• Dr. Günter Kast

Ein Herz für Afrika.

Babanango aufmacher

Leidenschaft. Hellmuth Weisser war sehr viele Jahre lang Miteigentümer, Vorstands- und Aufsichtsratschef des weltweit tätigen Hamburger Energiehändlers und Tanklagerbetreibers Marquard & Bahls AG. Jetzt baut er in Südafrika ein 22000 Hektar großes Tierschutzgebiet auf und nimmt dafür rund 30 Millionen Euro in die Hand.

Hellmuth Weisser sitzt zu Hause in Hamburg. Nicht, dass es ihm dort nicht gefällt. Aber eigentlich möchte er endlich wieder nach Südafrika. Mit eigenen Augen sehen, wie aus seinem Babanango Game Reserve ein Garten Eden für Tiere und Pflanzen wird und die ringsherum lebenden Menschen von seinem neuen Schutzgebiet profitieren.

Allein: Er ist jetzt 73 Jahre alt. Und in Südafrika wütet die Pandemie ähnlich verheerend wie in Europa. „In den vergangenen zwölf Monaten wollte ich vier Mal reisen, habe es aber immer wieder verschoben“, sagt er mit Bedauern in der Stimme. Zum Glück hat er verlässliche Partner vor Ort, die sein Projekt gedeihen lassen und ihn auf den neuesten Stand bringen. „Dieses Jahr bekommen wir die ersten Elefanten. Die Nashörner sind schon da. 2022 werden dann auch Löwen ausgewildert.“ Und kürzlich haben 40 Männer die vor Langem eingeschleppten Eukalypten gefällt, eine in Südafrika nicht heimische, aber wegen ihres schnellen Wuchses beliebte Art. „Diese Bäume sind gierig nach Wasser. Seit sie weg sind, beginnen kleine Bachläufe wieder Wasser zu führen, an die Ufer kehren vergessene Arten zurück.“

Wer den Unternehmer über sein Herzensprojekt sprechen hört, spürt eine tiefe Verbundenheit mit dem Schwarzen Kontinent. Da scheint einer seine Berufung gefunden zu haben. Die Jahrzehnte davor, in denen er dem vom Vater gegründeten Familienunternehmen seinen Stempel aufdrückte und es noch größer und erfolgreicher machte, wirken im Rückblick lediglich wie ein Aufgalopp. Wie eine Zeit, in der er der Pflicht Genüge tat, mitunter sogar Spaß dabei hatte, und ganz nebenbei die finanzielle Freiheit erlangte, die es ihm heute ermöglicht, seine Träume zu verwirklichen.

Babanango 1

Weisser ist vier, als er zum ersten Mal von Afrika hört. Die Eltern waren 1951 sechs Wochen lang durch Schwarzafrika gereist – so kurz nach dem Krieg ein veritables Abenteuer. „Ich erinnere mich heute noch an ihre Geschichten: Wie schwierig alles war, wie mysteriös und rätselhaft.“ Später ist der Vater wieder dort, um Exportgeschäfte anzubahnen. „Zu Hause kam Post aus Afrika an. Ich fing an, Briefmarken von diesem Kontinent zu sammeln.“

1971, nach einem kleinen Ausflug als Gründer eines Stahlröhrenhandels, steigt der Junior in der Firma seines Vaters ein. Theodor Weisser hatte 1947 den Hamburger Getreideimporteur Marquard & Bahls übernommen, weil die britischen Besatzer Unternehmungsgründungen von Deutschen noch nicht wieder erlaubt hatten. Später reüssiert der Senior mit dem Handel von Schmier- sowie Heizölen und baut die Tanklagersparte zu einem zweiten Standbein aus. Bereits 1968 übergibt er den Stab an Hellmuth Weissers zwölf Jahre älteren Bruder Hans.

Als dieser sich 1985 aus gesundheitlichen Gründen zurückzieht, übernimmt Hellmuth Weisser, der bis dahin nur jene Bereiche leitete, die nicht unmittelbar mit Mineralöl zusammenhingen, gemeinsam mit Joachim Brinkmann die Geschäftsführung der Holding. „Es war hart“, sagt er im Rückblick. Einige altgediente Manager glauben, sie hätten nun leichtes Spiel. Doch Weisser hat eine klare Linie. Er beharrt auf dezentralen Führungsstrukturen, delegiert Verantwortung, lässt 2003 mit dem Niederländer Wim Lokhorst sogar einen familienfremden Manager ran – für den 1997 verstorbenen Vater wäre das ein Sakrileg gewesen.

Gerade einmal 55 ist Weisser, als er in den Aufsichtsrat wechselt. 2013 gibt er auch dort den Vorsitz ab: „Ich war heilfroh darüber. Es ist mir nie schwergefallen loszulassen.“ Später trennt er sich sogar von seinen Anteilen, behält nur noch drei symbolische Aktien. Der Firma geht es auch ohne ihn gut, er hat die Weichen richtig gestellt: 2019 setzte Marquard & Bahls mit knapp 8000 Mitarbeitern 13,88 Milliarden Euro um.

Endlich hat Hellmuth Weisser nun Zeit für Reisen. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara, die unabhängig von der Firma lange Zeit Hausprojekte leitete, geht er ausgiebig auf Safari – in Ostafrika, aber auch im Süden des Kontinents. Des Öfteren besucht er auch seine Nichte, die nach Südafrika gezogen war, wo inzwischen der ANC regiert. Zuerst kommt er alle zwei Jahre, dann jedes Jahr, dann zweimal pro Jahr. „Während dieser Zeit hat es bei mir gefunkt“, gesteht er.

Babanongo 2

Das Afrika-Fieber packt ihn. Im Jahr 2016 lernt er Jeffrey van Staden kennen, mit dessen deutsch-südafrikanischer Safari-Agentur er mehrmals verreist war. Van Staden ist ein erfahrener Veteran der Naturschutz- und Safari-Industrie. In der Provinz KwaZulu-Natal (KZN) geboren, kennt er die Zulu-Kultur bestens, hatte als Kind sogar einen Zulu-Spitznamen. Er erzählt Weisser von einem Community Trust, der seine 17000 Hektar Land unter bestimmten Voraussetzungen in ein Tierschutzgebiet umwandeln möchte.

Die Weissers sehen sich Babanango selbst an – und sind sofort begeistert von den von Grasland bewachsenen sanften Hügeln, von den dicht bewaldeten Ufern des White Umfolozi River, von diesem Stück Wildnis, das auch in Südafrika immer schwieriger zu finden ist. Besonders interessant ist, dass sie hier auf historischem Boden stehen: Vor 200 Jahren befand sich dort das Zentrum der lange als unbesiegbar geltenden Zulu-Nation und ihres charismatischen Königs Shaka. Ein weiterer Trumpf: Babanango ist frei von Malaria, was gerade von europäischen Touristen, die Weisser im Blick hat, sehr geschätzt wird.

Der Hamburger Unternehmer und der Tourismus-Profi beauftragen einen südafrikanischen Wirtschaftsprüfer. Er soll aufzeigen, wie sich ein Kauf des Landes juristisch in trockene Tücher packen lässt. „Als der Bericht nach sechs Monaten fertig war, waren die wichtigsten Punkte tief im Kleingedruckten versteckt“, erzählt Weisser. „Es war schwierig, den Report richtig zu lesen und zu interpretieren.“ Willkommen im politischen Hochrisikoland Südafrika. Dort, wo einerseits politische Gruppierungen wie die Economic Freedom Fighters von Julius Malema für eine entschädigungslose Enteignung weißer Grundbesitzer eintreten. Wo andererseits aber auch Projekte wie das Umfolozi Biodiversity Economy Node zu Partnerschaften zwischen örtlichen Gemeinden, privaten Investoren und Naturschützern ermutigen.

Weissers Lösung: 2017 pachtet er 17000 Hektar von dem Community Trust und kauft weitere 5000 Hektar von privaten Wildfarmen hinzu. Er gewöhnt sich daran, dass nicht sofort alles rundläuft. Der Trust hatte zum Beispiel zugesagt, dass auf dem Land keine Menschen leben. Tatsächlich waren da aber vier Familien. „Wir mussten sie auf unsere Kosten für sehr viel Geld umsiedeln.“

Nun endlich können sich Barbara und Hellmuth Weisser Gedanken darüber machen, wie ihr Game Reserve einmal aussehen soll: Welche Tierarten sollen wiederangesiedelt werden? Wie viele Lodges welcher Preiskategorie sollen Touristen beherbergen? Wie holt man die umliegenden Kommunen ins Boot? Wie ist der Kampf gegen Wilderer zu gewinnen? Dem Ehepaar hilft nun, dass sie auf Safari schon viele Schutzprojekte kennengelernt hatten. Mit am besten hatte ihnen das Phinda Private Game Reserve gefallen, ebenfalls in KZN. „Phinda ist mein Leitstern“, sagt Weisser. „So hell soll auch Babanango einmal strahlen.“

Im nächsten Schritt teilt das Trio die Aufgaben auf. Van Staden verantwortet als COO der neu gegründeten African Habitat Conservancy (AHC) das operative Geschäft, Barbara Weisser managt den Bau und Betrieb der Lodges, und Hellmuth Weisser kümmert sich um Strategie und Finanzen. Bis 2024 sollen insgesamt 550 Millionen südafrikanische Rand, knapp 30 Millionen Euro, investiert werden. „Eigentlich wollten wir bereits 2022 fertig sein, dann werde ich 75.“ Doch Corona habe die Pläne verzögert, vor allem bei Baumaterialien gebe es Engpässe. Dennoch sind bereits drei Lodges – Babanango Valley, Zulu Rock und Matatane – in Betrieb, eine vierte soll-Ostern 2022 an den Start gehen. „Wir planen den Cash Break-even für 2023. Ob sich das trotz der Pandemie schaffen lässt, ist aber ungewiss. 2020 hatten wir fast nur inländische Gäste. Es gibt leider viele Covid-19-Fälle in KZN, auch im Bekannten- und Freundeskreis.“

Zu tun bleibt trotz fehlender Kundschaft genug. „Babanango ist ein großes Start-up in einer Branche, die neu für mich ist“, räumt Weisser ein. „Ich investiere viel mehr Zeit, als ich gedacht habe.“ Er hat dabei beileibe nicht nur die Tiere im Blick, sondern auch den sozialen Aufstieg der Partner des Reservats, der Gemeinden Emcakwini, KwaNgono und Esibongweni. Sie vor allem sollen von einem nachhaltigen Tourismus profitieren. „Wir haben bis dato 180 Jobs geschaffen, davon 165 für hier Geborene.“ Es sei jedoch ernüchternd zu sehen, „wie wenig Qualifikation da vorhanden ist. Wir hätten zum Beispiel einen Mechaniker gebraucht, aber den gab es nicht.“

Leichter sei es gewesen, für den Service in den Lodges weibliche Mitarbeiter zu gewinnen: „Sie sind stolz auf ihren Job.“ Gern würde er auch Führungsaufgaben an Einheimische vergeben, doch das sei nicht so einfach. Immerhin konnte van Staden den Vizechef für Tierschutz von Phinda abwerben. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass sich Babanango eines Tages autonom, ohne Zugezogene, selbst managen kann, gibt Weisser eine ehrliche Antwort: „Vermutlich nicht mehr in dieser Generation.“

Um den ans Reservat angrenzenden Gemeinden unter die Arme zu greifen, haben die Weissers Mitte 2020 die African Habitat Conservancy Foundation (AHCF) gegründet und mit sechs Millionen südafrikanischen Rand ausgestattet, rund 326000 Euro. Zusätzliches Geld kommt von den Safari­gästen: Deren Naturschutzabgabe wird je zur Hälfte für die Stiftung und den Tierschutz verwendet. Die AHCF finanziert damit Schulmittel, Bohrlöcher mit sauberem Wasser, Sportveranstaltungen, Tierarzt-Besuche von Rinderzüchtern oder den Kauf von Saatgut für Bauern, die Salat und Gemüse für die Lodges anbauen wollen.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie wurden auch Essenspakete mit energiereichem Sorghum-Brei verteilt. Eric Buthelezi, ein angesehener Sprecher der Gemeinden, ist deshalb voll des Lobes für den deutschen Investor. „Er achtet sehr darauf, dass die Entwicklung unserer Dörfer und der Tierschutz Hand in Hand gehen. Was Herr Weisser für uns tut, lässt sich mit Worten gar nicht ausdrücken. Als ich hier aufwuchs, wurden unsere Leute und unsere Region von der Apartheid-Regierung im besten Fall ignoriert und vernachlässigt. Manchmal wurden unsere Häuser zerstört, Männer verschwanden für lange Zeit. Wenn ich sehe, wie eng heute Weiß und Schwarz zusammenarbeiten, dann ist das wie ein Traum für mich.“

Babanango 3

Weisser ist klar, dass die Wirklichkeit nicht ganz so rosafarben ist. Er kennt die Kritik am sogenannten Philanthro-Kapitalismus und die damit verbundene Forderung, den Naturschutz zu dekolonisieren, weil der Einfluss wohlhabender Tierschützer zu weit ginge, so gut dieser auch gemeint sein mag. Die US-Autorin Stephanie Hanes zum Beispiel klagt in „White Man’s Game“, dass so nur neue Parks von Weißen für Weiße geschaffen und die Bedürfnisse der Anrainer-Gemeinden zu wenig berücksichtigt würden. Auch der Vorwurf, dass privates Geben mitunter zu einer Fehlallokation von Kapital führe, ist immer wieder zu hören. Ein Löwen-Baby locke mehr Geld an als zum Beispiel das Schicksal der zur Flucht gezwungenen Rohingya in Myanmar. „Ja, das ist wohl so“, überlegt Hellmuth Weisser, „aber ich habe trotzdem ein gutes Gewissen. Ich denke, die Gründung der African Habitat Conservancy Foundation ist eine gute Sache.“

Und ja, es freue ihn ganz einfach, dass in Babanango wieder Leoparden und sogar Karakale gesichtet werden. Dass Büffel, Kudus, Gnus, Nyalas, Zebras, Busch- und Wasserböcke sowie Impalas über die Hügel des eingezäunten Reservats streifen. Und dass gleichzeitig auch Reptilien- und Schmetterlings-Fans auf ihre Kosten kommen. „Wir wollen das Land wieder in eine unberührte Wildnis mit der Flora und Fauna verwandeln, die vor Hunderten von Jahren hier zu finden war.“

Ein „Bio-Blitz“, eine jüngst durchgeführte „Volkszählung“ unter der Tierwelt, habe gezeigt, dass hier mittlerweile wieder 40 Prozent aller Vogelarten Südafrikas heimisch sind. Die Natur erholt sich, unter anderem deshalb, weil Rinder im Game Reserve nicht mehr weiden dürfen.

Auch für seine Familie, schmunzelt Hellmuth Weisser, sei das Leben durch sein afrikanisches Abenteuer ein bisschen einfacher geworden. „Früher wussten die nie, was sie mir zum Geburtstag schenken sollen. Jetzt habe ich von meinem Ältesten vier Flusspferde bekommen. Was kann es Schöneres geben?“ ®

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Ein Besuch im Babanango Game Reserve.

// Anreise: Per Charterflug ab Durban oder Johannesburg direkt zum Ulundi Airport, wo man von den Lodge-Teams abgeholt wird. Mit dem Auto dauert die Anreise von Johannesburg sieben Stunden, von Durban dreieinhalb Stunden. Das Game Reserve verfügt über einen Hubschrauberlandeplatz. Die Anreise kann also auch mit dem eigenen oder gecharterten Helikopter erfolgen.

// Einreise und Ausreise: Aktuelle Covid-19-Protokolle beachten!

// Websites: https://africanhabitat.orghttps://babanango.co.za, https://babanangovalleylodge.co.zahttps://zulurock.co.za, https://matatanelodge.co.za

// Aktivitäten: Pirschfahrten, Mountainbike-Touren, Trekkings und Walking Safaris, Spezialtouren für Vogel- und Schmetterlings-Freunde, Busch-Dinner, History- & Heritage-Ausflüge, Spa-Behandlungen.

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Autor:  Dr. Günter Kast

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