• Mariella Bauer-Hallberg

Der „harte Kerl“ aus der Provinz.

Kettnaker 131015 kettnaker wolfgang 1 2Design. Wolfgang Kettnaker zeigt, dass ungewöhnliche Zeiten besondere Maßnahmen verlangen. Selbstkritik beispielsweise. Oder auch den Mut, alles auf eine neue Idee zu setzen.

When the going gets tough, the tough get going“, singt Billy Ocean. Wenn es schwierig wird, setzen sich nur die „harten Kerle“ durch.

Einer dieser harten Kerle sitzt in einem futuris­tischen Gebäude, das aussieht, als habe es sich zufällig in diese Gegend verirrt. Schwarze Mauern, Fenster wie Schießscharten, im Showroom hängt ein überdimensionales Foto, darauf ein tätowierter Arm samt Männerhand. Das gegenüberliegende Haus, ein alter Bauernhof, behäbige Architektur, setzt einen scharfen Kontrast und illustriert genau, was hier in Dürmentingen, im Herzen des schwäbischen Oberlands, geschehen ist: Wolfgang Kettnaker hat aus einer provinziellen Möbelfabrik eine designorientierte Möbelmanufaktur gemacht. Früher wurden hier massive Eichenmöbel produziert, heute sind es Designerstücke genau nach den Wünschen der Kunden. 

„Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Wurzeln“, sagt der Kettnaker-Chef. Jeans, weißes Hemd, längere schwarze Haare, schwäbische Sprachfärbung. Hier, auf diesem Fleck­chen Erde, wurde die Firma 1879 gegründet, hier führt der 51-jährige studierte Wirtschaftsingenieur die Geschäfte in fünfter Generation.

Die Geschichte des Wolfgang Kettnaker erzählt aber nicht nur, wie eine Generation den Familienbetrieb komplett umkrempeln kann. Sie ist auch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn da einer ganz plötzlich in die Nachfolge geworfen wird. „1987 ist mein Vater 54-jährig plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben“, erzählt der Unternehmer: „Um zwölf Uhr habe ich noch mit ihm telefoniert, um ein Uhr war er tot.“

Der damals 23-jährige Wolfgang Kettnaker stand mitten im Studium, seine vier Jahre jüngere Schwester hatte gerade Abitur gemacht. Je 50 Prozent der Anteile an der Firma hielten sein Vater, zuständig für den Vertrieb, und sein Onkel, verantwortlich für die Produktentwicklung. Es war ausgemacht, dass nur einer des jeweiligen Familienzweigs die Nachfolge antreten durfte. „Meine Schwester ist zu jung gewesen, und ich bin quasi an der Hobelbank aufgewachsen, habe eine Affinität zum Handwerklichen. Also habe ich es gemacht.“

Einfach war das sicher nicht. Denn plötzlich sind nicht nur zwei Generationen Partner in der Geschäftsführung. Sondern auch ein erfahrener und ein völlig unerfahrener. Dass dies gutgehen konnte, schreibt Kettnaker vor allem der großen Toleranz seines Onkels zu. „Er hat mir die Freiheit gelassen, Fehler zu machen.“ Einen wesentlichen Anteil am problemlosen Übergang hätten auch die Kettnaker-Mitarbeiter gehabt. Sein Vater habe ein „sehr gutes und stabiles Team“ aufgebaut. Das trug. Auch die neuen Ideen des Juniors.

Der besucht nicht nur die Kölner Möbelmesse, den traditionellen Branchentreff der deutschen Möbelindustrie. Er fährt nach Mailand, zum Salone del Mobile, der international wichtigsten Möbelmesse. Dorthin, wo die angesagten italienischen Marken wie Poliform oder Molteni vertreten waren. „Angesichts der puristischen Ästhetik in Lack habe ich mich gefragt: Warum gibt es nicht auch Massivholzmöbel, die aussehen wie vom Designer?“, erzählt Kettnaker.

Kurz darauf beginnt er, gemeinsam mit einem „kreativen Mitarbeiter“ zu experimentieren. 1992 stellen die Schwaben in Köln einen Wohnzimmerschrank mit dem Namen Meta aus: Birne, furniert, die Hifi-Anlage integrierbar. „Das war die Initialzündung“, sagt der 51-Jährige heute. Denn Kettnaker gehörte zu den Ersten in der Branche, die Unterhaltungselektronik in ein Möbel integrierten.

Auch mit Materialien wie Granit, bedrucktem Glas und „Tip-on“-Schubladen, also Schubladen ohne Griff, die auf Tippen reagieren, experimentieren die Möbelbauer. Zwei Jahre später zeigen sie ein „sehr puristisches Möbel in quadratischer Form“. Kettnaker wird fortan vom Handel anders wahrgenommen. Die Schwaben sind nicht mehr „die Massivholz-Bauer“, sondern „Möbelhersteller mit einer eigenen Formensprache“. 1994 folgt auch marketingtechnisch die Umpositionierung. „Der Kettnaker“, so formuliert der Chef, wenn er über sein Unternehmen spricht, „ist immer schon ein Premiumanbieter gewesen.“ Deshalb stört es ihn auch, wenn sich ein Mitarbeiter am Telefon mit „Möbelfabrik Kettnaker“ meldet. Am Ende dieses „Selbstfindungsprozesses“ steht die „Manufaktur“. Und die Fokussierung auf die Rolle als Problemlöser für Kunden, die etwas Besonderes wollen. „In diesem Punkt sind wir überhaupt nicht schwäbisch“, lacht Kettnaker. „Wir tragen den Pelz nach außen.“

Es gibt nun kein Möbellager mehr, nur eine Vielzahl von Kollektionsteilen für die Bereiche Wohnen und Schlafen. Die Kunden sehen sich bei den Händlern einen Schrank an, sind dann aber frei in der Entscheidung, welches Material oder welche Farbe die Oberfläche haben soll. Oder auch ob das Möbel etwas „breiter, tiefer, kürzer, höher getunt“ werden soll. „Koschtet zwar ein bisschen Geld, aber wir machen das.“

Ein bisschen. Das sind 2500 Euro für ein niedriges Fernsehboard. Oder ein Kleiderschrank für rund 25000 Euro. Zwischen acht und zehn Wochen müssen die Liebhaber der exklusiven Sideboards, Schränke und Tische auf ihre Lieferung warten.

Diese starke Individualisierung der Produkte ist allerdings nicht nur ein Vorteil. Wenn es um den Handel über das Internet geht, hindert dies auch. „Die Gesamtleistung des Möbelverkaufs ist ja nicht nur die Herstellung, dazu gehört auch die individuelle Beratung durch den Händler.“ Eine Lösung könne darin liegen, die Bestellung im Internet zwar möglich zu machen, „aber dann den Regionalhändler vor Ort in die Lieferung mit einzubinden“.

Neben dem Internet ist ausländische Konkurrenz die größte Herausforderung für deutsche Möbelhersteller, sagt Axel Schramm, Präsident des Verbands der Deutschen Möbelindus­trie. Die Möbelimportquote ist innerhalb von zehn Jahren um die Hälfte auf 61 Prozent gestiegen. Es wird verstärkt aus Ländern importiert, die über deutlich niedrigere Kostenstrukturen verfügen. „Wenn dieser Trend anhält, stammen in Kürze zwei von drei in Deutschland verkauften Möbeln aus dem Ausland“, macht Schramm klar.

Harte Zeiten. Der Blick auf die Mitbewerber zeigt, wie schwer es diese Branche hat. Das Familienunternehmen Interlübke ging 2012 insolvent, wurde dann an Investoren verkauft. Zu der Hüls-Gruppe gehören heute die Marken Hülsta, der Sofadesigner Rolf Benz und auch der Parketthersteller Parador. Die Gruppe ist zwar nach wie vor noch in Familienbesitz, doch hat sich die Gründerfamilie Hülsta 2013 komplett aus der operativen Führung zurückgezogen. „Wir sind der letzte inhabergeführte deutsche mittelständische Möbelhersteller im Premiumbereich“, sagt Wolfgang Kettnaker nicht ohne Stolz. Auch bei ihm hieß es im Jahr 2008 allerdings „alles oder nichts“.

Seit 1990 hatte die Umsatzkurve immer nur nach oben gezeigt. Als der Sohn das Unternehmen 1999 übernahm, lag der Umsatz bei 9,5 Millionen Mark, 2008 waren es schon neun Millionen Euro, also knapp 18 Millionen Mark. Dann bricht der Umsatz ein. Fällt erst um 15 Prozent, dann um 20 Prozent. Es ist eine sehr kritische Situation für das Unternehmen. Denn die Firma hat „kein Fett angesetzt“, alle Überschüsse sind reinvestiert worden, „keine Yacht am Bodensee, kein dritter Wohnsitz im Tessin“.

Kettnaker entlässt zehn Mitarbeiter, Menschen aus dem Dorf, mit denen er per Du ist. Er schläft schlecht. Denkt nach. „Warum geht es plötzlich nicht mehr?“ Erkennt, dass es nicht allein an der Lehman-Krise liegen kann. „Es lag an uns. Wir waren zu vergleichbar geworden.“

Ähnliche Produkte gibt es zu dieser Zeit tatsächlich für die Hälfte bei großen Konkurrenten wie Segmüller. Nun spielt aber der Preis plötzlich eine überragende Rolle. „Mir war klar: Wir müssen etwas machen, das es noch nicht gibt. An die Grenzen des Machbaren gehen.“

Eine der ersten Ideen ist es, die Stärke der Abdeckplatten, die auf den Boards liegen, von zehn auf sechs Millimeter zu verringern. Denn je dünner ein Material ist, desto eleganter ist dessen Wirkung. Es gibt bei Wettbewerbern zwar einzelne Teile mit sechs Millimeter dünnen Platten, aber es gibt noch kein System, in dem sich vier oder fünf Schränke nebeneinander mit einer Abdeckplatte von sechs Millimetern stellen lassen. Kettnaker bastelt einen Prototyp und befestigt die Platte mit Magneten. Denn eine derart dünne Platte lässt sich nicht mehr bohren. „Der Prototyp stand dann eine Weile in der Produktionshalle, wir gingen immer wieder daran vorbei, zogen die Platte ab und sagten: ,Das ist ja ein super Gefühl, keine Schrauben, keine Löcher, werkzeuglos.‘“

Könnte das, was als Abdeckplatte klappt, nicht auch vorn, an der Seite oder hinten funktionieren? Wie an einer Fassade? „Die Reaktion meiner Entwicklungsabteilung war zunächst eindeutig: ,Du spinnst ja.‘“ Magnete funktionieren im Liegen – doch an der Seite, wenn die Schwerkraft groß genug sei, fange alles an zu rutschen. Wie ein zu schwerer Zettel an der Pinnwand.

Doch dann seien die Kollegen in der Entwicklung „plötzlich auch fasziniert von der Idee“ gewesen. Sie entwickelten ein Magnetpunkte-Raster mit Vertiefungen im Korpus, an denen die mit Magneten ausgestatteten Frontblenden einrasten konnten. „Da stand dann in der Produktionshalle diese Kommode aus rotem Glas und sah einfach toll aus.“

Im Oktober 2008 lädt er seinen wichtigsten Schweizer Händler nach Dürmentingen ein. Und zeigt ihm die rote Kommode. „Klasse“, sagt der. In diesem Moment zieht Kettnaker einen Teil der roten Front ab und ersetzt es durch ein schwarzes Lackteil. Zieht das Lackteil ab und ersetzt es durch ein Granitteil. „Dem fiel die Kinnlade herunter.“ Das System Soma ist geboren: alle Materialien – Lack, Leder, Granit, Glas oder auch Holz – haben genau die gleiche Stärke: sechs Millimeter. Und lassen sich durch das Magnetsystem problemlos austauschen.

Auf der Kölner Möbelmesse im Januar 2009 stellt Kettnaker nur diese rote Glaskommode aus. Riesiges Staunen. Dann folgt ein Auftragseingang wie niemals zuvor und auch niemals danach. „Soma hat uns den Arsch gerettet“, schwäbelt der Möbelchef frei Schnauze. Der Umsatz sei „wegexplodiert“. Sie hätten alles auf eine Karte gesetzt: „Hätte Soma nicht eingeschlagen, würden wir heute nicht mehr hier sitzen.“

Die innovation Soma trägt bis heute noch. Dieses Jahr erwirtschaftet Kettnaker voraussichtlich 13 Millionen Euro. Tendenz steigend. „Wir wachsen zum Teil zweistellig.“ Das sei am oberen Rand dessen, was der Unternehmer als „gesund“ definiert. Bei Raten zwischen fünf und zehn Prozent komme er einfach besser mit der Organisation hinterher. Potenzial gebe es jedenfalls noch genug. „Im sogenannten Objektbereich, also Büros, Banken und Arztpraxen, sind wir ja bislang noch gar nicht vertreten.“

Seit 1999 gehört dem findigen Schwaben das Unternehmen allein. Da niemand aus der Familie seines Onkels in die Firma einsteigen wollte, hatte er diesem die Anteile abgekauft. „Es ist immer meine Vision gewesen, die Firma allein zu leiten, und das soll auch noch möglichst lange so bleiben.“

„Du hascht es richtig gemacht“, sagen heute viele zu Kettnaker, wenn es um die Situation im Jahr 2008 geht. „Vor allem war das nicht ich allein, das waren wir alle zusammen“, konterte dann der Kettnaker-Chef. Er weiß selbst, wie schnell ein gesunder Mittelständler am Abgrund stehen kann. Aber er weiß auch, was es braucht, um eine derartige Situation zu überstehen: „When the going gets tough, the tough get going.“       ®

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