• Jan Lehmhaus

Material und Mehrwert.

thumb Uhr TRIO AMBIANCE PAILLONNEES J080033040 J003033391 J005013240Uhren. Neben raffinierter Technik wird mehr und mehr das Material mechanischer Armbanduhren zum entscheidenden Abgrenzungsmerkmal. Bei der Entwicklung neuer Stoffe hilft mal Hightech, mal das Studium alter Bücher.

Patrik Sjögren baut schwere Armbanduhren. Mit Gehäuse, Werkteilen und vor allem einem Zifferblatt aus damasziertem Stahl. „Manche meiner Kunden sind sogar fast ein bisschen enttäuscht, dass die Uhren nicht ganz so schwer sind, wie sie aussehen.“

Eine gewisses Gewicht wird offenbar als Qualitätsmerkmal wahrgenommen. „Es spielt eine große Rolle, weil es dem Kunden Solidität vermittelt“, bestätigt Uwe Beckmann, der die Wempe-Niederlassung in der Berliner Friedrichstraße leitet. Sjögren hat allerdings etwas ganz anderes im Sinn. Seine Uhren sind nur zufällig schwer. Er braucht besondere Materialien, um ein spezielles optisches Erlebnis zu generieren: „Die wechselnden Reflexionen auf den Mustern und Oberflächen erinnern an das Licht Skandinaviens“, erklärt er. Eine Jahreszeiten-Kollektion unterstreicht seine poetische Intention.

Damit liegt der Schwede absolut im Trend. Denn heute bekommt spür- und sichtbare Materialität in der Uhrenindustrie eine neue Bedeutung. Die Uhrentechnik ist von den führenden Herstellern mittlerweile weitestgehend perfektioniert worden, auch unter Einsatz neuer Werkstoffe wie Silizium und Co. Bei den Materialien, die jetzt neu entwickelt oder für die Uhrmacherei wiederentdeckt werden, geht es um Haptik und Optik.

Das Wahrnehmbare zählt. Die verwendeten Materialien müssen „echt“ sein, selten, sehr kostbar oder zumindest überraschend. „Ich finde es gut, dass da experimentiert wird“, lobt Uwe Beckmann. Aber er gibt auch zu bedenken: „Der deutsche Kunde möchte zu jedem neuen Material auch eine überzeugende technische Begründung hören.“

Bei den heute verwendeten, verbesserten Goldlegierungen ist das einfach. Das Edelmetall kann zwar nicht korrodieren, behält ewig seinen Glanz. Aber es ist relativ weich, zerkratzt darum leicht, und manche Legierung ist nicht einmal farbstabil. Roségold zum Beispiel erhält seine Farbe durch einen geringen Kupferanteil. Wird eine solche Mischung öfter Chlorwasser ausgesetzt – zum Beispiel im Pool des Lieblingshotels –, verwandelt sich das Rosa irgendwann in ein Zitronengelb.

Um dem entgegenzuwirken, entwickelte Rolex schon vor Jahren in seinen Genfer Labors eine eigene patentierte Legierung, das Everose, das einen zweiprozentigen Platinanteil ent- und seine Farbe dauerhaft behält. Omega löste dasselbe Problem mit einem anderen Metall: Sedna-Gold wird durch die Zugabe von Palladium farbecht. Besonders kratzfest ist trotz des soften Namens das Honiggold, das exklusiv und sehr sparsam von A. Lange und Söhne eingesetzt wird. Hublot unterhält sogar eine eigene Metallurgieabteilung und hat dort sein widerstandsfähiges Magic Gold kreiert, das schon durch die matte Farbe auf seinen Sonderstatus aufmerksam macht.

Während die einen also ihren Uhren durch neue Legierungen eine eigene Qualität verleihen, erreichen andere dies durch die Besinnung auf längst vergessene Techniken im Umgang mit Edelmetall. Die kleine Dresdner Manufaktur Lang & Heyne hat sich zum Beispiel ganz den regionalen Traditionen der Feinuhrmacherei verpflichtet. Zu diesen gehörte früher einmal, dass die Messingplatinen des Werks vor ihrer Vergoldung eine sogenannte Anreibeversilberung erhielten. „Das Silber sorgt als Untergrund für eine gleichmäßige, feinkörnige Struktur“, erklärt Kirsten Pyka, Uhrmacherin bei Lang & Heyne.

Die Mischung der Rezepte aus alten Lehrbüchern sei allerdings nicht ganz einfach gewesen: „Wir mussten erst herausfinden, dass das Salz zu unserer Mischung aus Silberpuder und Weinstein nicht jodiert sein darf“, so Kirsten Pyka, „und die Anreibeversilberung funktioniert auch nur mit Bürsten aus Schweineborsten.“ Die Besitzer einer der raren Dresdner Uhren wissen um die sorgsam aufgebrachte Schicht Silber, die zwar nicht zu sehen, aber für den Gesamteindruck unverzichtbar ist.

Als Gehäusematerial kommen inzwischen aber auch ganz andere Stoffe infrage, deren Formbarkeit und Bearbeitung erst in den vergangenen Jahren möglich geworden ist: Keramik etwa fand sich lange Zeit vornehmlich an Damenuhren, weil sich damit keine Gehäuse mit markigen, scharfen Kanten herstellen ließen. Inzwischen wissen einige Hersteller, wie sie es anstellen müssen, um „männliche“ Keramikuhren herzustellen. Omega setzt als erste Marke das Hightech-Wundermittel Liquid Metal ein. Es lässt sich – obwohl weit härter als Stahl – fugenlos mit keramischen Elementen verbinden.

Manchmal liegt neben dem praktischen Nutzen der Reiz eines Materials auch gerade in seiner ursprünglichen Profanität. Aus gewöhnlichen Kohlefasern „schmiedet“ Audemars Piguet zum Beispiel unter Hitze und Druck die leichten, aber superstabilen Gehäuse einiger Modelle der Royal Oak Offshore. Weil die Fasern dabei völlig unregelmäßig liegen, hat jedes Gehäuse eine unverwechselbare Maserung.

„Wir sind mutig“, sagt Nicolas de Quatrebarbes, Deutschland-Chef von Audemars Piguet, das auch eine spezielle weiße Keramik für Gehäuse- und Werkteile einsetzt. Die ist ebenso unverwüstlich wie auffällig. „Wir machen Haute Horlogerie; und das bedeutet mehr, als nur die traditionelle Handwerkskunst zu bewahren“, erklärt de Quatrebarbes.

Erfahren mit dem Einsatz ungewöhnlicher Werkstoffe, verwendet die Manufaktur bei ihrem neuen Ewigen Kalender eine Himmelsscheibe aus synthetischem Aventurin – das natürliche Material wäre für diesen Zweck viel zu zerbrechlich – und erweist damit den Erfindern früherer Jahrhunderte ihre Reverenz. Schließlich wurde das glitzernde Glas schon im barocken Venedig eingesetzt.

Prominenter als auf dem Zifferblatt lässt sich ein ungewöhnlicher Stoff natürlich nicht platzieren. Schließlich ist das Zifferblatt quasi das Gesicht der Uhr – und taugt deshalb bestens als Statement.

Ein Comeback feiern derzeit zum Beispiel mineralische Zifferblätter – aus Tigerauge oder aus Moosachat. Schon in den 60er- und 70er-Jahren waren sie selbst bei Herrenuhren angesagt. Cartier, bei Damenuhren sowieso führend im Einsatz kostbarer Juwelen und bemüht um den Erhalt fast vergessener Handwerkstechniken, belegt das Zifferblatt einer maskulin wuchtigen und technisch anspruchsvollen Rotonde de Cartier heute mit blau-golden funkelndem Lapislazuli.

Ganz im astronomischen Thema bleibt das Blatt einer Master Calendar, die Jaeger-LeCoultre dieses Jahr vorgestellt hat. Mit seinen abstrakt-geometrischen Mustern sieht es aus wie ein technisches Artefakt, stammt aber aus einem Meteoriten, der sehr behutsam in feinste Scheiben geschnitten wurde. Der Träger einer solchen Uhr kann staunendem Publikum erklären, dass der Block aus dem Asteroidengürtel auf die Erde stürzte und von Meteoritenjägern in Schweden entdeckt wurde.

Auch Hermès ist stets auf der Suche nach Blättern mit einzigartiger Wirkung. In der hauseigenen Glasmanufaktur entstehen feine Scheiben in der Millefiori-Technik, wie sie bei kristallenen Briefbeschwerern genutzt wird. Dafür werden farbig strukturierte Glasstäbe, die einzeln ein wenig an Zuckerstangen erinnern, erhitzt und aneinandergeschmolzen. Der so entstandene Block wird dann in feine, transparente Scheiben geschnitten. Das Ergebnis ist überaus prächtig und auch in einer Männerarm-tauglichen Größe von 41 Millimeter Durchmesser zu haben, ausgestattet mit einem feinen Manufakturkaliber. Wer das zu indezent findet oder nicht immerfort erklären mag, was da auf seiner Uhr schimmert, wählt die – obendrein schlichtere – Taschenuhrvariante und freut sich ganz privat an der gläsernen Kunst.

Welche erstaunlichen Effekte sich mit der Kombination gleich mehrerer ungewöhnlicher Stoffe erzielen lassen, zeigt Girard-Perregaux mit seiner Wunderkammer-Edition. Jedes der drei Modelle trägt die Reproduktion einer historischen Landkarte aus dem arabischen, asiatischen und europäischen Raum.

Für die Umsetzung kombinierte die Manufaktur Materialien und Handwerkstechniken, die es so noch nie hinter das schützende Glas einer Uhr geschafft hatten: Da werden Kontinente aus Papyrus auf einen Ozean aus Sodalith aufgebracht, Steinschneider haben eine Welt in weiße Jade graviert und farbige Mineralien zu einer Karte Südamerikas zusammengesetzt, bevor alles von Miniaturmalern bebildert und beschriftet worden ist.

Dieses Vorgehen versammelt in der Summe jede Menge Geschichte und einen gewaltigen Erfahrungsschatz. Es ist deshalb dringend zu hoffen, dass die Wunderkammer-Uhren, die als Dreierset angeboten werden, nicht namensgerecht für immer in den Safes ambitionierter Sammler verschwinden, sondern dann und wann auch zu sehen sind. Einfacher, dafür auch klarer ist die Kollektion Nautic, in der bei C. H. Wolf in Glashütte Zifferblätter mit hölzerner Oberfläche eingesetzt werden. Der Wechsel von Stab und Fuge erinnert tatsächlich an Schiffsdielen – Graueiche, Eisbirke oder natürlich Teak werden so lange geschliffen und poliert, bis sie ihren Eigner an die Yacht im Winterlager erinnern und vor anderen seine Segelleidenschaft ausweisen.

Beim Thema „Holz in der Uhr“ mögen sich manche Kenner noch daran erinnern, dass vor Jahren IWC eine Sonderserie seiner Aquatimer herausbrachte. In die Rückseite war ein kleines Stück der Innenverkleidung von Jacques Cousteaus legendärer „Calypso“ eingelassen. Diese Edition ist natürlich längst vergriffen, aber das Prinzip, dass profanster Stoff von historischer Bedeutung die Uhr zu einer Art Reliquiar macht, findet sich auch heute noch bei einigen Herstellern.

Durch die Freundschaft mit einem erfahrenen Autorestaurator kamen die Brüder Kuhnle, die in Pforzheim die Marke Scalfaro betreiben, vor Jahren auf die Idee, kleine Partikel historischer Fahrzeuge in die Gehäuse ihrer Zeitmesser einzulassen. „Natürlich werden sie nicht mit dem Stahl verschmolzen“, erläutert Dominik Kuhnle, „das würde dessen Qualität mindern.“ Stattdessen stecken die Relikte hinter farbigen Emaileinlagen. Neben allerlei Sport- und Rennwagen wird auch der VW Käfer gewürdigt, mit Stückchen aus einem Ur-Käfer aus den 1930er-Jahren und einem Zifferblatt, das an dessen Tachometer erinnert. Erfahren mit der Entwicklung von Kleinserien im Kundenauftrag und individuellen Einzelstücken, verarbeiten die Brüder Kuhnle auf Wunsch auch persönliche Erinnerungsstücke. „Der legendäre Ritz-Barkeeper Colin Field wollte eine Uhr, die ihn an den Sieg bei der Mixer-Weltmeis­terschaft erinnert“, erzählt Kuhnle, „wir haben dann natürlich ein Stückchen seines Pokals in das Gehäuse eingearbeitet.“

In diesem Sinne hält die traditionsbewusste Uhrenbranche sogar Überbleibsel bereit, die auf eine Zeit weit vor der modernen Technikgeschichte verweisen. Das zur Swatch Group gehörende Unternehmen Jaquet Droz hat weit mehr als den Namen von dem uhrmacherischen Genie geerbt, das im späten 18. Jahrhundert mit seinen verblüffenden Automaten durch Europa tourte. Das Haus verfügt über denselben Spieltrieb – und eine geringe Menge von Paillonnés aus der Werkstatt des Meisters, Goldblättchen, die dunkle Emailflächen glänzend strukturieren.

Auch hier gilt, dass der Käufer das eminente Stück Kulturgeschichte offen am Arm zeigen oder als Taschenuhr zumeist verborgen halten kann.

Der materielle Wert der hauchfeinen Paillonnés ist zwar gering, aber ihre Bedeutung geht weit darüber hinaus. Sie setzen einen optischen Reiz. Und sie sind ganz echt: ein kleines Stück Gold mit großer Geschichte.    ®