• Gerd Hübner, Klaus Meitinger

Die heißen Zwanziger.

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Lerbach Attraktive

Anlagefaktor Klima. Der Kampf gegen den Klimawandel wird die Art, wie wir künftig wirtschaften, dramatisch verändern. Damit öffnet sich die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern bei den Unternehmen weit. Die Lerbacher Runde erklärt, wie Investoren darauf reagieren sollten.

„Es gibt da eine interessante Studie“, erzählt Stephan Kemper, BNP Paribas WM Private Banking: „Im Auftrag der ,Financial Times‘ wurde bei den 1000 größten börsennotierten Unternehmen der Einfluss eines CO 2 -Preises von 100 Euro berechnet heute liegt der CO 2 -Preis ja bei knapp 60 Euro. Das Ergebnis: Die obersten zehn Prozent würden 30 Prozent an Marktwert gewinnen, die untersten 50 Prozent verlieren.“ Willkommen auf dem Netto-Null-Pfad. „Der Klimawandel ist ein Treiber für enorme Umwälzungen“, ist Axel Angermann, FERI Trust, überzeugt: „Dieser Megatrend verläuft stark progressiv und ist quasi unumkehrbar. Investoren müssen sich jetzt darauf einstellen.“ „Die wichtigste Information ist: Es wird eine dramatische Spreizung zwischen Gewinnern und Verlierer geben“, meint Lutz Welge, Bank Julius Bär, und folgert: „Für Anleger ergeben sich daraus Chancen.“ Tatsächlich sind gewaltige Anstrengungen nötig, um den Weg in eine globale Netto-Null-Wirtschaft zu schaffen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) taxiert das globale Investitionsvolumen für eine erfolgreiche Transformation auf 50 bis 100 Billionen Dollar. Das ist ungefähr einmal das gesamte Welt-Sozialprodukt. „Diese Investitionen sind Nachfrage. Für bestimmte Firmen bedeutet das zwingend höhere Umsätze, höhere Gewinne und steigende Aktienkurse“, verdeutlicht Michael Huber, Südwestbank.

Die besonders interessanten Sektoren sind dabei leicht zu identifizieren. „Wind- und Solarenergie, Batterien. Technologien zur Abscheidung von Kohlendioxid. Anbieter von Elektrofahrzeugen, Brennstoffzellen, alternativen Treibstoffen und Energieeffizienzlösungen“, zählt Kai Röhrl, Robeco, auf. „Aber auch scheinbare Verlierer können sich als Gewinner entpuppen“, ergänzt Welge: „Wussten Sie, dass für den Fuß eines Windrads 70 Tonnen Zement benötigt werden? Je mehr Windräder wir hinstellen, desto besser für die Zementindustrie.“ „Ein anderes spannendes Thema ist Wasser und die Frage, wie wir wasserarme Gebiete versorgen. Eine der interessantesten Möglichkeiten ist es, in wasserreichen Regionen angebaute Lebensmittel zu exportieren.

Das rückt die Nahrungsmittelindustrie in den Fokus“, überlegt Kemper. „Ernährung ist ein gutes Stichwort“, ergänzt Michael Huber, „die herkömmliche Landwirtschaft ist ja für rund ein Drittel der globalen CO 2 -Emissionen verantwortlich. Das Ernährungsverhalten – vor allem bei der jungen Generationen – verändert sich deshalb dramatisch. Unternehmen, die sich bei veganer Ernährung profilieren, werden deshalb enormes Potenzial haben.“ Ideen, da ist die Runde einig, gibt es mehr als genug. „Die Schwierigkeit liegt darin, künftige Klimagewinner zu identifizieren und dann intelligent im Portfolio einzusetzen“, verdeutlicht Axel Angermann.

„Das ist eine Herausforderung“, nickt Christian Jasperneite, M.M.Warburg & CO, „wir wissen ja heute oft nicht einmal, welche Technologien sich durchsetzen werden. Unternehmerische Disruption frühzeitig zu erkennen, ist sehr schwierig. Natürlich ist jedem klar, dass Tesla oder Amazon disruptive Eigenschaften aufweisen. Wer aber hätte darauf vor 15 Jahren gesetzt?“ Die Bankiers stellen sich dieser Aufgabe. „Es geht um Selektion. Also sind wir als Berater gefragt. Viele Unternehmen haben faszinierende Geschäftsmodelle. Aber ihre Aktien sind extrem hoch bewertet. Da müssen wir mit den klassischen Methoden der Finanzanalyse ran“, sagt Welge. „Auch bei den Fonds gilt es, genau hinzusehen“, ergänzt Kemper, „viele haben schöne Namen, verkaufen sich mit tollen Storys. Sie belegen aber oft kleine Nischen und konzentrieren sich dann auf wenige Aktien.

Die Risiken solcher Produkte werden von Privatanlegern unterschätzt.“ Die Quintessenz der Runde: Fonds oder Einzelfirmen, die transformative Technologien für eine Netto-Null-Wirtschaft entwickeln, sind ein Satelliten-Investment und sollten deshalb nicht mehr als zehn bis 20 Prozent im Depot ausmachen. Eine zweite Möglichkeit, das Klimathema ins Depot zu bringen, liegt darin, die Firmen nach ihrem CO2 -Ausstoß einzustufen und diesen dann im Depot zu minimieren. „Die Idee dahinter ist, dass Unternehmen, die wenig CO2 emittieren, besser aufgestellt und weniger angreifbar sind, wenn die Politik die Zügel künftig stärker anzieht“, erklärt Michael Huber. „Auch klimaneutrale Fonds oder solche, die explizit nur in Firmen investieren, die mit dem Pariser 1,5-Grad-Ziel kompatibel sind, passen zu dieser Strategie“, ergänzt Kai Röhrl. „Die Frage ist dabei allerdings immer: Wie rechnet man die Kompatibilität konkret?“, überlegt Christian Jasperneite: „Da geht es ja um Reduktionspfade. Um globale Budgets an CO2 . Die kennen wir aber nur annähernd. Ich habe deshalb das Gefühl, dass viele Indizes und Fonds nicht darauf, sondern nur auf die CO2 -Intensität abstellen.“

Das führt die Runde zur Frage, was Kapitalanleger wirklich bewegen können. „Was erreichen wir für das Klima, wenn wir Firmen mit hohen CO2 -Emissionen verkaufen?“, fragt Röhrl. „Dadurch, dass eine Aktie vom Portfolio des Verkäufers in das des Käufers wandert, entsteht keine Wirkung“, analysiert Welge, „bei Sekundärmarkttransaktionen über die Börse geht es ja nicht um neues Kapital.“ „Vielleicht spielt indirekt der Refinanzierungsaspekt eine kleine Rolle. Aber am Ende brauche ich Engagement, die Ausübung der Aktionärsrechte. Dort ist der Hebel größer“, verdeutlicht Jasperneite. Aktuell laufe da noch vieles falsch: „Die Werte, die eigentlich Engagement bräuchten, werden von nachhaltigen Anlegern verkauft. Und den Käufern ist das Thema völlig egal.“ „Ich finde deshalb einen Best-in-Class-Ansatz, also die Selektion des jeweiligen Branchenbesten, sinnvoller als einen Ausschluss. Man kann nur da etwas bewegen, wo man auch investiert ist. Und es ergibt auch ökonomisch Sinn, Sektoren wie Energie oder Versorger bei der Transformation zu begleiten. Denn in einer Netto-Null-Welt werden wir viel mehr Strom brauchen“, meint Welge.

„Einen echten Impact erzielen Investoren aber nur, indem sie Unternehmen frisches Eigen- oder Fremdkapital zur Verfügung stellen, deren Aktivität einen echten gesellschaftlichen Nutzen hat“, macht Angermann deutlich. „Am Anleihemarkt ist das einfach. Bei sogenannten Green Bonds müssen Unternehmer oder Staaten jedes Jahr deutlich machen, welche Projekte sie mit welchem Erfolg damit finanzieren. Aber auf der Eigenkapitalseite wird es schwieriger“, sagt Jasperneite.

„Derzeit behelfen sich die entsprechenden Fonds noch mit dem Umweg über die 17 UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs). Sie investieren in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle explizit mit einem hohen Umsatzanteil auf diese Ziele einzahlen“, erläutert Kemper und fährt fort: „Interessant ist, dass viele dieser Ziele ja auch etwas mit CO 2 zu tun haben, mit der Energiewende. Und damit verschiebt sich dann gleichzeitig auch der CO 2 -Fußabdruck dieser Investments.“ „Aber das Sekundärmarktproblem bleibt. Wer echten Impact sucht, muss sich im Private-Equity- und Venture-Capital-Markt umsehen“, macht Axel Angermann klar.

Gerade im Impact-Bereich, kritisiert die Runde, gebe es noch viel zu tun. „Irgendwann brauchen wir einheitliche und verbindliche Regeln – wann ist ein Fonds nachhaltig, wann erzielt er Impact? Solange das mehr oder weniger jeder für sich entscheidet, steht immer auch ein gewisser Verdacht des Greenwashing im Raum“, schließt Angermann.

„Das wird sich aber einspielen“, ist Michael Huber überzeugt, „ab dem nächstem Frühjahr sind Banken und Vermögensverwalter ja verpflichtet, jeden Kunden zu fragen, ob er sich für nachhaltige Anlagen interessiert. Dann werden Nachfragen kommen. Und dann muss der Kunde selbst entscheiden, ob der jeweilige Ansatz mit seinen Überzeugungen übereinstimmt.“ „Alles in allem wird so aber künftig noch viel mehr Kapital als bisher in diese Bereiche fließen“, sagt Lutz Welge: „Jedes Jahrzehnt hat sein dominierendes Investmentthema. In den heißen Zwanzigern werden es Klima und Nachhaltigkeit sein.“

// Was bedeutet der Klimawandel für Kapitalanleger?

Der Kampf gegen den Klimawandel wird die Kapitalmärkte über Jahre hinaus massiv beeinflussen. „Das ist für Investoren sozusagen die Mutter aller Megatrends“, meint Kai Röhrl. Um davon zu profitieren, ist Analyse, Selektion und Diversifikation nötig. „Ein Fall für Fonds“, sagt Stephan Kemper und schließt: „Weil ,E‘ ein wichtiger Aspekt aller ESG-Anlagen ist, bedeutet das auch, dass nachhaltige Investments künftig den Kern jedes Portfolios darstellen sollten.“

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