• Yvonne Döbler

„Ich wollte einfach einen Hybridmotor.“

thumb torqeedo deep blue 5 6352x4239 2Leidenschaft. Wenn echte Unternehmer ein begehrtes Objekt nicht am Markt ­vorfinden – dann machen sie es eben selbst. Gemeinsam mit Christoph Ballin und dessen Firma Torqeedo baut Stephan Schambach (unten), einer der erfolgreichsten Internetunternehmer Deutschlands, Elektro- und Hybridmotoren für Boote.

Wenn die Sonne morgens aufgeht, ist es still am See. Ein paar Vögel zwitschern, die Flügel einer startenden Ente schlagen dumpf und gleichmäßig auf das Wasser. Zu sehen ist sie nicht – eine Nebelbank steht über dem sommerwarmen See und verschluckt den Vogel. „Wollen Sie in diesem Moment wirklich ein Motorboot hören, den Geruch von Abgasen wahrnehmen?“, fragt Stephan Schambach: „Ich habe das oft selbst erlebt und mir gedacht: Das muss doch anders gehen.“

Schambach ist Segler und, wie er selbst sagt, naturverbunden. „Ich wollte deshalb einen lautlosen Antrieb für meinen Katamaran kaufen und Abgase so weit wie möglich vermeiden. Gleichzeitig brauche ich lange Reichweiten – doch das gab der Markt einfach nicht her.“ Weil der Unternehmer gerade ein wenig Zeit hat, beauftragt er einen Bootsbauer, mit ihm an der Entwicklung eines hybriden Antriebs zu arbeiten.

Das mit der Zeit ist ein glücklicher Zufall. Im März 2012 hat Stephan Schambach sein Unternehmen Demandware in New York an die Börse gebracht hat und sich aus der aktiven Geschäftsführung zurückgezogen. Demandware bietet eine Software an, mit der Markenartikler ihre Waren ins Internet stellen und verkaufen können. Ein Geschäft, das Schambach schon einmal in etwas anderer Form betrieben hat. Und das ihn zu einer der schillerndsten Figuren der deutschen Unternehmerlandschaft gemacht hat.

1992, drei Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR, gründet der damals 22-jährige Erfurter Schambach mit zwei Kollegen ein Softwarehaus, das er später Intershop nennt. Binnen weniger Jahre wird er zum Vorzeigeunternehmer des Technologiesektors in Deutschland – verkauft Standardsoftware für den Internethandel, erobert die USA und bringt die Firma 1998 mit der Hilfe einiger Wagnisfinanzierer an den Neuen Markt und die amerikanische Nasdaq. Zur besten Zeit ist Intershop an der Börse 14 Milliarden Euro wert. 

Im Zuge der Dot.com-Krise geht es dann auch mit Schambachs Firma bergab. Er  hat eine neue Idee, plant, Software nun zu vermieten, statt sie zu verkaufen. „Ich wollte diese neue Software entwickeln, konnte aber weder über Wagnisfinanzierer noch über Intershop eine Finanzierung darstellen – also musste ich mich neu orientieren und verließ das Unternehmen im Januar 2004“, erzählt er knapp.

Ob und wie viel Gewinn ihm letztlich das Intershop-Abenteuer eingebracht hat – Schambach macht eine Handbewegung, die wohl bedeuten soll: „Schnee von gestern.“ Fakt ist: Zwei Wochen nach seinem Rückzug bei Intershop ist er auf der grünen Wiese mit Demandware neu am Start. Acht Jahre später bringt er diese Firma in New York an die Börse. Deren Marktkapitalisierung liegt heute bei etwa zwei Milliarden Dollar. Schambach selbst besitzt mehr als drei Millionen Aktien – sie sind derzeit über 200 Millionen US-Dollar wert.

Rising star,  fallen angel, rising star – Schambach ist zweifellos einer der interessantesten Unternehmer und erfolgreichsten IT-Gründer des Landes. Eigentlich könnte er sich deshalb auch längst ins Privatleben zurückziehen. Doch das, findet er, wäre „langweilig“. Also macht er das, was er ohnehin am liebsten macht – Unternehmen gründen. „Es stimmt – mein Motto lautete immer schon: bei null anfangen, eine Idee haben, eine Firma groß machen, neu starten. 2012 habe ich gleich mehrere Sachen parallel gemacht, aber die Hybridantriebstechnik hat mich am meisten beschäftigt.“

Schambachs Ziel ist es, für sich selbst einen funktionierenden, umweltfreundlichen Antrieb zu konstruieren und parallel den Komfort bei der Stromversorgung an Bord zu optimieren. „Auf See über die noch verbleibende Strommenge nachdenken zu müssen, ist lästig. Ich möchte mein Handy aufladen, meine Getränke kühlen und meine Küche benutzen – und nicht erst rechnen müssen, ob ich dann noch zurück ans Ufer komme.“

Sein neues Unternehmen nennt er Moonwave Systems – der Name ist ihm während einer langen Nachtwache auf einer Regatta eingefallen: „Der Mond spiegelte sich auf den meterhohen Wellen. ,Moonwaves‘, dachte ich damals. Das klingt gut. Ich war mir sicher: Diesen Namen verwendest du für dein nächstes Unternehmen – ohne zu wissen, was das sein würde.“

Über eine kommerzielle Verwertung des Hybridmotors habe er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht nachgedacht. Doch die Sache nimmt Fahrt auf: „Irgendwann arbeitete eine kleine Mannschaft an dem Projekt und wir konnten die Herausforderungen so weit eingrenzen, dass sie plötzlich lösbar schienen. Tja, und dann habe ich wohl doch an einen Vertrieb gedacht. Zumindest ein bisschen.“

Kann sich das rechnen? Gibt es nicht vielleicht schon jemanden, der auf die gleichen Kunden zielt? Und schon eine Vertriebsmannschaft hat? „Die Schnittmenge zum Bereich der Elektromotoren ist groß, das war mir klar“, erzählt Schambach: „Beide Produkte richten sich an bootsaffine Endverbraucher, die sich einen leisen, sicheren und umweltfreundlichen Antrieb wünschen.“

Stephan Schambach scannt den Markt und findet Torqeedo in Starnberg – 2005 als Start-up gegründet. „Torqeedo hat mit seinen Elektromotoren das passende Angebot für kleinere Boote bis hin zu Yachten. Aber für die großen Yachten fehlt die Reichweite, dafür ist eine alternative Antriebsquelle nötig, die auch über größere Distanzen hin Stromversorgungs- und Betriebssicherheit bietet – also ein Hybridantrieb.“

Eine Kooperation mit Torqeedo scheint grundsätzlich zu passen. „Mit denen müsste ich mal reden“, sinniert Schambach im Sommer 2013. Er nutzt einen Social-Media-Kanal, um mit Christoph Ballin, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Torqeedo, ins Gespräch zu kommen. Im selben Jahr treffen sich die beiden Männer in den Firmenräumen von Torqeedo – allerdings mit vollkommen unterschiedlichen Erwartungen, wie Ballin verrät: „Wir steckten gerade in einer Finanzierungsrunde und ich dachte zunächst, Herr Schambach wolle Venture Capital zur Verfügung stellen. Aber statt über Geschäftsmodell und Businessplan zu diskutieren, sprachen wir über Batterien, Machbarkeitsstudien und die Herausforderungen beim Bau alternativer Antriebe.“

Christoph Ballin hatte die Firma Torqeedo im Februar 2005 gegründet, „im kleinen Bootshaus auf meinem Grundstück. Mit nichts als dem Anspruch, dass wir bessere Elektromotoren machen wollten als sie der Markt damals bereitstellte.“

Ein halbes Jahr später hat Torqeedo bereits neun Mitarbeiter und erscheint mit seinen Motoren in den Katalogen der großen Händler. Dann geht alles ganz schnell: Im Januar 2006 präsentiert Ballin auf der Boot in Düsseldorf. „Neun Tage lang haben wir von morgens bis abends unseren Antrieb erklärt, sehr viele Aufträge geschrieben, unser Händlernetz aufgebaut und internationale Distributoren an Bord geholt – es war ein überwältigender Erfolg“, erinnert er sich. Das Unternehmen wächst mithilfe verschiedener Wagnisfinanzierer, die erste Tochtergesellschaft wird noch 2006 in den USA gegründet.

Alles ist auf einem guten Weg, und dennoch nicht einfach: „Der Markt ist da, das Interesse groß – aber letztlich war das Wachstum langsamer, als wir erwartet hatten. Und auch der Kapitalbedarf war größer als geplant, um die fortwährende Weiterentwicklung der Elektromotoren zu finanzieren“, erläutert Ballin. Deshalb ist Christoph Ballin auch aktiv auf der Suche nach Investoren, als Stephan Schambach vorbeikommt.

„Dann haben wir das Gespräch strategisch vertieft und einen guten Weg gefunden, um zusammenkommen“, fasst Schambach kurz zusammen. Er bringt Moonwave Systems sowie ein „substanzielles Investment“ in Torqeedo ein – und sichert damit die finanzielle Basis des Unternehmens auf Jahre hinaus.

„Uns war klar, dass wir gemeinsam eine echte Innovation entwickeln könnten: ein wirklich funktionierendes Hybridsystem. Wir wären in der Lage, das, was es heute im Automobilbereich schon gibt, zu variieren und auf den Bootssektor zu übertragen“, so Ballin. Stephan Schambach ergänzt: „Was mir an Torqeedo gefallen hat, war die Möglichkeit, eine ganze Produktpalette darzustellen, und die gesamte Elektroausstattung für Boote, vom Kajak bis zur Yacht, anzubieten.“

Schambach ist nun größter Gesellschafter. Und Torqeedo erweitert sein bislang auf Elektromotoren fokussiertes Angebot um die Hybridtechnik: „Wir haben mittlerweile sogar das Aufladen der Batterie an Bord als integriertes Energiemanagement hinbekommen. Der Schiffsführer deckt seinen Energiebedarf an Bord durch regenerative Energien, indem er beispielsweise eine Solaranlage nutzt oder den Propeller des Motors beim Segeln mitdrehen lässt. Es entsteht die sogenannte Hydrogeneration – sauberer Strom. Diese eigene Energie kann überall an Bord verwendet werden. Durch die Regeneration verlängert sich die Laufzeit der Batterie und die Eigentümer können über mehr Energie an Bord verfügen – für den Antrieb, den Fön, die Klimaanlage, die 24-Watt-Beleuchtung oder die Navigation. Erst wenn diese Energie nicht ausreicht, schaltet sich der Generator zu. Das ist ein großer Zugewinn an Komfort an Bord“, findet Ballin.

Insgesamt liege der Markt für Bootsmotoren heute immerhin bei 650000 verkauften Exemplaren jährlich. Das klingt zunächst nicht nach sehr viel. Zum Vergleich: Der Automobilmarkt setzt jedes Jahr mehr als das Hundertfache um. „Klar, der Markt ist begrenzt. Aber dafür haben wir auch nicht so viele Wettbewerber“, erklärt Ballin.

Private Bootsführer leisten sich den Luxus eines Elektro- oder Hybridantriebs aus Überzeugung. Gewerbliche Nutzer rechnen jedoch genau nach, ob sich das Investment auch wirklich lohnt. „Die Anschaffung eines Torqeedo-Motors kostet zwischen 1500 Euro für Ein-PS-Antriebe und 33000 Euro für den Deep Blue. Unsere Produkte sind deshalb zwar je nach Größe zwei bis sechs Mal so teuer wie ein Benzinmotor. Dafür sind  aber auch die laufenden Kosten viel geringer“, rechnet Ballin vor. Immerhin 85 bis 90 Prozent der Ausgaben für Touren entfallen schließlich auf Benzin. Wer mehr als 5000 Euro Spritkosten im Jahr habe, komme mit einem Elektromotor günstiger weg.

Und dann seien da ja auch noch die immer strenger werdenden Umweltstandards bei der Benutzung von Motoren auf Seen. „Eine Zulassung für ein Boot mit Elektroantrieb ist leichter zu bekommen als für benzingetriebene Boote.“

2016 soll der erste Hybridmotor, der Deep Blue Hybrid, in den Verkauf gehen. Stephan Schambach wird die Entwicklung von Torqeedo als Aufsichtsratsvorsitzender und Gesellschafter verfolgen. Er versteht sich als Sparringspartner fürs Management. Für Christoph Ballin ist das „bereichernd“, wie er sagt: „Wir kommunizieren in gegenseitigem Respekt, das war schon beim ersten Gespräch so. Gute Unternehmen haben eine Kultur der Offenheit. Da werden alle Dinge angesprochen – sowohl die guten als auch der Verbesserungsbedarf. Und glauben Sie mir: Stephan Schambach bringt viel Unternehmererfahrung mit ein, die Torqeedo nutzt.“

Gerade hat Schambach wieder eine neue Idee. New Store, eine neue E-Commerce-Lösung mit Fokussierung auf mobile Endgeräte, soll Schambachs drittes ganz großes Ding werden. „Mir schwebt eine Omnichannel-Lösung vor.“ Das Prozedere ist dasselbe wie immer – bei null anfangen, eine Idee haben, eine Firma groß machen, sie verkaufen, dann neu starten. „Etwas aufzubauen, das auch nach zehn Jahren Bestand hat, ist eine große Herausforderung – der stelle ich mich jetzt wieder.“

Bleibt da noch Zeit für Torqeedo? „Die Geschäftsführung hat mein volles Vertrauen. Sie wird unsere Markt- und Qualitätsführerschaft in einem sich entwickelnden Markt ausbauen.  Für mich selbst werden die Hybrid- und Elektromotoren künftig aber wieder das sein, was sie zu Beginn waren: ein Hobby.“  ®