• Philipp Wente

Urig, ungestüm und unverwüstlich.

102 Uri Philipp Wente Uri W1 0386Uri. Der in Namibia gebaute Geländewagen mit dem ungewöhnlichen Namen Uri ist nicht nur weltweit eines der verrücktesten Fahrzeuge. Dank Einzelanfertigung und seiner speziellen Bauweise verspricht er Fahrspaß wie kein anderes Auto.

„Am liebsten sind mir Kunden, die mit einem klar umrissenen Problem zu mir kommen – und die ein klein wenig technisches Verständnis aufbringen. Diesen ein Fahrzeug zu bauen, zugeschnitten exakt auf ihre Bedürfnisse, macht mich glücklich“, erzählt Ewert Smith. Vor einigen Jahren sollte der Namibier für den weltgrößten Diamantenproduzenten De Beers etwas Besonderes entwickeln. Ein Allradfahrzeug, das eingesetzt werden sollte, wo selbst die Nomaden mit ihren Kamelen nicht hinziehen: in die Fließsand-Regionen Mauretaniens. 

„Es sollte groß genug sein, um vier Personen samt drei Millionen US-Dollar teurem, extrem empfindlichem Equipment dorthin zu bringen, wo die Geologen Diamanten unter dem weichen Sand vermuteten.“ Die Landcruiser und Land Rover hatten hier, wo selbst Menschen bei jedem Schritt bis zu den Knien im Sand versinken, kläglich versagt.

Ewert Smith nahm den Auftrag an. Er versprach nicht, dass sein Uri niemals stecken bleiben würde. Aber er versprach, sein Bestes zu geben, um die gestellten Anforderungen zu erfüllen.

So wie er es, mittlerweile 73 Jahre alt, seit Ende der 70er tut, wenn er seine Einzelstücke produziert. Für Farmer mit ihren teils zig Tausend Hektar großen Ländereien, für die vielen Minen im südlichen Afrika, für die Polizei oder die Grenztruppen. „Ich mag es, die Dinge möglichst einfach zu halten. Das Weglassen nicht unbedingt notwendiger Bauteile macht meine Fahrzeuge robust, störungs- und wartungsarm. Und vor allem macht es sie leicht.“

Uri ist ein Begriff aus der Nama-Sprache. Ein Imperativ, der „Spring!“ bedeutet. Und genau das machen die Uris besser als all die anderen serienmäßig gebauten Fahrzeuge. Weil sie leicht sind. Weil sie das perfekte Verhältnis zwischen Leistung und Gewicht haben. Und weil sie so gut ausbalanciert sind.

Alles begann damit, dass Ewert Smith, selbst Farmer, Rind-, Schaf- und Angoraziegen-Halter, zeitweilig auch Salzproduzent, durch Solar- und Windenergie weitestgehend autark im Nirgendwo der Kalahari, unweit von Koës lebend, ein auf seine eigenen Bedürfnisse zugeschnittenes Fahrzeug suchte – dieses am Markt aber nicht finden konnte. Es gab es einfach nicht.

„Zunächst habe ich mit Käfer-Motoren experimentiert, klassisch verbaut über der angetriebenen Heckachse. Doch diesen Versuch musste ich abbrechen. Die für die Arbeiten an den kilometerlangen Zäunen und beim Vieh notwendige Ladefläche ließ sich mit dieser Konstruktion nicht realisieren. Also schlachtete ich meinen alten Toyota Pick-up aus, der sich als nicht wirklich geländetauglich gezeigt hatte. Und dessen Blech zudem bei jeder Berührung mit den großen Felsen oder den harten Büschen, die hier überall im hügeligen Gelände herumstehen, Schaden nahm.“ Smith baute den robusten Motor und das Getriebe aus. Den Rest verschrottete er. Um diese beiden Aggregate herum entwickelte er seinen ersten Uri. Für sich. Für den täglichen Einsatz auf seiner Farm. Einen heckangetriebenen zweisitzigen Pick-up, keine 1000 Kilo schwer, mit einem Rohrrahmen aus Stahl, beplankt mit Stahlblechplatten.

Noch heute ist dies das Bauprinzip der Uris. „Im Gegensatz zu den anderen Herstellern (beispielsweise die Namib Spiders von Johan Human aus Goba­bis/Namibia), die ihre eigenen Rohrkonstruktionen auf die Chassis der Serienfahrzeuge aufsetzen, habe ich mich von Beginn an darauf festgelegt, einen Rohrrahmen als tragendes Element zu konstruieren.“ Diese Bauart, die im Sportwagenbau, wo es auf Gewichtersparnis und Steifigkeit ankommt, schon längst etabliert ist, gab es zuvor beim Bau von Geländefahrzeugen nicht. Land Rover, Toyota und all die anderen setzen entweder auf Leiterrahmen mit Längsträgern aus Stahlprofilen oder flache Blechchassis.

„Wenn du in einem Uri über deine Farm fährst, gibt es keine Richtung, in die du nicht fahren könntest. Er kommt überall durch. Du kannst durch Büsche fahren, über Steine. Anders als die dünnen Bleche der Landcruisers verbeulen die Stahlplatten nicht. Die Uris sind stabil wie ein Panzer. Die sind fürs Leben“, unterstreicht Farmer Wilhelm Kotze aus Stampriet, dessen erster Uri sich seit mittlerweile 28 Jahren im täglichen rauen Einsatz bewährt.

Und Uris machen Spaß. Die Fahrt in schwerem Gelände erinnert ein wenig an das Sliden über Asphalt in einem der frühen Porsche 911er G-Modelle – deren Gewichtsverteilung Front-zu-Heck übrigens ähnlich zu der des Uri ist. Wie auch das Prinzip Heckantrieb. Dünenpassagen, schnelle Tracks über felsiges Gelände, Schotterpisten, alles ist möglich. Der recht weit nach hinten gebaute Frontmotor klingt kernig. Die wenigen Bedienelemente liegen an den exakt richtigen Stellen. In der untergehenden Sonne der Kalahari eine weithin sichtbare Staubfahne in die Landschaft zu ziehen, zu sliden, zu springen, dabei sicher auch mit den Füßen und Händen arbeiten zu müssen, das ist Fahren in seiner reinsten Form.

Wenn der Kunde und das Einsatzgebiet es verlangen, baut Smith auch allradgetriebene Uris. So wie bei der Entwick­lung für De Beers. „Der Fließsand in Mauretanien lässt sich mit einem heck­getriebenen Fahrzeug nicht queren. Da muss ein Allradfahrzeug her. Mit extrem großformatigen Reifen. Außerdem sollte das Auto auch Schlafstätte für die Mannschaft sein. Immer dann, wenn die wilden Südost-Fallwind-Sandstürme herkömmliche Zelte einfach mitreißen würden.“

Ewert setzte sich an seinen Konstruktionstisch, begann zu zeichnen, rechnete, designte. „Dem Farmer sind die Linien meiner Uris zwar egal. Der hat einfach keinen Sinn für die gute Form. Mir aber war und ist es immer sehr wichtig, dass meine Uris nicht nur gut performen. Sie müssen auch gut aussehen.“

Der De-Beers-Uri sieht wirklich gut aus. Smith ersann eine Zeltkonstruktion, bei der das Fahrzeug gleichsam als Windschutz dient. Die vier Personen können sich so auf der geschützten Seite aufhalten. Platz für ausreichend Wasser, Lebensmittel und sogar einen kleinen Kocher gibt es selbstverständlich auch. Per Schiff liefert er über Dakar aus. „Lange habe ich dann nichts gehört von De Beers. Neun Monate später erst rief mich der De-Beers-Geologe Dr. John Ward an. Er sagte lediglich: Mission accomplished.“

Es wird nicht der letzte Streich des Ewert Smith gewesen sein. Mit fast Mitte 70 wälzt der Mann, von dem die Farmer sagen, er rette mit seinen Uris Tag für Tag ihr Leben, derzeit noch eine ganz besondere Idee: „Wir haben Sonne satt hier in Namibia. Mein finaler Uri soll ein rein elektrisch betriebenes Fahrzeug sein. Gebaut aus Chrom-Molybdän-Rohren, leicht, sehr leicht, maximal 600 Kilogramm fahrbereit, mit austauschbaren Akkus, geladen an kleinen Solarstationen, die jeder Farmer auf oder neben seinem Schuppen aufstellen kann. Gerade starte ich meine Experimente mit einem dieser elektrischen Golf-Caddys. Ich muss mir ja noch das Wissen rund um die elektrischen Bauteile aneignen.“  ®

Autor: Philipp Wente