• Jan Lehmhaus

Chronografie.

Chrono

Wer hat’s erfunden? Technisches Genie ist auch in der Uhrenbranche ein wichtiges Verkaufsargument. Allerdings lässt sich nicht immer klar entscheiden, wer eine große Idee als Erster hatte.

Das hat die Welt noch nicht gesehen – und vor allem: nie gehört. Die Grandmaster Chime, die Patek Philippe Mitte Oktober anlässlich seines 175-jährigen Jubiläums in Genf präsentierte, ist die bislang komplizierteste Armbanduhr der Genfer Manufaktur. Und sie ist die erste weltweit, die auf Knopfdruck nicht nur die Tageszeit, sondern auch das Datum des eingebauten Ewigen Kalenders akustisch vorträgt: Kleine Hämmerchen schlagen dafür melodisch auf gewundene Tonfedern.

Sieben Jahre Entwicklungsarbeit und sechs neue Patente ste­cken in den sieben Exemplaren, die von diesem Wunderwerk gefertigt werden. Sie sind sicher bald vergriffen, aber bestimmt nicht vergessen. Denn die Grandmaster Chime ist ein technologischer Meilenstein und damit für die Manufaktur mehr wert als der Verkaufserlös.

Bei den überwiegend männlichen Käufern steht technische Intelligenz hoch im Kurs. Hat eine Uhrenmarke in ihrer Geschichte immer wieder bahnbrechende technische Lösungen hervorgebracht, verschafft ihr das besonderen Glanz und macht alle ihre Produkte erstrebenswert. Der Nachweis ist allerdings nicht ganz einfach. Noch vor ein paar Jahrhunderten wurden Geniestreiche einfacher Handwerker schließlich nicht in Chroniken festgehalten. Noch dazu gingen im Lauf der Zeit viele Dokumente, Zeichnungen, Berichte verloren, kurzum: Die Geschichte der Uhrmacherei ist in weiten Zügen nicht dokumentiert.

Manche Funktionen wie eine einfache Mondphasenanzeige, aber auch aufwendige Komplikationen wie der Ewige Kalender sind deshalb zu einer Art gemeinsamem technologischem Erbe des Handwerks geworden. Bei anderen Erfindungen wie dem Kronenaufzug und besonderen Formen der Zeitanzeige führt die unklare Urheberschaft aber auch mal zu Eifersüchteleien zwischen renommierten Herstellern.

Für den Beginn der horologischen Geschichte steht zumindest eines fest: Die Schweizer haben’s nicht erfunden. Wer im Mittelalter die Hemmung entwickelte, den Teil der Uhr, der den Fluss der Zeit zu geregelten Einheiten domestiziert, ist nicht klar. Mönche werden es gewesen sein, auf der Suche nach präzisem Abstand der Gebete, in Südeuropa wahrscheinlich, aber wo? Und wann genau? Immerhin hilft die Dichtung ein bisschen: Dante erwähnt in der „Göttlichen Komödie“, entstanden zwischen 1307 und 1327, das Räderwerk einer Uhr, wie es ohne Hemmung nicht denkbar wäre.

Sicher ist zumindest, dass sich einige personifizierte Mythen der Uhren-Frühgeschichte nicht halten lassen. Peter Henlein, die Leitfigur der deutschen Uhrmacherei, mag der erste Deutsche gewesen sein, der tragbare Uhren baute – erfunden hat er sie nicht. Die legendären „Nürnberger Eier“, Taschenuhren mit ovaler Form, entstanden erst nach seinem Tod im Jahr 1542. Wirklich hübsch wäre es auch gewesen, hätte mit dem Gelehrten Gerbert von Aurillac ein späterer Papst (Silvester II., 999–1003) nicht nur die erste Räderuhr erdacht, sondern auch die arabischen Ziffern im Abendland etabliert und damit das heutige Gesicht vieler Zeitmesser bestimmt. Nur: Auch dieser immer wieder erzählten Geschichte fehlt leider  jeder Beweis.

Erstaunlicherweise ist die Quellenlage nicht nur im Mittelalter dürftig. Selbst im späten 19. Jahrhundert sind belegbare Antworten schwer zu finden – zum Beispiel auf die Frage, wer denn die Armbanduhr eingeführt hat. Wenige zierliche Schmuckuhren fanden schließlich schon sehr viel früher den Weg an die Handgelenke reicher Damen. Sie gelten heute aber als  vereinzelte Kunststücke. Wem das Verdienst der Serienfertigung gebührt, die systematische Reparaturen und Ersatzteilbeschaffung ermöglichte und damit letztlich das Produkt Armbanduhr, ist unklar.

Weil Seniorität in der Uhrenbranche viel gilt, öffnet das Fehlen eindeutiger Quellen auch vielen Spekulationen Tür und Tor.  Das Traditionsunternehmen Girard-Perregaux im Schweizer Jura präsentiert zum Beispiel seine Geschichte, die bis in das Jahr 1791 zurückreicht, im hauseigenen Museum. Kurator Willy Schweizer ist besonders stolz darauf, dass man zu Beginn der 1880er-Jahre die erste Armbanduhrenserie gebaut habe – Offiziersuhren für die deutsche Kriegsmarine. Überzeugt davon, dass der schnelle Blick aufs Handgelenk dem Hervorkramen einer Taschenuhr militärisch überlegen sei, habe Wilhelm I. selbst nach einem Besuch der Berliner Messe insgesamt 2000 Stück in Auftrag gegeben. Davon allerdings sieht der Museumsbesucher nichts, keine Uhr, kein Bild, kein Dokument. Grund genug für den Uhren-Fachautor Christian Pfeiffer-Belli, die ganze Sache „eher zweifelhaft“ zu nennen.

Solche Skepsis findet Willy Schweizer zwar allemal verständlich, aber: „Die goldenen Gehäuse der Marine-Uhren sind womöglich in Notzeiten auf Geheiß des Ministeriums eingeschmolzen worden. Außerdem wurden beim Konkurs von Girard-Perregaux 1928 leider alle Archive vernichtet.“

Und mit der Leidenschaft des Historikers gewinnt er dem Defizit noch etwas Positives ab. Es bleibe spannend, nach dem Beweis für die Existenz der Uhren zu suchen: „Im vergangenen Jahr hat mich ein Italiener angerufen und mir Bilder versprochen. Leider hat er sich dann nie mehr gemeldet.“ Dieser Mythos wird wohl trotzdem weiterleben.

Manche Erfindungen lassen sich dagegen sehr wohl einzelnen uhrmacherischen Genies zuschreiben. Vor allem einer überstrahlt viele andere: Abraham-Louis Breguet (1747–1823). Geboren in Neuchatêl, machte er am Hof von Versailles Karriere, entwickelte für seine feine Kundschaft Funktionen und Finessen, die bis heute feinmechanische Standards setzen. Marc Hayek, Präsident der von Breguet gegründeten Manufaktur, erklärt: „Breguet war extrem erfindungsreich und hat die Uhrmacherei mit einer unglaublichen Zahl von Innovationen vorangebracht: mit der Stoßsicherung, der Spirale mit Breguet-Kurve und dem typischen Design – den guillochierten Zifferblättern und den Breguet-Zeigern in gebläutem Stahl zum Beispiel. Das hatte alles großen Einfluss. Aber seine bekannteste Entwicklung ist sicherlich das Tourbillon.“

Als Kaufmann so geschickt wie als Techniker, ließ sich Breguet das Tourbillon 1801 patentieren. Die nächsten zehn Jahre konnte er seine Erfindung nun exklusiv nutzen. Noch heute gilt diese vielen als Ausweis höchster uhrmacherischer Kompetenz. Marc Hayek weiß sehr wohl um die Strahlkraft des Namens Breguet, aber er achtet auch darauf, bei der Präsentation der Marke nicht allein auf den Gründer abzuheben: „Der Gründer der Marke hat uns ein großes handwerkliches Erbe hinterlassen. Aber wir verlassen uns nicht darauf. Die Innovationskraft einer Marke ist ganz entscheidend, sie zeigt ihre Dynamik. Dabei gibt es keine Regel, wie Innovationen zustandekommen: Die Idee für unsere magnetisch gelagerten Unruhzapfen stammt von einem Breguet-Uhrmacher, der eines Tages mit einer Pappschachtel und einer Stricknadel in meinem Büro erschien – der entscheidende Einfall war ihm gekommen, als er seiner Großmutter bei der Handarbeit zugesehen hatte.“

Andere Marken tragen zwar den Namen historisch bedeutender Uhrmacher, wurden aber erst Generationen nach deren Tod gegründet. Perrelet zum Beispiel hat sich nach Abraham-Louis Perrelet (1729–1826) benannt, dem Erfinder des automatischen Antriebs mit Rotoraufzug.

Ein Verdienst des Unternehmens liegt immerhin darin, das Andenken dieses Uhrmachers wiederbelebt zu haben, dessen Erfindergeist seiner Zeit weit voraus war. Und zwar so weit, dass seine Entwicklung lange in Vergessenheit geraten war, als Rolex 1932 den Rotoraufzug zum Patent anmeldete und zum weltweiten Standard bei Armbanduhren machte. Perrelet hatte seine Idee zu früh gehabt: Die Taschenuhren seiner Zeit wurden stets in gleicher Lage und unbewegt am Leib getragen. Deshalb war für sie eine Rotor-Schwungmasse zur Energieversorgung wenig hilfreich.

Ihr größtes Manko, den umständlichen Aufzug per Schlüssel, für den das schützende Gehäuse geöffnet werden musste und das den Bau flacher Zeitmesser verhinderte, verlor die Taschenuhr mit der Einführung des Kronenaufzugs.

Dessen Entwicklung schreiben sich gleich drei führende, für zahlreiche wegweisende Erfindungen stehende Schweizer Manufakturen auf die Fahnen: Patek Philippe, Audemars Piguet und Jaeger-LeCoultre. Und sie haben wohl alle recht, zumindest ein bisschen. Louis Audemars präsentierte 1838 die erste Uhr, mit deren Krone sich die Zeiger stellen ließen. Nach Betätigung eines kleinen Umschalters war es zudem möglich, die Feder zu spannen. Antoine LeCoultre ging einen anderen technischen Weg. Modelle, die er ab 1847 vorstellte, erlaubten es, durch das Ziehen der Krone zwischen den Funktionen umzuschalten. Jean Adrien Philippe schließlich erlangte für seinen Kronenaufzug mit dem typischen komfortablen Leerlauf zwar erst 1861 ein Patent. Er hatte aber zuvor über 20 Jahre lang daran gearbeitet.

Die Erfindung habe wohl einfach in der Luft gelegen, heißt es dazu diplomatisch bei Jaeger-LeCoultre. Dort arbeitet ein Historiker mit seinem Team die Geschichte des Hauses sorgfältig auf, fördert immer mehr Leistungen der Manufaktur zutage – und wenn erkennbar wird, dass irgendwann ein Mitbewerber tatsächlich schneller war, wird gelassen ein Triumph aus der langen Liste gestrichen, die aktuell unter anderem über 400 Patente umfasst.

Ein echtes Wettrennen um die Bewältigung einer mikromechanischen Herausforderung gab es Ende der 1960er-Jahre in der Schweiz. Zwei Parteien wollten die ersten Chronografen mit automatischem Aufzug bauen. Schließlich stellte im Frühjahr 1969 Zenith das Werk „El Primero“ vor; ein internationales Konsortium aus Heuer, Breitling und anderen präsentierte sein „Kaliber 11“ zwar ein wenig später, konnte dafür aber früher in die Serienfertigung gehen.

Egal, wer von beiden damit in der Schweiz vorn lag, weltweit waren die Eidgenossen nur Zweite und Dritte. Monate vor ihrem Erfolg wurden in Japan die ersten automatischen Chronos verkauft – von Seiko, einer Marke, zu der vielen wohl eher das Thema elektronische Uhren einfällt. Nicht weniger verblüffend ist es, dass der Standard für die Schwingfrequenz der modernen Quarzwerke (32768 Hz), Inbegriff der ostasiatischen Bedrohung für die Schweizer Feinuhrmacherei, gar nicht in Fernost gesetzt wurde – sondern von Girard-Perregaux in La Chaux-de-Fonds.

Wer heutzutage nach aufsehenerregenden technischen Neuerungen sucht, muss allerdings ein bisschen abseits der ausgetretenen Pfade suchen. „Eigentlich ist die Branche technisch wie gestalterisch auffallend innovationsarm“, kritisiert Beat Weinmann, Uhrmacher in Luzern:  „Die Uhrmacherei hat sich seit Langem in Richtung Bijouterie entwickelt, komplizierte Uhren werden eher als Miraculum denn als ein Stück eleganter Technik konstruiert.“

Mit seinem Geschäftspartner Ludwig Oechslin, promovierter Physiker und langjähriger Leiter des Internationalen Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds, baut Weinmann als „Ochs und Junior“ rigoros vereinfachte Uhren, für deren Zusatzfunktionen nicht Hunderte herkömmlicher, sondern eine Handvoll neu entwickelter Bauteile benötigt werden.

Radikalen technischen Fortschritt strebt auch Guy Sémon an, Leiter der Forschung und Entwicklung bei TAG Heuer. Zuletzt machte seine Abteilung mit Uhren von sich reden, die immer kürzere Zeiträume mechanisch messen können – weil der Physiker Traditionelles über Bord werfen lässt: „Mit der Unruhspirale geht es in absehbarer Zeit zu Ende. Die mechanischen Uhren der Zukunft werden anders reguliert als mit der klassischen Schweizer Ankerhemmung.“

Während sich die Errungenschaften im technischen Bereich also klar definieren und kategorisieren lassen, ist die Frage des geistigen Eigentums beim Design der Uhren deutlich schwerer zu klären. Lange Zeit bemühte sich kaum ein Hersteller um optische Eigenständigkeit. Seit aber die Uhr vollends vom Zeitmessgerät zum Lifestyle-Objekt wurde, ist das Aussehen für den Erfolg eines Modells mit entscheidend. Gestalterische Eigenleistungen werden darum tunlichst mit einem Geschmacksmustereintrag gesichert.

Der Nachweis eines solchen Schutzes ist auch die Voraussetzung dafür, auf der Baselworld, der weltgrößten Uhrenmesse, vor einem Schnellgericht Klage gegen andere Aussteller erheben zu können. Wenn das siebenköpfige Panel aus Branchenkennern und Juristen befindet, dass bei dem monierten Stück „ein für den interessierten Endkonsumenten verwechselbarer Gesamteindruck“ vorliegt, darf der Beklagte die Modelle nicht mehr anbieten – ein harter Schlag vor dem Hintergrund, dass in Basel einige Hersteller bis zu zwei Drittel ihres Jahresumsatzes machen. „Statistisch entscheidet das Panel in etwa drei Vierteln der Fälle zugunsten des Klägers“, erklärt Christoph Lanz, Justiziar der Schweizer Messe und Sekretär des Panels, „dabei ist die Zahl der Klagen in den letzten zehn Jahren deutlich zurückgegangen.“ Das wohl auch, sagt Lanz in formvollendeter Diplomatie, weil die Idee des geistigen Eigentums mittlerweile in immer mehr Rechtskulturen außerhalb Europas Einzug halte.

Manchmal allerdings ist die Konfliktvermeidung keine Frage der Rechts-, sondern einfach auch der gehobenen Streitkultur: Ochs und Junior haben ihre frühen Innovationen veröffentlicht und bewusst nicht patentrechtlich schützen lassen. Dass eine weitere Jubiläumsuhr von Patek Philippe, die World Time Moon, nun eine ganz ähnliche Mondphasenanzeige besitze wie ein Modell der kleinen Nischenmarke, wird auf deren Website zwar angemerkt, aber sehr gelassen kommentiert: Man fühle sich geehrt. 

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