• Jörg Zipprick

„Ich zeichne Legenden.“

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Flavio Manzoni, Jahrgang 1965, ist seit 2010 Chefdesigner bei Ferrari. Wie ein neues Auto entsteht, das unver­wechselbar ein Ferrari ist, erklärt er private-wealth-Autor Jörg Zipprick am Beispiel des Ferrari California T.

„Autos wollte ich schon als Heranwachsender gestalten“, erzählt Flavio Manzoni. „Mit 14 Jahren schickte ich meine ersten Zeichnungen an ein italienisches Automagazin. Dort gab es Lob – und den Ratschlag, ich möge doch erst einmal an die Universität gehen.“ Gut 36 Jahre ist das jetzt her. Jahre, in denen Manzoni zuerst Architektur und später Industriedesign studierte. „Eine Zeitlang habe ich dann versucht, gleichzeitig Architekt und Industriedesigner zu sein, doch letztendlich gewann das Autodesign.“

Angefangen hat er bei Lancia, seit 2010 leitet Manzoni die Designabteilung bei Ferrari. Und macht sofort ganz klar: Ein Ferrari muss unverwechselbar aussehen. Wer einen sieht, müsse ihn als Ferrari erkennen, ohne auf das Markenzeichen mit dem springenden Pferd zu schauen. Verwechslung mit einem Konkurrenten: ausgeschlossen. „Damit das alles im Unterbewussten ablaufen kann, müssen wir immer wieder eine ganz neue Form finden und gleichzeitig den Werten von Ferrari treu bleiben“, erklärt er. Und: „Es gibt Marken, die können ihre Designrichtlinien quer durch das gesamte Angebot durchdeklinieren. Wir machen das nicht. Ein neuer Ferrari muss wirklich neu sein. Damit sich trotzdem der Wiedererkennungsmoment einstellt, orientieren wir uns an der Ferrari-Familie.“

Wie das funktioniert, erklärt Manzoni am Beispiel des Modells California T. Der „Vorfahre“ sei der Ferrari 250 GT Spyder aus den 1960er-Jahren gewesen: „Eine Inspiration für den California T. Dieses Modell von Pininfarina mit seiner langen Motorhaube ist gleichzeitig elegant und muskulös. Es war zu seiner Zeit eine Art Idealformel und ist heute eine Ikone. Die Linienführung, die Art und Weise, wie die Designer damals schon beim Auto Muskeln andeuteten.“ Muskeln? Manzoni nimmt einen Stift zur Hand und beginnt zu zeichnen. „Muskeln“ sind die hervorgehobenen Bereiche am Heck oberhalb des Radkastens – und wenn er sie flott auf das Blatt wirft, erinnern sie fast an die kraftvollen Hinterläufe eines Rennpferdes.

Der Kühlergrill des California T zieht sich über die gesamte Front, auch das ist ein Erbe des illustren Vorfahren. „Wir wollten ihn elegant und sportiv, nicht aggressiv. Durch ein paar Kniffe wirkt auch das Heck noch sportlicher.“ Interessante Details werden hinzugefügt. „Mit dem Dreifachdiffusor und den Auspuff-Endrohren scheint der California T tiefer auf der Straße zu liegen. Und dass der Wagen über ein Karbon-Keramik-Bremssystem verfügt, sollen die Kunden heute ruhig sehen.“

Letztendlich sei er als Designer auch in permanentem Austausch mit den Technikern. Zum Beispiel, wenn es um die Lufteinlässe geht. Dort sitzen beim California T nun die Ladeluftkühler des V8-Motors. Die Frontscheinwerfer waren früher oval, heute sind sie eher ein schlanker Keil; die LED-Technik macht einfach andere Formen möglich. Für Manzoni ist das ein klarer Vorteil: „Scheinwerfer wirkten früher stets wie aufgesetzt, weil sie aufgesetzt waren. Heute können sie ins Fahrzeug integriert werden.“

Flavio Manzoni zeichnet weiter, der Ferrari auf dem Blatt macht Fortschritte, die oberen Linien der Karosserie sind klar erkennbar. Lange Motorhaube plus Muskeln. „Nicht zu vergessen: Beim Automobildesign zählt auch der Innenraum. Schauen Sie sich einfach die Metallverkleidungen der Lüftungsschächte an. Stilelemente aus der Luftfahrt waren meine Inspiration.“

„Mit diesem Wagen hatten wir uns ganz neue Ziele gesetzt“, fährt Manzoni fort, „zum Beispiel Platz für Passagiere auf der Rückbank und ein Hardtop, das sich im Kofferraum zusammenfaltet. Das Falten sollte schnell ablaufen, auch dem musste das Design Rechnung tragen. Dennoch wollten wir unseren Kunden einen Kofferraum bieten, in den tatsächlich auch Koffer passen.“

Der Ferrari auf dem Notizblatt hat Form angenommen. Es ist, klar, ein California T, zügig gestrichelt und doch so ausgefeilt, als könne er gleich in Produktion gehen.

„Gutes Design dreht sich aber nicht nur um das Hinzufügen. Es ist einfach, etliche Stilelemente in ein Fahrzeug zu stecken. Doch das Weglassen ist manchmal die größere Kunst.“ Was er damit meint? Manzoni lächelt: „Vergleichen Sie doch selbst. Sie werden es schon sehen.“   ®