• Jan Lehmhaus

Made to measure.

Uhren1Personalisierte Uhren. Die Digitalisierung der traditionsverhafteten Uhrenbranche schreitet in Riesenschritten voran. Sie eröffnet Liebhabern individueller Zeitmesser künftig neue Wege zu ihrem ganz persönlichen Lieblingsstück.

Das Gehäuse ist wahlweise aus hellem oder schwarz beschichtetem Titan. Die Lünette, also die Umrandung des Zifferblattes, entspricht den Lacktönen des 911ers wie „Racinggelb“ oder „Mojavebeige“. Beim Armband aus Sportwagenleder in 14 Tönen ist Stitching nach Wunsch in 19 möglichen Garnfarben möglich. Der „Internet Timepieces Konfigurator“ von Porsche Design lehnt sich in der Menüführung stark an den Auswahlprozess für einen 911er an – schließlich soll sich der Kunde ja auch die exakt passende Uhr zu seinem Wagen zusammenstellen können.

Ein besonderes Highlight sei der Aufzugsrotor im Felgendesign, erzählt Gerhard J. Novak, General Manager Porsche Design Timepieces. Der Kunde könne dabei nicht nur die Felgenform auswählen, sondern diese auch in Wagenfarbe lackieren lassen. Eine Gravur ist ebenso auf dem Gehäuseboden wie auf der Aufbewahrungsbox des Chronografen realisierbar, der spätestens so einmalig wird.

„Vielen ist es wichtig, ihren Chronografen passend zu ihrem Sportwagen zu gestalten. Dies wird so möglich“, erklärt Novak. Ebenfalls in Echtzeit reagiert dabei natürlich auch die Preisanzeige des Konfigurators auf jedes Extra und erinnert ebenfalls an die Onlineplanung eines Traumautos.

Kaum etwas macht ein Luxusgut so erstrebenswert wie Einzigartigkeit, die Tatsache, dass es ganz auf seinen Besitzer zugeschnitten ist. Bei Armbanduhren – stets Ausdruck persönlicher Präferenzen und individuellen Geschmacks – blieb dies lange nur sehr wenigen Kunden mit großem finanziellem und zeitlichem Spielraum vorbehalten. Denn sie sind in der Regel Serienprodukte, zwar handwerklich gefertigt, aber einander möglichst gleich. Personalisierungen waren bislang ein Sonderwunsch, verteuerten die Uhr nicht nur erheblich, sondern setzten voraus, dass der Kunde von solchen Angeboten überhaupt wusste: von Emaillemalerei auf dem Gehäuseboden, Zifferblattdekor in Wunschfarben, Automatikrotoren mit sehr persönlicher Reliefgravur. Denn öffentlich kommuniziert wurden diese Möglichkeiten kaum, schon weil die Kapazitäten der auf die delikaten Verzierungen spezialisierten Kunsthandwerker in den Manufakturen beschränkt sind.

Mittlerweile eröffnet die Digitalisierung aber auch der Branche, die sich mit ihren mechanischen Produkten lange als Gegenentwurf zu Industrialisierung und Elektronifizierung der Welt verstanden hat, ganz neue Möglichkeiten. Seit die Produzenten über Social-Media-Plattformen immer öfter in direktem Kontakt zu ihren Kunden stehen und deren Bedürfnisse besser kennenlernen, installieren sie Onlinetools zur Gestaltung nach Wunsch. „In zunehmend digitalen Zeiten nimmt die Bedeutung von Individualisierungsmöglichkeiten zu. Uhren sind ein Ausdruck von Selbstwertgefühl, es gibt eine starke persönliche Bindung an dieses Accessoire. Für unsere Kunden ist es deshalb wichtig, ihre Uhr zu einem ganz individuellen Teil ihres Lebens machen zu können“, erklärt Chabi Nouri, CEO von Piaget, und fährt fort: „Die Digitalisierung bietet uns zudem die Chance auf mehr Sichtbarkeit. Wir können einem viel größeren Publikum zeigen, was hinter den Uhren steckt – Technologie, die Innovationskraft einer traditionsreichen Branche.“ Das interessiere auch die nächste Generation und dämpft dadurch vielleicht sogar ein wenig die Sorge der Uhrenindustrie, dass die Digital Natives als Kundennachwuchs ausbleiben könnten.

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Auch darum hat Piaget, seit jeher Spezialist für die Erfüllung von Extrawünschen, seinen „Style Selector“ der 1960er-Jahre unter dem Namen „Infinitely Personal“ wiederbelebt und digitalisiert. Zunächst nur für das Spitzenprodukt „Altiplano Ultimate Concept“, nun kommt mit der „Altiplano Tourbillon“ ein zweites High-End-Modell hinzu. Der Käufer kann in der Piaget-Boutique aus verschiedenen Gehäusegrößen, einer Vielzahl von Zifferblattfarben, passenden Lederbändern und Diamantbesatz-Formen seine ideale Variante kombinieren – und darauf vertrauen, dass das Endergebnis auch so aussieht wie auf dem Monitor. Vor wenigen Jahren wäre eine derart realistische Darstellung noch kaum möglich gewesen.

Auch die Konzernschwester Jaeger-LeCoultre setzt auf den Individualisierungs-Trend. Für viele Kunden gehöre das Besprechen der Ausstattung beim Juwelier schon lange zum Kauferlebnis, heißt es dort. Zusätzlich hat die Manufaktur auf ihrer Website auch ein Tool eingerichtet, mit dem der Kunde die Gravur einer Reverso optisch ausprobieren und in Auftrag geben kann. Die Rückseite des klassischen Wendegehäuses wäre eigentlich ein idealer Träger für kurze Textbotschaften. Aber die meisten Kunden, so ist es aus dem Haus zu hören, bevorzugten Initialen, ein Datum oder eine Kombination aus beidem, vielsagend wohl nur für den Träger.

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Da sind die Kunden von Nomos offenbar mitteilsamer. Die sächsische Manufaktur nimmt schon länger Online-Gravuraufträge entgegen. In ihrer Datenbank findet sich neben Privatem („Von Schatzi für Schnuffi“) auch Praktisches wie Anschrift und Mailadresse eines Besitzers, der offenbar zum Verlegen seiner Uhren neigt. Abitur-Glückwünsche („Nie mehr Stochastik!“), Terminerinnerungen („Bridge immer mittwochs, 18:30 Uhr, Gasthof „Zur Post“) und Einsichten zur Kindsgeburt („Selbstverwirklichung kann warten“) werden ebenfalls gern verewigt.

Ursprünglich eingerichtet, um die „Campus“-Uhren des Hauses mit einer kostenlosen Widmung versehen zu lassen, hat sich das Tool zu einem Selbstgänger entwickelt, auch wenn die Personalisierung anderer Modelle kostenpflichtig ist. „Inzwischen werden 15 Prozent der von uns ausgelieferten Uhren graviert“, schätzt Simone Elbe, Verkaufsleiterin DACH bei Nomos Glashütte. „Die meisten Aufträge erfolgen von zu Hause.“

Während viele etablierte Hersteller ihre Produkte nur in geringer Variationsbreite anbieten, in mehreren Größen etwa und mit verschiedenen Zifferblattfarben, aber festgelegt auf die Formensprache und andere markentypische Designcodes, sind innovative Microbrands schon einen Schritt weiter. Sie setzen allein auf den Onlinevertrieb ihrer Produkte und sind dabei völlig antiautoritär.

Das Start-up anOrdain im schottischen Glasgow baut zum Beispiel Uhren mit traditionell handemaillierten Zifferblättern – und einer ganz und gar netzbasierten Individualisierungsmöglichkeit. Statt einer Textgravur kann der Käufer auch eine Landkarte in den Gehäuseboden gravieren lassen, je nach gewähltem Ausschnitt und Zoomfaktor zeigt diese abstrakte Höhenlinien oder das Straßenmuster des Lieblingsstadtteils.

Spezialisten wie das US-amerikanische Unternehmen Vortic Watch machen sogar die Restaurierung oder Umwidmung his­torischer Zeitmesser individuell erlebbar: Der Kunde sendet eine alte Taschenuhr nach Colorado, wo Vortic Zifferblatt- und Werksseite fotografiert und in ein Online-Planungstool einfügt. Hierüber kann der Besitzer dann zu Hause den Umbau zur Armbanduhr steuern und dabei Gehäuse, Krone und Lederband auswählen.

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Bei Undone Watches kombiniert der Kunde am Bildschirm völlig frei Gehäuse, Zifferblätter, Lünettenart und -farbe sowie ganz unterschiedliche Zeigerformen, ergänzt auf Wunsch ein Datumsfenster und kann sein Projekt natürlich auch mit seinen Initialen versehen. Was dabei herauskommt, muss ja nur ihm gefallen. Immerhin: Auch bei Nichtgefallen werden nach Rücksendung 50 Prozent des Kaufpreises erstattet.

Solche Enttäuschungen möchten die Verantwortlichen bei Ochs und Junior in La Chaux-de-Fonds möglichst von vornherein vermeiden. Für jedes optische Element der ganz eigenständig gestalteten Zeitmesser stehen zwar verschiedene Farben, Materialien und Oberflächen zur Verfügung, darunter so Ungewöhnliches wie gehämmertes Platin, patiniertes Kupfer („Nebra“) oder Sterlingsilber mit Abrieb. Doch zusätzlich baut der Konfigurator eine Brücke zurück in die analoge Welt. Der fertig komponierte Entwurf lässt sich auf Papier in Originalgröße ausdrucken und ans Handgelenk legen. Und alles, was am Rechner nicht möglich sei, lasse sich am Telefon besprechen. „Sie können Ihre persönliche Uhr auch im direkten Dialog mit uns gestalten“, heißt es bei Ochs und Junior. ®

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Digitaler Mehrwert.

Die Digitalisierung der Uhrenbranche bringt vielleicht bald auch die Chance zur individuellen digitalen Aufrüstung mechanischer Zeitmesser. Spätestens seit diesem kontakt- und bargeldlosen Jahr sind Uhren gefragt, mit denen sich im Vorbeigehen bezahlen lässt. Spezielle Smartwatches und quarzgetriebene Spezialitäten wie die Swatchpay machen dies möglich.

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Das Schweizer Unternehmen Winwatch allerdings hat nun Uhren-Saphirgläser entwickelt, in die unsichtbar ein Infineon-Bezahl-Chip samt Antenne integriert ist. So lässt sich jeder Zeitmesser um diese Funktion ergänzen. Zumindest theoretisch. Noch müssen die Gehäuse der meisten Uhren – mit Ausnahme von ein paar großen Sportuhrenklassikern mit kräftigen Lünetten – für die Aufnahme des Glases entsprechend vorgerüstet werden. „Es sind kleine Anpassungen nötig, weil das Glas etwas dicker ist“, erklärt Winwatch-CEO Alex Kalbermatten. Er ist deshalb jetzt auf der Suche nach Uhrenmarken, die ihre Erfolgsmodelle ab Werk mit seinem gechipten Glas ausrüsten und zum Portemonnaie machen wollen, „dabei können wir uns auch Co-Branding von namhaften Uhrenmarken und Banken vorstellen“.

Ganz individuell wird es dann mit einer nächsten Entwicklungsstufe: „Perspektivisch lassen sich auch ältere Uhren mit dem Glas nachrüsten“, erklärt Kalbermatten. Manch einer müsste sich künftig deshalb bei der Wahl seiner Uhr nicht mehr zwischen elektronisch-praktisch und ehrwürdig entscheiden – und besäße einen wirklich einmaligen Zeitmesser.

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Autor: Jan Lehmhaus

Fotos: Porsche Design // Piaget // Jaeger-LeCoultre // Nomos // anOrdain // NOMOS Glashütte // Vortic Watch Company // UNDONE // Ochs und Junior

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