• Dr. Günter Kast

Der Wein, der aus der Kälte kam.

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Eiswein. Im Südosten Kanadas, in Ontario, werden hervorragende Eisweine produziert. Für viele Kenner sind sie sogar die besten der Welt. Eine Reise zu den deutschen und österreichischen Auswanderern, die in Nordamerika echte Pionierarbeit geleistet haben.

Goldgelb glänzen die Trauben an den Rebstöcken in der Septembersonne Ontarios. Aus einiger Entfernung sehen sie aus wie Gewürztraminer oder Chardonnay, deren Lese gerade bevorsteht. Doch diese Trauben werden hängen bleiben. Wahrscheinlich sogar bis Januar oder Feb­ruar. Geerntet werden sie erst dann, wenn die Temperaturen zweistellige Minusgrade erreicht haben. Nur so lässt sich Eiswein herstellen, für den die ganze Region rund um die Niagarafälle weltberühmt ist.

„Hier, probieren Sie mal“, ruft Klaus Reif, Eigentümer des gleichnamigen Weinguts. Die Vidal-Trauben, aus denen nahezu 90 Prozent der Eisweine Ontarios gekeltert werden, schmecken süß und saftig, aber sie haben eine wesentlich dickere Haut als andere Rebsorten. „Das verhindert, dass sie in der feuchten Herbstluft faulen und aufplatzen, wenn der ers­te Frost kommt“, erklärt der Winzer.

Reif bittet zur Degustation. Im Show­room liegen sämtliche Broschüren auf Mandarin, Japanisch und Koreanisch aus – die Asiaten zählen längst zu den wichtigsten Zielgruppen. Ihnen munden vor allem die Eisweine aus der süßen Hybrid-Sorte Vidal, Europäer bevorzugen eher die aus Riesling gekelterten Rebensäfte: balanciert, mit feiner Säure und elegant eingebundenem Zucker.

Tatsächlich sind jedoch auch die Vidal-Eisweine Ontarios nicht nur plump süß, sondern so ausdrucksstark, dass sie bei internationalen Blindverkostungen regelmäßig Preise abräumen. „Die Deutschen mögen den Eiswein erfunden haben, aber wir Kanadier haben ihn perfektioniert“, sagt Reif.

Wir Kanadier? Klaus Reif ist halber Deutscher, ausgewandert in den 1980er-Jahren. Weil seine Eltern in Neustadt an der Weinstraße einen Weinberg bewirtschafteten, schien der Weg des Sohnes vorgezeichnet. Er studierte Önologie an der Hochschule Geisenheim, sollte den elterlichen Betrieb übernehmen. Doch dann besuchte er als 15-Jähriger erstmals seinen Onkel Ewald Reif, der zusammen mit Karl Kaiser und Donald Ziraldo – den Gründern des Weingutes Inniskillin – zu den Eiswein-Pionieren Ontarios gehört.

Ewald Reif war 1965 als Student nach Kanada gekommen und hatte für ein großes Weingut gearbeitet, das jedoch, wie fast alle Produzenten des Landes damals, nur Rebensaft von mäßiger Qualität herstellte. 1977 kaufte er selbst 80 Morgen Land, um eigene Trauben anzubauen. Zehn Jahre später übernahm Klaus Reif die Geschäfte. Der Onkel ist zwar im Sommerhalbjahr immer noch vor Ort, im Winter flüchtet er aber gern in sein wärmeres Domizil nach Arizona.

Wer verstehen will, welche Pionierarbeit die Reifs geleistet haben, muss sich die Weinbau-Geschichte Kanadas vor Augen führen. Grundsätzlich ist die Niagara-Halbinsel für den Weinbau bestens geeignet. Es herrschen dort ähnliche klimatische Bedingungen wie im Burgund oder an der Loire. Der Grund: Die Wassermassen der Niagarafälle stürzen über das sogenannte Niagara-„Escarpment“ in die Tiefe. Diese Schichtstufe beschreibt einen großen, hufeisenförmigen Bogen um die „Großen Seen“ und sorgt dafür, dass der nördliche Teil der Niagara-Halbinsel um 50 Meter tiefer und damit geschützter liegt. Zwischen Schichtstufe und Ontariosee entsteht ein Mikroklima, das zwar harte Winter kennt, in dem jedoch kaum Bodenfrost vorkommt. Die Sommertemperaturen erreichen sogar höhere Werte als in vielen klassischen Weinbauregionen Frankreichs. Verwunderlich ist das nicht: Die Region liegt auf demselben Breitengrad wie Norditalien.

Reifs Onkel Ewald war einer der Ers­ten, die dieses Klima für den Weinanbau nutzten. Heute gibt es rund 250 Weingüter. Der Preis für einen Morgen Land (4047 Quadratmeter) ist mittlerweile von 2500 auf 100000 Kanadische Dollar gestiegen. Klaus Reif schätzt vor allem die größere Freiheit in Kanada: „In Deutschland war der Winzerverband sehr konservativ. Er gab vor, wie ein Riesling zu schmecken hatte. Und wenn man Chardonnay oder Sauvignon Blanc anbauen wollte, rümpften sie die Nase.“ Kanada sei toleranter, offener. „Zu Hause kamen die Winzer alle von der gleichen Uni. Hier haben wir Experten aus der ganzen Welt versammelt, mit den verschiedensten Biografien und Erfahrungen.“

Angesichts der klimatischen Besonderheiten war es naheliegend, mit Eiswein zu experimentieren, der in Deutschland bereits seit 1830 hergestellt wird. Doch die ersten Versuche, die Trauben bis in den Winter hinein an den Rebstöcken zu belassen, waren ernüchternd. Vögel fraßen die erste Ernte vollständig auf. Und wann genau sollte geerntet werden? Bei mindestens minus sieben Grad, wie es das deutsche Weingesetz vorschreibt? Oder bei noch niedrigeren Temperaturen? Die Reifs fanden heraus, dass die Trauben am besten so lange am Stock belassen werden, bis das Thermometer sogar zweistellige Minusgrade anzeigt. Dennoch blieben ihre ersten Jahrgänge von der Fachwelt weitgehend unbeachtet. Der Durchbruch kam 1988, als Reifs Vidal-Eiswein von Robert Parker Jr. in dessen Top-Ten-Empfehlungsliste aufgenommen wurde. Eiswein aus Ontario wurde zu einer wertvollen, globalen Handelsware. Heute stammen 80 Prozent der weltweiten Produktion aus dieser Provinz Kanadas.

Reif verkauft die halbe Flasche mit 375 Millilitern für 50 bis 75 Kanadische Dollar, je nach Rebsorte und Absatzmarkt. Neben der Vidal-Traube verwendet er auch Riesling und Cabernet Franc für einen roten Eiswein – eine Farbe, die vor allem bei chinesischen Kunden besonders gut ankommt ist, weil sie Glück verheißt. Neuerdings gibt es auch 200-Milliliter-Flaschen, denn Chinas neues Anti-Korruptionsgesetz verbietet Geschenke, die einen bestimmten Geldwert überschreiten. Weil Eiswein als Aufmerksamkeit im Geschäftsleben aber äußerst beliebt ist, sind die kleinen Flaschen gefragt. Ihr Wert bleibt genau unter der kritischen Schwelle.

Rund fünf Millionen Kanada-Dollar setzt Reif heute pro Jahr um. Er ist damit weder einer der Großen im Geschäft noch gehört er zu den ganz Kleinen. Derzeit kontrollieren zwei Gesellschaften 85 Prozent des Weinmarktes in Ontario: Eine davon ist die börsennotierte Constellation Brands, zu deren Portfolio Marken wie Robert Mondavi, die mexikanische Brauerei Corona, aber auch der berühmteste Eisweinproduzent Kanadas, Inniskillin, gehören.

Inniskillin ist Klaus Reifs direkter Nachbar, in Sichtweite am Niagara River gelegen. Und Reifs Marketingchefin Andrea Kaiser ist eine der Töchter des legendären Inniskillin-Gründers Karl Kaiser. Die andere Tochter, Magdalena Kaiser, ist ebenfalls im Weingeschäft, leitet die Kommunikationsabteilung des Wine Country Ontario.

Die beiden Kaiser-Töchter – es gibt noch einen Bruder, der als Designer arbeitet – könnten heute ebenso wie Reif an der Spitze eines weltbekannten Weinguts stehen. Doch Kaiser senior und sein Partner Donald Ziraldo hatten sich anders entschieden und das Weingut 2006 an Constellation Brands verkauft. Eine Aufspaltung des Geschäfts wäre wohl schwierig gewesen, zudem die Kaiser-Töchter gerade einmal Anfang 20 waren und wohl auch andere Interessen hatten. Karl Kaiser verabschiedete sich deshalb nach anstrengenden Jahrzehnten der Aufbauarbeit in den Ruhestand. Er lebt heute nur einen Katzensprung entfernt.

Spannender als die Gegenwart ist deshalb die Vergangenheit von Inniskillin. 1975 gründeten der aus Österreich eingewanderte Kaiser und der italienischstämmige Kanadier Ziraldo das nach einem schottischen Regiment benannte Weingut. Es war die erste Lizenz seit 1929, die durch die mächtige Alkoholkontrollbehörde LCBO gewährt wurde. Die beiden Winzer bauten zunächst Riesling, Chardonnay und Gamay an, sie wollten qualitativ hochwertige Tafelweine produzieren. „Die kanadischen Weine konnte man damals ja nicht trinken“, erinnert sich Kaiser.

Doch schon bald experimentierten die beiden Gründer mit Eiswein. Geerntet wurde erst, als die Temperaturen in der Nacht auf minus zehn Grad fielen. Dann rückten die Pflücker aus. Mit Daunenjacken, Handschuhen und Stirnlampen standen sie zwischen den Pflanzreihen. Jahr für Jahr perfektionierten die beiden Winzer ihre Eisweine. Sie veränderten die Abstände der Reben, optimierten die Pressen.

1991 wurde ihre Detailversessenheit endlich belohnt. Der 89er Vidal-Eiswein erhielt bei der Vin Expo in Frankreich, der wichtigsten Weinmesse der Welt, den Grand Prix d’Honneur. Fortan war nicht nur Inniskillin in der internationalen Weinszene ein Begriff. Die gesamte Weinindustrie Kanadas profitierte. Heute produziert das Weingut Eisweine aus mehreren Rebsorten. Es gibt in französischer Eiche ausgebaute Weine, rote Weine, Perlweine. Alte Jahrgänge und Flaschen mit den Originalunterschriften der Gründer können im Keller bestaunt und für viel Geld auch gekauft werden. Zu Jubiläen werden Sondereditionen produziert. Und der Chef der Glasdynastie Riedel, Georg Riedel, hat für Inniskillin sogar ein eigenes Eisweinglas entworfen, das dem noblen Getränk mehr Luft und Raum gibt als die typischen schmalen Dessertweingläser.

Dass die Marketingmaschine auf Hochtouren läuft, bringt allerdings nicht nur Vorteile. Mit dem Bekanntheitsgrad wächst auch die Zahl chinesischer Inves­toren, die sich in die Weingüter Ontarios einkaufen. Sämtliche Hotels in Nia­gara-on-the-Lake gehören ihnen ohnehin bereits. Reif und Kaiser vermuten, dass die neuen Eigentümer in Kanada nur ein wenig Alibi-Eiswein produzieren wollen, um sich in ihrem Heimatmarkt mit einer kanadischen Adresse schmü­cken zu können. In Fernost werde dann zunächst billiger, gefälschter Eiswein im großen Stil hergestellt. Später dann könnten die aufstrebenden Winzer Chinas, die derzeit mit viel Geld westliches Know-how einkaufen, in der Lage sein, selbst erstklassigen Eis- und Tafelwein herzustellen. Die klimatischen Voraussetzungen dafür haben sie zweifellos.

Auch deshalb entwickelt sich die Weinindustrie Ontarios weiter, nutzt den Türöffner Eiswein, um sich auch mit anderen, konventionell erzeugten Weinen aus Rebsorten wie Riesling, Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc einen Namen zu machen und sich ein zusätzliches Standbein zu schaffen.

Karl Kaiser wird das alles nur noch aus der Distanz verfolgen. Früher pflegte er in Anspielung auf seine Eisweine zu sagen: „Luxus beginnt bei minus zehn Grad.“ Heute heißt für ihn Luxus, sich nicht mehr um alles selbst kümmern zu müssen – und auf der Terrasse seines Hauses einen guten Tropfen aus dem Inniskillin-Keller zu genießen.      ®

 

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