• Yvonne Döbler

Wo ein Wille ist, ist ein  Bildungsweg.

Paracelsus

Bildung. Eine private medizinische Universität zu gründen und zu Renommee zu führen, ist eine Herausforderung. Ein kleines Team von ­Chefärzten aus Salzburg hat es gewagt – und gemeistert. Nun haben sie ihr Modell nach Deutschland exportiert. In Nürnberg wird seit ­August 2014 privat Medizin studiert. Eine Geschichte für Stifter, Mäzene – und Studierende.

Als Herbert Resch am 7. September 2003 um 21 Uhr nach Hause kommt, schenkt er sich und seiner Frau ein Glas Rotwein ein, setzt sich in seinen Lieblingssessel und genießt den Augenblick. Zufriedenheit und Genugtuung machen sich breit. Vier Jahre harten ehrenamtlichen Engagements des Unfallchirurgen und Professors, vier Jahre mit Nachtsitzungen und zähem Ringen um Förder- und Sponsorengelder würden am nächs­ten Morgen belohnt werden. Dann würden sie kommen. Die ersten 42 Studierenden der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Und er würde sie als Rektor begrüßen. 

Der Aufbau der ersten medizinischen Privatuniversität in Österreich hat viel mit Hartnäckigkeit und Beharrungsvermögen zu tun. Denn der Entstehungsprozess zog sich über fast 40 Jahre hin. 1962 war die Medizinische Fakultät der Universität Salzburg geschlossen worden. Es blieb zwar das große Zentralkrankenhaus, doch gelehrt und geforscht wurde andernorts. Habilitierte Mediziner sprechen beim zuständigen Ministerium in Wien vor, sie wollen eine Medizinische Fakultät an der öffentlichen Universität. Doch mit Verweis auf Kosten und Standortprioritäten wird dies immer wieder abgelehnt.

Erst 1999 kommt Bewegung in die Angelegenheit. Ein neues Gesetz erlaubt erstmals die Gründung von privaten Universitäten in Österreich. „Eine Chance!“, sind Resch, Julian Frick – mittlerweile leider verstorbener Ehrenrektor – und 48 andere führende Ärzte, Wissenschaftler und Ökonomen überzeugt. Eine Machbarkeitsstudie bestätigt: Der Bedarf ist da, die Strukturen sind zu schaffen – auch die Finanzierung. Die Mediziner gründen eine gemeinnützige Privatstiftung – 50 Prozent des notwendigen Kapitals von damals, rund 70000 Euro, übernimmt das Land Salzburg, die anderen 50 Prozent die 50 Stifter selbst.

Die erste Hürde ist die Akkreditierung durch das zuständige Komitee. „Wir mussten ein fertiges Lehr- und Finanzierungskonzept für fünf Jahre vorlegen. Das war aufregend. Denn bis dahin gab es ja nur sehr ehrgeizige Ideen, wie unsere Lehre aussehen sollte – jetzt wurde es endlich konkret“, erzählt Resch. Persönliche Verbindungen des Rektors erleichterten den Kontakt zur privaten Mayo Medical School in Rochester/

Minnesota. Rektor Anthony Windebank besucht Salzburg, stellt den Lehrplan seiner Universität vor und begeistert die Österreicher.

Es wird beschlossen, das Curriculum auf österreichische Verhältnisse zu adaptieren. „Für die Studierenden hält es alles bereit, was die moderne Lehre zu bieten hat, aber es ist auch eine Herausforderung an die Disziplin“, erklärt Resch. Die Studienzeit verkürzt sich von den bei öffentlichen Einrichtungen üblichen sechs Jahren auf fünf. Pro Jahrgang gibt es anfänglich nur 42 Studenten, was die Betreuungsintensität durch die lehrenden Mediziner enorm erhöht. Aus drei Monaten Sommerferien werden wenige Wochen. Alle Studierenden absolvieren im vierten Jahr ein Forschungstrimester an der Mayo-Klinik, der Yale University, in Harvard oder auch in Salzburg, inklusive Publizierung der Forschungsergebnisse. „Wir hatten von Anfang an den Ehrgeiz, ein Studienprogramm zu erstellen, das Spitzenmediziner hervorbringt. Uns war völlig klar, dass wir eine Top-Lehre bieten müssen, wenn wir nachhaltig erfolgreich sein wollen.“

Während das Konzept überall Anklang findet, erweist sich die Finanzierung der ersten fünf Jahre Universitätsbetrieb als Herausforderung. Ein Drittel des damaligen Budgets für die ersten fünf Jahre, rund 8,1 Millionen Euro, sind durch private Spenden für ihre Universität aufzubringen. Es gibt zwar eine großzügige Spendenzusage, doch ist diese mit einer sogenannten Matching-Auflage versehen. „Das ist die Ankündigung einer Spende unter der Voraussetzung, dass noch ein anderer Spender den gleichen Betrag gibt“, erklärt Resch. Unter dieser Bedingung sagte etwa der Salzburger Mäzen der dortigen Festspiele, Donald Kahn, eine Million Euro zu. Doch der Matching-Partner, Alberto Vilar aus New York, zieht zurück. „Er hatte seine Spende im Dezember 2001 zugesagt. Aber im Frühjahr 2002 traten offenbar finanzielle Engpässe auf“, erinnert sich Resch an einen der schwierigsten Momente.

Doch in der Zwischenzeit war Gottfried Stienen als erster bezahlter Mitarbeiter der Stiftung für das Fundraising eingestellt worden. „Wir mussten unsere Strategie ändern. Nicht die Konzentration auf ein bis drei große Spender, sondern viele Spender aus dem regionalen Raum Salzburg/Bayern zu gewinnen, stand nun im Fokus“, erzählt er. Tatsächlich fanden sich unter dem Aspekt Standortsicherung und Standortaufwertung viele Privatpersonen und Unternehmen, die mit ansehnlichen Summen die Universitätsgründung unterstützen wollten. Stienen erzählt, er sei selbst erstaunt gewesen, als ihm ein wesentlicher Beweggrund der Spender, Geld zu geben, bewusst wurde: „Es waren vor allem Unternehmer. Sie schätzten privates Engagement und Mut, haben ja alle selbst mal die Ärmel hochgekrempelt und etwas aufgebaut – das zu spüren wirkte belebend auf alle, die an der Finanzierung zu verzweifeln drohten.“

Das Glück ist mit den Tüchtigen – eine Woche vor der endgültigen Präsentation des Uni-Konzepts beim Akkreditierungsrat in Wien erhalten Resch und Stienen bei einem Gespräch in Fuschl eine wertvolle Zusage von Dietrich Mateschitz, Eigentümer von Red Bull: Zu einem jährlichen Förderbetrag übernehme der erfolgreiche Unternehmer eine Ausfallhaftung für jegliche notwendige private Mittel der Universität in den ersten 15 Jahren des Betriebs. „Jetzt waren wir sicher – es war ein bewegendes Gefühl.“

Würde die Universität auch von den Studierenden angenommen werden? „Wir hatten gehofft, dass sich zu Beginn rund 100 bewerben würden, damit wir auswählen könnten. Immerhin mussten damals in Österreich an den öffentlichen medizinischen Fakultäten nur jährlich 700 Euro Studiengebühr bezahlt werden und unsere waren 2003 mit 8000 Euro pro Jahr nicht eben niedrig“, erzählt Stienen. Tatsächlich bewarben sich 408 junge Menschen um einen Studienplatz in Humanmedizin. „Wir konnten uns die Besten raussuchen, das war überwältigend“, erinnert sich Resch.

Der Zufall und Dietrich Mateschitz helfen den Medizinern bei der weiteren Entwicklung der Universität. Ein Gebäude in der Nähe des Klinikums steht zum Verkauf. Mateschitz spendet zwei Millionen Euro für den Grundstückskauf, sodass das abbruchreife Haus erworben und die ersten Räume umgebaut werden können. Ab Januar 2004 können die Studierenden in eigenen Räumlichkeiten unterrichtet werden. Und auch die Kooperation mit der Mayo-Klinik erweist sich bald als großer Erfolg. „Im Ausland an einem Forschungsprojekt zu arbeiten und die Ergebnisse zu publizieren ist für die Studierenden sehr attraktiv, da es sie in ihrer ganzen Entwicklung voranbringt“, ist Resch überzeugt.

Der gute Ruf der Universität festigt sich im Lauf der Jahre. Es kommen Anfragen von anderen Einrichtungen zur Organisation, zum Modell, zu den gemachten Erfahrungen. Als das Klinikum Nürnberg 2010 auf die Salzburger zukommt und eine universitäre Kooperation anfragt, sind die Salzburger bereit, den nächsten Schritt zu gehen: „Wir waren gefestigt und die Nürnberger hatten den gleichen Spirit wie wir bei unserer Gründung. Die Verantwortlichen haben uns als Persönlichkeiten überzeugt und auch die Größe des Klinikums ist dem Salzburger Universitätsklinikum ähnlich – also bieten wir seit August dieses Jahres unser Konzept auch in Deutschland an“, erläutert Resch.

Für diesen Schritt hören die Österreicher zunächst Kritik. Deutsche Universitäten und Ärzte zweifeln die verkürzte Lehrzeit, die Forschungseffektivität, die Lehrqualität der PMU an.

Die Österreicher wehren sich mit Fakten. Ein Beispiel: Die Anatomie der PMU ist im deutschsprachigen Raum Europas auf Platz drei, was die Publikationen angeht. „Unser gesamter Forschungs-Output ist mit jedem Jahr stark steigend, inzwischen haben sich knapp 100 Ärzte in Salzburg habilitiert und unsere Alumni sind als junge Ärzte an namhaften Kliniken weltweit beruflich tätig“, zählt Stienen auf.

Einfach ist es allerdings nicht, an der Paracelsus Universität als Studierender aufgenommen zu werden. Das dreistufige Auswahlverfahren versucht, junge Menschen mit sozialer Kompetenz und hohem Eigenengagement herauszufiltern. Wer ein überzeugendes Motivations-Essay einreicht, wird zu einem viereinhalbstündigen Test am PC eingeladen. „Ein kleiner Intelligenztest, basale Englischkenntnisse und Basiskenntnisse in der Naturwissenschaft“, zählt Stienen einige Testinhalte auf. Sozialkompetenz, kommunikative Fähigkeiten oder Belastbarkeit werden abgefragt, kein Abiturwissen. Die jeweils 150 bes­ten Bewerber in Salzburg und Nürnberg werden zu einem persönlichen 45-minütigen Gespräch eingeladen. 50 von ihnen bekommen eine Zusage.

Sieben Jahrgänge haben an der PMU bereits promoviert, mehr als 300 Humanmediziner wurden ausgebildet, fast 200 von ihnen sind im Alumni-Netzwerk der Uni engagiert. In der Zwischenzeit sind fünf weitere Studiengänge hinzugekommen. Die Universität steht auf stabilen finanziellen Beinen. Langfristige Spendenzusagen, Fundraising, Studiengebühren und zusätzlich angebotene Operationslehrgänge sowie Simulationstrainings sichern die Finanzierung bereits heute für die Jahrgänge, die bis 2017 ihr Studium aufnehmen. „Doch wir ruhen uns nicht auf dem bisherigen  Erfolg aus – wir bleiben innovativ, energisch und engagiert“, sagt Resch.

Entsprechend gibt es wieder ein paar Daten, die Herbert Resch in seiner Erinnerung rot markieren wird. Am 25. August 2014 haben in Nürnberg 50 Studierende das Studium der Humanmedizin begonnen – „das wurde ausgiebig gefeiert“, erzählt der Rektor. Und am 3. November wurden in Nürnberg bei der Inaugurationsfeier 23 Chefärzte zu Lehrstuhlinhabern der Paracelsus Universität bestellt. Am Abend trifft sich das Leitungsteam beider Standorte bei fränkischem Wein und lokalen Spezialitäten. Resch: „Was wir alles in den vergangenen elf Jahren geschafft haben, hätte uns keiner zugetraut – wir uns auch nicht immer. Die Verantwortung ist groß, aber auch die Zufriedenheit.“ 

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