• Joel Kremer

Alte Meister digital.

Stil Alte MeisterJoel Kremer (39), Direktor der Kremer Collection, erweckt die Alten Meister seiner Eltern online zum Leben. Er sorgt so dafür, dass niemand auf Kunstgenuss verzichten muss.

1994 wurde mein Vater durch einen Artikel im „International Herald Tribune“ auf eine bevorstehende Auktion niederländischer Alter Meister in New York aufmerksam. Er war überrascht, dachte er doch damals, diese Werke seien längst alle in Museen verschwunden. Kurz darauf erwarb er bei einem Amsterdamer Kunsthändler eine kleine Arbeit auf Holz von Govert Flinck, einst Schüler von Rembrandt. Rückblickend war dieser Ankauf eine Initialzündung – der Beginn einer großen Sammelleidenschaft.

Bereits mit zehn Jahren glühte mein Vater vor Begeisterung für die „Judenbraut“ von Rembrandt. Aber jetzt wollte er alles über die detailgetreuen Landschaften, Stillleben und Porträts der Alten Meister des 17. Jahrhunderts erfahren. Er vertiefte sich in Bücher, las sich viel Wissen an und besuchte außerordentlich viele Museen. Wir haben zu Hause zwei große Bibliotheken voll mit Büchern über Kunst.

Ich selbst habe die Bedeutung der Sammlung meiner Eltern anfangs nicht verstanden. Auch nicht, als sich eine der Arbeiten als echter Rembrandt entpuppte und 1998 das Highlight auf der PAn Amsterdam war. Das erste Mal, dass ich die Sammlung wirklich zu schätzen wusste, war in der Zeit, als ich für Google arbeitete. Ich wandte als Erster die Zoomtechnologie von Google Maps auf Kunst an. Das war faszinierend. Je intensiver ich die Werke betrachtete, desto mehr Details entdeckte ich. 

Die digitalen Möglichkeiten entfachten mein Interesse an Kunst. Ich mischte mich nun in die Sammlung ein, baute eine Homepage auf, entwickelte eine App. Klar, dass wir uns dabei auch über die Zukunft der Sammlung Gedanken machten. Ein eigenes Museum ist ein großer Kostenfaktor. Ich fand den Zusatznutzen auch begrenzt, weil es bereits überall in den Metropolen wunderbare Museen gibt.

Als dann die ersten Virtual-Reality-Brillen mit wirklich guter Qualität und zu fairen Preisen auf den Markt kamen, dachte ich sofort an ein VR-Museum. Elf Monate später – im Oktober 2017 – gingen wir online. Für die virtuelle Architektur hatten wir den niederländischen Stararchitekten Johan van Lierop beauftragt. Er entschied sich für einen sphärischen Raum mit 100 Meter Durchmesser und einem Blick ins Weltall. Vom Zentrum aus führen fünf strahlenförmige Brücken zu kreisförmigen Galerien. Eine Erweiterung des Museums in Form konzentrischer Kreise ist deshalb jederzeit möglich. 

Besonders spannend finde ich, dass die 74 digitalisierten Gemälde von Malern wie Frans Hals, Pieter de Hooch oder Rembrandt in der Luft schweben und auch rückseitig betrachtet werden können. Wir nutzten die Technik der Fotogrammetrie, um die Werke mit bis zu 4000 Einzelaufnahmen samt Rahmen und Rück­seite dreidimensional zu erfassen. Das Ergebnis der wahrnehmbaren räumlichen Tiefe in der Malerei ist atemberaubend. Auch die Farben sind identisch zum Werk. Die überlasteten Flash-Kameras mussten wir allerdings mit Eiswürfeln kühlen.

Unser Museum lässt sich heute in VR App Stores down­loaden. Damit wir alle Menschen erreichen können – nicht jeder hat ja eine VR-Brille zu Hause –, kann das Museum aber auch auf das Smartphone oder Tablet geladen werden. Eine mobile kostenlose Variante gibt es sowohl bei Android als auch bei IOS.

Wird die iPad-Kamera aktiviert, kann sich der Besucher analog zu den eigenen Bewegungen durch die Räume des Museums bewegen. Mit einem Teleporter – einer Art Fernbedienung – erreicht er sein Ziel mit einem Klick. Und kann den Kunstwerken so nahe kommen, wie er möchte. Hier läutet keine Alarmglocke. Alles ist erlaubt. Jedes Werk hat zudem einen Informationsknopf. Es gibt Text­tafeln und Audio-Touren, und manchmal tauchen meine Eltern als Hologramme auf und erklären nicht nur das Werk, sondern auch, warum sie es gekauft haben und was sie daran besonders mögen. Das „Mighty Masters kids program“ kommt ebenfalls extrem gut an. Die Kinder sind mit den neuen Technologien ja vertraut.

Sie sehen schon – mein Zugang zur Kunst war definitiv ein ganz anderer als der meines Vater. In Zeiten von Ausgangssperren und geschlossenen Museen bin ich besonders froh, dass wir diesen Weg gegangen sind.   ®