• Dr. Annette Doms

Zeit. Geist. Kunst.

Kunst Wiyu Wahono with projection of datatron Ryoji IkedaKunstsammlung. Neue Technologien revolutionieren die Kunst. Digitalisierung, Virtual Reality oder Augmented Reality ermöglichen neue Ausdrucksformen. Und erschließen Sammlern neue Welten. Der indonesische Unternehmer Wiyu Wahono ist einer der weltweit renommiertesten Sammler von Kunst, die den Zeitgeist spiegelt. Wie geht das? Und welchen Herausforderungen müssen sich Sammler dabei stellen?

Wenn ich in den 1930er-Jahren Sammler gewesen wäre und erkannt hätte, wie einflussreich Walter Benjamin werden würde, hätte ich Fotografien von Man Ray und László Moholy-Nagy gekauft“, überlegt der indonesische Unternehmer Wiyu Wahono. „Wenn ich in den 1960er-Jahren Sammler gewesen wäre und gewusst hätte, wie einflussreich Marshall McLuhan werden würde, hätte ich Kunstwerke von Wolf Vostell und Nam June Paik erworben. Da ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebe, sollte ich mich auf relevante zeitgenössische Denker wie Jean Baudrillard verlassen und mich fragen: Wie kann ich meine Sammlung so modellieren, dass deren Philosophie durch künstlerische Ausdrucksformen den Test der Zeit besteht?“

Der indonesische Unternehmer Wiyu Wahono versucht, durch die Sprache der Kunst den aktuellen Zeitgeist für zukünftige Generationen zu konservieren. In seiner Sammlung befinden sich Werke der Bioart, Lichtkunst, Klangkunst bis hin zu Performance-Kunst, Scanografie, audiovisuelle Installationen und digitale Kunst. Er steht somit in der Tradition von Sammlern wie Peggy Guggenheim, die entgegen allen Normen eine der einflussreichsten Sammlungen moderner Kunst zusammentrug, oder Ingvild Goetz, deren Hauptfokus stets bei unbekannten, unzugänglichen und oft auch schwierigen Kunstformen wie der Medienkunst der Gegenwart lag. Nur wenige Sammler haben den Mut, Objekte zu erwerben, die noch niemand so recht verstehen mag.

Bereits in der Moderne wurden viele Meisterwerke aufgrund ihrer Neuartigkeit nicht als solche erkannt. Kunst, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter den Voraussetzungen neuer Technologien und Weltanschauungen entstand, wurde zunächst als „impressionistisch“ beschimpft, weil sie die geltenden Regeln und Gesetze der Kunst missachtete. Heute hingegen gilt der Impressionismus als Ausgangspunkt der modernen Malerei.

Im 21. Jahrhundert sind neue Technologien kein passives Werkzeug der künstlerischen Praxis mehr. Meist kombinieren technologiebasierte Werke verschiedene Elemente, wie zum Beispiel eine physische Installation mit einer interaktiven Sound- und Softwarekomponente. Zu den Ausdrucksformen gehören Installationen, Filme, Videos oder Animationen, Internetkunst, Softwarekunst, Virtual-Reality-Kunst, Augmented-Reality-Kunst, Artificial-Intelligence-Kunst oder Robotic. Noch vielschichtiger sind die digitalen Themen wie Activism, Hacktivism, Telerobotics, Datenvisualisierungen, Public Interactives, Social Media oder das Web.

Diese Kunst zu sammeln bedeutet, sich mit dem Zeitgeist der eigenen Ära auseinanderzusetzen, Traditionen zu durchbrechen und sich der Zukunft zu stellen. Wie die Geschichte des Sammelns zeigt, sind es vor allem Unternehmer oder Wissenschaftler, die den Mut für Veränderungen aufbringen und vollkommen neue Kunst erwerben.

In der Sammlung von Wiyu Wahono liegt der Anteil technologiebasierter Werke bei rund 30 Prozent. „Mein technisches Wissen macht es mir wahrscheinlich leichter zu verstehen, wie ein technologiebasiertes Kunstwerk funktioniert“, sagt der Ingenieur mit einem Doktortitel in Kunststofftechnologie. Im Gespräch mit Annette Doms spricht er über seine Erfahrungen mit Kunst, die vollkommen neue Wege geht und sich deshalb jeglicher Vergleichbarkeit entzieht.

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private wealth: Wiyu, wie nähern Sie sich dem Thema Zeitgeist-Kunst?

Wiyu Wahono: Ich sammle Kunst mit der Fragestellung, was ein Mensch in 100 Jahren wohl am ehesten als unseren aktuellen Zeitgeist definieren könnte. Dies lässt sich leider immer erst nachträglich deuten. Rückblickend wissen wir heute, dass der Zeitgeist des 15. bis 16. Jahrhunderts der Humanismus war, der mit der Erfindung der Zentralperspektive in der Kunst zusammenfällt. Daher sind die historisch bedeutenden Gemälde dieser Zeit die Renaissance-Gemälde.

pw: Welche Inhalte entsprechen Ihrer Meinung nach unserer Zeit?

WW: Ich glaube, dass die wichtigsten Themen im Bereich Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel und Umwelt sowie Urbanisierung zu finden sind. Sie bestimmen unsere allgemeinen Lebensbedingungen – nicht nur in der Kunst –, sind heute für uns relevant, reichen aber auch in die Zukunft. Sammeln von Kunst im Kontext mit diesen Themen sehe ich als eine intellektuelle Erfahrung, die weit über eine sensorische hinausgeht.

pw: Wie nehmen Sie persönlich unsere Wirklichkeit wahr?

WW: Die Realität wird immer verschwommener und alarmierender. Wir leben in einer Zeit, in der unsere Fähigkeit, Realität von Fiktion zu unterscheiden, abnimmt. Was auch immer wir im Fernsehen oder im Internet lesen und sehen, ist größtenteils mediengetrieben und künstlich konstruiert, um unseren Weltanschauungen zu entsprechen. Deshalb müssen wir sehr kritisch sein, wenn wir etwas lesen und sehen.

Kunstwerke, die sich mit virtueller und erweiterter Realität befassen, zeigen, wie einfach die Wahrnehmung der Realität manipuliert werden kann. Die Arbeit „Seeing I“ von Mark Farid untersucht die psychologischen Auswirkungen der Realitätswahrnehmung, indem er als Künstler sieben Tage lang ein VR-Headset trägt und jeden Tag das Leben einer anderen Person erlebt. Je weiter wir in das Informationszeitalter vordringen, desto weniger greifbar wird unsere Wirklichkeit.

pw: Werden diese technologischen Entwicklungen auch die Wahrnehmung von Kunst verändern?

WW: Viele Künstler haben bereits ein Reich geschaffen, das nicht mehr menschlich ist. Kunst, die auf den Sinnen basiert, wird daher bald überholt sein. Die Ästhetik braucht neue Beschreibungen, um die künstlerische Praxis in der Ära der Kunst der neuen Medien zu verstehen.

pw: Technologien entwickeln sich rasant wie nie. Wie gehen Sie als Sammler von Medienkunst mit der Herausforderung um, dass bahnbrechende Ideen von heute schon morgen ein alter Hut sein könnten, die niemanden mehr interessieren?

WW: Natürlich bestechen technologiebasierte Kunstwerke durch fortschrittliche Technologien. Wir alle wissen jedoch, dass diese früher oder später zu unserem neuen Standard werden. Wenn ein Medienkunstwerk die Aufmerksamkeit der Zuschauer nur durch die Technologie auf sich zieht, verliert es eines Tages seinen magischen Effekt. Ich ziehe es deshalb vor, Medienkunst zu sammeln, die im Kontext von Umwelt, Urbanisierung oder Globalisierung steht. „Re-Animated“ von Jakob Kudsk Steensen ist beispielsweise ein VR-Kunstwerk, das sich mit einem ausgestorbenen Vogel in Hawaii befasst. Der Kontext der Umgebung wird dieses Kunstwerk für lange Zeit interessant halten.

pw: Wie gelingt es Ihnen, neuartige Kunstwerke frühzeitig zu identifizieren?

WW: Ich glaube an Kaizen, also an die Handlung, Schlechtes besser zu machen – sonst wäre ich nicht so eifrig dabei, neuartige Kunstwerke in ihrem frühen Stadium zu erforschen. Inspirierende Quellen sind diverse Bücher zur Theorie der zeitgenössischen Kunst. Einige meiner Lieblingsautoren sind Arthur Danto, Terry Smith, Julian Stallabrass, Alexander Dumbadze und Suzanne Hudson. Durch ihre Bücher konnte ich langsam ein klareres Bild davon gewinnen, warum zeitgenössische Kunst entstanden ist und was „zeitgenössisch“ heute tatsächlich bedeutet. Mit diesem Verständnis konnte ich die Schwingung von guter zeitgenössischer Kunst in einer Ausstellung spüren. Die Gedanken dieser Autoren und meine Erfahrung ermöglichen es mir, die Qualität innovativer Kunst zu erkennen.

pw: Wo finden Sie digitale Kunst?

WW: Traditionelle Kunstmessen sind nicht der richtige Ort für mich. Aber ich gehe gern zur documenta oder zur Biennale von Venedig. Das Beste ist die Ars Electronica in Linz. Das Fes­tival ist seit 1979 eine international einzigartige Plattform für digitale Kunst und Medienkultur. Aber ich besuche auch gern ungewöhnliche, für innovative Kunst bekannte Orte wie die texanische Kleinstadt Marfa, Naoshima Island in Japan oder das MONA – das Museum of Old and New Art in Tasmanien, Australien –, da diese mir ein einzigartiges Erlebnis bieten und meiner intensiven Leidenschaft für Kunst entsprechen. Ich würde auch gern einmal die der Land Art zugeordneten Arbeit „Double Negative“ (1969) von Michael Heizer in der Wüste von Nevada, USA, erleben. Orte, die nicht leicht zugänglich sind, faszinieren mich sehr.

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pw: Seit der Erfindung des iPhone ist unser Leben zunehmend digital. Warum ist digitale Kunst trotzdem noch immer ein Nischenprodukt?

WW: Vor allem ist die Auseinandersetzung mit der Frage, was Kunst heute ist oder sein kann, nicht mehr zeitgemäß. Beispielsweise kann das Lesen von Kunstbüchern über Kunst des 20. Jahrhunderts zu der fehlgeleiteten Suche nach einer Antwort auf die veraltete Frage „Ist das Kunst?“ führen. Oft beeinflusst die Zweckbestimmtheit bildender und angewandter Kunst wie Kunsthandwerk oder Produktdesign das Denken über Kunst. Dies kann dazu führen, dass neue Kunstsammler nach visuell ansprechenden Kunstwerken suchen, zum Beispiel nach einer signifikanten Form – der Kombination von Linien, Farben und Texturen –, die ihre ästhetischen Empfindungen berühren. Der Begriff „Form über Inhalt“ dominiert das Urteil darüber, was „gute“ Kunst ist. Das Sammeln digitaler Kunst unserer Zeit dagegen erfordert völlig andere Beurteilungskriterien wie zum Beispiel die Spezifität eines Mediums, die Bedeutung des Kontexts oder die Aussage des Kunstwerks über das Ästhetische hinaus. Es ist schwer, die digitale Welt zu „sehen“, mit der wir so verschmolzen sind – ein Fisch im Wasser stellt nicht infrage, was Wasser ist.

pw: Welche Herausforderungen warten auf einen Sammler von Medienkunst?

WW: Medienkunst zu sammeln und zu pflegen, ist sehr anspruchsvoll. Zum Beispiel fallen zusätzliche Kosten für Geräte und Installationen an. Aber für mich ist es Freude und Abenteuer zugleich. Ryoji Ikedas „data.tron“ beispielsweise – eine audiovisuelle Installation, die den Betrachter das unendliche Datenuniversum nach streng mathematischen Prinzipien erleben lässt – erfordert einen bestimmten Projektor, der schwer zu beschaffen und zudem ziemlich teuer war. Das Bild muss sehr scharf projiziert werden, um die winzigen Zahlen zu zeigen. Für Ming Wongs Videoinstallation „Life of Imitation“ musste ich sogar die Architektur meines Büros verändern, um einen Dark Room zu garantieren.

Ich habe auch ein Biokunstwerk des brasilianisch-amerikanischen Künstler Eduardo Kac in meiner Sammlung. Mit seiner eigenen DNA hat er eine gentechnisch veränderte Blume geschaffen. Die dunkelroten Adern der Blume symbolisieren Kacs eigene Adern. Die Blütenblätter ahmen Kacs Hautfarbe nach – ein Hinweis auf seine brasilianische Herkunft. Eine Blume in meinem Bürogebäude am Leben zu erhalten, ist eine Herausforderung, insbesondere für jemanden, der sonst keine Pflanzen besitzt und auch keinen grünen Daumen hat.

Ein weiteres meiner Biokunstwerke besteht aus 265 Glaskolben, die mit lebenden Bakterien gefüllt sind und ein mit einer Kamera aufgenommenes Bild imitieren. Es ist eine einzigartige, wundervolle Arbeit. Aber das Werk muss ein- bis zweimal im Jahr gereinigt werden. Das nimmt dann zwei Tage und zwei Personen in Anspruch! Und glauben Sie mir: Das manuelle Entfernen von mehr als 1000 winzigen Schrauben ist ziemlich nervig.  ®

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// Granular Synthesis.

„Die Arbeit ‚Modell 5‘ des Künstler-Duos Granular Synthesis – Kurt Hentschlaeger & Ulf Langheinrich – entstand 1994, als der digitale Camcorder erstmals der Öffentlichkeit zugänglich war“, erklärt Wiyu Wahono. „Frühere Camcorder waren analog, die Fähigkeit der Prozessverarbeitung war im Vergleich zu heute nicht gut. Das Künstler-Duo war Erstanwender dieser Technologie. Es hatte eine japanische Tänzerin gebeten, eine einfache Kopfbewegung auszuführen, die es mit dem Camcorder aufnahm. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden bewegte Bilder als ,digitale Datei‘ aufgezeichnet. Die Datei wurde in kleine Segmente – Körner genannt – geschnitten und dann wieder zu einem Kontinuum zusammengefügt. Während dieser Zeit war dieser Videobearbeitungsprozess etwas völlig Neues und Aufregendes. Die Künstler untersuchten, wie die Verarbeitung einer digitalen Datei mit diesem neuen Medium Emotionen ,erzeugen‘ kann – Müdigkeit, Schrecken, Stress, Erleichterung.

Das japanische Gesicht ist dabei eine Metapher für die zunehmende Zahl an Einwanderern, die seit 1989 im Zuge der Globalisierung, vor allem aber in den 1990er-Jahren, in jeder Stadt anzutreffen waren. Ich glaube, dass die menschliche Natur Angst vor dem Unbekannten hat, und durch die zu Körnern verarbeiteten Geräusche scheinen diese maschinenähnlichen, erschreckenden Fremdlinge eine unverständliche Sprache zu sprechen. Ich habe mich entschlossen, dieses wegweisende Kunstwerk zu erwerben, da es sowohl den Kontext der Digitalisierung als auch den der Globalisierung widerspiegelt.“

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// 0 degree.

„Die Arbeit ,0 degree‘ von Deni Ramdani betrifft das Thema Urbanisierung. In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der Megastädte beispiellos zugenommen, da immer mehr Menschen ihre Landhäuser verlassen, um in die Städte zu ziehen. Die Migration in dicht besiedelte Städte schafft viele Probleme, mit denen wir heute noch konfrontiert sind. Ironischerweise fühlen sich viele, die von Millionen Menschen umgeben leben, einsamer als je zuvor. Dies ist ein erns­tes, paradoxes Problem, das nach wie vor unterschätzt wird.

Ramdani erinnert mit dieser Arbeit an sein eigenes Dorf – ein einst idyllischer Ort mit schattigen Bäumen, klaren Wasserläufen und Fischteichen, winzigen Wäldern und Hügeln, bevor es durch ausländische Bauunternehmen massiv verändert wurde.

Seine Arbeit zeigt eine Plastiktüte, die mit Wasser und einem Goldfisch gefüllt ist. Die Tüte hat kleine Löcher, aus denen langsam Wasser entweicht. Das Bewusstsein darüber, dass dieser Fisch bald ersticken und sterben wird, bereitet dem Betrachter ein unangenehmes Gefühl. Diese Arbeit ist für mich eine Metapher für die menschlichen Zustände in Megastädten, deren Ressourcen bald erschöpft sind. Unsere nachlässige Haltung gegenüber der Umwelt bleibt in vielen Ländern der Welt bestehen. Wenn wir nicht alle Löcher stopfen, um das Auslaufen des Wassers zu verhindern, sind wir alle Fische im Beutel, die langsam zu Tode kommen.“

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// Non-Fungible token (NFT).

Im März erzielte die Versteigerung eines Digitalkunstwerks des US-Künstlers Beeple im Auktionshaus Christie’s 69 Millionen US-Dollar. Der Verkauf brachte Beeple in die Top drei der wertvollsten lebenden Künstler – hinter Jeff Koons und David Hockney. Das Kunstwerk wurde mit einem digitalen Echtheitszertifikat versehen, einem „non-fungible token“ (NFT), das mithilfe der Blockchain authentifiziert, zertifiziert und absolut fälschungssicher identifiziert werden kann. NFTs sind unikatisierte CryptoCollectibles und ein Teilbereich der digitalen Kunst. Die Blockchain-Technologie wird somit jenseits der Finanzwelt auch mit Kunst in Verbindung gebracht und sorgt für mehr Transparenz und Demokratisierung im Kunstmarkt. Ihren Wert bestimmt derzeit die enorme Nachfrage. Der Visionär Wiyu Wahono hat bereits vor einigen Monaten Krypto-Kunstwerke gekauft.

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Autorin: Dr. Annette Doms

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