• Yvonne Döbler

Schöne neue Welt.

106 Robotics 21919330Robotics. Die Roboter-Revolution wird die Welt in den kommenden zehn bis 20 Jahren grundlegend verändern. In der Wirtschaft locken Effizienzgewinne. Im täglichen Leben bessere Versorgung, Bequemlichkeit und mehr Freizeit. Die Kehrseite diese Medaille ist die Angst vor Job- und Kontrollverlust. Die Gesellschaft muss sich heute fragen: Welche dieser Entwicklungen wollen wir wirklich?

„In diesem Moment erleben wir die Morgendämmerung des Roboterzeitalters“, formuliert Victor Mayoral Vilches etwas pathetisch. Der Spanier gründete gemeinsam mit seinem Bruder vor zwei Jahren im baskischen Gasteiz „Erle Robotics“, um die nächste Generation von autonomen Robotern zu bauen. Dabei geht es ihm vor allem um die Software – das Gehirn der Maschinen. „In fünf bis zehn Jahren werden unsere künstlichen Gehirne noch viel mehr automatisierte Roboteraufgaben übernehmen und ihre Intelligenz wird dahingehend gewachsen sein, dass sie die Leistungsfähigkeit menschlicher Gehirne in manchen Bereichen übertreffen“, ist Victor Mayoral Vilches überzeugt.

Robotik, oder „die Roboter-Revolution“ wie viele sagen, hat ganz offensichtlich das Zeug dazu, das nächste ganz große Ding zu werden. In einer aufsehenerregenden Studie skizzierten die Analysten der Bank of America Merrill Lynch unlängst die Perspektiven. Bis 2020 soll der Weltmarkt für Robotertechnologie und die dazugehörenden Sensoren von 32 Milliarden Dollar im Jahr 2014 auf 83 Milliarden steigen. „Wir stehen vor einem echten Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie wir leben, verändern wird“, schreibt die federführende Analystin Beija Ma, „der Pfad der disruptiven technologischen Innovationen ist nicht mehr linear, sondern parabolisch. Roboter und künstliche Intelligenz haben heute schon jeden Industriesektor erreicht und sind ein Teil unseres täglichen Lebens geworden.“

Tatsächlich spielen Roboter mittlerweile nicht nur in der Industrie eine wesentliche Rolle. So haben etwa die Onkologen im Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York im vergangenen Jahr 570000 robotergestützte Operationen durchgeführt. In der Diagnose verlassen sie sich auf die Hilfe von IBMs Supercomputer Watson, der eine Million Bücher in drei Sekunden lesen kann. Und in Japan werden angesichts der rapide alternden Bevölkerung schon seit acht Jahren sogenannte „Care-Bots“ eingesetzt, die älteren und behinderten Menschen den Alltag erleichtern.

Wir nähern uns offensichtlich einem Wendepunkt, an dem nur noch sehr wenige Ideen als Science-Fiction abgetan werden können. Übersetzungssoftware, selbstfahrende teilautonome Autos, intelligente persönliche Assistenten – Cortana, Siri, Google Now – eine erweiterte virtuelle Realität – Microsoft HoloLens, Oculus Rift – verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden wir kommerzielle Lösungen für den persönlichen, sprachgesteuerten Roboterassistenten, für Gesundheitsroboter und Hausroboter haben“, ist Victor Mayoral Vilches überzeugt: „Unsere Software wird auch Simultanübersetzungen von Unterhaltungen vornehmen können. Und unsere Roboter werden das Internet viel effizienter durchsuchen und benötigte Informationen viel schneller und genauer zur Verfügung stellen, als ein Mensch dies je könnte.“

Vor allem aber möchte Erle Robotics jeden an diesen Entwicklungsmöglichkeiten teilhaben lassen. „Wir stellen einen wesentlichen Teil unserer Erkenntnisse auf eine Mitgliederplattform – Open Source genannt. Dies erlaubt es Usern unserer Software, eigene autonome Maschinen, angetrieben von robotischen Tools und Rahmenwerken wie ROS – Robot Operating Systems – zu bauen“, erzählt der Baske. Die derzeit bekannten Hardware-Plattformen und Software-Tools seien eben nicht fähig, gute Antworten auf viele Fragen der Techniker bereitzustellen. „Deshalb haben wir uns für eine offen zugängliche Plattform entschieden, nur so lässt sich das weltweite Wissen über Robotertechnik effizient entwickeln“, so Mayoral Vilches.

In zehn Jahren würden so nicht nur Humanoide etabliert sein, die Hunderttausende Euro kosten. „Vielmehr wird es intelligente, kostengünstige und frei zugängliche Roboter geben, die aus der Kreativität und Leidenschaft der Menschen entstanden sind, die diese Technologie vorantreiben. Unsere künstlichen Robotergehirne werden einer großen Mehrheit dabei helfen, Roboter zu bauen, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.“

Diese Perspektiven finden allerdings nicht nur Befürworter. „Wir haben wohl nicht mehr die Wahl zu entscheiden, ob wir diese radikale Technologisierung und Automatisierung tatsächlich wollen. Aber wir müssen den Einfluss auf unsere Arbeitswelt steuern. Und wir müssen sicherstellen, dass wir die Kontrolle über die künstliche Intelligenz behalten“, überlegt Gerd Leonhard, Futurist mit Wohnsitz in Zürich, der sich seit 14 Jahren mit der digitalen Transformation unserer Gesellschaft auseinandersetzt.

Selbst in den USA, erläutert Beija Ma, gehen die Expertenmeinungen weit auseinander. Fast die Hälfte – 48 Prozent – glaube, Robotertechnologie und künstliche Intelligenz werden einen massiv nachteiligen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Sie werden sowohl Arbeiter als auch Büroangestellte um ihre Jobs bringen und so ungleiche Bezahlung und einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung verursachen.

Anders argumentieren 52 Prozent der Experten: Der menschliche Einfallsreichtum werde es nicht so weit kommen lassen und stattdessen für neue Jobs und neue Industrien sorgen. Diese Gruppe glaubt an die Vision des Ökonomen John Maynard Keynes. Er sagte 1930 voraus, dass innerhalb eines Jahrhunderts die Arbeitswoche auf 15 Stunden begrenzt sein werde, der Rest sei Freizeit.

Leonhard ist da nicht so optimistisch: „Fast alle Jobs, die viel Routine beinhalten und automatisierbar sind, werden verschwinden. Das sind Buchhalter, manche Lkw- und Taxifahrer, Fast-Food-Köche, vielleicht Piloten, viele Bankangestellte. Aber auch Steuerfachgehilfen, Bürogehilfen, alle standardisierten Tätigkeiten werden in der Zukunft von Robotern durchgeführt – sie sind eben schneller und kostengünstiger als ein Mensch. Die Jobs, die es dann noch gibt, werden kreative, empathische Menschen besetzen. Die Mitarbeiter der Zukunft werden für das Menschliche da sein: Storytelling, Design, Marketing, Intuition, Verhandlung – Kreatives, das die rechte Gehirnhälfte anspricht.“

Das zu organisieren, wird eine große gesellschaftspolitische Herausforderung sein. Die Beziehung zwischen Arbeit und Gesellschaft müsse neu überdacht werden, damit die Ungleichheit zwischen Arm und Reich nicht stärker werde. „Zum ersten Mal in der Geschichte laufen wir Gefahr, viele nicht benötigte Arbeitskräfte auszubilden“, überlegt er: „Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Welche Art von Wirtschaft wollen wir – um welche menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen?“

Noch schwieriger wird es sein, Antworten auf die Frage nach der Kontrolle der Roboter und ihrer künstlichen Intelligenz zu finden. „Das beginnt schon beim Datenschutz“, erklärt Leonhard, „wenn wir deren Potenzial in der Administration nutzen möchten, müssen den Robotern absolut alle nötigen Daten zu allen Zeiten und überall vorliegen.“

Ein aktuelles Beispiel ist der Trend in den Versicherungen, möglichst vollständige und vernetzte Daten zu erhalten, um Risiken und ihre Kosten ermitteln und Prämien festsetzen zu können. Wer sich dem Datenzugriff verweigert, könnte künftig automatisch einen schlechteren Tarif bekommen. „Bei vielen Autoversicherern in den USA findet dieser Mechanismus bereits Anwendung“, erzählt Leonhard. Wer die Bewegungen seines Autos vollständig nachverfolgen lässt, erhält einen Rabatt von bis zu 90 Prozent auf die Grundversicherungsprämie.

Wer die Rolle der Datenverfügbarkeit weiterdenkt, landet schnell bei der Erkenntnis, dass nur noch diese Daten zählen werden. Die künstliche Intelligenz wertet selbstständig aus und entscheidet über Beiträge, Aufnahme und Ausschluss aus der Versicherung. Ähnliche Szenarien lassen sich auch in der Arbeitswelt zeichnen: IBM hat die Software Quantified Employee entwickelt, die die Leistung und Eigeninitiative von Arbeitnehmern misst und mit der sich ermitteln lässt, welcher Arbeitnehmer wohl entbehrlich wäre. „Sollen Maschinen tatsächlich über Kündigungen entscheiden?“, fragt Leonhard. „In fünf Jahren ist die komplette Vernetzung aller unserer Gesundheitsdaten, Ausbildungsdaten, Userdaten, Einkaufsdaten, Bewegungsdaten, Zugangsdaten, Bestellungen, Mediendaten, gehörter Musik und mehr Realität. Ich überlege immer: Was können die künstliche Intelligenz und die Menschen, die dahinter agiert haben, damit alles anfangen? Es geht darum, die Kontrolle über die Daten zu behalten, aber sie dennoch nutzbar zu machen.“

Doch selbst das ist nur ein Teil des Problems. Derzeit treiben vor allem Militär und Polizei die Technologie voran. „Die Idee, das Leben der eigenen Leute zu schützen und Feinde mithilfe eines Roboters festzusetzen, klingt zuerst einmal attraktiv“, findet auch Leonhard. Das Töten per Drohne (aber immer noch mit menschlicher Fernbedienung) ist ja längst Realität – doch wer hat entschieden, dass das so sein darf?

Einen Konsens gibt es in diesen Fragen noch nicht. „Woher auch?“, fragt Leonhard. Es werde ja nicht einmal öffentlich und global diskutiert über das, was ist, und das, was sein soll oder sein darf. „Das liegt vor allem daran, dass sich viele der drohenden Gefahren nicht bewusst sind“, glaubt der Futurist.

Schützen muss sich die Menschheit besonders vor der unregulierten Verbreitung der Robotertechnologie und deren Missbrauch, etwa durch Regierungen, Firmen oder den Terrorismus. Bisher ist auch nicht geregelt, welche Technologien auf den Markt kommen dürfen. „Alles, was cool ist, wird gemacht und verbreitet. IBM, das Militär, Cisco, Google, Dways DAAPA, aber auch Israel und viele andere arbeiten an der künstlichen Intelligenz – eigentlich völlig unkontrolliert“, informiert Leonhard.

Schon heute lernt die Software eines Computers, durch neue Fakten neue Regeln aufzustellen. „So schaffen wir früher oder später eine Super-Intelligenz, die wir fürchten könnten – und die wir im internationalen Konsens regulieren müssen.“ Auf 20 Prozent schätzt er zum Beispiel das Risiko eines Roboter-GAU – künstliche Intelligenz übernimmt die Kontrolle über Finanzmärkte, Waffen oder Daten. „Diesen Ernstfall müssen wir in unsere Diskussionen mit einbeziehen. Die Technologie wird uns beschäftigen, vielleicht beschädigen und möglicherweise auch beseitigen. Wir sollten mit Vorsicht handeln.“

Er fordert einen internationalen, ethisch motivierten Schutzstandard, ein Digital Ethics Manifest – so etwas wie die Menschenrechte für das digitale Zeitalter. Die Diskussion um diese Rechte müsse öffentlich geführt werden, um das Bewusstsein zu stärken. „Wir haben nukleare Energie, aber wir verhindern, dass Staaten aus der fast gleichen Technologie eine Bombe bauen. Dafür gibt es internationale Verträge, Überwachung und Diplomatie.“ Das Gleiche benötige die Robotertechnologie – die Regierungen sollten globale Richtlinien erlassen – „und zwar schnell“. Als geeignete Institutionen nennt er die EU und die UN und fordert darüber hinaus die Gründung einer internationalen digitalen Ethikkommission.

Ist das realistisch? Dass die Regeln für die Nutzung der Atomenergie erst etabliert wurden, nachdem einige Bomben zum Einsatz kamen und das ganze Ausmaß der Zerstörung der Öffentlichkeit bekannt wurde, macht skeptisch. „Mit Gremien, Ausschüssen und langjährigen Beratungen ist in dieser Angelegenheit niemandem geholfen. Das Computerwissen verdoppelt sich in jedem Jahr, diese exponentielle Entwicklung ist in der Wahrnehmung der Menschen und Politiker noch gar nicht angekommen. Uns fehlen die organisatorischen, regulatorischen und politischen Strukturen, um das Exponentielle in den Griff zu bekommen“, warnt Leonhard.

Zwar gebe es bereits Forschungsinstitute und Kommissionen in der EU, die sich mit der Thematik befassen. „Das Problem ist aber, dass die Beschränkung von Technologie kein Geld erzeugt. Insofern hat das Problem noch keine Priorität in den Instanzen, die aber letztlich die Verantwortung dafür tragen.“

„Verantwortung übernehmen“ und „Technologie umarmen, aber nicht Technologie werden“ sind deshalb die beiden Kernforderungen des Futuristen – dies gelte insbesondere für die Entwickler der Robotertechnologie: „Sie wissen am besten, welche Gefahren mit ihren Produkten verbunden sind. Sie wissen, wie man sie reguliert.“

Gerd Leonhard glaubt, dass nur so die weltweiten Open-Source-Aktivitäten zu steuern sind. „Holen wir die Profiteure der Technik mit ins Boot und entwickeln wir mit ihnen den notwendigen Schutz für die Menschen.“ Dass Schutz möglich ist, zeige der Umgang mit der Waffentechnologie: Die wichtigsten Einzelteile sind zwar erhältlich, aber es ist nicht trivial, das Ganze dann auch so zusammenzufügen, dass es funktioniert.

Wer nah dran ist an der Technologie, reagiert oft mit Unverständnis auf die Ängste der anderen. Victor Mayoral Vilches beispielsweise schätzt die Gefahren seiner Erle-Open-Source-Plattform als gering ein: „Wer auf einer Open-Source-Plattform Fragen stellt, liefert eindeutige Hinweise darauf, woran er arbeitet“, sagt er. Auch die angebotenen Roboter- und Software-Lösungen werden durch die Menge der Teilnehmer geprüft – Kontrolle sei also da. „In der Garage baut niemand so ein Ding zusammen.“ ®

Autorin: Yvonne Döbler

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