• Alexander Hosch

Überschwänglich.

092 Wanders Cappellini Knotted Chair miniature Egg VaseDesign. Marcel Wanders ist Designer und Unternehmer zugleich. Eben hat er die Möbelfirma Moooi, die er selbst im Jahr 2001 gegründet hatte, von B&B Italia zurückgekauft. Über seinen Stil als Designer und Firmenchef, neue Plattformen und neue Ziele.

Manche hatten ihn gar nicht mehr auf dem Plan. Sein Stil? Irgendetwas zwischen später Pop Art, Postmoderne und der Romantik der frühen Nullerjahre, urteilte noch vor Kurzem schnippisch eine Lifestyleredakteurin, als ihr eine Story über den niederländischen Designer Marcel Wanders angeboten wurde. Mode kann ein ziemliches Biest sein. 

Dann kam 2014 die Wanders-Retrospektive mit mehr als 400 Objekten aus 25 Jahren ins Amsterdamer Stedelijk Museum. Kurz darauf folgte die Eröffnung des Hotels Andaz mit dem Interiordesign von Marcel Wanders in der mondänen Prinsengracht. Und jetzt hat er auch noch die Firma Moooi zurückgekauft. Plötzlich ist Marcel Wanders wieder „in“. 

Warum? Es liegt unter anderem daran, dass es viele Leute gibt, die auch in kargen Zeiten alles üppig und flamboyant wollen und dafür viel Geld aufwenden. Denn in Zeiten, da eigentlich Minimalismus herrscht, ist Marcel Wanders natürlich überhaupt kein Minimalist. Er war nie einer, und aller Voraussicht nach wird jemand, der Schaukel-Einhörner für Erwachsene, riesige runde Blütenteppiche und Lampenschirme mit goldenen Keramikschleifen entwirft, auch nie einer werden. Seine überschwänglichen Produkte wirken oft seelenweitend, selbst wenn sie für die meisten Wohnungen zu groß gedacht scheinen. In ihnen bildet sich eine optimistische Stimmung ab.

Wanders hat in den Achtzigerjahren an vier holländischen und belgischen Designschulen studiert und ab 1995 mit eigenem Amsterdamer Office für Labels wie Flos, Alessi, Cappellini oder Moroso Produktdesign entworfen. Der Knotted Chair, ein Hightech-Sessel mit einem Epoxidharz-gehärteten Kunststofffasernetz für Droog Design, bescherte ihm 1996 den Durchbruch. 1997 schuf er die frivole Egg-Vase, 1998 einen Satz Medaillen für die Gay Games. Äußerst verspielte Möbel und Dinge, teilweise lasziv, alle herausfordernd. 1700 Entwürfe sind bis heute entstanden. Die Palette reicht von der Pommes-Gabel bis zum Businessclass-Sessel für KLM.

Der 52-Jährige, Jeans, Hemd, halblange graue Jahre, wirkt auch, wenn er in ein weiches Polster gefaltet ist, noch baumlang. Warum hat der schon erfolgreiche Designer 2001 eigentlich die Marke Moooi gegründet? „Ich wurde zum Unternehmer, weil ich Ideen für Leuchten hatte, die niemand sonst produzieren konnte. Also musste ich es selbst tun.“ Mooi heißt auf Niederländisch schön. Und Moooi – mit einem „o“ mehr – heißt extraschön. So begrüßten Wanders und sein Co-Gründer Casper Vissers also das neue Millennium.         

Moooi B. V., eine Art GmbH nach niederländischem Recht, lief auch einige Zeit recht gut. Die beiden fühlten sich eigentlich ganz wohl an der Grenze zwischen Kleinedition und Massenartikel. Nur ein bisschen mehr Umsatz könnte es schon sein. Als die italienische Designmöbelfabrik B&B Italia im Jahr 2006 50 Prozent der Anteile erwerben will, liegen die Vorteile auf der Hand: Neben Synergien in Produktentwicklung und Distribution verspricht sich Moooi auch, schnell eine größere Sichtbarkeit in der Welt zu erreichen: in den Metropolen und auf Messen. Das war es Wanders und Vissers damals wert, die fremde Beteiligung zu akzeptieren.

Der Umsatz stieg dank des Big Players dann tatsächlich von sechs Millionen Euro 2006 jährlich auf 23 Millionen 2014. Moooi exportierte nun in 69 Länder. „Wir waren eine holländische Tulpe mit italienischen Flügeln geworden“, kommentierte Wanders, der selbst bislang rund 30 Artikel im Moooi-Programm entworfen hat. Eine Neuheit von ihm kommt jährlich dazu, manchmal sind es auch drei.

Nun soll also abermals ein Wandel her. Casper Vissers zog sich zurück, Marcel Wanders nahm die Zügel allein in die Hand. Und kaufte im Februar 2016, nach zehn Jahren, alle Anteile von B&B Italia zurück. Weil Moooi heute sehr sichtbar ist, sah Wanders offensichtlich keinen Nutzen mehr in einer weiteren Zusammenarbeit. „Ich bin nun der einzige Shareholder.“

Er hat sich bewusst auf diesen Schritt vorbereitet und 2015 einen MBA in Business Administration erworben. Von der INSEAD, der besten Wirtschaftsschule der Welt, wie er stolz anfügt. „Das war superwichtig.“ Es fühle sich gut an, nun noch mehr von Unternehmensführung zu verstehen und auch ein Siegel darauf zu haben. „Es reicht nicht, gut Auto zu fahren. Du musst die Straße kennen.“

Seit September 2015 gibt es bei Moooi auch einen neuen CEO, Robin Bevers. Mit ihm soll es – neben zwei Moooi-Kaufhäusern – bald mehr sogenannte Brandstores in Stilmetropolen geben: Zu denen in Amsterdam, New York und London gesellten sich gerade Miami und Tokio. „Wir wollen präsenter sein.“ Gleichzeitig soll das weltweite Netz der Händler ausgebaut werden. Auf die Frage, wie viele Artikel Moooi führe – immerhin wirkt der neue Katalog so dick wie der von Ikea –, lacht der CEO. Er ist kein Mann der Zahlen im erbsenzählerischen Sinn, sondern rechnet lieber schnell die Bilder von einer Seite des Verzeichnisses hoch und kommt lässig auf „ungefähr 200 Artikelfamilien – ohne die verschiedenen Stoffe, Größen und Farben natürlich“. 

Die coole Stimmung wirkt sympathisch-hemdsärmelig, das Vorgehen ist aber extrem effektiv und fokussiert. Bevers, der seinen neuen Job von Co-Gründer Vissers übernommen hat, kennt Wanders’ Wunderwelt schon lange von innen. Er hat seit 2005 das Designbüro geleitet. Nun sitzt er entweder in Mailand, wo auch Wanders oft arbeitet, oder im Hauptquartier in Breda zwischen Antwerpen und Rotterdam. „Wir sind verpflichtet, unser Leben maximal auszuleben“, hat er sich als Motto auf die Website schreiben lassen.

Das passt zum Nichts-ist-unmöglich-Stil von Marcel Wanders. Als Unternehmen, sagt der, habe ihn die dynamische britische Company Virgin des Weltentdeckers und Abenteurers Sir Richard Branson beeinflusst. Sie wuchs in den Siebzigerjahren vom Plattenlabel zu einer Multistore-Landschaft und später zum Mischkonzern mit Fluglinie.

Als Designer dagegen sei Philippe Starck sein größtes Vorbild. Starck hat – laut, bunt, witzig, selbstbewusst – vor vielen Jahren das Modell dafür geschaffen, sehr lange sehr prominent zu sein. Kein Designer der Welt hat seit 1985 mehr Gegenstände verkauft als der Franzose. Niemand hat mehr lukrative Lizenzverträge, Joint Ventures und Kooperationen mit Auto-, Immobilien- oder Hotelkonzernen. Immerhin – auch Wanders stattete inzwischen fünf Hotels aus, neben dem Andaz eröffneten in seinem Interiordesign etwa zwei Kameha Grand Hotels in Bonn, 2009, und Zürich, 2015. Mit den Fünf-Sterne-Häusern als Schauflächen soll sich die Reichweite der Marke Moooi weiter vergrößern. Und der Designgeschichte der Niederlande ein weiteres, wichtiges Kapitel hinzufügen.

Tatsächlich steckt das ganze 20. Jahrhundert unseres westlichen Nachbarn voller Stars und Stile. Von den Expressionisten der Amsterdamer Schule, die um 1915 auf schiffsförmige Backsteinhäuser bizarre Schnörkel setzten, über das strenge moderne Dogma von De Stijl und Gerrit Rietvelds rotblauem Stuhl bis zu Droog, die sich 1993 erstmals präsentierten, und der Ironie von Rem Koolhaas, der noch die letzten Architekturdetails selbst bestimmt wie jenes orange Stück Plastikzaun, das den Bewohnern seiner Pariser Villa d’Ava die Sicht auf den Eiffelturm versperrt. Droog und Koolhaas hatten als Erste quasi eigene Werbeagenturen an Bord, mitten in ihren Büros, das war der Unterschied.

Auch Wanders verführt, provoziert und polarisiert mit Taten und Worten. Regeln? Gibt er sich selbst. Ornamente? Können es nie genug sein. Für Pracht-Kalligrafien zum exklusiven Buchprojekt des Rijksmuseums rund um Gemälde des Goldenen Zeitalters nimmt er sich die nächsten drei Jahre immer wieder Zeitcluster. Einige der skurrilen und suggestiven Moooi-Leuchten sehen aus wie Kreuzungen aus Raumschiff und Wespennest. Sie haben LEDs und schützende Wabenkokons, zahlreiche Leuchtmittel pro Quadratmeter und ein sehr affirmatives Verhältnis zum Licht: Viel leuchtet viel. Es ist eine erstrebenswerte Großzügigkeit und das lockere holländische Naturell der Neunzigerjahre, die im Design und in der Person von Marcel Wanders, der Poesie mit Humor, kindlicher Neugier, Experimentierlust und Marketinggeschick verbindet, überlebt haben. Es ist dieses ständige prickelnde Spiel mit der Überdosis, das den Wanders-Stil ausmacht. Dabei ist seine Mischung ungefährlich, mit Ausnahme vielleicht für den Geldbeutel.

Bietet sich die Gelegenheit, den Niederländer ein paar Tage am Stück zwischen seinen Möbeln und Terminen zu beobachten, verdichtet sich das Gefühl, dass oft auch seine Worte wie überschwängliche Muster wirken. Als er vor Kurzem Gast der Munich Creative Business Week (MCBW) ist, steigt er morgens aus dem Flieger von New York, beginnt gleich anschließend in der Stadtmitte einen Interviewmarathon. Am nächsten Tag folgt ein Talk in der Pinakothek der Moderne, die wie das MoMA in New York und das Londoner V&A längst Wanders-Objekte in der ständigen Kollektion hat.

Während der Boulevard der Worte am nächsten Tag breite Schneisen durch die Spalten der Zeitungen schlägt, wenn diese Wanders zitieren oder interpretieren – „Liebe ist die Seele des Designs“, titelte die Süddeutsche, „Lady Gaga of Design“ nannte ihn die „New York Times“ – versieht Wanders selbst solche Schlagzeilen im intimen Gespräch mit einer inneren Wahrheit, die den Zuhörer dann doch fasziniert.

Auf der Bühne in der Pinakothek sitzt im Sessel „V.I.P.“ mit den roten Elefantenbeinen ein Mann, der über Schwächen, Zweifel und Ängste redet: „Manchmal denke ich, ich bin ein Lügner, weil ich den Menschen immer perfekte Ergebnisse präsentiere, aber nicht den Weg dahin, der voller Risse ist.“ Dann erzählt er dem Besucher von seinem gescheiterten Meisterwerk, dem Mondrian Hotel in Miami, das 2008 zwar irgendwie fertig wurde, aber in seinen Ansprüchen nach Perfektion an der Finanzkrise zerschellt ist. Es ist für ihn der größte Riss in seiner Oberfläche.

In einer modischen Welt wie der von Marcel Wanders spielen solche Bekenntnisse eine große Rolle. Es geht nie nur um das reine Produkt und um dessen Haltbarkeit oder Verlässlichkeit. Sondern auch um Codes und Signale, welche die Accessoires oder der Designer abgeben. Um die feinen Unterschiede, wie der Soziologe Pierre Bourdieu das einst nannte.

Das Design sei in den 20 Jahren seit dem Knotting Chair persönlicher geworden, sagt Wanders. „Wir standen mit Moooi 2001 am Beginn dieser Bewegung.“ Heute seien vor allem Authentizität wichtig und ein individueller Style. Genau dies liefere er. Neben Herrschaften im feinen Zwirn lassen sich deshalb leicht Heavy-Metal-Anhänger, die Metallica-Balladen lieben, ältere Skateboarder, Harley-Fahrer und andere Typen mit Ecken und Kanten als Wanders-Fans vorstellen. Genauso wie ausgewiesene Romantiker.

Und doch sagt Marcel Wanders, er wollte mit Moooi von Anfang an auch Menschen ansprechen, die noch nichts über Stil und Design wissen. Die sich vielleicht zum ersten Mal überhaupt trauen, ein subjektives Möbel bei sich zu Hause aufzustellen, um damit etwas Verspieltes und Magisches in ihren Alltag zu bringen. Noch so ein Slogan von Moooi.

Könnte die Company erfolgreich sein, während der Designer Wanders an Glanz verliert? Wohl nicht. Es ist durchaus ein Wagnis, die eigene Kreativität so eng mit einer Marke zu verknüpfen. Moooi hat heute 50 bis 60 feste Mitarbeiter. Im Designbüro arbeiten noch mal so viele Leute. Wo ist die Schnittstelle?

„Ich habe zwei Hüte auf“, sagt Wanders dazu. „Im Designbüro probiere ich aus, was technisch möglich ist, bei Moooi muss ich herausfinden, ob wir das Investment dafür zustande bringen.“ Und er kann sich als Moooi-Chef einfach einen Stil dazuholen, von anderen Stars wie Jasper Morrison, Hella Jongerius, Maarten Baas oder Nachwuchstalenten wie Nika Zupanc. 28 Designer entwarfen bislang für Moooi.

Das ultimative Teamwork war 2015 die Lampe „Heracleum Endless“, die wie eine leuchtende Kletterpflanze drahtlos immer weiterranken kann. Hier wurde das Prinzip Moooi perfektioniert. „Auch ich arbeitete gerade an einer grenzenlosen Lampe, als Bertjan Pot zu mir kam“, erzählt Wanders. „Wir entschieden uns dann, für Moooi lieber seine Lampe weiterzuentwickeln, aber mit meiner kabellosen Elektrosandwich-Technologie.“ Die Struktur wird in Plastik isoliert, darüber liegt eine Leiterschicht für die LED. Pragmatismus ist ein gutes Rezept für einen, der zugleich Designer und Firmenchef ist. Es hilft dabei, wenn es darum geht, sich einfach mal gegen seine Eitelkeit und den eigenen Entwurf zu entscheiden – und am Ende aus genau diesem Grund für den Erfolg. 

Im Moment plant Wanders am intensivsten für das jüngste Label, Moooi Carpets. Auf dem Salone del Mobile in Mailand wurde es 2015 vorgestellt. Wanders steuerte den gefühlvollen runden Blütenteppich „Eden Queen“ bei, dessen theatralisches Dessin einem Stillleben des 17. Jahrhunderts entsprungen scheint. Szenestar Ross Lovegrove gab zwei fotorealistische Designs an die Company seines Kollegen ab, den er ja im Prinzip auch als Konkurrenten meiden könnte.

Moooi-Kunden haben nun die Möglichkeit, zwischen drei Linien zu wählen – entweder sie entwerfen selbst interaktiv Unikate oder sie collagieren für sich nach Maß angebotene Designs mit gegenständlichen bis op-artigen Motiven. Als Drittes können sie aus der Reihe „Signature Carpets“ exzentrische oder romantische Webteppiche von teils berühmtem Gast-Entwerfern wie Christian Lacroix erwerben. Die Muster werden von einem High Definition Chromojet Printer aufgebracht, einer Druckmaschine, die in höchster Präzision beinahe jede existierende Farbnuance reproduzieren könne, so das Versprechen.

Beim Teppichgeschäft setzt Moooi somit auf Emotionen und den Technologievorsprung im Digitalprint. „Die Teppiche sind ein starkes neues Business für uns. Wir sind die Einzigen mit dieser einzigartigen Qualität in der Vierfarbdruck-Technik und wir hoffen, dass wir damit noch schneller wachsen werden“, gibt Marcel Wanders die Richtung vor. Derzeit seien es Raten um die 20 Prozent pro Jahr: „Das soll ruhig so weitergehen.“ Ruhig – und dabei immer schön überschwänglich. ®

Autor: Alexander Hosch

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