• Jean-Christophe Muller

Leder ist Gold wert.

thumb Stil 12574917 2Erstklassiges Leder ist rar und wird rarer. Jean-Christophe Muller von der Elsässer Gerberei Haas verrät die Geheimnisse guten Kalbsleders – und prognostiziert einen neuen Trend.

Unsere Gerberei ist seit 1842 in Familienhand. Mein Ururgroßvater arbeitete dort, mein Urgroßvater und mein Vater natürlich. Nur ich wollte eigentlich nicht Gerber werden. Ich habe nichts gegen den Beruf. Aber die Zusammenarbeit im Familienkreis ist nicht immer einfach.

Deshalb besuchte ich zunächst eine Handelsschule, studierte Chemie und Geochemie. Mit diesem Wissen habe ich dann unter anderem in Afrika Gold gesucht – und gefunden. Gegen Ende der 1980er-Jahre wurde mir dann klar, dass hochwertiges Leder auch fast so etwas wie Gold ist. Damals belieferten wir schon Handwerksbetriebe im Luxussegment. Sie stellten aus unseren Ledern Schuhe, Handtaschen oder Autositze her.

Der Käufer kannte unseren Namen nicht – jedoch die Label unserer Kunden.

Aus diesen kleinen Betrieben wurde mittlerweile eine große Luxusindustrie – entsprechend stieg die Absatzmenge. Für uns Gerber gilt: Wer wirklich erstklassiges Leder bieten möchte, sollte sich spezialisieren. Wir verarbeiten deshalb nur Kalbsleder, Lamm- oder Fischhäute überlassen wir den Kollegen. Die zweite Regel für ein gutes Produkt lautet: Ein Tier, das gutes Fleisch gibt, hat auch eine gute Haut. Das berüchtigte PSE-Fleisch für „pale, soft, exuda­tive“, also blass, weich, wässrig, das in der Pfanne zusammenschnurrt, stammt von Tieren, deren Häute wir nicht verarbeiten können.

Ganz ehrlich: Absolute Top-Qualitäten sind extrem rar und betreffen vielleicht zehn bis 15 Prozent unserer Herstellung. Doch genau sie sind bei den Luxusmarken extrem gefragt. Ich kaufe deshalb direkt bei den Züchtern ein. Die sitzen in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, in der Schweiz und Kroatien. Mit den Landwirten halte ich Kontakt, besuche sie, gebe ihnen Feedback. Andere kaufen bei Zwischenhändlern. Ich umgehe diese nicht aus Preisgründen: Wer über gutes Leder verfügt, der weiß ohnehin genau, was ich dafür zahlen müsste. Doch mir ist es lieber, ich weiß, woher das Leder stammt. Das erhöht zwar den Aufwand – ich muss schließlich reisen –, doch ich habe einen gewissen Vorteil bei der Qualitätskontrolle.

Wenn ich das erzähle, werde ich immer gleich gefragt: Was ist denn eigentlich sehr gutes Leder? Ein Handschmeichler? Ein schöner Farbton? Ein Produkt, das technisch besonders schwer zu realisieren ist? Dickes Leder oder umgekehrt sehr schlankes und weiches Leder?

Für mich löst hochwertiges Leder zunächst eine Emotion aus. Beim Anfassen entsteht die Assoziation zu Pfirsichhaut, also zu großer Weichheit. Gleichzeitig ist Qualitätsleder aber auch ein Produkt, das gut altern kann, Patina annimmt und mit der Zeit immer schöner wird.

Gelegentlich lese ich, es gäbe eine Lederknappheit. Ganz stimmt das nicht: Viele dieser Diskussionen werden von unseren Lieferanten angefacht, um eine neue Preisrunde einzuläuten. Wahr ist jedoch, dass es einen Engpass bei den echten Spitzenqualitäten gibt. Niemand kann so viel liefern, wie die Luxusindustrie benötigt. Es gibt Quellen, die sagen, der Preis hätte sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Diese Preissteigerung wird natürlich an die Kunden weitergegeben. Dass dieser das fast nicht bemerkt, ist einer anderen Besonderheit im Luxussegment geschuldet. Dort spielen Materialeinsatzkosten eine untergeordnete Rolle. Für Marketing wird ein Vielfaches ausgegeben.

Im Ledersektor schwanken wir ja immer zwischen Tradition und Innovation. Wobei unser Gewerbe bei den Innovationen im Grunde bislang nur der chemischen Industrie folgen konnte. Dadurch konnten Farbe und Verarbeitung – ein Beispiel ist der Metallglanz – verändert werden. Doch jetzt scheint etwas Aufregendes zu passieren. Ich persönlich glaube, dass es auch im Lederbereich bald eine neue Definition von Luxus geben wird: Besonders gefragt werden dann Leder mit geringer Schwermetallbelastung sein – beim Gerben kommt ja oft Chrom zum Einsatz. Oder Leder von Tieren aus umwelt- und tierfreundlicher Zucht. Ich bin darauf vorbereitet und teste heute schon Verfahren ohne Chrom. Meine Züchter habe ich auch schon eingeschworen. Als Gerber stelle ich vielleicht ein „altes“ Produkt her. Trotzdem – und das ist doch spannend – muss ich es immer wieder neu erfinden.                                 ®