• Dr. Günter Kast

Der weiße Clan.

(Geschätzte Lesezeit: 5 - 10 Minuten)

Arlberg Aufmacher

Skisport. Mit 8805 Mitgliedern aus 60 Nationen ist der 1901 gegründete Skiclub Arlberg einer der ältesten, berühmtesten und erfolgreichsten Skivereine der Welt. Wer in den Zirkel aufgenommen werden will, muss Freude am Skisport nachweisen – und die Liebe zur Region.

Ein Winternachmittag im Hotel Kaminstube in St. Anton: Wie jeden Mittwoch um 16 Uhr trudeln die Mitglieder des Skiclubs Arlberg (SCA) ein. Das traditionsreiche Haus von Familie Kössler liegt praktischerweise gleich neben der Piste. Einige tragen noch Skikleidung, die meisten jedoch den grau-rot-weißen Club-Pullover.

Man begrüßt sich, klopft sich gegenseitig auf die Schulter, tauscht mit Neulingen Visitenkarten aus – man ist Teil eines großen Netzwerks. Wer Glück hat, trifft hier sogar das St. Antoner Urgestein Karl Schranz. Der zweimalige Gewinner des Gesamtweltcups und einer der erfolgreichsten österreichischen Skifahrer aller Zeiten stellt sich, gerade 83 geworden, selbst zwar nicht mehr auf die Bretter, aber zum SCA-Abend kommt er noch hin und wieder. Schließlich war er lange Präsident des Clubs.

Ex-Seriensieger Schranz befindet sich beim SCA in bester Gesellschaft. Nicht weniger als 65 Medaillen haben SCA-Mitglieder bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen bislang gewonnen: Die Liste reicht von Trude Jochum-­Beiser über Othmar Schneider bis zu Patrick Ortlieb und Mario Matt. Wohl für immer einmalig in der Geschichte: Die SCA-Mitglieder Schranz und Gertrud Gabl sicherten sich im Winter 1968/1969 beide gleichzeitig die Weltcup-Gesamtwertung.

„Durch die Natur entzückt, durch den Sport begeistert, durchdrungen von der Notwendigkeit, am Arlberg einen bescheidenen Sammelplatz für die Freunde dieses edlen Vergnügens zu schaffen, fühlen sich die am ex tempore beteiligten Ausflügler bewogen, den Skiclub Arlberg zu gründen. St. Christoph, 3. Jänner 1901.“ Der Eintrag des SCA-Gründungsmitglieds und Gemeinderats Adolf Rybizka ist noch heute im Gästebuch des ehemals ruhmreichen Arlberg Hospiz Hotels nachzulesen. Rybizka und seine fünf Freunde Carl und Adolf Schuler, Josef Schneider, Ferdinand Beil sowie ein Herr Gerstel hatten sich an besagtem Tag auf den Weg von St. Anton nach St. Christoph gemacht.

Es sollte ein lustiger Ausflug im Schnee sein. Doch mit den schweren Brettern an den Füßen waren sie schon ziemlich müde, als sie das Hotel Hospiz am Arlberg-Pass erreichten. Hier wollten sie sich eigentlich nur kurz ausruhen. Der herzliche Wirt Oswald Trojer und seine hübsche Tochter Liesl sorgten jedoch mit viel Glühwein und Schnaps dafür, dass aus der kurzen Rast ein ausgelassenes Fest wurde. Am Ende stand dann die Idee im Raum: Wollen wir nicht einen Skiclub gründen?

Arlberg1

Freilich waren die „Fantastischen Acht“ nicht die Erfinder des Skisports am Arlberg. Die ersten Bretter hatte ein norwegischer Ingenieur mitgebracht, der 1880 für den Bau des Arlbergtunnels nach Tirol gekommen war. Den Einheimischen in St. Anton, mit denen er damals durch den Schnee zur Arbeit spurte, waren seine Telemark-Skier allerdings zunächst ziemlich suspekt. Der Erste, der den Norweger kopierte, war Pfarrer Müller von Lech, der gute zehn Jahre später respektable Bögen in den Schnee zog.

St. Anton war zu dieser Zeit noch weit davon entfernt, zu einem der bekanntes­ten Wintersportorte der Welt zu werden. Die im harten Alltag gefangenen Bergbauern hatten schlichtweg keine Zeit für solche Späße. Bis die sechs Freunde und die beiden Hospiz-Wirtsleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschlossen, dass es Zeit sei, auch hier elegant die Hänge hinabzuschweben.

Mit der Gründung des SCA sprang der Funke tatsächlich über. Um im Bild zu bleiben: Es war geradezu eine Feuersbrunst. Nur drei Jahre später, im Januar 1904, fand das erste Skirennen statt – ein Novum in den Alpen. Die Strecke führte von der Ulmer Hütte über den Schindler-Ferner zum Arlen-Sattel, weiter auf den Galzig, von dort hinab nach St. Christoph und schließlich nach St. Anton. Für die Teilnehmer mit ihren Telemark-Skiern war das eine sportliche Höchstleistung, denn Seilbahnen und präparierte Pisten gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht.

Die neu entdeckte Jagd nach sportlichem Erfolg brachte das skiverrückte SCA-Mitglied Hannes Schneider auf die Idee, an einer neuen Körperhaltung und Skitechnik zu feilen. Als Erster verlagerte er sein Gewicht, um Kurven fahren und dabei gleichzeitig die Skier parallel halten zu können. Bei Schussfahrten ging er in die Hocke, um schneller zu sein und Bodenwellen besser ausgleichen zu können. Seine überlegene Technik brachte er zunächst den Gästen des Hotels Alte Post in St. Anton bei. Im Winter 1921/1922 gründete er im Ort die erste Skischule Österreichs, weil immer mehr Touristen den Schneider-Schwung erlernen wollten.

Es wurde jetzt immer schicker, den Winterurlaub in den Bergen zu verbringen – vor allem in St. Anton, wo 1937 mit der Galzig-Bahn eine der ersten Seilbahnen in den Alpen gebaut wurde. Und wo sich der Skilehrer und Frauenschwarm Hannes Schneider bewundern ließ, der inzwischen sogar Schauspieler geworden war und in Kinofilmen wie „Die weiße Kunst“ mitspielte.

Arlberg2

Von den vielen SCA-Helden kann eigentlich nur einer Hannes Schneider wirklich das Wasser reichen: Karl Schranz, der bis 2005 auch SCA-Präsident war. Der St. Antoner war dreimal Weltmeister geworden, hatte zweimal den Gesamt-Weltcup geholt – und träumte danach von einer alpinen Ski-WM in seinem Heimatdorf.

Gegner gab es genug, doch Schranz machte seinen Plan wahr: Ende Januar 2001 versammelte sich tatsächlich die Ski-Weltelite in dem Tiroler Bergdorf, um ihre Champions zu küren.

Heute ist der Club mehr denn je ein Treffpunkt für alle Ski-Enthusiasten. „Wir wollen nicht elitär sein. Wir sind auf jedes Mitglied stolz. Vorausgesetzt werden Freude am Skisport und Liebe zur Region. Deshalb müssen die Antragstellenden seit mindestens drei Jahren am Arlberg zu Gast sein“, erklärt SCA-Präsident Josef Chodakowsky, Nachfolger von Schranz und hauptberuflich Direktor der Raiffeisenbank in St. Anton. Zusätzlich benötigen sie nur zwei Bürgen, die den Antrag einbringen – beide müssen SCA-Mitglieder sein, einer davon muss dem Vorstand angehören.

Steffen Lutz aus dem sächsischen Plauen, der seit gut 20 Jahren Stammgast am Arlberg ist, hat diese Hürden leicht genommen. „Ich wurde von einem Segelfreund auf den SCA aufmerksam gemacht. Er meinte, dieser Club passe zu mir. Und so bin ich im März 2003 eingetreten. Die Aufnahme im Hospiz Hotel war wirklich sehr stilvoll. Ich bin einfach stolz, in diesem Traditionsverein zu sein“, erzählt der Unternehmer.

Ein echtes Highlight ist für ihn die jedes Jahr stattfindende „Ski-Club Arlberg Woche“, bei der sich Mitglieder aus aller Welt treffen, um gemeinsam zu feiern und natürlich Ski zu fahren: Von der Skitour über Heli-Ski bis zum Renntraining und Skitest wird alles geboten. Und ganz nebenbei lässt sich ein persönliches Netzwerk aufbauen, das im Berufsleben zumindest nicht schadet.

„Kontakte knüpfen zu können ist allerdings nur ein Nebenaspekt. Der Rennsport ist auch heute noch ein zentrales Thema für den SCA, vor allem die Nachwuchsförderung“, erklärt Chodakowsky. Mehr als 150 Kinder und Jugendliche bildet der SCA derzeit aus. Selbst ein professionelles Freestyle-, Freeride- und Snowboard-Training gibt es inzwischen. Der SCA unterstützt die Eltern bei der Betreuung der Nachwuchsfahrer und übernimmt die Skipass-Kosten, zum Beispiel beim Gletschertraining im Herbst.

Mit den 60 Euro Jahresbeitrag, die die SCA-Mitgliedschaft kostet, ließe sich das freilich nicht finanzieren. Der SCA ist deshalb auf solvente Spender unter seinen vielen prominenten Mitgliedern angewiesen – dazu gehören Prinzessin Caroline von Monaco und ihr Rüpel-Prinz Ernst August ebenso wie zahlreiche Unternehmer oder Olympiasieger wie Patrick Ortlieb.

Viele Jahrzehnte lang hatte der SCA-Kassenwart auch davon profitiert, dass die Geschichte des Clubs so eng mit dem Hospiz Hotel in St. Christoph verwoben war. In dem 2018 in finanzielle Schieflage geratenen Fünf-Sterne-Haus stiegen viele Gäste ab, die ganz bewusst dort wohnen wollten, wo die Geschichte des Skisports am Arlberg begann. Und so ganz nebenbei wurden sie dann oftmals Mitglieder oder Förderer des SCA. Meistens dann, wenn sie einmal in der mit zwei Hauben von Gault Millau dekorierten Skiclub Stube gespeist hatten, umsorgt von den früheren Chefs des Hauses, Florian Werner und seiner Frau Ursula, beide natürlich ebenfalls Mitglieder des SCA.

Inzwischen hat der Arlberg-Fan Steffen Lutz auch schon an Clubangeboten wie dem Renntraining teilgenommen. Und wenn er vor Ort ist, besucht er selbstverständlich einen der Stammtische, die an verschiedenen Wochentagen in St. Anton, St. Christoph, Lech, Zürs und Stuben stattfinden. Einheimische, Skilehrer und SCA-Mitglieder stoßen dort an: besonders gern mit dem haus­ei­ge­nen Skiclub-Sekt „Schussfahrt – Arlberg Reserve“. Und natürlich stets im SCA-Outfit mit dem gleichen Logo wie schon vor 100 Jahren.  

–––––––––––––––––––––––––––––

Willkommen im Club.

Die feierliche Aufnahme in den Skiclub Arlberg – Frauen und Männer halten sich übrigens ziemlich genau die Waage – erfolgt bei einem der traditionellen Stammtische. Nach einer Ansprache zur Geschichte des Clubs trägt sich der Novize in das dicke Mitgliederbuch ein, in das der neue Name schon mit Bleistift vorgezeichnet wurde. Die Aufnahmegebühr einschließlich des ersten Jahresbeitrags beläuft sich auf 260 Euro, für Kinder und Jugendliche auf 150 Euro. Im Paket bereits enthalten sind SCA-Chroniken, diverse Sticker und Abzeichen, die SCA-Chip-Card zum Aufladen des Skipasses und der legendäre Club-Pullover. Darüber hinaus dürfen Mitglieder an traditionsreichen Rennveranstaltungen wie der SCA-Clubmeisterschaft, dem Hannes-Schneider-Gedächtnislauf und dem Galzig-Cup teilnehmen. Sie bekommen Rabatt bei einer Teilnahme am Weißen Ring (Lech) und am Weißen Rausch (St. Anton). Und sie dürfen im exklusiven SCA-Shop einkaufen.

Termine der SCA-Abende im Winterhalbjahr: Lech am Arlberg: Romantikhotel Krone, Dienstag 17 Uhr; St. Anton am Arlberg: Kaminstube, Mittwoch 16 Uhr; St. Christoph am Arlberg: Hospiz Alm, Freitag 17:30 Uhr; Stuben am Arlberg: Hubertushof, Freitag 17 Uhr; Zürs am Arlberg: Hotel Edelweiss, Donnerstag 17:00 Uhr (mehr Information: Ski-Club Arlberg; www.skiclubarlberg.at).

–––––––––––––––––––––––––––––

Arlberg Hospiz Hotel: Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Für viele SCA-Mitglieder gehörte es lange zum guten Ton, im Arlberg Hospiz Hotel in St. Chris­toph zu logieren. Es gab zwar Fünf-Sterne-Häuser mit größeren, schöneren Wellness-Anlagen – aber an Tradition und Geschichte war das Hospiz eben nicht zu überbieten.

Heinrich, ein Findelkind aus Kempten im Allgäu, arbeitete im 14. Jahrhundert als Schweinehirte am Arlberg. Viele Reisende, die damals den Arlberg-Pass überqueren wollten, verloren in Schneestürmen und Unwettern ihr Leben. Heinrich bat deshalb Herzog Leopold III. von Österreich um Hilfe. Der schenkte ihm ein Stück Land auf der Passhöhe, wo Heinrich im Jahr 1386 die erste Herberge am Arlberg errichtete. An derselben Stelle befindet sich heute noch das Hospiz Hotel.

Nach einer langen, wechselvollen Geschichte erwarb Arnold Ganahl im Sommer 1955 den alten Gasthof Hospiz und begann mit der Res­taurierung. Nur zwei Jahre später brannten das Hospiz und die Kirche bis auf die Grundmauern nieder. Ganahl ließ das Hospiz wieder aufbauen, Weihnachten 1959 wurde es in neuem Glanz eröffnet. Im Jahr 1964 übernahmen Adi und Gerda Werner, Arnold Ganahls Tochter, die Leitung des Hauses, 1993 trat Sohn Florian Werner in das Unternehmen ein, das er später als Geschäftsführer leitete. Heute sagt er: „Ich war nicht reif genug.“ Das Haus geriet 2018 in eine finanzielle Schieflage, Werner zog sich aus der Geschäftsführung zurück.

Im Herbst 2020 holte Familie Werner den Wiener Immobilienentwickler Erwin F. Soravia ins Boot. Ihr Ziel: das Stammhaus mithilfe des Investors kernsanieren, aus dem Arlberg Hospiz Hotel einen Ganzjahresbetrieb machen und so den kleinen Ort St. Christoph aus dem Dornröschenschlaf erwecken.

Außerdem wird die Hospiz Alm, das gastronomische Outlet auf der dem Hotel gegenüberliegenden Straßenseite, einen neuen, runden und noch größeren Weinkeller erhalten. Dieser wird dann Heimstätte für die Raritäten, die Adi Werner über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Europaweit ist seine Sammlung an Großflaschen der berühmtesten Burgunder- und Bordeaux-Châteaus einmalig.

Die Hospizalm, die Chalet-Suiten und die 2015 errichtete Konzerthalle, der höchstgelegene Kunst- und Konzertsaal der Alpen, bleiben von den Umbaumaßnahmen unberührt und haben im Winter 2021/2022 geöffnet. Das Stammhaus bleibt diesen Winter jedoch noch geschlossen. Ein zusätzliches Hotel mit einer jüngeren Ausrichtung soll 2023 in Betrieb gehen.

­­­­­­­­­–––––––––––––––––––––––––––––

®

Autor: Dr. Günter Kast

Verlagsanschrift

  • Private Wealth GmbH & Co. KG
    Montenstrasse 9 - 80639 München
  • +49 (0) 89 2554 3917
  • +49 (0) 89 2554 2971
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sprachen

Soziale Medien