• Dr. Günter Kast

Pur. Wild. Nachhaltig.

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Fernreisen. Stefan Moosleitner (im Bild oben links) war Manager in der Medienbranche und selbstständiger Unternehmer. Doch seine wahre Leidenschaft ist das Reisen. Jetzt kuratiert er außergewöhnliche und nachhaltige Abenteuer – in einem Land, das eher mit Bürgerkrieg und Drogenkartellen in Verbindung gebracht wird als mit Ökotourismus: Kolumbien.

Kolumbien muss in keinen Spiegel schauen, um zu wissen, wer die Schöns­te auf dem ganzen südamerikanischen Kontinent ist. Das Land hat es noch nicht einmal nötig, sich auf Gabriel García Márquez zu berufen, der Cartagena, der Hafenstadt an der Karibikküste, in seinem Jahrhundert-Epos „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ seine Zuneigung gestand.

Tatsächlich ist Kolumbien so vielfältig und facettenreich wie keine andere Nation auf dem Kontinent. „Land der Kontraste“ nennen sich viele Reiseziele in Hochglanzbroschüren. Das lateinamerikanische Land ist es tatsächlich: Es besitzt Küsten sowohl am Atlantik (Karibik) als auch am Pazifik. Einige der mehr als 100 Strände sind noch weitgehend unberührt. Dahinter ragen die Berge fast 6000 Meter in den Himmel. Sie sind ein Paradies für Aktivurlauber, die gern wandern, mit dem Rad fahren oder die Ruinen längst untergegangener Städte erkunden.

Bogotá punktet mit einer quirligen Kulturszene. Medellín ist die Stadt des ewigen Frühlings. Im üppigen und grünen Regenwald locken Dschungel-Abenteuer und Öko-Lodges. Kurzum: Das Land ist ein noch weitgehend unentdecktes Traumziel, das gerade aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Stefan Moosleitners persönlicher Sehnsuchtsort liegt 300 Kilometer südlich von Cartagena am Golf von Tribugá: einsame Strände, an denen Meeresschildkröten ihre Eier vergraben; üppige Mangrovenwälder, die Nistplatz vieler Vogelarten sind; Buckelwale, die in der Bucht von Utría ihre Kälber gebären; an Land unzählige Schmetterlings- und andere Insektenarten. „Als ich dieses Stück Erde, auf dem nur wenige Menschen weitgehend im Einklang mit der Natur leben, zum ersten Mal sah, verschlug es mir fast den Atem.“

Als Moosleitner dann noch herausfindet, dass es dort mit der Lodge Punta Brava eine komfortable und nachhaltig wirtschaftende Unterkunft gibt, ist für ihn klar: Hierher würde er Gäste bringen. Aber nicht nur zum Schnorcheln und Faulenzen, für Kanutouren und Dschungel-Treks. Nein, sie sollen etwas bewegen: gemeinsam mit Biologen den Regenwald durchstreifen, Amphibien- und Reptilienarten dokumentieren. Mit einer Bestandsaufnahme des Regenwaldes von Choco, der zu den Regionen mit der größten Biodiversität weltweit gehört, den Umweltschützern Munition liefern. „Denn die Region ist in Gefahr. Im Dorf Tribugá an der Hauptmündung des Flusses ist der Bau eines großen Tiefwasserhafens geplant.“

Ökonomisch mag das vielleicht sinnvoll sein, ökologisch ist es ein Desaster. „Die Kartierungen, die eine wichtige Säule des Schutzkonzepts sind, finden jetzt schon statt“, informiert Moosleitner. „Ende des Jahres werde ich erstmals Kunden in das Gebiet führen. Denn bevor man etwas schützen kann, muss man es kennen.“Moosleitner1

Wie kommt ein Deutscher dazu, sich für nachhaltigen, Sinn stiftenden Tourismus in einem Land einzusetzen, das viele nur mit Drogen und Bürgerkrieg in Verbindung bringen? Moosleitner kennt die Vorurteile. Er weiß, dass viele bei Kolumbien an Drogenkartelle, Guerillas und paramilitärische Kriege denken. Sie kennen den Film über Pablo Escobar, der als Oberhaupt des Medellín-Kartells zu einem der mächtigsten und brutalsten Drogenbarone und bis zu seinem gewaltsamen Tod 1993 zu einem der damals reichsten Menschen der Welt aufstieg. Aber sie wissen eben nicht, dass die Welle der Kriminalität, die in Kolumbien nach der Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, in der Neuzeit abgeklungen ist.

Und sie haben vielleicht auch nicht mitbekommen, dass 2016 ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und der paramilitärischen FARC unterzeichnet wurde, das zwar nicht perfekt ist, aber eben doch einen Versöhnungsprozess eingeleitet hat.

„Die Spannungen im Land werden weniger“, erklärt Moosleitner. „Die Kriminalitätsrate ist erheblich gesunken, die Entführungen sind um 90 Prozent zurückgegangen, mehr als drei Millionen Touristen besuchten Kolumbien jedes Jahr vor der Pandemie.“

Ja, es gebe noch Betrügereien, Diebstähle und auch Raubüberfälle. „Aber Staat und Tourismusindustrie arbeiten hart daran, das Land zu einem noch sichereren Reiseziel zu machen.“ Der Trend weise in die richtige Richtung, wohingegen das ehemals bei Urlaubern beliebte Venezuela immer mehr im Chaos versinke. Wer in Kolumbien die üblichen Vorsichtsmaßnahmen walten lasse und den gesunden Menschenverstand einsetze, also nicht mit protzigen Uhren und teurem Schmuck auf die Straße gehe, könne hier einen Traumurlaub abseits des Massentourismus erleben.

„Dass es mich selbst nach Südamerika zog, hat unterbewusst vermutlich mehr mit meinem inzwischen verstorbenen Vater zu tun, als ich zugeben möchte.“ Nach dem Krieg hatte die Großmutter dem Vater bedeutet, dass er, das älteste von fünf Kindern, ein hungriger Mund zu viel sei.

Der Junge ging daraufhin allein zu Fuß über die Alpen nach Genua, heuerte auf einem Kahn an und fand sich in Südamerika wieder, wo er mehr als zwei Jahre lang blieb. Zurück kam er mit einer ganzen Schiffsladung an Tieren, vom Affen bis zum Jaguar, die er selbst gefangen hatte und dann an Zoos in Deutschland verkaufte. „Wir hatten in unserer Familie schon immer sehr ungewöhnliche Karrierepfade“, sagt Moosleitner mit einem Augenzwinkern.

Sein eigener beginnt 1993 an der renommierten INSEAD im französischen Fontainebleau. „Ich kam aus der Automobilbranche, machte meinen MBA und sollte eigentlich wieder dorthin zurück. Dann gab es einen German Day an der Schule, zu dem Vorstandsvorsitzende deutscher Unternehmen eingeladen waren. Der erste, der mir seine Hand entgegenstreckte, war der damalige Chef von Gruner & Jahr, Gerd Schulte-Hillen. Ich erwiderte: ,Moosleitner.‘“ – „Kenne ich, kenne ich“, meinte dieser und erinnerte sich offenbar an den Onkel Gerhard „Peter“ Moosleitner, der einst die bekannte populärwissenschaftliche Zeitschrift „P.M. – Peter Moosleitners interessantes Magazin“ gegründet und bekannt gemacht hatte.

„Zwei Tage später hatte ich die Einladung zum Vorstellungsgespräch bei Axel Ganz in Paris, der von dort aus das Auslandsgeschäft des Verlags steuerte.“ Für Moosleitner ist es der Einstieg in die Medienbranche. Er entwickelt unter anderem einen Anlegertitel für den französischen Markt, heuert beim Future-Verlag mit Blättern wie dem Wirtschaftsmagazin „Business2.0“ oder dem Männermagazin „T3 Techlife“ an. „Das klang für mich spannend, international.“ Der Jungmanager wird Vorstandsmitglied und darf das deutsche Geschäft aufbauen. Nur sechs Monate später legt der Verlag einen erfolgreichen Börsengang hin. „Als nach zweieinhalb Jahren die New-Economy-Blase platzte, mussten wir alles abwickeln. Es war ein heißer Ritt und ein großes Abenteuer.“

Moosleitner blickt keineswegs mit negativen Gefühlen auf diese wilde Zeit zurück. Er liebt den Nervenkitzel, die Herausforderung, ist es als Leistungssportler gewohnt, wenn Adrenalin den Körper durchströmt. „Mit Eishockey hatte ich mein Studium finanziert. Später absolvierte ich zwölf Marathons und acht Ironman-Distanzen.“

Bei der Triathlon-WM in Hawaii lernt er den Eigentümer einer jungen US-Laufschuhmarke kennen und beginnt, mit einem Kollegen aus Deutschland das Europageschäft aufzubauen. Er sieht die Chance, seine Passion für den Sport mit beruflichen Zielen zu verbinden. Im Rückblick sagt der Manager: „SporTrade war der gescheiterte Versuch, einen Marktplatz für neue und vor allem für gebrauchte Sportartikel aufzubauen.“

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„Danach versuchte ich eher krampfhaft, meine wirkliche Bestimmung zu finden.“ Allein, die Erkenntnis stellt sich nicht ein. „Dann traf ich eine Freundin wieder, die ich 15 Jahre lang nicht gesehen hatte. Sie riet mir, einfach loszulassen und auf Empfang zu schalten, was für mich unvorstellbar klang. Die Dinge würden von selbst auf mich zukommen. Und sie taten es. Eines Morgens im Jahr 2013 wachte ich auf und hatte klar vor Augen, was ich wirklich machen will: anderen Menschen die Welt zeigen. Und zwar auf meine eigene und besondere Art und Weise.“

Die Idee für inspired travel, aus der später Purewild Ventures hervorgehen wird, ist geboren. „Als aktiver Mensch habe ich gelernt, wie viel mehr ich erlebe, wenn ich mich auf Reisen ein Stück weit aus meiner Komfortzone herauswage und mir Dinge vornehme, die ich mir sonst vielleicht nicht zutrauen würde. Das passiert oft automatisch, wenn ich in eine fremde Welt, Natur und Kultur eintauche. Abenteuer ist nicht immer die größte physische Herausforderung, sondern ein Stück weit das Ungewisse, wofür man eine gewisse Offenheit mitbringen sollte.“

Bestandteil des Geschäftsmodells ist es auch, den Kunden Zugang zu bekannten Naturschützern, Abenteurern und Extremsportlern zu bieten. Dazu gehört zum Beispiel Ian McAllister, der sich für den Schutz der Regenwälder an Kanadas Westküste einsetzt und dafür vom Magazin „Time“ zu den „Leaders of the 21st Century“ gekürt wurde. Andere sind der südafrikanische Tierschützer Sean Privett, der Antarktis-Abenteurer Alejo Contreras oder Joe De Sena, der Erfinder des „Spartan Race“, der mit jährlich mehr als einer Million Startern größten Extrem-Hindernislauf-Serie weltweit.

Moosleitner sagt über den US-Unternehmer und Autor: „Selten hat mich ein Mensch so sehr fasziniert. Er lebt seine Werte zu 100 Prozent und weicht keinen Schritt von seinem Kurs ab.“

Das Konzept kommt an. Dann bricht jedoch das Virus aus. Moosleitner befindet sich Anfang 2020 in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, als der Lockdown kommt. Plötzlich steht die Zeit still. Nach einer ersten, kurzen Schockstarre nutzt er die Quarantäne, um über die Zukunft des Reisens nachzudenken. Nein, die Pandemie würde nicht das Ende des Tourismus bedeuten. Und ja, ein nachhaltiger Tourismus mit dem Motto „Bevor man etwas schützen kann, muss man es kennen!“ werde danach aktueller denn je sein. „Nur wer den Amazonas-Regenwald mit eigenen Augen gesehen hat, wird sich gegen die Abholzung engagieren. Nur wer auf einer Walking-Safari einmal einem Elefantenbullen gegenüberstand, wird sich für den Schutz von Afrikas Tierwelt einsetzen,“ ist Moosleitner überzeugt.

Touristen hätten dehalb eine große Bedeutung. „Wenn sie nicht mehr kommen, werden gefährdete Ökosysteme Wilderern und Holzfällern überlassen. Klar ist aber auch: Die Reisen der Zukunft müssen nachhaltig, immersiv und respektvoll konzipiert sein. Dann haben sie das Potenzial, Ökosysteme zu schützen, Kulturen zu erhalten und die Menschen vor Ort zu unterstützen.“

Wenn Moosleitner von „immersiven“ Reiseerlebnissen spricht, meint er damit vor allem das Eintauchen in die Welt der Menschen vor Ort. Dafür organisiert er individuelle, auf das Leistungsvermögen der jeweiligen Kunden zugeschnittene Abenteuer, oft im mittleren fünfstelligen Euro-Bereich. Für Individualisten entwickelte er zudem eine Purewild-App, die Ideen für Trips mit Nachhaltigkeits-Anspruch liefert und es ermöglicht, diese Touren selbst zu planen.

„Kolumbien ist das perfekte Land dafür. Es hat Besuchern so viel zu bieten, so großes Entwicklungspotenzial. Wir haben die App entwickelt, weil wir überzeugt sind, dass wir so weitaus mehr Menschen erreichen und für die Idee nachhaltiger Abenteuerreisen gewinnen können.“ Mit der Applikation können sich Interessierte zum Beispiel vorab auf eine virtuelle Reise an den Golf von Tribugá begeben. Sie finden Öko-Lodges, die diesen Namen wirklich verdienen. Und sie bekommen Vorschläge für Aktivitäten, die es ermöglichen, Orte, Kulturen und Menschen abseits des Main­stream zu erleben – stets mit der Option, dabei die eigene Komfortzone zu verlassen. Moosleitner arbeitet dabei ausschließlich mit Partnern zusammen, die seine Ideale teilen: lokal angebaute Lebensmittel verwenden, Energie sparen, möglichst CO2-neutral wirtschaften, die umliegenden Gemeinden einbinden und Jobs für Einheimische schaffen.

Die App finanziert sich zunächst über Provisionen von Anbietern, von der Lodge bis zum E-Bike-Verleih. Später sollen die User Beiträge für die Nutzung bezahlen, wenn sie merken, dass sie nicht nur Inspirationen liefert, sondern viele handfeste Vorteile und nützliche Tools bietet, nach dem Motto: „Travel is more than leaving home.“

Kehrt da einer auf Umwegen in die Medienbranche zurück? Kolumbien-Aficionado Moosleitner winkt ab: „Nein, ich bin da angekommen, wo ich sein möchte. Ich habe aber in der Verlagsbranche viel gelernt. Das lässt sich nutzen für das, was ich jetzt mache. Purewild ist ja ein sehr persönliches Projekt. Andere Menschen zu inspirieren und für etwas zu begeistern – das hat eben auch viel mit Inhalten und gut gelebten Geschichten zu tun.“ Wenn der Start erfolgreich ist, will er zügig andere spannende Weltregionen erschließen.

Für die Finanzierung dieser Projekte hätten bis jetzt Eigenmittel und Kapital von Freunden ausgereicht. „Im nächsten Schritt wollen wir aber eine Seed-Runde im niedrigen einstelligen Millionen-Bereich aufsetzen, um die App konsequent weiterzuentwickeln.“

Zunächst einmal ist aber Kolumbien dran. Gibt es dort wirklich so viele Menschen, die sich für nachhaltigen Tourismus interessieren? „Die Schere geht weit auseinander“, räumt Moosleitner ein. „Zum Teil existiert überhaupt kein Bewusstsein dafür in der Bevölkerung. Aber auf der Seite der Tourismus-Verantwortlichen ist hier viel in Bewegung geraten. Kolumbien könnte mit seiner intakten Natur und seiner Artenvielfalt ein Vorbild für nachhaltige Reiseerlebnisse werden.“

Der Ex-Medienmanager weiß: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Je schneller es gelingt, die Öffentlichkeit auf gefährdete Naturparadiese wie den Golf von Tribugá aufmerksam zu machen, desto besser stehen die Chancen, sie zu erhalten. 

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Autor: Dr. Günter Kast

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