcourt-Porträt muss deshalb etwas Besonderes sein. 

Das beginnt schon mit der Beleuchtung. Unsere Porträts sind in Schwarz-Weiß. Ein perfektes Porträt entsteht im Spiel mit Licht und Schatten. Wir sublimieren so die Gesichter unserer Kunden, machen sie ,erhabener‘. Dafür setzen wir mehrere, große Projektoren ein, die denen ähneln, wie sie früher in Filmstudios genutzt wurden. Die Beleuchter sind deshalb tatsächlich unsere wichtigsten Mitarbeiter und eben nicht die Fotografen. Denn unsere Porträts werden von Menschen gekauft, die sich im besten Licht präsentieren möchten.

Außerdem variieren wir die Winkel und Perspektiven, um charakteristische Bereiche eines Gesichts zu akzentuieren, und arbeiten dabei mit unaufdringlichem Hintergrund, der meist einfarbig und oft dunkel ist. Einfach ausgedrückt: Wir zeigen die schönste Seite unseres Kunden und heben diese hervor.

Ursprünglich hatte unser Studio vier Gründer: Jacques und Jean Lacroix, Brüder und Verleger, Robert Ricci, den Sohn der Couturière Nina Ricci, sowie Germaine Hirschefeld (1900–1976), die sich als Tochter deutscher Kaufleute jüdischen Glaubens den Beinamen Cosette Harcourt gegeben hat. Cosette hatte die Fotografie im Studio Manuel Frères gelernt, wo sie Jacques Lacroix kennenlernte. Sie glaubte, dass das aufstrebende Bürgertum die Gebräuche des Adels imitieren würde, sich porträtieren zu lassen. Natürlich würde im Bürgerhaus aber nicht der Maler antreten. Die Zukunft gehörte der Fotografie. Statt Porträtmaler würde es Porträtfotografen geben.

Extrem erfolgreich wurde das Studio dann in den 1950er-Jahren. Die Berühmtheiten standen Schlange, Harcourt fertigte etwa 40 Porträts pro Tag an. Das Marketing war dabei immer auf der Höhe der Zeit. Als eines der ersten Unternehmen bot es seine Dienste den Kunden per Telefon an – damals war diese revolutionäre Technik schließlich wichtigen und vermögenden Personen vorbehalten.

Dann kam das, was ich heute rückblickend als die dunkle Zeit bezeichne. Die Brüder Lacroix trennten sich 1969. Cosette Harcourt starb im Jahr 1976. Das Studio wurde immer wieder verkauft und verlor seine Identität. Der Fotografie-Stil wechselte je nach Geschmack des Käufers.

Francis Dagnan und ich haben diese Geschichte schon lange verfolgt. Gemeinsam beschlossen wir im Jahr 2007, zu versuchen, dem Studio eine Zukunft zu geben. Das war leichter gesagt als getan, denn eigentlich gab es im Zeitalter der Digitalfotografie kein funktionierendes Geschäftsmodell für Fotostudios mehr.

Wir dachten, unsere Zukunft liegt auch in der Vergangenheit. Und haben deshalb den klassischen Harcourt-Stil wiederbelebt und das Studio gleichzeitig modernisiert. Beleuchtet wird wie damals, aber die Bilder stammen nun von Digitalkameras. Wenn nötig, werden sie sogar bearbeitet. Dadurch können wir zum Beispiel die Graustufen optimal abstimmen.

Heute trägt das Prestige-Porträt unseren Betrieb wieder. Wir schwimmen, wenn Sie so wollen, auch auf der Retrowelle. Wer über 50 ist, hat solche Bilder schon als Kind gesehen. Und junge Menschen sind oft fasziniert, weil unsere Bilder nicht dem gleichen, was sie heute kennen.

Wie zu Zeiten von Cosette Harcourt möchten unsere Kunden dann auch nicht nur einfach ein Bild. Sie sind auf der Suche nach etwas, das bleibt. Kinder, Partner, Enkel, Geschäftspartner sollen sich so an sie erinnern.

Übrigens lächeln nur ganz wenige Kunden auf ihren Porträts. Sie schauen ins Leere oder nehmen eine Denkerpose ein. Denn sie möchten genauso wirken wie die Protagonisten auf alten, klassischen Harcourt-Bildern. ,Die Götter lächeln nie‘, sagen wir dann manchmal. Damals freilich wurde aus ganz anderen Gründe nie gelächelt. Die Zahnheilkunde war einfach noch nicht so weit, auch bekannte Menschen hatten oft verblüffend schlechte Zähne. Wenn Sie heute zu uns kommen, dann lächeln Sie ruhig – oder setzen Sie einfach den Gesichtsausdruck auf, der für Sie charakteristisch ist.“  ®