• Dr. Ludger Wess

Die Vier-Millionen-Euro-Tragödie.

Gemeinnützigkeit. Vor einem Jahr bestimmte eine Ebola-Epidemie die Schlagzeilen. Jetzt sorgen sich Wissenschaftler um MERS, das Middle East Respiratory Syndrome, eine oft tödlich verlaufende Infektion der Atemwege. Schweizer Wissenschaftler fanden einen Weg, rasch ein ­Heilmittel gegen MERS zu entwickeln. Doch es fehlt an der Finanzierung, um daraus ein gemeinnütziges Projekt zu machen.

Gerade hat Alcide Barberis wieder eine Absage erhalten. „Es sind doch nur vier Millionen Euro“, schüttelt der Chef des Schweizer Biotechnologie-Unternehmens Humabs BioMed im schönen Bellinzona den Kopf, „vier Millionen, um irgendwann vielleicht Zehntausende zu retten. Doch egal, ob ich in Ministerien oder bei Stiftungen nachfrage, die Antwort ist immer dieselbe: ,Kein Bedarf.‘“ 

Humabs BioMed entwickelt derzeit – mit zahlreichen internationalen Kooperationspartnern – ein Antikörpermedikament gegen MERS, eine neue Erkrankung, die vor ein paar Jahren plötzlich auftauchte und schwere Lungenentzündungen hervorruft. Noch ist zwar nirgendwo eine Epidemie wie bei Ebola aufgetreten, aber Virologen sind sich ziemlich einig, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das geschieht. Deshalb wollte Barberis vorbereitet sein. Der Antikörper sollte rasch entwickelt werden, um im Fall des Falles so schnell wie möglich zur Verfügung zu stehen. Vor allem aber wollte der Wissenschaftler dies als gemeinnütziges Projekt umsetzen – „weil derartige Katastrophen meist Länder mit bitterarmer Bevölkerung und unterentwickelten Gesundheitssystemen treffen“.

Krankheitswellen entstehen oft, wenn es einem Virus gelingt, den Wirt zu wechseln. Ebola-Viren zum Beispiel stammen aller Wahrscheinlichkeit nach ursprünglich von Fledermäusen, die sie befallen, ohne sie umzubringen. Im 20. Jahrhundert gelang dem Virus dann die Infektion des Menschen – entweder direkt oder über einen Umweg, zum Beispiel durch den Verzehr von Wildfleisch. Inzwischen kann das Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen werden und sich so zu einer bedrohlichen Epidemie entwickeln.

Auch das MERS-Coronavirus, das das Middle East Respiratory Syndrome auslöst, befiel ursprünglich Fledermäuse. Von dort sprang es auf Dromedare über und hat jetzt den nächsten Schritt, die Infektion des Menschen, vollzogen. Die Karriere des Virus ist bedrohlich: Es wurde erst 2012 bekannt, hat aber schon jetzt fast 500 Todesopfer gefordert. Anfangs steckten sich Menschen vor allem im Nahen Osten an Dromedaren an. Inzwischen scheint das Virus aber auch den Übertragungsweg von Mensch zu Mensch entwickelt zu haben. Noch ist seine Infektiosität gering, aber Virologen und Mediziner fürchten, dass sich das schnell ändern kann.

Alcide Barberis und seine Mitstreiter, ein Team um den Immunologen Antonio Lanzavecchia vom Institut für Forschung in der Biomedizin der Universität der Italienischen Schweiz, haben schon vor einiger Zeit eine Methode entwickelt, um selbst neu auftretende Viruserkrankungen in kürzester Zeit bekämpfen zu können. „Wir suchen im Blut von Überlebenden. Ihr Immun­system hat ja schon vorgemacht, dass es das Virus besiegen kann. Es hat erfolgreiche Antikörper gebildet“, erklärt Davide Corti, Forschungschef des Unternehmens: „Diese Antikörper müssen wir nur finden und vermehren. Dann haben wir ein Medikament, das seine Wirkung bereits unter Beweis gestellt hat.“

Ganz neu ist diese Idee nicht. Doch wie immer steckt der Teufel im Detail. Erstes Hindernis ist die Suche unter den zahllosen Antikörper, die das Immunsystem eines infizierten Menschen bildet. Das Geheimnis einer erfolgreichen Abwehr liegt schließlich darin, möglichst viele verschiedene zu produzieren – bis einer gefunden ist, der das Virus eliminiert. Genau diesen müssen die Forscher he­rausfischen.

Zweites Hindernis: Antikörper sind komplex aufgebaute Eiweißmoleküle, die nur funktionieren, wenn auch ihre Form und andere Eigenschaften stimmen. Um sie in großen Mengen herzustellen, sind Zellen nötig, die im Labor und später in einer Produktionsanlage gezüchtet werden. Es ist allerdings nicht einfach, Zellen dazu zu bringen, dieses Kunststück verlässlich, über längere Zeit und in großen Mengen zu vollführen.

Schon beim weltweit zweiten MERS-Patienten, der sich im Herbst 2012 von seiner Erkrankung zu erholen schien, erhielten die Forscher die Einwilligung, in seinem Blut nach Antikörpern zu suchen. Auch wenn der Patient einige Monate später dann doch an Komplikationen verstarb, gelang es, vielversprechende Antikörper in seinem Blut aufzuspüren. Danach dauerte es nur fünf Wochen, um den besten Antikörper festzustellen und die Gene für dessen Herstellung zu identifizieren und zu vervielfältigen. Noch einmal drei Monate gingen ins Land, um eine Zelllinie zu entwi­ckeln, die den Antikörper stabil und fehlerfrei produzieren kann. Parallel dazu wurde der Antikörper an den Universitäten von Iowa und North Carolina näher untersucht und charakterisiert.

Heute ist Barberis sicher, dass der Hum­abs-Antikörper gegen alle drei bekannten MERS-Coronavirenstämme aktiv ist. Jetzt muss er nur noch klinisch entwickelt und produziert werden.

„Vier Millionen Euro würden dafür sorgen, dass für den Notfall genügend Material zur Verfügung stünde, um helfen zu können. Wir wären dann gegen eine Epidemie gewappnet, die so sicher kommt wie das Amen in der Kirche“, erklärt Barberis: „Etwa drei Millionen davon sind reine Produktionskosten. Eine erste Studie, um den Sicherheitsnachweis für eine formale Zulassung zu erbringen, würde eine weitere Million Euro kosten.“

Der Abschluss einer formalen Zulassung würde dann noch eine Phase-II- und eine Phase-III-Studie erfordern und deutlich teurer sein. „Aber das sind Studien, die nur an Erkrankten durchgeführt werden können – also dann, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“, macht Barberis klar. „Im Notfall könnte der Antikörper selbst auch ohne Zulassung eingesetzt werden.“

Deshalb sucht der Forscher nun nach Sponsoren, die vier Millionen zur Verfügung stellen, um genügend Material produzieren und bevorraten zu können. Dabei möchte Humabs, wie Barberis ausdrücklich betont, kein Geld mit dem Antikörper verdienen – „wir würden ihn kostenlos zur Verfügung stellen. Das Unternehmen möchte nur die Mittel für die weitere, kostspielige Produktion und klinische Entwicklung nicht selbst aufbringen müssen.“

Die Politik scheint derzeit trotzdem nicht interessiert. „Öffentliches Geld fließt immer nur in Forschungsprojekte, wenn neue, unheimliche Erkrankungen um sich greifen. Dann wird hektisch nach Gegenmaßnahmen gesucht“, erläutert Barberis. Doch so schnell wie der Aktionismus komme, erlahme das Inte­resse wieder, wenn die Erkrankung abflaut. Sobald die akute Krise vorbei ist, sei der Geldhahn wieder zu.

So wird Alcide Barberis also weiter mit privaten Stiftern reden. „Doch die Uhr tickt“, warnt er. „Selbst wenn das Kapital heute zur Verfügung gestellt würde, benötigen wir ein paar Monate, bis genügend Antikörper produziert sind. Es wäre doch eine Tragödie, wenn erst wieder viele Menschen sterben müssen, bevor sich etwas bewegt.“                     ®

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