• Gerd Hübner

Unendliche Möglichkeiten.

Blockchain shutterstock 1170889429Finanzinnovation. Die Kurse aller Anlagen rund um die Blockchain-Technologie steigen rasant. Das mag – wie so oft bei faszinierenden Innovationen – eine Übertreibungsphase in den Anfangsjahren sein. Doch das Potenzial der Technologie ist real. Ein Überblick.

„Die Kernkompetenz eines Fondsmanagers – lukrative Investments zu finden – macht heute nur noch einen kleinen Teil seiner Arbeit aus“, kritisiert der ehemalige Fondsstrukturierer Hansjörg Hettich, der zusammen mit der früheren Hedgefonds-Managerin Mona El Isa die Non-Profit-Organisation Multichain Asset Managers Association (MAMA) gegründet hat. Viel mehr Zeit verbringe er mit Fragen der Compliance, Diskussionen mit den Rechtsabteilungen oder dem Risikomanagement. „Was da in der Asset-Management-Industrie an Zeit und Geld investiert werden muss, ist enorm. Wenn das alles wegfiele und automatisiert werden würde, könnte das Investmentgeschäft einfacher, kostengünstiger und für Anleger viel profitabler sein.“

Nicht weniger als die Finanzindustrie durch eine verstärkte Nutzung der Blockchain zu revolutionieren, haben sich Hettich und El Isa mit MAMA auf die Fahnen geschrieben. „Wussten Sie, dass bei der Auflage eines neuen Fonds in der Regel mehrere 10000 Euro an Kosten anfallen? Nur um eine Infrastruktur aufzubauen, die sicherstellt, dass der Initiator nicht mit dem Geld der Anleger verschwindet. Dass bislang aufwendige Kontrollsysteme nötig sind, um zu verhindern, dass ein Fondsmanager im Tagesgeschäft die definierten Anlagegrenzen in seinem Fonds überschreitet? Oder wie intransparent und komplex die Berechnung der Transaktionsgebühren bei einem Fonds sind?“, zählt El Isa, die als eine der führenden Persönlichkeiten in der Blockchain-Szene gilt, auf. „All das könnte viel schneller, transparenter und effizienter über die Blockchain gemacht werden.“

Der Schlüssel dazu sind sogenannte Smart Contracts. Das sind Computerprotokolle, mit deren Hilfe unterschiedliche Vertragsbedingungen hinterlegt werden können. Sie bilden also Verträge ab, überprüfen diese und unterstützen die Abwicklung eines Vertrags. Und deren Bedeutung hat durch die Verbreitung der Blockchain-Technologie, die als fälschungssicher gilt, stark zugenommen. Denn so können Intermediäre, wie Banken oder Notare, bei vielen Rechtsgeschäften überflüssig werden.

Ein Geschäft, das die Anlagegrenzen in einem Fonds überschreitet, würde dann gar nicht erst ausgeführt. Wäre die Berechnungsformel von Transaktionsgebühren in einem solchen Smart Contract programmiert, entstünde Transparenz. Und die Kosten bei Auflage eines Fonds reduzierten sich auf einen Bruchteil. „Im Prinzip können alle Regeln, die zwischen einem Asset Manager und einem Anleger gelten, programmiert werden. Damit lässt sich ein absolut vertrauenswürdiges Umfeld schaffen, das deutlich effizienter und kostengünstiger ist“, fasst Mona El Isa zusammen.

Das Schlagwort, unter dem all das zusammengefasst wird, lautet Decentra­lized Finance, also dezentralisiertes Finanzsystem. Darin gibt es keinen zentralen Mittelsmann mehr, keine Bank, keine Börse und auch keine staatliche Institution. Stattdessen finden klassische Finanztransaktionen wie die Vergabe eines Kredits oder der Wertpapierhandel über eine dezentrale Plattform, eine Blockchain, statt.

Wie groß das Potenzial ist, das diese Technologie birgt, versucht auch Katharina Gehra von Immutable Insight den Menschen nahe zu bringen. „Stellen Sie sich vor“, sagt sie, „wir würden die Regeln aus dem BGB über Smart Contracts auf die Blockchain übertragen. Dann hätten wir bei jeder Transaktion, die über diese Blockchain abläuft, automatisch die Sicherheit, dass das Gesetz eingehalten wird. Und wir würden uns viel Aufwand und Transaktionsgebühren sparen.“

Doch auch für Investoren ist das Thema spannend. Denn vermutlich wird es viele Firmen geben, die selbst von einem verstärkten Einsatz der Blockchain-Technologie profitieren oder hohe Gewinne machen, weil sie dies etablierten Firmen ermöglichen. Entsprechend schießen Start-ups, die in diesem Bereich tätig sind, wie Pilze aus dem Boden. Epizentrum sind das Schweizer Crypto Valley (CV) und das Fürstentum Liechtenstein. Laut dem Crypto Valley VC Top 50 Report gab es dort im Februar 2021 rund 960 auf die Blockchain-Technologie spezialisierte Firmen, wobei die 50 größten auf eine Bewertung von rund 255 Milliarden Dollar kamen. Interessant dabei: Im Juli 2020 brachten diese laut dem Report nur 37,5 Milliarden Dollar auf die Waage. Es herrscht also Goldgräberstimmung im Crypto Valley. Und eine ganze Reihe von Venture-Capital-Gesellschaften haben sich mittlerweile auf diesen Bereich fokussiert (siehe Infokasten Seite 70).

Ein alternativer Weg, um von einem möglichen Siegeszug des Decentralized Finance zu profitieren, ist ein Investment in die Kryptowährung Ether. Anders als der Bitcoin, der von vielen zunehmend als Wertaufbewahrungsmittel angesehen wird, ist Ethereum die Grundlage für die älteste und relevanteste Smart-Contract-Plattform. Wie die Experten von Independent Research in ihrer Studie „Punting on the Block-chain“ schreiben, sei Ethereum die Basis, auf der ein neues Ökofinanzsystem aufgebaut werden könne. „Während des Dotcom-Booms zur Jahrtausendwende war es für Investoren nicht möglich, ‚das Internet‘ zu kaufen. Dieses Mal aber geht das über Ether, die Währung des Ethereum-Netzwerks.“ Diese Block-chain, so der Gedanke, hat die beste Chance, vom Erfolg eines dezentralisierten Finanzsystems zu profitieren, weil es das bereits am weitesten entwickelte und am stärksten genutzte Netzwerk ist.

Tatsächlich besteht es aus Zehntausenden von Entwicklern aus aller Welt und wird bereits dazu benutzt, die Lieferkette der Kaffeebohnen von Starbucks zu verifizieren oder Anleihen zu begeben. „Ich vergleiche den Bitcoin gern mit einem analogen Telefon, während Ethereum ein Smartphone mit vielen Apps ist“, erklärt Gehra. Und auf diesem Smartphone werden inzwischen Tokens aller Art zu begeben. Diese werden dann in Ether, der Währung der Ethereum-Blockchain, gehandelt. Aus Anlegersicht heißt das: Je mehr Transaktionen über Ethereum abgewickelt werden, desto stärker die Nachfrage nach Ether, und damit sollte auch dessen Kurs tendenziell steigen.

Katharina Gehra dreht diesen Gedanken noch ein Stück weiter. Sie investiert mit ihrem Fonds in alle Token, die auf Basis der Ethereum-Technologie auf einer eigenen Blockchain begeben wurden. Und dieser Markt entwickelt sich mit hoher Dynamik. „Dort gibt es inzwischen mehr als 250000 Token, insgesamt haben wir 1,7 Milliarden Transaktionen und weltweit sind über 150 Millionen Nutzer aktiv“, erklärt Gehra. Diese Token können aus dem Gaming-Bereich stammen, es gibt Energie-Token oder solche, die Rechte an einem Kunstgegenstand oder eine Musiklizenz verbriefen. Gehras Idee: Durch das Sammeln sämtlicher Daten für jeden einzelnen Token versuchen sie und ihr Team in Echtzeit festzustellen, ob die Nutzung eines Token gerade stärker oder schwächer wird. „Daraus wollen wir ableiten, ob der Preis für einen Token sinken oder fallen wird, und uns entsprechend positionieren“, so die Fondsmanagerin.

Das alles klingt faszinierend. Allerdings gilt es zu bedenken, dass dem wirklichen Durchbruch der Blockchain in vielen Bereichen noch eine Hürde entgegensteht: die Regulatorik. „Wir führen zwar viele Gespräche mit den zuständigen Behörden und sehen auch, dass sich schon einiges tut“, erklärt Hettich. „Dennoch dürfte es noch einige Zeit dauern, bis sich das in der Breite durchsetzt.“ Wer sich also heute in diesem Bereich positioniert, braucht trotz – oder gerade wegen – des gewaltigen Potenzials der Technologie wohl viel Durchhaltevermögen. ®

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// How to invest in Blockchain.

In Unternehmen mit ganz neue Technologien zu investieren, ist riskant. Wie das IT-Researchhaus Gartner Group feststellt, durchlaufen diese nicht nur bei ihrer Entwicklung bestimmte Zyklen. Auch die Reaktion der Anleger an den Kapitalmärkten folgt einem bestimmten Muster.

Zunächst kommt es an den Börsen oft zu einer Phase massiver Übertreibung. Die Story ist neu, das Potenzial scheint riesig. Dann folgt die Ernüchterung. Die Aktienkurse brechen ein, die Branche konsolidiert. Irgendwann wird klar, dass die Technologie wirklichen Mehrwert liefert. Bei denjenigen Firmen, die sich durchgesetzt haben, beginnt nun ein lang anhaltender Aufwärtstrend.

Derzeit befindet sich das Thema Blockchain vermutlich in der Euphorie-Phase. Das mahnt zur Vorsicht. Allerdings kann niemand sagen, wie lange diese andauern und wie weit sie führen wir. Investoren sollten sich nur mit geringem Portfolioanteil engagieren. Grundsätzlich bieten sich dafür drei Wege an:

// 01. Venture Capital

Venture-Capital-Fonds streuen das Risiko durch Anlagen in verschiedene Start-ups. Dabei gilt: Es wird zu Ausfällen kommen. Wenige Gewinner müssen für die Performance des gesamten Fonds sorgen. Entscheidende Selektionskriterien sind Erfahrung und Qualität des Managements, das anhand der Anlageergebnisse in der Vergangenheit überprüft werden sollte.

Beispiele für aktuelle Anbieter: Blockchain Founders Group (blockchainff.com); Block­chain Valley Ventures (bvventures.ch); Cryptology – Crypto Asset Manager (cryptology-ag.com); CV VC Technology For Tomorrow (T4T) Strategy AMC (cvvc.com); Greenfield VC Fonds (www.greenfield.one); Signature VC Fonds (www.signatureventures.com); Tioga VC Fonds (tioga.capital)

// 02. Aktien mit Blockchain-Bezug

Große IT-Konzerne wie Amazon, Google, Microsoft, Nvidia oder der IT-Dienstleister IBM profitieren von der Entwicklung der Block-chain-Technologie. Allerdings trägt dieser Bereich immer nur einen kleinen Teil zu den Umsätzen der Firmen beiträgt. Eine konzentriertere Alternative ist ein von Invesco begebener ETF auf den Elwood Blockchain Global Equity Index (ISIN: IE00BGBN6P67), der Firmen enthält, die in irgendeiner Weise aus dem Blockchain-Ökosystem kommen. Derzeit sind dort allerdings viele Titel mit Bezug zum Bitcoin enthalten.

// 03. Ether und die Token-Ökonomie

Der Kurs der Kryptowährung Ether ist auf Jahressicht um den Faktor 17 gestiegen. Wie lange der Hype anhält, ist nicht kalkulierbar. Sehr risikobereite Investoren können entweder direkt sowie über ETPs investieren, die den Kurs der Kryptowährung abbilden. Ein Beispiel ist der ETC Group Physical Ethereum ETP (DE000A3GMKD7). Eine Möglichkeit der Anlage in die Token-Ökonomie ist der für professionelle Anleger nach Mifid II zugelassene Blockchain-Fonds von Immutable Insight (www.blockchainfonds.com).

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// Blockchain-Anwendungen – mehr als Fintech.

Die Möglichkeiten von Blockchain-Anwendungen gehen weit über die Finanzindustrie hinaus. Im Prinzip können alle denkbaren Transaktionen über die Blockchain günstig und trotzdem sicher abgewickelt werden. Daraus ergeben sich für so gut wie alle Unternehmen Effizienzvorteile. Insofern stellen die im Beitrag skizzierten Beispiele nur einen sehr kleinen Ausschnitt dar. Es ist unmöglich, alle Ideen, Konzepte und Entwicklungen abzubilden, die hinter der Blockchain stehen.

Tatsächlich sehen laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom unter rund 1000 Unternehmen 88 Prozent großes Potenzial in der Verbesserung der Informationssicherheit und 84 Prozent für das Datenqualitätsmanagement. Als Anwendungsbereiche werden vor allem die Logistik und die Verbesserung der Lieferketten genannt, aber auch zahlreiche andere Möglichkeiten wie zum Beispiel Blockchain-basierte Marktplätze für Sharing-Konzepte.

Zudem erwarten fast alle Firmen, dass sie bestehende Produkte oder Dienstleistungen durch den Einsatz der Blockchain anpassen und verändern können. Und rund 80 Prozent der befragten Firmen wollen mithilfe der Technologie neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen.

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Autor: Gerd Hübner

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