• Petra Bernadett Maier

Jedes Stück ein Unikat.

118 Old Oak landhausdiele 2494

Altes Holz. Der Parkettlegemeister und Inneneinrichter Werner Leuthe lässt die Vergangenheit wieder aufleben. Aus Eichen, die vor mindestens 100 Jahren gefällt wurden, zimmert er Tische, Interieur und Holzböden, die es so tatsächlich nur ein einziges Mal gibt.

Ein Klosterfriedhof im Winter, in der Mitte die Ruine eines gotischen Chors, gerahmt von laublosen Eichen mit abgeschlagenen Ästen. Das Gemälde „Abtei im Eichwald“ von Caspar David Friedrich hielt vor 206 Jahren die Bäume der Wallanlagen von Neubrandenburg für die Nachwelt fest. Um die Eichen, die zu Zeiten Friedrichs und früher gefällt wurden, kümmert sich Werner Leuthe. Sie sind der Rohstoff für einzigartige Einrichtungsgegenstände. 

Etliche Eichenbalken stapeln sich vor dem Ausstellungsraum der Firma Old Oak in Rosenheim. Jeder mehrere Meter lang und rund einen halben Meter dick. Der älteste datiert von 1712, der jüngste aus dem Jahr 1857. Mehrere Jahrhunderte war dieses Holz in einer Weinpresse verbaut. Bis Werner Leuthe es fand. „Die Stämme wurden vor Jahrhunderten gepflanzt und in einem Alter von mehr als 100 oder 200 Jahren gefällt. Die Wiederveredelung dieses Materials ist nicht nur ökologisch sinnvoll. Es ist auch nachhaltig und einzigartig. Dieses Holz spiegelt die Geschichte bestimmter Epochen, es lebt und gibt noch immer Energie“, erzählt der Handwerker.

Rein biologisch können Eichen ein Alter von mehr als 850 Jahren erreichen. Die älteste Eiche, die Leuthe durch die Säge schob, war 700 Jahre lang in einem Haus verbaut gewesen. Wurde sie damals – was durchaus wahrscheinlich ist – im Alter von 120 Jahren gefällt, hat der Baum noch die Zeiten des Heiligen Römischen Reichs und die Blüte des Rittertums erlebt. „Das war eine absolute Rarität. Stellen Sie sich nur vor, wir könnten diese hölzernen Zeitzeugen nach ihren Geschichten befragen.“

Was aus solchen besonderen Hölzern entstehen kann, zeigt Leuthes Ausstellungsraum. An den Wänden hängen Muster für Wandverkleidungen, auf dem Tisch liegen dicke polierte Holzscheiben. Daraus könnte ein Tisch, ein Bett oder auch ein Schrank werden. In den Ständern stehen jeweils ein Quadratmeter Parkett als Muster. Schmale Dielen, Flechtmuster nach französischem Vorbild, kreisrund verlegt oder klassisch in Fischgrät. Von dunkelbraun über grau bis hellgelb glänzend, immer geölt und vor allem – immer sehr, sehr altes Eichenholz. „Alte Eiche ist eben meine Leidenschaft.“ Unter den Hölzern sei die Eiche nun mal etwas Besonderes: „Ihr Holz ist extrem hart und viel seltener als zum Beispiel Fichte oder Buche.“

Wie so oft bei Unternehmern aus Leidenschaft war ein größerer Anlauf nötig, bis der Parkettlegemeister seine Bestimmung fand. In den 1980er-Jahren arbeitet er zunächst konventionell. Bodenbeläge sind meist aus Kunststoff. Der ist günstig und einfach zu reinigen. Zehn Jahre später wird der Landhausdielenstil Trend. Jetzt wollen die Kunden möglichst natürliche, ursprüngliche Materialien. Leuthe gründet die Naturboden GmbH, verarbeitet ausschließlich Stoffe wie Sisal, Kokos und unbehandeltes Holz.

Im Jahr 2004 besucht ihn ein alter Bekannter aus Kroatien. Er hat altes Eichenholz dabei. „Wir haben gleich Muster für Parkett daraus gemacht. Das Holz war schon einmal verbaut worden. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist das natürlich perfekt – mit dem vorhandenen Material arbeiten und so die bestehenden Eichenwälder schützen.“ Außerdem sind die Eichen vor über 300 Jahren in einer industrie- und schadstoffarmen Umgebung gewachsen und deshalb zu einer Zeit geschlagen worden, in der sie noch keinen negativen Umwelteinflüssen ausgesetzt waren.

Doch noch ein anderer Aspekt spricht für das „gebrauchte“ Holz. Natürliche Verwitterungsmerkmale durch Wind, Sturm, Sonne und Regen sorgen für effektvolle Oberflächen. Risse, Spuren von Nägeln, Kerben, Zapfenverbindungen geben dem Holz einen eigenen Charakter. Einen ähnlichen Charme kann Holz einer neu geschlagenen Eiche einfach nicht haben. Jedes Produkt, das aus alter Eiche gefertigt wird und die besonderen Spuren seiner Vergangenheit zeigt, ist unverwechselbar – ein echtes Unikat.

Wenn die Eichenhölzer aus alter Substanz – einer Brücke, einer Presse, einem alten Bauernhaus oder einer Scheune – kommen, müssen sie zunächst penibel gereinigt und aufwendig mit einem Detektor nach Metallen wie Schrauben oder Nägeln durchsucht werden. Entsprechend ihrem früheren Einsatz weist das Altholz zudem häufig Spuren von Tischlerarbeiten auf – Kerben oder Bolzenlöcher. Diese Narben aus einem früheren Leben füllt Leuthe mit einem speziellen Kitt, der je nach Vorstellung des Kunden schwarz oder in metallischen Tönen wie Gold, Silber, Bronze und Kupfer glänzt. „All dieses Wissen musste ich mir lange erarbeiten.“

Dass dies nicht leicht zu kopieren ist, hat Leuthe in der Vergangenheit öfter erfahren. Der Besitzer eines Landgasthofes habe zum Beispiel zufällig die Musterböden aus der Alten Eiche gesehen „und wollte diesen Boden sofort“. Nur hatte der Wirt langjährige geschäftliche Verbindungen zu einem großen Parketthersteller, den er nicht einfach übergehen wollte. Also überlässt Leuthe dem Branchenriesen einen alten Eichenbalken zur Bearbeitung. Und wartet. „Nach einem Jahr hatte der Wirt noch immer keinen alten Eichenboden. Wir haben dann die 13 Gästezimmer selbst ausgelegt. Die Optik ist tatsächlich einzigartig.“

2009 verkauft Werner Leuthe sein florierendes Parkettgeschäft und fängt mit der Firma Old Oak noch einmal ganz von vorn an. „Nach fast 30 Jahren war für mich in diesem Geschäft nichts mehr spannend. Ich wollte mich ganz auf alte Eiche konzentrieren.“ Die neue Firma verspricht tatsächlich mehr Aufregung. Denn Leuthe ist nicht nur einer der wenigen, die wissen, wie altes Eichenholz behandelt werden muss. Er kennt auch die Orte, an denen er dieses heute noch findet. „Das ist wie eine Schatzsuche. Vor allem im osteuropäischen Raum, in Kroatien, Slowenien und Ungarn, aber auch im Pfälzer Wald, im Spessart und im Raum Bremen lässt sich altes Eichenholz aufspüren. Und natürlich in Frankreich, weil die Winzer ihren Wein in Eichenfässern lagern.“

Die Einrichtungsgegenstände, die der Handwerker daraus zaubert, finden sich oft in den „Homestories“ der Gesellschaftsmagazine. Eine Familie aus dem bayerischen Hochadel posiert auf der Landhausdiele Eiche Altholz. Sternekoch Johann Lafer präsentiert das Turmzimmer der 1000-jährigen Stromburg, ausgelegt mit alter Eiche. Und die Besucher des Bogner-Shops in Baden-Baden flanieren auf einem geschichtsträchtigen Holzboden von Old Oak.

„Die Kunden kaufen eben mehr als nur ein Stück Holz, sie erwerben ein Stück Vergangenheit. Das hat einen besonderen Reiz“, erklärt Leuthe: „Als ich das Holz eines Weinpressbalkens aus dem 17. Jahrhundert nutzte, habe ich zum Beispiel auch die Scheibe verlegt, in der die Jahreszahl eingeritzt ist. Der Boden wird so zu einem historischen Dokument.“

Old Oak verarbeitet nur Eichenholz, das älter als 100 Jahre ist. „Wenn ich mit meiner Kettensäge eine Scheibe herunterschneide, kann ich das Alter ziemlich genau schätzen.“ Sicherheit gebe zudem ein wissenschaftlicher Test. „Ist der Ursprung eines Baums bekannt, zum Beispiel Bremen, kann mit der C14-Datierungsmethode das Alter bis auf fünf bis zehn Jahre genau festgestellt werden. Das funktioniert ganz ähnlich wie bei einer DNA-Analyse beim Menschen.“

Vor allem das Holz von sogenannten Mooreichen sei gefragt. Diese ganz besonderen Bäume werden nach der Trockenlegung eines Moorgebiets gefunden. Die Gerbsäure der Eiche geht im Lauf der Jahre eine Verbindung mit den Eisensalzen des Wassers ein. Das macht das Holz nicht nur sehr hart, sondern sorgt für einzigartige Farbtöne – von Hellgrau über Dunkelbraun und Blaugrau bis hin zu einem tiefen Schwarz. Moor­eichen können zwischen 600 und 8500 Jahre alt sein. „Dieses Holz hat eine fantastische Ausstrahlung.“

Und es wird mittlerweile offenbar auch immer wertvoller. Als im Jahr 2013 anlässlich der Baumaßnahmen im Berliner Schloss rund 1000 Gründungspfähle aus Eiche und Kiefer versteigert werden, ist der Andrang enorm. Die geborgenen Mooreichen, die zwischen 1603 und 1707 geschlagen wurden, erzielen erstaunliche Preise. Zehn zwischen zwei und drei Meter lange Eichenstämme kommen für stolze 5600 Euro unter den Hammer. Einzelne Pfähle werden für 700 bis 900 Euro versteigert.

Seitdem denkt Werner Leuthe über eine ganz neue Geschäftsidee nach. Auf 20000 bis 50000 Kubikmeter schätzt er den Altbestand von Eichenholz in Europa. „Ich vermute, dass dieses Holz, weil es so knapp ist, mit der Zeit immer wertvoller wird. Am liebsten würde ich alles aufkaufen.“ Rund 8,5 Millionen Euro wären wohl nötig, um sich auf dem Altholzmarkt für Eichen als Marktführer zu etablieren. Einen geeigneten Lagerplatz hat Leuthe schon. Nun sucht er Investoren für den nächsten Schritt seiner Old-Oak-Idee: Historic Oak. ®

Autorin: Petra Bernadett Maier

 

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