• Jan Lehmhaus

Eine neue Zeit-Ordnung.

110 Private Wealth Calibre 36

Uhren. Ihre technische Qualität beweisen Armbanduhren seit jeher am besten dadurch, dass sie anerkannten Normen genügen. Jetzt kommt Bewegung in die Welt der Prüfsiegel und Zertifikate.

Es ist jetzt 100 Jahre her, seit Albert Einstein behauptete, Zeit sei gar keine konstante Größe, sondern relativ. Dass Uhren infolgedessen gar keine absolut richtige Zeit zeigen können, hat aber deren Konstrukteure nicht davon abgehalten, die Zeitmesstechnik immer weiter zu vervollkommnen. Auch weil die Ansprüche der Käufer weiter wachsen, entwickeln sie immer strengere Standards für die Fertigung und anschließende Prüfung hochwertiger Mechanik.

 „Für unsere Manufaktur markiert das Kaliber 36 eine neue Entwicklungsstufe“, erläutert Yann Gamard, Geschäftsführer von Glashütte Original. Das im Haus entwickelte Werk bedient sich moderner Baustoffe wie Silizium. Es ist ausgesprochen robust und bietet eine große Gangreserve. Von Grund auf neu konstruiert, benötigt es auch weniger Einzelteile und -teilchen. Um zu belegen, dass dies auch weniger Verschleiß bedeutet, muss jede mit dem Kaliber ausgerüstete Uhr ihre Belastbarkeit und Ganggenauigkeit in einem Langzeittest beweisen. Ausgeliefert wird sie dann mit einem entsprechenden Zertifikat, das ihre Qualität auch mit einem „großen Gangbild“ darstellt. „Für uns ist es wichtig, dass der Kunde die erstklassigen Eigenschaften der Uhr auch Schwarz auf Weiß dokumentiert bekommt“, erklärt Gamard.

Ganz in der Nähe liegt Deutschlands einzige amtliche Chronometerprüfstelle. Untergebracht ist sie in der alten Sternwarte oberhalb des Ortes, wo die anspruchsvollen sächsischen Uhrmacher zu Kaisers Zeiten das amtliche, aus Berlin gesendete Zeitsignal durch eigene Beobachtungen präzisierten. Der Juwelier Wempe hat sie restauriert und lässt hier seit 2006 unter Aufsicht des Thüringer Landesamts für Verbraucherschutz jedes Exemplar seiner hauseigenen Uhrenlinien einen aufwendigen Test nach der Deutschen Industrienorm (DIN) 8319 absolvieren. Sie müssen dabei ihre Ganggenauigkeit in verschiedenen Lagen und bei unterschiedlichen Temperaturen zeigen. Erst dann dürfen sie die Bezeichnung „Chronometer“ auf dem Zifferblatt führen.

Heute ist die Präzision einer derart ausgezeichneten Armbanduhr natürlich in den seltensten Fällen schicksalsentscheidend. Früher war dies anders. Erst die Entwicklung der ersten verlässlich innerhalb strenger Normen laufender Chronometer im 18. Jahrhundert ermöglichte es Schiffsbesatzungen, auf dem offenen Meer exakt ihre Position zu bestimmen. Sie beförderten den weltweiten Handel – und bewahrten vor allem zahllose Schiffe vor dem Untergang.

Es hatte Jahre gedauert, bis die strengen Ansprüche der britischen „Längengradkommission“ erfüllt werden konnten: Nach einer 40-tägigen Seereise durften die Zeitmesser nur zwei Minuten falsch gehen. Für die damalige Zeit war dies ein ungeheurer Anspruch an die Uhrentechnik. Sie hatte zwar längst allerhand feine Komplikationen zu bieten, aber Pünktlichkeit, zumal auf die Sekunde, galt den privilegierten Besitzern der kostbaren Geräte nicht als höchs­tes Gut. Schließlich war die Welt damals gar nicht in Minuten oder gar Sekunden getaktet – und wer hätte schon sagen können, ob die Taschenuhr des Postkutschers oder die Turmuhr der Stadtkirche die „richtige“ Zeit zeigte? Später verlangten dann der Eisenbahnverkehr und die modernen, arbeitsteiligen Produktionsabläufe, dass nicht nur die Uhren auf See präzise liefen, sondern auch diejenigen an Bahnhöfen und in den Fabriken möglichst genau die inzwischen von staatlicher Seite festgelegte Zonenzeit zeigten. Ausweis der dafür nötigen technischen Qualität und der Kompetenz der Uhrenhersteller waren die Chronometerprüfungen, die an mehreren europäischen Observatorien stattfanden.

Dazu kamen werbewirksame Qualitätssiegel, die hohe Ansprüche an einen Zeitmesser stellten und dabei die reine Herkunft zum Gütekriterium erhoben: Die Genfer Punze etwa, die seit 1886 vergeben wird, fordert bis heute nicht nur eine besonders hochwertige Konstruktion und Finissierung des Uhrwerks. Sondern zusätzlich, dass die geprüfte Uhr im Kanton Genf gebaut und reguliert werden.

Natürlich arbeitete auch das Militär eigene Normen für seine Einsatzuhren aus. Für die sogenannten Beobachtungsuhren, die sich die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg von verschiedenen Herstellern bauen ließ, erstellte sie nicht nur ein technisches Pflichtenheft, sondern gab auch das markante, gut ablesbare Zifferblatt.

Vor allem die Variante mit dem innen liegenden Stundenkreis und großer äußerer Minuterie ist heute Inbegriff der Fliegeruhr. Eine weitere Variante, die zur Legende wurde, entstand mit den technisch anspruchsvollen Flyback-Chronographen „Type XX“ und „Type XXI“, die das französische Verteidigungsministerium ab 1945 in Auftrag gab. Unter den Lieferanten waren damals neben französischen und Schweizer Firmen auch Schwarzwälder Betriebe, die Tausende von Uhren als Reparationsleistung bauten und die Zifferblätter darum auch nicht signieren durften.

Ab 1950 gab es diesen Militärchronographen auch von der Schweizer Manufaktur Breguet. Dort steht das Modell bis heute im Programm. In diesem Frühjahr erschien eine Neuauflage des „Type XXI“.

Im heutigen zivilen Leben sind die wichtigsten Uhren-Normen wohl jene, die unserer Sicherheit dienen. Eine Taucheruhr zum Beispiel muss mindestens druckfest bis 20 bar sein, über eine einseitig drehbare Lünette verfügen und eine durchgehende Minuteneinteilung zeigen. Zugegeben – mit vielen Taucheruhren wird nur selten geschwommen. Und in den wenigsten Fällen dient ein Armbandchronometer wohl zum Navigieren auf hoher See. Trotzdem erhöht ihre erwiesene Belastbarkeit und zertifizierte Präzision nicht nur das Image des Trägers. Ihre herausragenden Eigenschaften geben ihm auch das gute Gefühl der Verlässlichkeit in jeder Alltagssituation.

Genau deshalb ist die (Über-)Erfüllung strenger Normen heute ein starkes Verkaufsargument für hochwertige Zeitmesser. Dafür werden bei steigenden Ansprüchen und wachsenden technischen Möglichkeiten mittlerweile bewährte Qualitätssiegel aufgegeben und neue etabliert.

Patek Philippe hat sich zum Beispiel vor wenigen Jahren vom Genfer Siegel abgewandt und verleiht seinen komplizierten Werken nun nach weit strengeren Kriterien das hauseigene „Poicon Patek Philippe“. „Qualité Fleurier“ zeichnet hochfeine Uhren von Chopard, Bovet und Parmigiani aus. Voraussetzung hierfür ist, dass sich das Werk erfolgreich einem Chronometertest bei der offiziellen Schweizer Prüfstelle COSC unterzogen hat, in dem die Uhren eine Gangabweichung von nicht mehr als minus vier oder plus sechs Sekunden pro Tag beweisen müssen.

Seit hier nur noch Schweizer Werke angenommen werden, die auch in heimische Uhren eingeschalt werden, ist das COSC-Zertifikat ein umso exklusiverer Präzisions-Nachweis – aber mancher Marke trotzdem nicht mehr genug: Rolex, seit Jahrzehnten größter COSC-Kunde, lässt seine mechanischen Werke zwar nach wie vor den 15-tägigen Prüfzyklus in den unabhängigen Labors durchlaufen. Anschließend aber werden sie – ins Gehäuse eingeschalt und realistischen Armbewegungen ausgesetzt – in den Rolex-Werkstätten nach strengeren Regeln weiter getestet. Erst bei einer Abweichung zwischen plus zwei und minus zwei Sekunden dürfen sie sich dann „Superlative Chronometer“ nennen. „Eine Prüfung der kompletten Uhr hat übrigens auch die COSC immer schon angeboten. Aber die wäre für die Hersteller ungleich teurer gewesen“, erläutert COSC-Direktor Andreas Wyss.

Auch Omega lässt seine Uhren erst einmal bei der COSC zum Chronometer adeln, bevor sie, eingeschalt und unter Aufsicht des öffentlich-rechtlichen Schweizer Instituts für Metrologie (METAS), noch größere Präzision, Wasserdichtigkeit und vor allem auch ihre Resistenz gegen Magnetfelder von bis zu 15000 Gauß beweisen müssen. „Master Chronometer“ nennt Omega diesen neuen Standard für mechanische Uhren in einer elektronifizierten Welt, in der sich, zwischen Smartphone und Flughafen-Sicherheitsscanner, ein Magnetfeld an das andere reiht und ungeschützte Uhrwerke aus dem Takt bringt.

Bei der COSC wurden die Zeichen der Zeit verstanden: „Der Kunde verlangt heute einfach mehr von seiner Uhr“, weiß Andreas Wyss und kündigt an: „Wir arbeiten selbst an mehreren neuen Projekten.“

Auch in Deutschland kommt Bewegung in die Uhren-Normen. Immer öfter setzen Hersteller eigene Standards, die weit über die Normen staatlicher Stellen hinausgehen.

Dem Frankfurter Uhrenhersteller Sinn, spezialisiert auf technisch anspruchsvolle Einsatzuhren, fiel schon vor Jahren auf, dass der Begriff der „Fliegeruhr“ völlig unscharf geworden war und sich bestenfalls noch an ein paar optischen Kriterien festmachen ließ. Eine Norm, vergleichbar mit der DIN für Taucheruhren, existierte nicht. „Unter unseren Kunden sind zahlreiche Piloten, die wir daraufhin nach ihren Wünschen an eine solche Uhr befragt haben“, erinnert sich Wolfgang Schonefeld, Entwicklungschef bei Sinn.

Eine zeitgemäße Fliegeruhr sollte vor allem so zuverlässig sein, dass sie als Back-up-Instrument im Cockpit notfalls die Borduhr ersetzen könnte. Gemeinsam mit der Fachhochschule Aachen entwickelte das Haus den 2012 vorgestellten TESTAF-Standard. Uhren, die seinen Anforderungen entsprechen, widerstehen allen flugtypischen Belastungen, starken Vibrationen etwa und stark wechselndem Druck, sind dabei jederzeit reflexionsfrei ablesbar. Auch hier spielt der Magnetismus eine Rolle, aber ganz anders als erwartet. „Die Wissenschaftler in Aachen fanden heraus, dass in modernen Cockpits gar keine Magnetfelder mehr existieren, die die Uhr irritieren konnten. Vielmehr wird im TESTAF darauf geachtet, dass die Uhr nicht den vorgeschriebenen Notkompass ablenkt.“

Inzwischen entwickelte Sinn in einem Arbeitskreis von Uhrenherstellern und Anwendern den Standard weiter und stellte einen Normungsantrag beim DIN. Seit wenigen Wochen ist die DIN 8330 wirksam.

Eine so zertifizierte Uhr ist weit mehr als nice to have. „Theoretisch kann mit einem solchen Instrument am Arm ein Pilot auch dann zu einem dringenden Transport- oder Rettungsflug starten, wenn die vorgeschriebene Borduhr ausgefallen ist“, erklärt Wolfgang Schonefeld. Zusätzlich aber sieht man bei Sinn die Normungs-Initiative als Impuls für die Industrie: „Natürlich tut es der neuen Norm gut, wenn sich mehr Wettbewerber da­ran beteiligen – aber das ist auch eine Herausforderung.“

Auch das Schwarzwälder Unternehmen Stowa war an der Ausarbeitung der DIN 8330 beteiligt. Fliegeruhren haben im Haus eine lange Tradition – Stowa gehörte in den Vierzigerjahren zu den Produzenten der Luftwaffen-Uhren – und einige aktuelle Modelle sind an deren Design angelehnt. Den modernen Nachfolgern aber hat Stowa-Chef Jörg Schauer ein modernes Gesicht gegeben: „Ich möchte, dass die Branche auch gestalterisch nach vorn blickt“, sagt der gelernte Goldschmied. Seine Uhren nach TESTAF-Standard sind noch ein Amalgam aus traditionellen und zeitgenössischen Elementen. Die neuen DIN-Uhren sollen dagegen auch optisch ganz zur modernen Fliegerei passen, zum futuristischen Design der Cockpits und Triebwerke. Sicherlich gefalle so ein Produkt nicht nur Piloten, ist Schauer überzeugt: „Es ist einfach die bessere Uhr. Und sie steigert mit ihrem technischen Anspruch auch immer weiter die Qualität unserer anderen Modelle.“

In Hamburg ist der Uhrmacher Andreas Hentschel andere Wege gegangen, um mit besonders alltagstauglichen Uhren das Kundenvertrauen zu stärken. Hentschel hat viele Jahre als Restaurator historische Zeitmesser gepflegt und ist bekannt für die zurückhaltende, klassische Eleganz seiner Armbanduhren, deren flachen Gehäuse auf den ersten Blick wohl kaum herausragende Belastbarkeit zuzutrauen ist. Hentschel sieht sich in der Tradition der Hamburger Schiffschronometerbauer: „Mein Onkel war der letzte Prüfer am Deutschen Hydrographischen Institut in der alten Seewarte.“ Deren Vorgaben von 1877 entsprechen seine Zeitmesser selbst dann noch, wenn er sie stundenlang in Lottotrommeln durchrütteln lässt wie auf einer Kopfsteinpflasterstraße. „Für meine Kunden sind nur alltagsnahe Kriterien wirklich entscheidend.“

Bei einem Besuch auf Sylt hatte er vor Jahren die Idee zum „Inselchronometer“. Gemeinsam mit dem Alfred-Wegener-Institut in List entwickelte er eine Reihe extremer, küstentypischer Belastungen. Pro Jahr müssen jetzt 25 Zeitmesser ihre Robustheit gegen Sonne und Salz beweisen.

Aufmerksam geworden, trat daraufhin das Bundeswirtschaftsministerium an Hentschel heran und unterstützte ihn bei der Entwicklung eines eigenen Qualitätssiegels. Es garantiert nicht nur die Präzision des Werks und seinen sicheren Schutz durch ein belastbares Gehäuse, sondern sorgt auch für den Unfall vor: „Dringt doch einmal Wasser ein, beginnt ein konventionelles Werk nach wenigen Stunden zu rosten und ist dann ruiniert. Wir haben mithilfe von Werkstoff-Wissenschaftlern den Mechanismus so ausgerüstet, dass möglichst viele Bauteile des Uhrwerks 72 Stunden lang vor Korrosion geschützt sind – genug Zeit, um die Uhr zum Uhrmacher zu bringen.“

Ob er den langen und kostenintensiven Weg gehen möchte, seinen Standard zu einer offiziellen Norm weiterzuentwickeln, weiß Andreas Hentschel noch nicht. Ihm helfe das Gütesiegel heute schon als Vertrauen bildende Maßnahme. Schließlich geht es bei ihm, wie auch bei allen anderen Herstellern, die ihre Qualitätsstandards immer weiter nach oben schrauben, vor allem darum, potenziellen Kunden deutlich zu machen, was sie erwerben. „Eine Uhr fürs Leben.“ ®

Autor: Jan Lehmhaus

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