• Dr. Günter Kast

Familientreffen.

Gorilla Odzala Ngaga Camp Neptuno silverback Dana Allen

Gorillas. Seit Kurzem können Touristen die Flachlandgorillas im Odzala-Nationalpark in der Republik Kongo besuchen. Die deutsche Investorin Sabine Plattner und die spanische Biologin Magda Bermejo stehen für den Erfolg des Schutzprojekts, das auch die dort lebenden Menschen mitnimmt.

Silberrücken Neptuno hat eigentlich keine Lust, den großen Macker zu geben. Er sitzt nur da, beobachtet die Touristen von der Seite. Gelegentlich fallen ihm sogar die Augen zu. Doch die Weibchen in seiner 16-köpfigen Gruppe fühlen sich offenbar gestört von den Besuchern mit ihren Ferngläsern und Kameras. Die Gorilla-Damen trommeln sich auf die Brust, stoßen bedrohlich klingende, dumpfe Laute aus. „Tu was! Du bist doch wer!“, scheinen sie Neptuno zuzurufen, der die Figur eines mit Steroiden vollgepumpten Bodybuilders hat.

Die Bitte zeigt Wirkung. Urplötzlich, ohne jede Vorwarnung, schießen 160 Kilo Lebendgewicht, begleitet von Kriegsgebrüll, aus dem dichten Urwald direkt auf die Voyeure zu. Eine Amerikanerin stößt einen spitzen Schrei aus. Doch genauso plötzlich wie er lospreschte, bremst Neptuno seine Attacke ab und tritt kopfschwenkend den Rückzug an. Vermutlich denkt er: „Wozu die Aufregung? War doch nur ein Scheinangriff.“

Wer ein solches Schauspiel einmal erlebt hat, dem muss nicht lange erklärt werden, warum Tierschützer kaum etwas mehr bewegt als das Schicksal der schwarzen Riesen. Sie sind in ihrem Verhalten dem Homo sapiens einfach zu ähnlich. Nahezu 97 Prozent ihres genetischen Programms ist mit demjenigen des Menschen identisch. Diese imposanten Tiere in freier Wildbahn zu beobachten, war bisher nur in den Bergen Ostafrikas möglich. Dort leben noch etwa 800 Berggorillas, die letzten ihrer Art. Ihr Bestand ist seit einiger Zeit stabil, die an Menschen gewöhnten Primaten lassen sich aus fünf Metern Entfernung bestaunen. Das ist bequem, aber auch ein bisschen langweilig. Fast wie im Zoo.

Die imposanten Tiere ursprünglicher zu erleben – das ist seit Kurzem in der Republik Kongo möglich, im Revier von Neptuno. Sein Trupp gehört zu den Flachlandgorillas, die im westlichen Zentralafrika beheimatet sind. Wer sie sehen will, muss dazu tief in den Regenwald des Kongobeckens vordringen – in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“.

Der Titel des Buchklassikers ist tatsächlich wörtlich zu nehmen. Selbst bei Tag ist es im Regenwald nahezu finster. In der drückend schwülen Luft geht der einheimische Fährtensucher Gabin voraus. Er will heute die zweite Gruppe, die von Silberrücken Jupiter, aufspüren. Für Gabin eine knifflige Aufgabe. Im Regenwald gibt es keine Fährten wie in der Savanne, keine freie Sicht. Die Gorillas sind deshalb schwer zu finden. Gabin speichert jeden Tag die Koordinaten ihres aktuellen Schlafplatzes auf seinem GPS-Gerät und kehrt am nächsten Morgen mit den Touristen zu diesem Standort zurück. Wenn er Glück hat, ist der Trupp noch in der Nähe. Hat er Pech, sind die Tiere bereits viele Kilometer weitergezogen. Dann muss Gabin erahnen, wo sie sich aufhalten könnten. Wo knackt­ etwas im Unterholz? Wo sind umgeknickte Äste, frische Kothaufen, Haarbüschel, Schlafnester? Welche Früchte sind gerade reif?

An diesem Tag hat Gabin zunächst Pech. Stundenlang kämpft sich seine Touristengruppe durch den dichten Unterbewuchs aus Pfeilwurzsauden, der Leibspeise der Menschenaffen. Gabin und seine Leute haben mit der Machete Schneisen in den Wald geschlagen, doch diese sind schnell wieder überwuchert. Hunderte Schweißbienen kriechen in Nasen, Augen und Ohren. Sie stechen zwar nicht, sind aber extrem lästig. Manchmal hilft nur, ein „modisches“ Moskitonetz über den Kopf zu stülpen. Gabin geht mit einer Gartenschere voran, schneidet ganz vorsichtig Äste ab.

Das leise Klicken der Schere kennen die Primaten. Es ist ihnen vertraut, seit Magda Bermejo die Tiere an die Präsenz ihrer aufrecht gehenden Vettern gewöhnt. Die aus Barcelona stammende Wildbiologin war weltweit die erste Wissenschaftlerin, der dieses Kunststück mit Flachlandgorillas gelang. Gemeinsam mit ihrem Mann German Illera lebt sie seit 1991 fast ununterbrochen in der Republik Kongo, um das Leben dieser wunderbaren Tiere zu erforschen.

„Es dauert drei bis fünf Jahre, bis sich die Tiere an Menschen gewöhnen“, erzählt Magda. „Entscheidend ist immer, den Silberrücken auf deine Seite zu bekommen. Dann hast du gewonnen.“ Inzwischen kennen die Gorillas Magda und ihre Fährtenleser, würden sie sogar bis auf drei oder vier Meter herankommen lassen. Doch Magda und ihre Guides treten dann stets langsam den Rückzug an: „Wir wollen hier im Odzala-Nationalpark keinen Zoo haben“, erklärt sie. „Außerdem übertragen wir Menschen Krankheiten.“

Früher hat Magda Bermejo im nicht weit von Odzala entfernten Lossi-Schutzgebiet geforscht. Und miterleben müssen, wie zwischen Oktober 2002 und Januar 2003 dort 130 der 143 Gorillas verendeten – zur selben Zeit, als in den umliegenden Dörfern etwa 500 Menschen am Ebola-Virus starben, der aus der Demokratischen Republik Kongo (DRK, früher: Zaire) eingeschleppt worden war. Magda schätzt, dass damals – auf das gesamte Schutzgebiet hochgerechnet – rund 5000 Tiere elend starben. Flachlandgorillas – deren Bestand außerdem durch Wilderer und den Verlust an Lebensraum bedroht ist – gehören zu den stark gefährdeten Arten. „Wie müssen deshalb im Umgang mit den Tieren sehr vorsichtig sein“, sagt sie.

Mittlerweile hat sie in Odzala-Kokoua mehrere Gorillatrupps entdeckt und drei davon an Menschen gewöhnt. Die Besuche der Touristen verursachen mitunter zwar ein wenig Stress bei den Primaten, aber sie sind gleichzeitig ihre beste Lebensversicherung gegen Wilderer. Weil der bereits 1935 gegründete Nationalpark im Nordwesten der Republik Kongo etwa so groß wie Tirol und fast zu zwei Dritteln von tropischem Regenwald bedeckt ist, lässt er sich nur schwer kontrollieren und managen. Es gibt hier scheue Waldelefanten und -büffel, Leoparden, seltene Antilopenarten wie Bongo und Sitatunga, Hunderte Arten von Schmetterlingen und Vögeln. Vor allem aber ist Odzala eines der letzten Rückzugsgebiete gefährdeter Menschenaffen wie Gorillas und Schimpansen, deren Lebensraum ständig kleiner wird.

Die Regierung in Brazzaville behauptet, sie habe kein Geld für den Park. In gewisser Weise stimmt das sogar. Denn die üppigen Einnahmen aus den Ölfeldern vor der Küste wandern in die Taschen weniger Familien, die mit der Regierung und dem Präsidenten gut vernetzt sind. Die ehemalige französische Kolonie Äquatorialafrika, die sich heute Republik Kongo nennt, ist eine Kleptokratie mit gesicherter Erbfolge – im Sommer 2014 ließ der Präsident die Verfassung so ändern, dass ihm sein Sohn direkt nachfolgen kann.

Aufgrund der „Finanznot“ der Regierung wird der Odzala-Park seit einigen Jahren von African Parks gemanagt. Die Nicht-Regierungs-Organisation mit Sitz in Südafrika ist auf politisch schwierige Staaten spezialisiert und verwaltet Schutzgebiete in sechs Ländern Afrikas. Die Nationalparkgebühren fließen – natürlich – trotzdem an die Regierung in Brazzaville.

Gorilla-Forscherin Magda Bermejo braucht also viel Geduld, wenn sie in diesem Umfeld etwas bewegen will. Und gute, einflussreiche Verbündete. Deshalb war es ein Glücksfall, dass sie Sabine Plattner kennenlernte, die Frau des SAP-Gründers Hasso Plattner, der noch immer dem Aufsichtsrat des Software­giganten vorsteht. Die Plattners sind vom schwarzen Kontinent seit Langem fasziniert, züchten in Südafrika Pferde und unterstützen Hilfsprojekte. Die beiden Frauen fanden schnell einen gemeinsamer Ansatz: Wenn es den Menschen gutgeht, nutzt dies auch den Tieren. Dann fällen sie keine Bäume, jagen keine Elefanten und töten auch keine Gorillas.

Ende 2011 erwirbt die von Plattner gegründete Congo Conser­vation Company (CCC) mehrere Konzessionen im Odzala-Parks und im angrenzenden Ndzehi-Gebiet. Diese erlauben es ihr, Touristen hierherzubringen und Safari-Lodges zu bauen. Als die Kontrakte in trockenen Tüchern sind, lässt Plattner die beiden Safari-Camps Ngaga (in der Ndzehi-Konzession) und Lango (im Park) planen, die beide seit der Eröffnung im Mai 2012 vom Reise-Anbieter Wilderness Safaris betrieben werden. Die Lodges sind aus Na­turmaterialien gebaut, nicht übertrieben luxuriös, und bie­ten den Einheimischen aus den umliegenden Dörfern Jobs.

Parallel dazu unterstützt die Philanthropin mit ihrer Plattform Sabine Plattner African Charities (SPAC) Projekte im Hauptort Mbomo und anderen Gemeinden. Es geht ihr dabei nicht primär darum, Schulen und Brunnen zu bauen. Vielmehr wollen sie und ihr Team den Menschen zum Beispiel zeigen, dass sie eigenverantwortlich besser leben können, wenn sie sich richtig ernähren. Noch immer geben viele Familien ihren Kindern ausschließlich Maniok und Buschfleisch zu essen. Gemüse und Obst verschmähen sie, obwohl es hier wunderbar gedeihen würde.

Plattner investiert jedes Jahr mehr als 100000 Euro in diese Projekte. Sie will den Menschen und den Gorillas helfen. Aber sie hat der Regierung auch klar gemacht, dass sie hier ziemlich schnell wieder verschwindet, falls die Korruption überhand nimmt und ihre Vorhaben bedroht.

Einer, der enorm vom Engagement der beiden Frauen profitiert, ist Fährtensucher Gabin vom Volksstamm der Mbeti. Früher zog er durch den Wald und jagte Affen und Riesenwaldschweine, die bis zu 275 Kilo schwer werden. Nun führt er Touristen zu den Gorillas und verdient damit umgerechnet 230 Euro im Monat – mehr als ein Hochschullehrer in der Hauptstadt Brazzaville.

Heute ist Gabin noch immer dem Silberrücken Jupiter auf den Fersen. Seine Gruppe klettert über umgestürzte, morsche Bäume, schüttelt ganze Armeen von Wanderameisen aus den Hosenbeinen. Keiner spricht, alle konzentrieren sich auf den Weg, der diesen Namen kaum verdient.

Damit das Rendezvous mit den schwarzen Riesen für beide Seiten erfreulich verläuft, hat Magda klare Regeln aufgestellt: maximal vier Touristen pro Führung, Besuchszeiten von höchs­tens einer Stunde, ein Mindestabstand von sieben bis zehn Metern. Außerdem muss jeder Besucher einen Mundschutz über das Gesicht ziehen, damit die Menschen keine Krankheiten verbreiten. Schon ein einziges Husten kann schließlich den ganzen Gorilla-Clan töten. Wer in Odzala eine Grippe bekommt, muss deshalb in der Lodge bleiben.

Plötzlich verharrt Gabin regungslos. Er lauscht. Obwohl für deutsche Ohren nichts zu hören ist, ändert er die Richtung. Zehn Minuten später hat er Jupiters Trupp aufgespürt. Die Tiere sind scheu, wagen sich nur selten aus dem Dickicht hervor. Jupiter lässt sich gar nicht sehen, nur sein Vize, der Schwarzrücken Turno, kommt auf die Lichtung und zerrt mit brachialer Kraft, aber genauso viel Geschick Wurzeln aus der Erde. Dann richtet das Muskelpaket seinen Blick direkt auf Gabin. Es ist deutlich zu spüren, dass hinter diesen Augen ein sehr großes Gehirn arbeitet. Die Gestik, die Mimik – alles scheint so vertraut. Einige Minuten lang ist nicht klar, wer hier wen beobachtet.

Plötzlich geschieht etwas geradezu Ungeheuerliches. Turno schleicht sich an eines der Weibchen heran – und besteigt es. Sie lässt sich das gefallen. Würde Gorilla-Boss Jupiter das sehen, wäre im Dschungel die Hölle los. Oder etwa nicht?

Gabin zuckt mit den Schultern. Vielleicht, sagt er, deutet sich hier ja eine Wachablösung an. Gut möglich, dass Jupiter nicht mehr genügend Kraft hat, um weiter Chef seiner 22 Untertanen bleiben zu können. Und schaut deshalb absichtlich weg. Wer noch leiseste Zweifel hatte, weiß nach dieser Begegnung: Es geht tatsächlich richtig menschlich zu bei den Flachlandgorillas im Kongo. ®

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