• Gerd Hübner

Die neue Welt der Geldanlage.

Token 935705246Blockchain. Die digitale Abbildung von Eigentumsrechten, die sogenannte Tokenisierung, erlaubt nicht nur den kostengünstigen Handel realer Anlageklassen in kleiner Stückelungen. Sie erschließt auch ganz neue Investmentmöglichkeiten. Für viele Investoren erweitert sich damit das Anlageuniversum deutlich. Noch steckt der Markt allerdings in den Kinderschuhen. Es gilt, einige Hürden zu nehmen.

Kunst kann ein interessantes Investment sein. Weil ein Picasso oder ein Monet seinen Wert wahrscheinlich über Generationen erhält und das Vermögen diversifiziert. Nur – für die meisten Anleger sind solche Sachwerte als Beimischung schlicht zu teuer.

Nun gibt es eine charmante Alternative zum direkten Kauf. Maecenas, ein Unternehmen mit Sitz in Singapur, „tokenisiert“ Kunstwerke. Damit können sich Anleger auch mit geringeren Beträgen an Werken bekannter Künstler beteiligen – und von einem möglichen Wertzuwachs profitieren. Eine Idee, die natürlich nicht nur bei Kunst funktioniert, sondern bei allen Anlagen.

„Das mit den Tokens ist eine faszinierende Sache“, sagt Professor Philipp Sandner vom Blockchain Center der Frankfurt School of Finance & Management. „Am besten lässt sich das mit dem Token Container Model aus dem Liechtenstein Blockchain Act beschreiben. Das Token ist eine technische Hülle, also ein Container, in den ein beliebiges Eigentumsrecht gepackt wird. Das kann das Recht an einem Gutschein sein oder an einem Euro – was dann das digitale Geld wäre. Genauso gut kann es aber auch das Recht an einem Wertpapier sein, einer Dividende, irgendeinem beliebigen Vermögensgegenstand. Und dieses Recht lässt sich von einem Nutzer zum anderen transportieren, also handeln. Das ist dann zum Beispiel ein sogenanntes Security Token.“

Die Technik, mit der sich die oben genannten „Container“ überallhin transportieren lassen, ist die Blockchain.

Das funktioniert in etwa so: Überträgt jemand ein Recht an eine andere Person, wird diese neue Information in einem verschlüsselten Datenblock zusammengefasst und an jeden Teilnehmer des jeweiligen Netzwerks übermittelt. Sie wird dann von den im Netzwerk befindlichen Rechnern auf ihre Richtigkeit hin überprüft, also verifiziert. Anschließend wird dieser neue Datenblock zu den bisher vorhandenen Blöcken hinzugefügt. So sind alle Informationen für jeden, der dem Netzwerk angehört, einsehbar und können, da jeder Block auf dem anderen aufbaut und alle dezentral gespeichert sind, nachträglich nicht mehr verändert werden. Damit gilt die Blockchain auch als fälschungssicher.

Die Nutzung dieser Technologie könnte die Welt der Geldanlage revolutionieren. „Bislang musste zum Beispiel ein Anleiheemittent einen Emissionsprospekt erstellen, einen Finanzintermediär wie eine Bank beauftragen und zu einem Notar sowie zum Zentralverwahrer gehen, wo die Generalurkunde eingelagert wird“, erläutert Sandner. Das alles kostet Geld und Zeit. In einer tokenisierten Welt benötigt der Emittent zwar weiter einen Emissionsprospekt. „Da aber der Vorgang in der Blockchain fälschungssicher ist, braucht es keinen Finanzintermediär mehr, die Signatur beim Notar kann digital erfolgen, der Emittent spart sich den Weg zum Zentralverwahrer, und es gibt keine Papierform mehr.“

Dieser Weg ist effizienter und kostengünstiger. „Das kann für kleine und mittelständische Firmen, die Anleihen emittieren wollen, attraktiv sein, da dort die Volumina in der Regel gering sind und sich eine Bondemission sonst aufgrund der hohen Kosten oft nicht lohnt“, erläutert der Forscher weiter.

Gleichzeitig dürften die Übertragung von Eigentumsrechten und der Geldtransfer deutlich beschleunigt werden. „Es dauert damit nicht mehr Tage, bis ein Wertpapier, ein Fonds, eine Anleihe oder ein Kredit verbucht oder Geld transferiert worden ist. Das geht dann in Sekunden“, skizziert Marcel Fleisch, Chief Product Officer der VP Bank.

Klingt das allein schon interessant, so könnten die Auswirkungen auf die Investmentwelt geradezu bahnbrechend sein. So müsste zum Beispiel eine Immobilie nicht mehr als Ganzes verkauft werden, sondern könnte – in kleine Teile zerlegt – an mehrere Investoren gehen. Zu diesem Zweck müsste der Eigentümer der Immobilie nur ein Eigenkapital-Token emittieren, das den Anlegern dann auch das Recht auf einen Anteil an der Miete verbrieft.

„Außerdem entsteht über die Tokenisierung auch die Möglichkeit, die Handelbarkeit von Anlagen zu erhöhen“, erklärt Marcel Fleisch weiter. Schließlich sinken die Mindestanlagesummen. Und so wird es in der digitale Welt für jeden möglich sein, ein diversifiziertes Portfolio aus Private-Equity-Fonds verschiedener Jahrgänge, Immobilien unterschiedlicher Standorte oder Kunstwerken und Oldtimern aufzubauen. Und diese dann auch jederzeit zu handeln.

Spannend kann die Granularität von Tokens auch im Hinblick auf die Nachfolgeplanung sein. Erbgemeinschaften und Stiftungsbegünstigte könnten über Tokens zum Beispiel einfach und kos­tengünstiger Anteile an Kunstobjekten halten, ohne dass das gesamte Objekt veräußert werden müsste.

Das erste Unternehmen hierzulande, das eine digitale Anleihe begeben hat, also ein Security Token Offering durchführte, war der Crowdfunding-Anbieter und Darlehensvermittler Bitbond aus Berlin. Mit dem Bond beteiligen sich Investoren indirekt an den Krediten, die die Firma über ihre Plattform an mittelständische und kleine Unternehmen vergibt. Den gleichen Weg beschritt im Dezember 2019 die Restaurantkette L’Osteria. Sie emittierte ein drei Jahre laufendes digitales Anleihe-Token mit einem Kupon in Höhe von 6,25 Prozent über die Plattform Kapilendo. Und in Liechtenstein leistete zuletzt mit dem Fintech-Start-up Amazing Blocks erstmals eine Firma ihre komplette Stammeinlage in der Kryptowährung Ethereum.

Diese Pionierleistungen sind vor allem theoretisch interessant, um die Entwick­lung dieser Technologie zu beobachten. „Eine Beteiligung daran ist für Anleger zumeist noch nicht ratsam“, informiert Sandner. „Denn erstens gibt es derzeit noch keinen wirklich funktionierenden und liquiden Markt. Alle Plattformen weltweit, auf denen Anleger digitale Wertpapiere handeln können, haben erst ein Volumen von zusammen vielleicht einer Milliarde Euro.“

Und zweitens – das ist der wichtigere Punkt – fehlt es aktuell noch an der notwendigen Rechtssicherheit. „In Deutschland wurden bislang nur die rechtlichen Rahmenbedingungen für digitale Anleihen geschaffen, für Aktien aber noch nicht. Denn die Übertragung von Eigenkapital ist viel komplexer. So ist beispielsweise noch unklar, wie in diesen Fällen mit den Dividendenzahlungen umgegangen werden sollte.“

Besonders weit ist die rechtliche Behandlung der neuen Investitionsmöglichkeiten im Fürstentum Liechtenstein. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gibt es dort das Token- und VT-Dienstleistergesetz. „In der Tat ist dieses Gesetz der rechtliche Rahmen für alle Anwendungen der Token-Ökonomie und gewährleistet die für die Dienstleister und Kunden notwendige Rechtssicherheit“, erklärt Fleisch. „Und das ist letztlich die Grundlage dafür, dass Unternehmen in diesem Bereich entstehen, Kunden mitmachen und es zu einer Professionalisierung und einer gewissen Reife der Token-Ökonomie kommt.“

Eine entscheidende Rolle können dabei auch sogenannte „Smart Contracts“ spielen. Sie erhöhen die Effizienz von klassischen Finanzdienstleistungen, indem sie bestimmte Zusatztools möglich machen. Beispielsweise könnten Transferbeschränkungen direkt in das Token einprogrammiert werden, um so sicherzustellen, dass Vertriebsvorschriften korrekt nachgekommen wird. Die gleiche Technologie kann auch dazu genutzt werden, um individuellen Ansprüchen – zum Beispiel der Einstimmigkeit bei der Veräußerung von Erbteilen – gerecht zu werden.

Bis sich diese Standards weltweit durchsetzen, wird es allerdings noch dauern. In zwei bis drei Jahren kann sich Sandner aber durchaus vorstellen, dass der Markt für Privatanleger attraktiv wird. „Bis dahin dürften sich die führenden Plattformen und Marktplätze heraus­kris­tallisieren, und es werden mehr Emittenten und Nutzer da sein, die für eine ausreichende Liquidität sorgen.“

Für die Asset-Management-Industrie bedeutet das womöglich ebenfalls eine drastische Veränderung. „Ganz langfris­tig kann ich mir schon vorstellen, dass wir beispielsweise gar keine Fondslösungen mehr brauchen“, wirft Sandner einen Blick in die Zukunft. „Der typische Assetmanager wird dann vielleicht nur noch Algorithmen dafür schreiben, wie ein Anleger seine Anlage individuell optimiert. Zusammenbauen kann sich jeder das entsprechende Portfolio in einer tokenisierten Welt eigentlich selbst.“ Es wäre der Beginn einer neuen Ära in der Geldanlage. ®

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Clevere Unternehmensfinanzierung über Tokens.

Nicht nur für Anleger, sondern auch für Firmen kann die Tokenisierung eine spannende Sache sein. „Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Chemiekonzern betreibt seine mit werthaltigen Chemikalien gefüllten Silos als selbstständige Profitcenter“, erklärt Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance & Management. „Dann könnte es doch eine gute Idee sein, die Eigentumsrecht daran als Equity-Tokens inklusive einer erfolgsabhängigen Rendite an Investoren zu verkaufen.“ Auf demselben Weg könnten Maschinen und Anlagen oder auch ein Firmengebäude tokenisiert werden, das nichts mit dem operativen Geschäft zu tun hat. „Auf diese Weise können Firmen Vermögensgegenstände aus der Bilanz auslagern und sich so Kapital für Inves­titionen beschaffen“, erklärt Sandner.

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Autor: Gerd Hübner

Fotos: iStock/ismagilov // iStock/matejmo

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