• Prof. Heiko Kleve, Kristin Beer, Wittener Institut für Familienunternehmen

Zwischen Tradition und Moderne.

Witten GenogrammDie große Herausforderung von Unternehmerfamilien besteht darin, in einer sich rasch verändernden Gesellschaft die Balance zwischen Tradierung und Modernisierung ihrer Lebensverhältnisse zu halten. In der Forschung untersucht das WiFU, wie das gelingen kann.

Unternehmerfamilien sind soziale Systeme, die eine starke Traditionsorientierung zeigen – die Lebensstile werden von einer an die nächste Generation übertragen und weitergeführt. Was in der Soziologie als Pluralisierung von Lebenswelten und Individualisierung von Lebensverläufen beschrieben wird, offenbart sich in diesen Familien deshalb weniger deutlich. Kinder aus mehrgenerationalen Unternehmerfamilien leben so wie ihre Eltern und Großeltern. Gewohnheiten, Sitten, Gebräuche und Moralvorstellungen konservieren sich stärker als in herkömmlichen Familien.

Dies ist vor allem damit erklärbar, dass in Unternehmerfamilien nicht nur das Leben selbst an die nächste Generation weitergereicht wird, sondern auch das Unternehmenseigentum. Eigentum verpflichtet und bindet diejenigen, die dieses bekommen, an jene, die es geben, also an die Ahnen. Diese Wechselseitigkeit von Geben und Nehmen prägt das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Eine solche Verbindung aus Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung kann als Patchwork unterschiedlicher Zeitepochen in der Gestaltung des täglichen Lebens bewertet werden. In unserer Forschung untersuchen wir, wie dies realisiert wird, wie es gelingt und mit welchen Herausforderungen es einhergeht. Der methodische Ansatz ist die Analyse von Familienstrukturen im historischen Zeitverlauf mithilfe von Genogrammen – bildlichen Darstellungen von Familienstrukturen. Sie sind mit Stammbäumen vergleichbar. Weil sie alle Familienmitglieder aufführen und nicht bloß jene einer Verwandtschaftslinie, gehen sie aber über diese hinaus. So lassen sich Personen und deren Familienbeziehungen in ihren jeweiligen familienhistorischen Bezügen betrachten.

Neben der Auflistung familiärer Zugehörigkeiten und Beziehungen der Familienmitglieder untereinander werden die Daten der Familie zusammengetragen, also Namen, Kinder, Geschwisterreihen, Partnerschaften, Trennungen, Berufe, Krankheiten, Todesdaten, Religionsmitgliedschaften sowie gegebenenfalls weitere besondere Ereignisse.

Durch die übergenerationale Analyse dieser Daten können Muster gefunden werden, die sich in der familiären Dynamik und Struktur zeigen. Es geht darum herauszuarbeiten, wie sich in der jeweiligen Lebenspraxis einer Familie Ereignisse und Entscheidungen durch die Gesamtschau mehrerer Generationen zu Mustern verdichten, wie sich Wiederholungen oder Tradierungen zeigen. Denn in diesen Informationen spiegeln sich die Verbindungen zwischen Tradition und Moderne, und zwar als Abbild des zum jeweiligen Erhebungszeitpunkts aktuellen gesellschaftlichen Kontextes sowie der damit verbundenen familialen Herausforderungen vor dem Hintergrund der Geschichte der Familie.

Beispielhaft lässt sich dies am abgebildeten Genogramm nachvollziehen.

Heribert ist Gründer eines Metallbauunternehmens in Essen. Er heiratet Maria, die aus Halle stammt. Beide bekommen drei Kinder: Das erste Kind ist ein Mädchen. Es wird mit dem Erstnamen wie seine Mutter benannt.

Aus der Historie wissen wir, dass Frauen in der Vergangenheit nur äußerst selten als Nachfolgerinnen in Betracht kamen, – es galt das Primogenitur-Prinzip der männlichen Linie. Als schnell ein weiteres Kind auf die Welt kam – ein Junge –, galt dieser als potenzieller Nachfolger. Er wurde nach seinem Vater, dem Gründer, Heribert benannt. Wie seine große Schwester erhielt er einen Zweitnamen. Es erfolgte bei den ersten beiden Kindern somit eine Namensweitergabe aus der Elterngeneration mit einem zusätzlichen Namen. Dies allein könnte schon die bewusste Kombination aus Tradition und Moderne vermuten lassen: Der erste Name steht für die Loyalität zu den Eltern, für die Weiterführung der Familiengeschichte. Der zweite Name symbolisiert das Neue, die Moderne.

Heribert Markus ergreift denselben Beruf wie sein Vater, Metallbauer, und wird im Jahr 2003 Nachfolger im familiären Unternehmen. Zum Zeitpunkt der Nachfolge hat seine Frau Erna bereits vier Kinder zur Welt gebracht, die wiederum als potenzielle Nachfolger zur Verfügung stehen. Der Bruder Heinrich ist der Drittgeborene. Er erhält einen Namen, der traditionell Adligen gegeben wurde. Daher kann vermutet werden, dass die Eltern bestimmte Hoffnungen mit seinem Leben verbanden.

Heinrich wird Künstler, kommt also als Nachfolger tendenziell nicht infrage. Außerdem heiratet er nicht und bekommt keine Kinder. Daher ist dieser Familienstrang für eine klassische Nachfolgeregelung nicht relevant.

Auch der erste Familienstrang, die Familie von Marie Henriette, steht für eine klassische männliche Unternehmensübernahme nicht zur Verfügung: Es wurden in der zweiten Generation zwei Mädchen geboren. Die Kinder von Heri­bert Markus und Erna, die gebürtig aus Halle kommt (was die Frage aufwirft, wie die beiden sich kennengelernt haben), erhalten christlich geprägte Namen wie schon die Mutter von Heribert Markus und seine Schwester.

Beim Erstgeborenen erfolgt eine neuerliche Namenswiederholung: Johannes Heribert. Daher könnten wir vermuten, dass diesem Kind qua Geburt die Nachfolgeerwartung, mithin die Weiterführung der Familientradition mit in die Wiege gelegt wurde, jedoch bei einem gleichzeitigen Bezug zur Moderne, wofür möglicherweise der andere Name steht. Interessant ist hier, dass es offenbar eine Prioritätenverschiebung gibt, denn der traditionsreiche Vorname, Heribert, steht jetzt an zweiter Stelle.

Anhand dieser knappen, begrenzten Genogramm-Analyse ist bereits erkennbar, wie sich in Unternehmerfamilien traditionelle und moderne Ausrichtungen verbinden. Insbesondere die Namensgebung kann hier sehr aufschlussreich sein. Denn Namen sind ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse beziehungsweise der jeweiligen Gegenwart. Doppelnamen verquicken in unserem Beispiel Tradition und Moderne.

Neben der symbolischen Orientierung an Namen sind aber auch berufliche Entscheidungen und Partnerwahlen von ausschlaggebender Bedeutung für das individuelle und familiäre Leben von Menschen, vor allem in Unternehmerfamilien. Es lohnt sich deshalb, auch diese näher wissenschaftlich zu untersuchen.

Mithilfe von Genogramm-Analysen lassen sich so die historischen Entwicklungen von Unternehmerfamilien in sehr differenzierter und detailreicher Form nachzeichnen. Damit bietet sich uns als Forscherinnen und Forscher viel Material, um noch besser als bisher zu verstehen, wie diese Familien ihre alltäglichen Herausforderungen meistern, welche Entscheidungen sie treffen und zu welchen übergenerationalen Mustern sich diese schließlich zusammenfügen.

Wenn die Familien diese (unbewussten) Muster selbst reflektieren und für sich präsent machen, können sie ihre Entscheidungsmöglichkeiten ausweiten und sich schließlich fragen, in welchen Kontexten sie ihre Familientradition bewahren und in welchen sie diese innovieren wollen. Die zunehmende Ausweitung und Stärkung der weiblichen Nachfolge ist eine offensichtliche Veränderung im generationsübergreifenden Projekt, eine zugleich erfolgreiche und moderne Unternehmerfamilie zu bleiben. ®      

Autoren: Prof. Heiko Kleve, Kristin Beer, Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU)

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