• Hanns-J. Neubert

Alt macht jung.

100 Stammzellen DSC6324Isarklinikum 2015Neue Knorpel. In unserer alternden Gesellschaft wird Arthrose zunehmend zum Problem. Weil abgenutzte Knorpel als irreparabel gelten, werden immer öfter künstliche Gelenke eingesetzt. Professor Eckhard Alt (Foto rechts) hat ein neues, Erfolg versprechendes Verfahren entwickelt – er lässt mithilfe von Stammzellen neue Knorpel wachsen.

Was Eckhard Alt zu sagen hat, interessiert sogar den Papst. Als Franziskus Ende April 2016 zur dritten internationalen Konferenz über Fortschritte in der regenerativen Medizin lädt, ist der Professor aus München einer der Hauptredner.

Im Lauf seiner jahrzehntelangen Forschungen in Deutschland und den USA hat der Gründer des Isar Klinikums im Herzen Münchens an die 700 Patente zu medizinischen Schlüsseltechnologien angehäuft. Insbesondere auf den Gebieten der Stammzellforschung und der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist er erfolgreich.

Jetzt will er sicheren Behandlungsmethoden für Arthrosekrankheiten zum Durchbruch verhelfen – Erkrankungen, die mit der Zerstörung von Gelenkknorpeln einhergehen und die bisher als unheilbar gelten.

Mithilfe sogenannter autologer Stammzellen sollen beschädigte und abgenutzte Knorpel in Gelenken nachwachsen. Das sind adulte, also erwachsene Stammzellen, die überall im Körper in den Blutgefäßen vorkommen und am einfachsten aus Fettgewebe zu gewinnen sind. Alt entnimmt dazu ein Stückchen Fett, trennt die Stammzellen in einer Spezialzentrifuge ab und spritzt sie zurück in das schadhafte Gelenk. In bisher vier klinischen Studien in den USA und Deutschland hat er nachgewiesen, dass die Methode funktioniert und sicher ist.

Eine der Studien erwies sich als besonders aufschlussreich. Hier wurden die Patienten nach einem Jahr wieder vorstellig und gaben die Genehmigung, eine kleine Knorpelgewebeprobe für eine zellbiologische Untersuchung zu entnehmen. „Es zeigte sich nach diesem einen Jahr“, so Alt, „dass die Knorpeldefekte zu 95 Prozent geheilt waren. Die Patienten wiesen einen neu gewachsenen Knorpel auf, der an der Grenze des alten Knorpels aufgehört hatte zu wachsen. Er bildete also weder eine Narbe noch überwucherte er die alten, noch vorhandenen Reste.“

Die Methode, mit autologen Stammzellen zu heilen, scheint bereit für die breite Anwendung. Zumal auch andere renommierte Forschungsinstitute in Israel, England und Slowenien ähnlich Erfolg versprechende klinische Daten publiziert haben.

Doch Alt ist ganz Wissenschaftler, wenn er zurückhaltend sagt: „Ich bin am Anfang vorsichtig mit solchen Hoffnungen und will sie erst beweisen. Deswegen machen wir entsprechende Studien. Wir wollen zeigen, dass die Therapie sinnvoll ist und die neue Methode sich auch mit dem vorherrschenden Goldstandard in der Behandlung vergleichen lässt. Natürlich lassen wir die Ergebnisse dann von Dritten auswerten.“

Arthrose ist eine hinterhältige Krankheit. Sie schleicht sich oft lange unbemerkt in die Gelenke und kann das Leben zur Hölle machen. Zunächst ist da ein Knirschen, dort ein Knacken – und eines Morgens ist er dann da, der stechende Schmerz in den Knien oder der Hüfte. Dieser sogenannten „Anlaufschmerz“ verschwindet zunächst recht schnell nach einer warmen Dusche oder leichten Bewegungsübungen. Spätestens jetzt sollten die Betroffenen ihren Arzt befragen. Arthroseschmerzen entstehen, weil sich winzige Knorpelstücke selbstständig machen und an den Knochen reiben. Wenn es ganz schlimm kommt, schaben die Knochen bereits direkt aneinander.

Leider wachsen Knorpel nur äußerst langsam nach, sehr viel langsamer, als sie abgenutzt werden. Denn das Gewebe durchzieht kein Blutgefäß, das die Zellen versorgen könnte. Die einzige Möglichkeit des Körpers, die Knorpelzellen zu versorgen, ist die langsame Diffusion von Nährstoffen über die sogenannte Synovialflüssigkeit im Gelenkspalt. Das ist die Gelenkschmiere, die die Innenschicht der Gelenkkapsel ausscheidet, um die Gelenkflächen mit einem Gleitfilm zu überziehen.

Heute lässt sich Arthrose mit Fug und Recht als Volkskrankheit bezeichnen. Sie ist die häufigste Krankheitsgruppe bei Arbeitsunfähigkeitstagen, Frühberentungen, Rehabilitationsmaßnahmen und Krankenhausbehandlungen. Verlässliche volkswirtschaftliche Schadenssummen liegen allerdings nicht vor. Meist erwischt es die Kniegelenke, gefolgt von Hüft- und Schultergelenken. Im Jahre 2008, so die letzte Aufstellung des Robert-Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamts, betrugen die Verluste durch Knorpelschäden in Deutschland rund 70000 Erwerbstätigkeitsjahre.

Obwohl es Methoden gibt, den Knorpelverfall zumindest zu verzögern, raten die meisten Orthopäden den Patienten schnell zu einem künstlichen Gelenk. Denn viele der traditionellen Heilungsversuche sind bislang gescheitert. Eine Prothese gilt deshalb als letzte probate Möglichkeit.

Je nach Schweregrad der Knorpelschäden wurde in der Vergangenheit zum Beispiel versucht, den Abbauprozess mit entzündungshemmenden Medikamenten, mit Hyaluronsäure- oder Kortisoninjektionen zu stoppen – ohne bleibende Linderung. Wenig Erfolg ist auch den Versuchen beschieden, bei denen Ärzte den verbliebenen Knorpel abtrugen und kleine Löcher in den Knochen bohrten, in der Hoffnung, dass dort neue Knorpelzellen wachsen. Das passierte zwar, aber es war minderwertiger Knorpel, sogenannter Faserknorpel, der wenig robust ist und sich schnell wieder abnutzt.

Hohe Erwartungen setzten Ärzte einst auch auf die Transplantation von Knorpelzellen. Dazu nahmen sie von den verbliebenen Zellen im Gelenk eine kleine Probe, die sie im Reagenzglas unter optimalen Bedingungen zur Vermehrung animierten. Aufgebracht auf dünnes Trägermaterial, wurden sie zurück ins Gelenk verpflanzt. Das Dumme nur: Im Reagenzglas verloren die Zellen die Orientierung. Denn Knorpelzellen brauchen den Druck des Körpergewichts, damit sie lernen, was und wo sie sind. Nach zwei bis drei Jahren ist die so gezüchtete Knorpelschicht wieder aufgebraucht und nur die Unterlage übrig.

Derart zerschlagene Hoffnungen bei einer so weitverbreiteten Krankheit öffnen natürlich Geschäftemachern Tür und Tor. Denn in ihrer Verzweiflung greifen viele Patienten auch noch nach dem allerletzten Strohhalm.

Das Therapieverzeichnis des Deutschen Arthrose-Forums, einem Online-Selbsthilfeforum, listet mittlerweile sagenhafte 229 „Therapien“ auf, die der Gesundheitsmarkt zur Linderung von Arthrose bietet. Einige davon mögen hilfreich und nützlich sein. Aber viele werden in den Leitlinien der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften erst gar nicht erwähnt. Äußerst umstritten sind zum Beispiel die zahlreichen Nahrungsergänzungsmittel. Deren Hersteller beteuern zwar auf Beipackzetteln, dass die Mittel „die Ernährung und den gesunden Stoffwechsel im Gelenk“ unterstützen – aber das trifft auch auf Leitungswasser zu.

Eckhard Alt ist überzeugt, dass sich die echte und erfolgreiche Innovation der autologen Stammzelltransplantationen in der Behandlung von Knorpelschäden durchsetzen werden. Er prophezeit aber auch, dies werde die Praxis der Medizin gewaltig durchrütteln: „Denn damit wird einigen Menschen etwas von ihrer Geschäftsgrundlage genommen.“ Dazu gehören die Hersteller von künstlichen Gelenken ebenso wie Ärzte und Kliniken, die sich auf Prothesenoperationen spezialisiert haben – und natürlich alle Anbieter zweifelhafter Therapien.

Der Mediziner spürt den Gegenwind bereits heute. Zwar ist seine Methode bei Knorpelschäden in Europa von der europäischen Gesundheitsbehörde EMA in London zugelassen und hat auch das umfassende CE-Zeichen. Doch muss Alt feststellen: „Die deutschen Behörden sagen, wir kümmern uns nicht um diesen bindenden europäischen Beschluss.“

Für sie ist einzig die Frage wichtig, ob die Stammzellen des Patienten ein Arzneimittel oder ein autologes Transplantat sind. Nutzt man sie unverändert im Rahmen eines medizinischen Verfahrens, dann gehören sie zum Handwerkszeug des Operateurs, der sie in seiner ärztlichen Verantwortung einsetzen darf. Sind sie dagegen ein Medikament, das gespritzt wird, unterliegen sie völlig anderen Zulassungsvoraussetzungen, nämlich der Prüfung ihres chemischen und biologischen Verhaltens in großen, aufwendigen Studien, wie sie von der Pharmaindustrie verlangt werden.

Dass das Paul-Ehrlich-Institut, zuständig für die Zulassung von Arzneimitteln, die Stammzellen nach Worten von Alt als Medikamente einstuft, hält der Medizininnovator für falsch: „Es ist ein medizinisches Verfahren. Die Zellen verlassen nicht den Operationssaal und sie werden auch nicht künstlich verändert, sondern nur extrahiert.“ Deshalb seien sie eben keine Arzneimittel. Er sieht sich darin von den europäischen Nachbarländern und vom Europarechtler Rudolf Streinz von der Ludwig-Maximilians-Universität in München bestätigt, der das Verhalten des zuständigen Bundesinstituts für nicht rechtskonform hält. „Die offizielle Argumentation könnte wohl von anderen Motiven getragen werden“, ist Alt überzeugt und meint damit das Lobbying derer, die etwas zu verlieren haben.

Oben genannte Zulassung braucht Alt, um das Verfahren in der Klinik bewerben zu können. Ohne sie ist ein Arzt nicht versichert und Krankenkassen dürfen die Kosten auch nicht übernehmen. Dennoch: Wenn ein Patient um Hilfe bittet, sagt der Mediziner, würde er die Operation durchführen.

Rückblickend kritisiert der Wissenschaftler auch das System der medizinischen Innovationsförderung. Hätte er sich darauf verlassen und seine Forschungen nicht mit eigenem Geld finanziert, wäre er wohl nicht so weit gekommen, sei es im Bereich des Knorpelaufbaus oder bei Neuerungen bei Herzschrittmachern. Dazu gründete Alt vor vielen Jahren die Internationale Stiftung Medizin und Wissenschaft in Deutschland sowie die Stiftung „Alliance Of Cardiovascular Researchers“ in New Orleans, USA.

Gemeinsames Ziel: Die Umsetzung innovativer medizinischer Forschung – ohne Bürokratie und Verwaltungsangestellte. Denn Alt ist überzeugt: „Wer einen Forschungsantrag schreibt, gelangt  an Gutachter, die nicht unbedingt auf dem gleichen Wissensniveau sind, oder die an derselben Stelle häufig ein tieferes Loch bohren wollen. Die wenigen, die es verstehen, sagen dann zum Teil: Das ist eine gute Idee, aber lass uns das mal ablehnen und selbst machen.“ ®

Autor: Hanns-J. Neubert

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