• Klaus Meitinger, Philipp Wente

Legenden-Bildung.

Engelhorn AufmacherLeidenschaft. Menschen, die aus großen Unternehmerfamilien stammen, streben meist danach, auch selbst bleibende Werte zu schaffen. Kurt A. Engelhorn hat lange gebraucht. Doch nun scheint er seinen Weg dahin gefunden zu haben. Im Mittelpunkt stehen eine besondere Anlagestrategie, ein virtuelles Unternehmen, historische Automobile und vor allem ein ganz besonderes Autorennen – die Bernina Gran Turismo.

Wir zelebrieren hier die Autoliebhaber mit Öl an den Händen und ihre außergewöhnlichen Fahrzeuge“, skizziert Kurt A. Engelhorn das wichtigste Auswahlkriterium für die handverlesenen 80 Teilnehmer, die der Unternehmer jedes Jahr zur Bernina Gran Turismo einlädt.

Denn im Engadin geht es nicht nur darum, wertvolle Fahrzeuge herzuzeigen, sondern unter harten Bedingungen zu fahren. „Wir lieben den Einsatz unserer historischen Fahrzeuge, der auf wunderbare Weise alle Sinne anspricht. Deshalb möchten wir, dass jeder Teilnehmer vier Läufe absolvieren kann, um dieses einzigartige Erlebnis maximal zu genießen. Das geht nur, wenn wir die Starterliste stark limitieren.“

Etwas Besonderes machen, etwas auf Weltniveau, etwas das bleibt – oder gar nichts. Dass Kurt A. Engelhorn dieses Ziel im Gespräch immer wieder formuliert, hat auch etwas mit seiner Familiengeschichte zu tun. Der Urgroßvater war Gründer von BASF, der Großvater leitete die Perutz-Photowerke in München, der Vater machte aus dem Mittelständler Boehringer Mannheim einen Weltkonzern – und verkaufte diesen dann im Jahr 1997 für etliche Milliarden Mark an den Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche. In solch große Fußstapfen zu treten, ist nicht leicht. Wohl auch deshalb hat Engelhorn einige Zeit gebraucht, bis er seinen Platz, sein Spielfeld gefunden hat.

Heute gilt die Bernina Gran Turismo tatsächlich als das weltweit anspruchsvollste Bergrennen für historische Fahrzeuge. Allein auf den 5,7 Kilometern von La Rösa, der ehemaligen Poststation, bis zur 448 Höhenmeter oberhalb liegenden Bernina-Passhöhe gibt es über 50 Kurven – ein Streckenprofil, das pures Adrenalin durch die Adern der Fahrer jagt.

Dass das Rennen ist, wie es ist, hat sehr viel damit zu tun, dass Kurt A. Engelhorn so ist, wie er ist. Einen kleinen Einblick in die Persönlichkeit gibt eine Begebenheit aus dem Jahr 1994. Engelhorn war eben mit seiner spanischen Frau und den vier Kindern von der Schweiz nach England übergesiedelt. Und hatte sich dort umgehend ein gebrauchtes Motorrad gekauft. Natürlich ein englisches Fabrikat. „Es war in unserem ersten englischen Sommer, als ich mit meiner BSA 650 Golden Flash mit angeschlossenem Steib-Seitenwagen durch die wunderschöne Landschaft der Grafschaft Surrey fuhr. Plötzlich bekam ich mechanische Probleme, irgendwas war mit der Kupplung. Hilfsbereite Passanten gaben mir den Tipp, ins nächste Dorf zu fahren. Da sei ein richtig guter Schrauber.“ Dort angekommen, gibt der Mechaniker ihm einige alte Zoll-Werkzeuge und die Anweisung, den Auspuff abzumontieren. Nicht etwa in seiner Werkstatt, sondern direkt auf dem breiten Gehsteig neben der Straße. Er werde dann später hinzukommen, um sich den Schaden mal anzusehen. „Ich war in England von Anfang an sehr glücklich. Die Stimmung, die Schrauber, Werkzeug in der Hand mit reichlich Öl an den Fingern, das passt für mich bis heute.“

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Unprätentiös ist er, einer, der von sich sagt: „Ich bilde mir nicht ein, in die Zukunft blicken zu können, aber ich halte die Augen offen.“ Und auch der Name des Bergrennens ist wohl nicht dem Zufall geschuldet. Denn sein Leben betrachtete Engelhorn schon immer als eine einzige große Reise, eine echte Gran Turismo: „Für mich entwickelt sich ein Tag aus dem anderen. Wenn man präsent ist, wach und offen, das Ohr stets auf der Schiene, ergeben sich immer neue Möglichkeiten. Sie zu erkennen und dann auch mutig anzunehmen, das ist vielleicht meine wichtigste Eigenschaft.“

Der Moment, sie unter Beweis zu stellen, ergibt sich im Herbst 2014. Seit 1982 kennt die Familie Engelhorn das Engadin. Am Anfang besuchten sie dort Freunde, fuhren winters gemeinsam Ski und Motorrad im Sommer. Später kauften sie eine Wohnung in Silvaplana im Oberengadin, dann ein Haus am Suvretta-Hang in St. Moritz. Engelhorn erwirbt die Bündner Jagdlizenz, lernt die Einheimischen kennen, ein wenig Bündnerromanisch überdies. Als diejenigen, die zunächst jahrelang erfolglos versucht hatten, das Bernina-Rennen  zu revitalisieren, ihn bitten, sich zu engagieren, spürt Engelhorn, dass er auf diesen Zug aufspringen muss.

Er übernimmt alle Aktien für einen symbolischen Franken und gründet die Bernina Gran Turismo AG neu. „Die Erinnerung an das legendäre Bernina-Rennen der Jahre 1929 und 1930, damaliger Höhepunkt der Internationalen St. Moritzer Automobilwoche, langfristig zu sichern, war die Chance, etwas Legendäres zu schaffen.“

Schließlich ist es eine Veranstaltung, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte: Weil es normalerweise unmöglich wäre, Bergrennen auf einer Hauptverkehrsader, angrenzend an ein weiteres Land, durchzuführen. Noch dazu unter herausfordernden Wetterbedingungen und mit durchaus sehr hohen Ansprüchen an die Logistik.

Florian Seidl, der Engelhorns Ambitionen beim Aufbau seiner erstklassigen Sammlung historischer Fahrzeuge schon länger erfolgreich umsetzt (siehe Text unten „Eine Sammlung muss leben.“), installiert ein Team von Spezialisten und sie machen sich an die Arbeit. Ein intensiver Dialog mit den Verantwortlichen in Verwaltung und Politik beginnt. Sicherheit ist ein großes Thema – „wir installierten zusätzliche Hunderte Meter permanenter Leitplanken“. Der kulturelle Auftrag ebenso – „Wir möchten nicht nur der Szene etwas bieten, sondern allen Zusehern. Jeder kann mit dem Zug hochfahren und sich das Rennen wie im Amphitheater anschauen. Es kostet sie keinen Cent.“ Und natürlich die langfristige Perspektive – „wir können hier eine Kunstform des automobilen Rennsports schaffen“.

Am 2. Oktober 2015 findet das erste Rennen statt. Engelhorn selbst nimmt mit seinem gerade erstandenen Jaguar D-Type teil. „Ich wurde Fünfter in meiner Klasse“, schmunzelt er heute, der von sich selbst sagt, er sei eigentlich kein kompetitiver Typ. „Mir geht es immer darum, möglichst schön zu fahren. Die Ästhetik ist das, was mich an Rennen, nein, am Fahren generell, interessiert. Ich bewundere diejenigen, die rund und elegant fahren, ausgewogen, im besten Sinne unspektakulär.“

Seit er selbst vor 20 Jahren am Klausenpass zum ersten Mal die einzigartige Stimmung bei einem Bergrennen erlebte, ist er davon ergriffen, sich zu exponieren, den Reiz einer gewissen Gefährlichkeit mit all den Ängsten zu spüren, auch die Anstrengung. „Das wunderbare Gefühl des Augenblicks, mit Ungeduld und voller Konzentration auf den Start wartend, ist für einen Enthusiasten wie mich mit kaum etwas auf dieser Welt vergleichbar.“

In diesem September fällt die Startflagge des Bergrennens bereits zum siebten Mal, eingebunden in die traditionsreiche Internationale St. Moritzer Automobilwoche. In deren Rahmen findet ein Kilometer-Rennen statt, ein Concours d’Élégance, eine Geschicklichkeitsfahrt, eine Sternfahrt und als Höhepunkt dann die Bernina Gran Turismo.

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„Es ist“, sagt Engelhorn selbst, „ein Rennen in seiner pursten Form. Kurve, Schlinge – Schlinge, Kurve. Dann die letzten Höhenmeter: Karussell. Eine maximale Beanspruchung von Fahrer und Fahrzeug.“ Carl Gustav Magnusson, im anderen Leben ein bedeutender Industriedesigner, definiert die Bernina Gran Turismo deshalb auch neben dem Le Mans Classic und dem Festival of Speed in Goodwood als eines von drei Pflicht-Events des Klassiker-Jahres. „Von den dreien ist die Bernina Gran Turismo das sympathischste. Ich war zur Debütveranstaltung 2014 eingeladen worden und habe seither bei jeder Ausgabe mitgemacht. Es ist die Mischung aus der Begeisterung der Teilnehmer, dem außergewöhnlichen Angebot an Performance-Autos, der Geografie und der Kameradschaft am Feierabend, die zu einem einzigartigen Welterlebnis führt.“

Offensichtlich ist es Engelhorn tatsächlich gelungen, mit der Bernina Gran Turismo etwas Einzigartiges zu schaffen. Etwas Bleibendes. Ein außergewöhnliches Rennerlebnis. Für ein Netzwerk aus Carficionados. Mit der Liebe zu historischen Automobilen als Eintrittskarte. „Die Gäste sind wirklich alle sehr entspannt. Weil sie auf einem sicheren Terrain unter ihresgleichen sind und sich auch über alle andern Themen austauschen können, die sie jenseits der Automobile bewegen“,

verdeutlicht Kurt A. Engelhorn: „Und noch etwas ist besonders schön. Wenn die Mitglieder meiner Familie dann nach St. Moritz kommen und ein Plakat der Bernina Gran Turismo sehen, kann ich sagen: Schaut her, das sind wir.“ ®

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// Eine Sammlung muss leben.

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„Wenn ich heute alle Autos bis auf eines weggeben müsste, würde ich den Lotus Seven Mark II behalten. Für mich gibt es kein besseres.“ Es war kurz vor seinem 50., als Kurt A. Engelhorn erstmals den Wunsch verspürte, ein richtig feines, besonderes Auto sein Eigen zu nennen. Engelhorn überlegte, suchte konzentrisch, so wie er es immer tut. Und kam zu der Erkenntnis, dass es für ihn nur ein ideales Auto auf dieser Welt gibt: den Lotus Seven (Bild oben). „Der Seven ist eine pure Fahrmaschine. Ein Kurvenräuber. Weniger als 600 Kilo schwer. Alle anderen Autos sind dagegen eigentlich irrelevant.“

Er nähert sich seinem Traumfahrzeug zunächst über einen Nachbau an, dem Donkervoort S8. Der allerdings, weil angelehnt ans ikonische Original des Engländers Anthony Colin Bruce Chapman, kein Raumwunder ist – gewöhnungsbedürftig für einen 1,80 Meter großen Mann. „Ich habe schnell verstanden, dass du es bist, der sich ans Auto anpassen muss. Wenn es klein ist, gewöhne dich halt daran.“ Kurze Zeit später kauft sich Engelhorn tatsächlich seinen ersten Lotus. Danach viele, viele andere Fahrzeuge – oft aus einer Laune heraus, aus spontaner Begeisterung.

Irgendwann wächst ihm die Leidenschaft für historische Automobile allerdings über den Kopf. Es wurden schlicht zu viele Fahrzeuge und Projekte. Die Abhängigkeit von Dritten – Werkstätten und Restaurateuren – wird immer größer. Kontrolle ist bei einem gleichzeitig multilokalen Lebensstil kaum noch möglich. Florian Seidl, der hoch spezialisiert mit seiner Münchner Unternehmung Carficionado exklusive Sammlungen betreut und entwickelt, dabei den kompletten bürokratischen Teil erledigt, kommt ins Spiel. Während Engelhorn der Doktrin folgt, ein Sammler sammle, er verkaufe nicht, legt Seidl ihm nahe, sich auf wertsteigernde Fahrzeuge zu konzentrieren und die Anzahl der Fahrzeuge insgesamt zu reduzieren. Das sei letztlich nicht nur eine Frage der Praktikabilität: „Ein Sammler wird niemals glücklich werden, wenn sein Bestand eine gewisse Größenordnung überschreitet. Das geht dann quasi automatisch ins Museale, wird eine reine Ausstellung ohne weitere Nutzung. Und das wiederum führt fast zwangsläufig in die Zerschlagung. Der Sinn des Sammelns wird dadurch letztlich konterkariert“, erklärt Florian Seidl seinen Ansatz.

In den folgenden Jahren geht es den beiden immer auch um eine intellektuelle Auseinandersetzung. Seidl ist sicher: Wenn die schiere Menge der Objekte den Besitzer überfordert, verliert er den Zugang. Wo genau dieser Kipppunkt liegt, sei von Fall zu Fall verschieden. Der eine sei bei fünf Fahrzeugen bereits gestresst, der andere zucke auch bei 200 Fahrzeugen noch entspannt mit den Schultern. „Wenn ich nicht mehr weiß, was ich mit meinen Objekten machen will, geht die Emotion verloren. Und damit die Zukunftsfähigkeit der Sammlung und des Investments.“

Grundsätzlich rät Seidl, eine Sammlung emotional zweizuteilen. Auf der einen Seite stünden Fahrzeuge, die der Eigentümer selbst als existenziell betrachte. „Da gibt es einen starken Bezug zum eigenen Leben, zu einer vergangenen Zeit, der sich über die aktive Nutzung, also das Fahren, aktivieren lässt.“ Auf der anderen Seite stünden, insbesondere wenn es in den hochpreisigen Bereich hineingehe, Exponate, mit denen sich ökonomische und strategische Themen umsetzen ließen. „Was passt zur Sammlung, was spiegelt den Zeitgeist des jeweiligen Jahrzehnts, was sind die Benchmarks aus dieser Zeit?“ Notwendig sei ein stetiger konstruktiver Wettbewerb der Ideen zwischen Berater und Sammler. Florian Seidl und Kurt A. Engelhorn ringen seit elf Jahren um jeden nächsten Schritt, das nächste Investment, die Notwendigkeit eines Desinvestments. Dabei geht es nicht nur um den aktuellen Marktpreis und die Renditeversprechen, sondern vor allem um emotionale Wertschätzung.

Letzten Endes, sagt Seidl, habe automobiles Sammeln auch eine philosophische Komponente: „Wir sind doch eigentlich nur Kuratoren für Objekte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere eigene Lebensspanne überdauern. Wir alle sind der Überzeugung, dass Automobile wie auch einige Motorräder letztlich eine Kunstform sind.“

Kann das wirklich sein? Hat ein Automobil nicht primär den Zweck, Menschen oder Waren von hier nach dort zu befördern? „Ich bin mir da nicht so sicher, insbesondere wenn man sich einige englische Konstruktionen ansieht. Dass die immer von A nach B kommen, ist oftmals nur recht vage definiert.“ Allein deshalb qualifizierten sich bestimmte englische oder auch italienische Marken ganz besonders dafür, Kunst zu sein. Denn deren Idee war es eben nicht, anzukommen, sondern vielmehr, die technische Machbarkeit immer wieder ins Extrem zu treiben, neu auszuloten.

Dies zu spiegeln, sei Sinn einer Sammlung. Und lasse auch Neueinsteigern heute noch genügend Raum, sich auszudrücken: „Das Schöne am Thema Sammlerfahrzeuge, selbst in unserer zunehmend restriktiveren Welt, ist, dass es immer noch so viele Spielfelder gibt, die nicht oder nur wenig erschlossen sind.“

Mit heute immer noch über 80 historischen Fahrzeugen inklusive der Motorräder zählt die Sammlung Engelhorn zu den 100 wichtigsten weltweit. Ausgesuchte Spitzenfahrzeuge wie ein rarer Ford GT40 MKIII, ein Jaguar D-Type mit einzigartiger Historie oder auch der Geschwindigkeitsweltrekord-Jaguar XK120 „Jabbeke“ stehen einträchtig neben den wichtigen Herzensangelegenheiten wie dem Lotus Seven Mark II. Sie warten darauf, bei Rennen und Concourse gefahren, gezeigt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Das Ringen hat sich gelohnt.

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// Made by Engelhorn.

Mit dem Verkauf des Familienunternehmens durch seinen Vater war Kurt A. Engelhorn gezwungen, eine zukunftsfähige Strategie für sich und die zukünftigen Generationen zu entwickeln. „Als das Geld auf dem Tisch lag, war mir klar: Wir müssen sofort anfangen, direkt in die reale Wirtschaft zu investieren.“ Engelhorn kommt ja aus einer Familie, die nie unternehmerische Risiken gescheut hat. Und ist nun mit dem klassischen Problem einer Unternehmerfamilie konfrontiert, deren Unternehmen plötzlich nicht mehr da ist. Es fehlt die Identität. Es fehlt das übergreifende Familienkorrektiv, das dafür sorgt, dass den eigenen Wünschen zugunsten des Unternehmens nicht oder nur eingeschränkt nachgegeben wird. Und es fehlt – in gewisser Weise – ein Lebensinhalt.

„Eine diversifizierte Geldanlage an den Finanzmärkten hilft da nicht weiter. Sie kann kein Ersatz für das Familienunternehmen sein – weder in Sachen Ökonomie noch wenn es um Sinnstiftung geht“, sagt Engelhorn. Er nennt die klassischen Anlagevorschläge der Vermögensverwalter „eine Art Nullsummenspiel“. Ein breit gestreutes Finanzvermögen bringe vielleicht fünf bis sechs Prozent pro Jahr. Davon gehen die Verwaltungskosten ab, die Steuern, die Inflationsrate. Und dann kommen noch die Begehrlichkeiten der Familie, die ja keinen Grund sieht, nicht auf das liquide Vermögen zuzugreifen. „So lässt sich Familienvermögen nicht bewahren und schon gar nicht vermehren.“

Genau das aber, sagt Engelhorn, sei die originäre Aufgabe einer Unternehmerfamilie. „Es ist unsere Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, Arbeitskapital für die Ökonomie zur Verfügung zu stellen. In Unternehmen zu investieren, um Arbeitsplätze zu schaffen, Wachstum zu ermöglichen und so indirekt eine gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.“

Dafür brauche ein Investor besondere Qualitäten – er müsse konzentrieren statt zu diversifizieren. Mental bereit sein, Risiken einzugehen. Sich direkt beteiligen statt breit diversifiziert in börsennotierten Aktien anzulegen. „Wenn ich an der Börse investiere, bin ich immer nur ein Kleiner unter vielen. Ich bewirke aber nichts. Wir wollen aktiv involviert sein und etwas bewegen.“

Mittlerweile ist Engelhorn, das zeigt die Struktur seines Vermögens, das in eine Familienholding eingebracht wurde, auf diesem Weg schon recht weit gekommen. 70 Prozent sind in sachwertorientiertes Risikokapital angelegt. 30 Prozent werden liquide gehalten – „das ist zum einen der Notgroschen der Familie, vor allem aber auch die Kriegskasse, um neue Beteiligungsmöglichkeiten nutzen zu können“.

Die 70 Prozent investiertes Vermögen sind grob in drei Bereiche unterteilt – Oldtimer, Immobilien und Unternehmensbeteiligungen. „Die Autosammlung ist natürlich ein Leidenschaftsprojekt, eng verknüpft mit der Bernina Gran Turismo. Rein ökonomisch hat sie aber auch einen stabilisierenden Charakter“, erklärt Florian Seidl, der die Sammlung aufbaute und dafür sorgte, dass sie heute als eine der 100 besten der Welt gilt. „Das funktioniert allerdings erst ab einer gewissen Flughöhe. Es hilft nichts, sich einen Porsche 911F in die Garage zu stellen. Eine Sammlung muss Weltniveau haben, damit das funktioniert. Sie brauchen 15 bis 20 Spitzenfahrzeuge. Solche Autos sind fast ausschließlich im Besitz sehr Vermögender. Das ist ein ganz eigener Markt, der langfristig stabil sein dürfte.“

Rund 20 Prozent machen Immobilien im Depot des Kurt A. Engelhorn aus. „Diese werden aber nicht notwendigerweise unter Renditeaspekten ausgesucht. Es sind einzigartige Lokalitäten, die über die Zeit an Substanzwert gewinnen werden, weil sie nicht replizierbar sind. Dabei geht es mir um die Magie der Plätze. Der Stazer See ist wahrscheinlich der schönste Ort in St. Moritz. Und die El-Paradiso-Hütte ist für mich eine der schönsten Berghütten der Alpen“, erzählt Engelhorn. Zusätzlich spielt der Grundgedanke einer langfristigen Absicherung der Familie eine wichtige Rolle. „Wenn es ganz schlimm kommt, bewirtschaften wir das selbst. Wir kochen Rösti und schenken Bier aus. Wir können pflanzen, einen Acker bestellen, ein Pferd führen, ein Schwein schlachten. Das ist die ultimative Autarkie.“

Der Schwerpunkt der Kapitalanlage – 40 Prozent – liegt in unternehmerischen Direktinvestitionen. Dass es gar nicht so einfach ist, in diesem Bereich erfolgreich zu sein, hat Engelhorn in den ersten Jahren selbst erlebt. Seine Beteiligungsgesellschaft Foursome engagierte sich Anfang der 2000er früh – rückblickend betrachtet zu früh – in nachhaltigen Anlagen. „Ich selbst war in der Welt des Private Equity damals ein Grünschnabel. Und mein Team war in der Selektion wohl auch zu lasch und zu unkritisch“, reflektiert Engelhorn heute selbst.

2016 gründet Engelhorn dann die Private-Equity-Firma Frog Capital. „Im Grunde genommen sind das drei Investments. Wir halten rund 40 Prozent an Frog, sind der größte Investor in deren Private-Equity-Fonds und engagieren uns auch direkt in einigen Portfoliounternehmen“, erläutert Erek Nuener, der die Familienholding operativ managt. Nuener und Engelhorn sind maßgeblich an der strategischen Ausrichtung beteiligt. „Wir besetzen schon seit acht Jahren die Megatrends IT, Tech und Digitalisierung und konzentrieren uns dabei auf Firmen mit starkem Umsatzwachstum, die sich an der Schwelle zur Profitabilität befinden. Wenn sie die nächste Expansionsstufe nicht mehr allein schaffen, geben wir ihnen genau das, was ihnen fehlt – Kapital, Management, eine neue Organisationsstruktur.“

Diesmal funktioniert es. Eben ist Frog ein lukrativer Exit beim deutschen Edtech-Pionier Sofatutor gelungen. Und im Beteiligungsportfolio liegt neben vielen anderen Firmen mit der Immobilien­plattform McMakler noch ein echtes Highlight. „Das sieht gut aus“, konstatiert Engelhorn, „stellt uns aber gleichzeitig vor eine neue Herausforderung. Wie managen wir die Situation bei Frog jetzt? Wenn so eine Erfolgsphase beginnt, ist ja immer die erste Reaktion, zu verkaufen und schleunigst in neue, kleine Frogs zu diversifizieren, damit sich das Risiko wieder mehr verteilt. Aber das ist eigentlich falsch. Wenn sich ein erfolgreiches Investment – eine Milchkuh – noch einmal verdoppelt, ist das viel interessanter als eine Verzehnfachung von Ameisen.“

Die großen Fragen, die sich Engelhorn nun stellt, lauten: Wie mutig sind wir? Wie führen wir dieses Engagement zu einem noch größeren Erfolg? Sind wir diversifikationsorientiert oder konzentrationsfähig? Die Antwort darauf hat der Unternehmer in ihm längst gegeben. „Noch ist Frog viel zu unbedeutend. Aber wir sehen nun eine Chance, dass uns dieser kleine Frosch in eine ganz andere Vermögensdimension hochhebeln kann. Wir stellen uns so auf, dass wir dieser Chance gerecht werden können.“

Eine wichtige Rolle bei diesem nächsten Schritt spielt auch die Bernina Gran Turismo. „Die BGT ist eines der wenigen Netzwerktreffen auf Weltniveau, das es heute noch gibt. Eine Zusammenkunft von Enthusiasten, verbunden über die Leidenschaft für Automobile, die in entspannter Atmosphäre auch Beteiligungsideen austauschen“, erklärt Florian Seidl.

Da ist er wieder, der Gedanke vom Weltniveau – bei der Oldtimersammlung, der Veranstaltung, den Beteiligungen. „Alles andere würde für mich keinen Sinn machen“, sagt Engelhorn und definiert damit auch das Leitmotiv, über das er für die eigene Familie Identität stiften will. „Wir haben ja keinen Familienkonzern. Bei uns steht nirgendwo Engelhorn drauf. Wir müssen es schaffen, von einem Finanzvermögen, das unternehmerisch investiert wird, eine Identifikation für die Familienmitglieder zu erreichen.“ Deshalb haben Nuener und Seidl eine Marke erfunden – Kusana –, ein virtuelles Familienunternehmen, auf das künftig alle Familienmitglieder stolz sein können.

Den Namen hat eine Freundin der Familie aus Barcelona erfunden. „Es ist ein afrikanischer Dialekt und bedeutet vier – für die vier Stämme meiner Kinder“, erzählt Engelhorn.

Im Kern definiert Kusana acht Investmentprinzipien. Dabei geht es unter anderem um Wachstumspotenzial, Werterhalt, Risikoanalyse, Impact und den Nutzen für die nächste Generation. „Wenn sechs der acht Kriterien erfüllt sind, qualifiziert sich ein Vorschlag für die Umsetzung innerhalb von Kusana. Der Kusana-Stempel kommt also erst drauf, wenn die Idee Weltniveau hat. Das ist der Anspruch“, machen Nuener und Seidl klar.

Kurt A. Engelhorn versucht so, die Familie als Einheit in einem virtuellen Familienunternehmen zusammenzuführen. „Jetzt sehe ich, dass es klappen kann. Die Familie will das. In unserer Familienverfassung steht ganz groß als wichtigstes Prinzip: ,We are one family.‘“

Vielleicht, hofft Engelhorn, werde es in Zukunft zu einem echten Wettbewerb zwischen den Vertretern der nachfolgenden Generationen kommen, wer mit seiner Idee unter das Kusana-Dach schlüpfen darf. „Sollte das passieren, waren wir wirklich erfolgreich.“

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Autoren: Klaus Meitinger, Philipp Wente

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