• Dr. Annette Doms

"Ich lebe Kunst."

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Sammler. Pierre Chen hat sein Milliardenvermögen mit dem 1977 von ihm gegründeten multinationalen Elektronikunternehmen Yageo Corporation verdient. Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie das gute Gespür eines erfolgreichen Unternehmers auch im Bereich Kunst funktioniert. Mit seiner über die Jahre zusammengetragenen Sammlung zählt er zu den einflussreichsten und erfolgreichsten Sammlern in der Kunstwelt.

In der Hightech-Branche herrscht ein sehr stressiger Lebensstil. Kunst hilft mir, mein Leben auszubalancieren, sie beruhigt meinen Geist und entschleunigt mein Tempo. Kunst hat die unglaubliche Kraft, unaufdringlich und doch therapeutisch zu sein“, erzählt Pierre Chen.

Seit 27 Jahren besteht eine enge Verbindung zwischen den beiden Karrieren des Sammlers und des Unternehmers Chen. In dieser Zeit machte er aus dem einst lokalen Elektronikunternehmen Yageo einen Weltmarktführer mit einem aktuellen Börsenwert von zehn Milliarden Dollar und baute eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt auf.

Die Geschichte des Kunstsammlers Pierre Chen beginnt in einer 140 Quadratmeter großen Wohnung im Arbeiterviertel von Kaohsiung, einem ehemaligen Hafenzentrum in Taiwan. Hier wächst Chen mit sieben Familienmitgliedern auf. Seine Mutter, die Bekleidungsdesign unterrichtete, verschaffte ihm den ersten Zugang zur Ästhetik. „Wenn ich dann Zeit zum Ausgehen hatte, ging ich immer an zwei Orte: in eine Buchhandlung und in eine Galerie“, erinnert er sich in einem Gespräch mit dem Magazin „Forbes“. Beides sind für ihn auch heute noch Quellen der Inspiration. „Seit seiner Jugend hat sich mein Vater für schöne Dinge interessiert. Sein erstes Kunstwerk hat er noch zu Collegezeiten mit den aus anderthalb Jahren zusammengetragenen Ersparnissen aus einem Teilzeitjob als Softwareprogrammierer erworben: eine Skulptur des taiwanesischen Künstlers Cheung Yee, die er in einer der ersten Galerien Taipehs entdeckte. Sie schmückt noch immer sein Büro“, erzählt die 32 Jahre alte Jasmine Chen, die heute die Yageo Foundation leitet und die Sammlung ihres Vaters sowie die Initiativen und Projekte der Stiftung verwaltet.

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Die zunehmenden Gewinne aus Yageo ermöglichten es Pierre Chen bald, in weitere Kunstwerke zu investieren, die er zu Beginn in asiatischen Auktionshäusern kaufte. „In Asien, und vor allem in Taiwan, gab es damals noch keine anspruchsvolle Kunstszene mit Galerien und Kunstmessen“, erklärt Jasmine den Fokus ihres Vaters auf die Auktionen. Dort baute sich Chen erste Beziehungen und Kontakte auf. Und so, wie auch das Unternehmen Yageo zunächst lokal angesiedelt war, erwarb er zu Beginn die ihm vertraute moderne asiatische Kunst.

Als sich Taiwan in den 1980er-Jahren für den Kapitalismus entschied und den Weg zur Demokratie ebnete, orientierte sich auch Yageo nach Westen. Chen knüpfte neue Beziehungen und Kontakte. Je mehr er reiste, desto mehr lernte er die westliche Kunst und Kultur schätzen. „Ich war wie ein Fisch, der von einem Teich in den Ozean schwimmt“, sagt Chen in einem Interview mit dem Auktionshaus Christie’s.

„Dabei hat sich mein Vater immer mit viel Liebe und Leidenschaft in die Materie eingelesen. Am lauten Sozialleben der Kunstwelt nahm er eher selten teil. Aufgrund seiner Arbeit schaffte er es kaum persönlich in Auktionen und Museen. Er hatte einfach nicht die Zeit“, erinnert sich Jasmine. Vielmehr verschlang er in seiner Freizeit die Bücher und Kataloge, die ihm Galerien und Museen aus aller Welt zusandten, erweiterte permanent sein Wissen, bildete seinen eigenen Geschmack und trainierte sein Auge für das Wesentliche. Mit der Zeit verlagerte er seinen Schwerpunkt auf Werke der Klassischen Moderne und der Nachkriegszeit. In den 1990ern erwarb Chen bereits Gemälde von Pablo Picasso, Francis Bacon, Cy Twombly, Andy Warhol, Mark Rothko und Gerhard Richter.

Wenn Pierre Chen sich für ein Werk entscheidet, dann weil es in einen bestimmten Raum seiner Umgebung passt. Er hat, in der Welt verteilt, mehrere Häuser. Sein Hauptwohnsitz liegt inmitten der grünen Berghöhen Yangmingshans mit Panorama­blick auf die energiegeladene, pulsierende Stadt Taipeh. Die Kunst, die ihn hier und anderswo umgibt, muss ihn emotional berühren. Löst ein Kunstwerk nach intensiver Recherche und nach ein paar Tagen Gedankenzeit immer noch die gleiche Wirkung in ihm aus wie beim ersten Blick, kauft er. Das Wort Sammler versucht er zu vermeiden. Die Betonung liegt auf: „Ich lebe mit Kunst.“

Deshalb ist ihm auch die tägliche Auseinandersetzung mit den Werken so wichtig, die jeglichen Investmentgedanken überwiegt. Intuitiv wählt er bei seinen Ankäufen die jeweils besten Werke eines Künstlers aus. Bluechip wird der Schlüsselbegriff seiner Sammlung und macht ihn selbst zu einer der angesehensten Persönlichkeiten in der globalen Kunstszene. Heute umfasst seine Sammlung auch Werke von Salvador Dalí, Francis Picabia, Henry Moore, Aristide Maillol, Willem de Kooning, Donald Judd, Richard Serra, Louise Bourgeois, Yayoi Kusama, Alexander Calder, Georg Baselitz, Peter Doig, David Hock­ney … – die Liste ließe sich fortsetzen. Dass er sich dabei tatsächlich auf sein geschultes Auge verlassen kann, illustrieren seine Ankäufe und deren Wertentwicklung.

Im Jahr 2003 erwarb Chen zum Beispiel das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon für 3,8 Millionen US-Dollar. Damals stellte das einen neuen Rekordpreis für diesen Künstler dar. 2014 verkaufte er ein anderes Triptychon von Bacon („Three Studies for a Portrait of John Edwards“) für mehr als 80 Millionen US-Dollar.

Veräußert Pierre Chen ein Werk wieder, dann, weil er eine Verbesserung für die Sammlung vor Augen hat. Jasmine spricht von einem Upgrade.

Anders als ihr Bruder und ihre Zwillingsschwester aus Chens erster Ehe, folgt Jasmine den Spuren ihres Vaters in Sachen Kunst. Als Kind träumte sie wie ihre Schwester vom Reitsport. Im Jahr 2002 schickten ihre Eltern sie zum Training bei dem bekannten deutschen Springreiter Paul Schockemöhle in Mühlen. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Universität trainierte Jasmine in den Schulferien und nahm an Wettkämpfen in Europa teil. „Der Wettbewerbsgedanke wurde vor allem durch meinen Vater geweckt und inspiriert, der extrem kompetitiv ist. Er ist ein Typ, bei dem es um alles oder nichts geht und der jede Sekunde 120 Prozent Einsatz zeigt.“

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Im Alter von 17 Jahren gewann Jasmine die Silbermedaille bei den Asienspielen 2006 in Doha, Katar, und im vergangenen August erfüllte sie sich endlich ihren Traum von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen, indem sie Taiwan in Tokio vertrat.

Tatsächlich waren Reit- und Springwettbewerbe für sie jedoch immer ein Hobby oder sogenannter Nebenjob.

Im College riet ihr Vater Jasmine, Kunstgeschichte zu studieren. Sicherlich hatte er dabei im Sinn, dass dieses Studium seiner Tochter in Zukunft viele Möglichkeiten im Rahmen der Kunstsammlung eröffnen könne. Nach ihrem Abschluss 2011 traf Jasmine schließlich die Entscheidung, eine Karriere in der Kunstwelt anzustreben, und legte das Reiten auf Eis. Sie begann als Spezialistin beim Auktionshaus Sotheby’s und zog nach New York, wo sie zwei Jahre lang in der Abteilung für Impressionis­ten und moderne Kunst und später zwei Jahre im Bereich der zeitgenössischen Kunst arbeitete. Der ausgeprägte Sinn ihres Vaters für den Markt und die Qualität eines Kunstwerks half ihr in vielerlei Hinsicht, vor allem wenn es darum ging, das Kaliber von Werken desselben Künstlers zu bestimmen. „Lucio Fontanas Bilder mit den Schlitzen sehen sich ja auf den ersten Blick sehr ähnlich. Aber ein Experte wie mein Vater erkennt sofort das Werk von höherer Qualität.“

Seine Objektivität ist ihr Ratgeber – von ihm zu lernen eine große Ehre. Im Jahr 2017 zog sie nach Hongkong, wo sie begann, wohlhabende Sammler in Asien in Hinblick auf westliche Kunst und den Aufbau ihrer Kollektionen zu beraten.

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Auch für ihren Vater kaufte sie ab und an auf Auktionen ein. Rückblickend erinnert sie sich an eine Geschichte: Für eine Zeichnung von Picasso gab er ihr ein Limit von 3,5 Millionen US-Dollar. Das Anfangsgebot war sehr niedrig, aber eine Vielzahl von Bietern trieb den Preis stark nach oben. Jasmine war sich der Bedeutung des Werks bewusst, reagierte im Sinne ihres Vaters und erhielt den Zuschlag bei neun Millionen US-Dollar. „Mein Vater wurde fast verrückt, aber er hat den Ankauf niemals bereut“, lacht sie. 

Heute leitet Jasmine zusammen mit ihrem Vater die Yageo Foundation. Diese wurde 1999 als kultureller Zweig des Unternehmens gegründet und verleiht der Sammlung ihres Vaters ein kuratorisches Gerüst. Sie birgt nicht nur die Sammlung, sondern fördert sowohl die lokale Kunstszene durch das Sponsoring von Ausstellungen, Forschung und Bildungsprogrammen als auch den künstlerischen Dialog zwischen Ost zu West.

Die Stiftung engagiert sich auch für die Erstellung, die Veröffentlichung und den Verkauf von gedruckten Materialien zu Kunst und Kultur, einschließlich wissenschaftlicher Texte, Künstlermonografien und Werkverzeichnisse. Und wenngleich Jasmine Chen in diesem Umfeld also selbst „Kunst lebt“ und auch einige Werke für ihr Zuhause erworben hat, würde sie sich analog zu ihrem Vater nicht als Sammlerin bezeichnen. Ihr ebenso geschultes Auge, sagt sie lachend, würde ganz einfach zu Werken tendieren, die sie sich nicht leisten könne.   

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Jagdfieber – wie Asiens Sammler den Kunstmarkt verändern.

Mit dem Import westlicher Kunst nach Asien durch die Art Basel im Jahr 2013 hat sich die Kunstwelt grundlegend verändert. Seitdem sind finanzstarke Mitbewerber aus Asien eine nicht mehr wegzudenkende Konkurrenz. Vor allem Chinas Wirtschaftsdynamik hinterlässt tiefe Spuren in der Kunstbranche. Die Zahl der Selfmade-Milliardäre steigt, beinahe täglich entstehen neue Privatmuseen. Es gilt die Devise: je größer, desto besser. Das nötige Kleingeld für den Kunsterwerb scheint kein Problem zu sein.

Die jüngere Generation in China ist stark Community-gesteuert. Materieller Reichtum wird auf Social Media geteilt. Werke von Künstlern, die im Freundeskreis die Wohnungen schmücken, prägen den eigenen Kunstgeschmack. Kunst zu kaufen, wird zum sozialen Event, dient dem Aufbau von Prestige. Sammler aus Taiwan und Japan verhalten sich im Vergleich zurückhaltender. Sie zählen in Kunstkreisen zu den anspruchsvolleren Sammlergemeinschaften in Asien.

Die Jagd nach den besten Werken treibt natürlich auch die Preise an. Die Globalisierung des Kunstmarkts hat mittlerweile dazu geführt, dass es kaum mehr Meisterwerke zu angemessenen Preisen zu erwerben gibt. Gleichzeitig differenziert sich der Markt inzwischen aber auch stärker aus. „Kunstwerke aus der Mittelklasse sind heute schwieriger zu verkaufen als ein Picasso, der im zweistelligen Millionenbereich liegt“, erläutert Jasmine Chen. Gerade für die Spitzenwerke gilt aber erst recht, was „The Times“ schon 1987 schrieb: „Der Kunstmarkt ist ein ,Markt ohne Dach‘ – offen für jede Überraschung nach oben.“

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Der Unternehmer Pierre Chen.

Nach seinem Abschluss in Ingenieurwesen an der National Cheng Kung University in Taiwan gründet Pierre Chen 1994 die Yageo Corporation. In wenigen Jahren macht er die Firma zu einem der weltweit größten Anbieter von Elektronikkomponenten mit einem Umsatz von 2,4 Milliarden Dollar im Jahr 2020. Aktuell ist er dabei, in eine ganz neue Dimension vorzustoßen. Um sein eigenes Geschäft mit Konden­satoren zu stärken, übernahm Chen im Sommer dieses Jahres für eine Milliarde US-Dollar den taiwanesischen Konkurrenten Chilisin Electronics im Wert von einer Milliarde US-Dollar und bereitete so den Zusammenschluss mit der Hon Hai Technology Group vor. Deren Tochterunternehmen Foxconn ist als wichtigster Zulieferer von Apple bekannt. Die neue gemeinsame Firma soll XSemi heißen und die Halbleiterindustrie revolutionieren. Der Plan ist es, Chips zu deutlich geringeren Preisen anbieten zu können.

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Autorin: Dr. Annette Doms