• Gerd Hübner

Solar reloaded.

Dieter Manz hat den Boom in der Solarbranche live erlebt. Und den darauf folgenden dramatischen Einbruch auch. „Wir mussten über ein tiefes, dunkles Tal balancieren. Noch ein paar Schritte, dann haben wir die andere Seite erreicht. Dort scheint die Sonne.“

Netzparität. Immer wieder nennt Dieter Manz diesen Begriff. Wenn erst die Netzparität erreicht ist, dann…

Dann wird die Solarindustrie erwachsen. Dann eröffnen sich riesige Potenziale. Dann wird er mit seiner Firma Manz Automation profitieren.

Netzparität – auf Englisch „grid parity“ bedeutet, dass der aus photovoltaischen Anlagen gewonnene Strom genauso teuer – oder besser – ebenso billig ist wie Strom aus traditionellen Energieträgern. Weit ist es nicht mehr dahin. „Weil die Preise in der Photovoltaik überdurchschnittlich stark gesunken sind, nimmt die Wirtschaftlichkeit dieser Art der Strom­erzeugung rasant zu“, informiert Gerhard Stryi-Hipp vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg: „In einigen Regionen der Welt, zum Beispiel in Kalifornien oder Italien, bestand wohl schon 2010 zeitweise grid parity. In Deutschland wird dieser Punkt im Jahr 2012 erreicht.“

Für Dieter Manz könnte dann eine neue Zeitrechnung beginnen. Seine Firma Manz Automation, die Maschinen für die Herstellung von Solarzellen und
-modulen baut, würde in eine neue Dimension katapultiert. Dieter Manz holt eine Analyse der Bank Sarasin aus seiner Schreibtischschublade. „Schauen Sie mal.“ Weltweit wurden danach 2010 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von rund 13,8 Gigawatt (GW) neu installiert. Im Jahr 2020 soll die neu installierte Leistung dann 116 GW betragen – das 8,5-fache. 8,5-mal mehr Anlagen pro Jahr.

Als sich Dieter Manz vor 25 Jahren für die Selbstständigkeit entscheidet, sind derartige Perspektiven natürlich noch nicht absehbar. „Die Photovoltaik war damals noch kein Thema“, erklärt er. Mitte der 1980er-Jahre hatte der studierte Feinwerktechniker Manz beim US-Konzern IBM im Vertriebsbereich angeheuert. „Der Robotikbereich von IBM lieferte damals Anlagen zur Produktion elektronischer Kleinteile. Meine Aufgabe bestand darin, diese Maschinen zu programmieren und den Firmen zu erklären, wie sie funktionieren.“

Doch das Angestelltenverhältnis macht ihn nicht glücklich. „Ich komme aus Filderstadt bei Stuttgart, einer Region, in der die meisten Menschen, selbstständig sind.“ Angestellt zu sein ist verpönt, Unternehmer dagegen hoch angesehen. So entscheidet sich Manz für diesen Weg. Seine Geschäftsidee ist einfach. „Ich machte das Gleiche wie bei IBM, nur auf eigene Rechnung. Ich beriet die Firmen und erklärte ihnen, wie die IBM-Anlagen funktionieren.“

Es dauert nicht lang, da wollen seine Kunden mehr als nur seine Beratung. Kann er nicht selbst Anlagen liefern? 1987 gründet Dieter Manz die Manz Automatisierungstechnik GmbH in Reutlingen. Und beginnt Robotikanlagen zu bauen, auf denen elektronische Kleinteile produziert werden können.

Doch dabei bleibt es nicht. „Im Jahr der Unternehmensgründung trat die Firma Nukem, die heutige Schott Solar, an mich heran und fragte nach einer Pilotanlage, mit der kristalline Solarzellen verarbeitet werden können.“
Eine neue Herausforderung. Schließlich gibt es bis dahin nur manuell bedienbare Laboranlagen, die Solarzellen verarbeiten. Seine Pilotanlage dagegen sollte eine der bis dahin ersten automatisierten Anlagen weltweit werden.
Manz beginnt daran zu arbeiten, zu bas­teln, zu tüfteln – und „1988 konnte ich eine solche Pilotanlage liefern“. Rück­blickend ist das ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte. In diesem Moment allerdings nur ein erster Impuls. Nicht mehr. Denn bis Anfang 2000 ist die in Deutschland installierte Solar­leistung kaum der Rede wert. „Bis dahin tat sich auch bei uns sehr wenig in diesem Segment“, erklärt Manz.

Stattdessen erweitert er seine Firma um ein anderes Geschäftsfeld. „Wir lieferten 1994 eine erste Automatisierungslösung zur Herstellung von Flach-Panel-Dis­plays nach Asien.“ Auch das ist ein Zukunftsmarkt. Er wird immer einen wichtigen Teil zum Umsatz der Firma beitragen. Und die dabei geknüpften Kontakte werden später bei der Internationalisierung des Solargeschäfts helfen. „Es ist immer besser, auf zwei oder drei starken Beinen zu stehen“, sagt Manz.

Das Solar-Bein ist zu dieser Zeit noch ziemlich dünn. So richtig springt das Geschäft erst an, nachdem die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 1999 das 100000-Dächer-Programm auflegt. Dieses sieht bis 2003 die Förderung der Errichtung neuer Photovoltaikanlagen vor. Als dann am 1. April 2000 das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) in Kraft tritt, das eine feste Vergütung für Solarstrom festlegt, ist der Bann gebrochen. „Die gesamte Solarenergie“, urteilt Manz, „wäre heute nicht dort, wo sie ist, wenn es diese Förderung in Deutschland nicht gegeben hätte. Diese Subventionierung war richtig und wichtig.“ Sollte das Problem der Erderwärmung irgendwann einmal dank Solar gelöst werden, haben deutsche Politiker wohl einen großen Anteil daran.

„Solarenergie ist zwar eine sehr einfache Art der Stromerzeugung“, erklärt Manz, „doch sie war lange auch eine sehr teure.“ Ohne Subventionen hätte sich dieser Bereich nicht entwickelt, vor allem nicht so schnell. Denn aus wirtschaftlicher Sicht hätten sich Forschung und Entwicklung niemals ausgezahlt.

Dank der Förderung gab es plötzlich einen Anreiz, am Standort Deutschland zu forschen und zu entwickeln. Heute ist die Solarindustrie ein wichtiger Zweig der deutschen Wirtschaft. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) waren dort 2010 rund 133000 Menschen in Vollzeit beschäftigt, zusammen erbrachten sie eine Wertschöpfung von rund zehn Milliarden Euro.

Vom rasanten Aufstieg dieser jungen Technologie profitiert auch die Reutlinger Firma Manz. Im Jahr 2004 bringt es das Unternehmen auf einen Umsatz von rund 25 Millionen Euro, 2006 sind es schon 44 Millionen. Dabei verdoppelt sich allein der Solarbereich zwischen 2005 und 2006 von 9,9 auf 18,6 Millionen Euro. „Es war offensichtlich, dass dort große Chancen warteten.“ Aber eben auch große Herausforderungen. „Wir waren profitabel, doch aufgrund des rasanten Wachstums unserer Firma betrug die Eigenkapitalquote 2005 nur noch 22,2 Prozent. Damit wurde es immer schwieriger, von Banken eine Wachs­tums­finanzierung zu bekommen.“

Frisches Kapital ist gefragt. „Es gab zwar Anfragen wegen strategischer Beteiligungen, doch das wollten wir nicht, wir wollten niemanden, der uns reinredet.“ Also entscheidet sich Manz 2006 für den Gang an die Börse. 25 Prozent seiner Anteile gibt er ab und nimmt rund 20 Millionen Euro ein. 2008 folgt, auch um Übernahmen zu stemmen, eine Kapitalerhöhung, durch die der Firma 112 Millionen Euro zufließen.
Der Anteil von Dieter Manz und seiner Frau Ulrike sinkt damit zwar auf unter 50 Prozent. Für die Familie Manz ist das aber kein Problem. „Bei Hauptversammlungen zählt schließlich die Stimmenpräsenz“, so der Gründer. Und da haben er und seine Frau immer die Mehrheit.

Dieter Manz ist jetzt gerüstet für das große Wachstum des Jahres 2008. „In den Jahren davor war Silizium knapp geworden“, erklärt Solarexperte Stryi-Hipp. „Dadurch gab es einen Investitionsstau, der sich 2008, als Silizium wieder verfügbar wurde, auflöste. Weltweit wurden nun Produktionskapazitäten ausgebaut.“

Solarzellen- und -modulhersteller brauchen jetzt dringend Maschinen. Nicht irgendwelche, sondern die effizientesten, um ihre Produkte möglichst kostengüns­tig herzustellen. Aufgrund der Subventionierung der Solarindustrie in anderen Ländern wie China oder den USA ist die Konkurrenz hart. Der Preisdruck nimmt zu. Für Hersteller von Solarzellen wird die Kostenfrage zur Überlebensfrage.

Dieter Manz kann helfen „Wir haben in den vergangenen Jahren hart an der Effizienz unserer Anlagen gearbeitet. Kristalline Zellen können inzwischen in einem Drittel der Zeit produziert werden.“ Zugleich werden die Zellen immer dünner, dadurch reduziert sich der Materialeinsatz. „Einerseits ist die Leistung der Solarzellen um 30 bis 40 Prozent gestiegen, andererseits können diese mit unseren Maschinen immer kostengünstiger hergestellt werden.“

Ein besonderer Vorteil ist, dass sich die Reutlinger nicht nur auf kristalline Solarzellen fokussiert haben, sondern seit 2005 auch im Markt für Dünnschichtmodule vertreten sind. Denn beide Technologien haben ihre Berechtigung. „Der Wirkungsgrad kristalliner Zellen liegt mit 15 bis 17 Prozent zwar klar über den sieben bis elf Prozent der Dünnschichtmodule“, erläutert Manz, „diese werden aber, anders als kristalline Zellen, in einem einstufigen Prozess her­gestellt. Weil dies weniger Material ­erfordert, sind die Kosten pro Watt nied­riger.“

Dünnschicht kommt deshalb vor allem bei großflächigen Solaranlagen zum Einsatz. Bei einer begrenzten Fläche dagegen, zum Beispiel auf Hausdächern, machen kristalline Zellen mehr Sinn. „Wir können beides“, so Manz.

2008 erntet er die Früchte. Der Gewinn vor Steuern steigt um rund 184 Prozent auf 28,6 Millionen Euro, der Umsatz um mehr als das Dreifache auf 236 Millionen Euro. Beson­ders bemerkenswert ist die Entwicklung im Geschäftsbereich Solar. Dort explodiert der Umsatz geradezu. Ohne wesentliche Zukäufe klettert er von 51,1 Millionen auf 141,5 Millionen Euro. Damit trägt dieses Segment fast 60 Prozent zum Firmenumsatz bei.

Die Eigenkapitalquote beträgt 71,8 Prozent, die liquiden Mittel liegen bei 33,9 Millionen Euro. Dank Kooperationen mit anderen Unternehmen und Forschungseinrichtungen wie dem Fraun­hofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE ist Manz technologisch spitze. Und der Markteintritt in Asien gelingt dank der Verbindungen aus dem Segment für Flachbildschirme reibungslos. 60 Prozent seiner Umsätze verbucht Manz 2008 in Asien. Das Wachstumspotenzial dort scheint unermesslich.

Alles ist gut. Dann kommt die Finanzkrise.

„Natürlich deutete sich die Finanzkrise 2008 bereits an. In ihrer Heftigkeit hat sie uns aber überrascht.“ Der Umsatz des Unternehmens bricht 2009 auf knapp 86 Millionen Euro ein, der Solarbereich schrumpft um fast 67 Prozent auf rund 47 Millionen Euro. Manz macht einen Verlust von 16 Millionen Euro, allein im Geschäftsfeld Solar sind es rund zwölf Millionen. „Die Finanzierungsbedingungen für unsere Kunden hatten sich infolge der Finanzkrise dramatisch verschlechtert. Deshalb wurden die sehr kapitalintensiven Investitionen in Fabriken für Dünnschichtsolarzellen auf Eis gelegt. Im ersten Halbjahr 2009 kam dieser Markt ganz zum Erliegen.“

Dieter Manz reagiert. Die Kosten der Firma müssen runter. Manz beginnt zu sparen, führt Kurzarbeit an den deutschen Standorten ein, baut Personal an den asiatischen und osteuropäischen Standorten ab.
Ein bisschen fühlt sich Dieter Manz jetzt wie einer, der ein tiefes Tal auf einem dünnen Seil überqueren muss. Drüben wartet das gelobte Land. „Wir wussten, wenn wir diese Situation durchstehen, dann birgt unser Geschäftsmodell ein gewaltiges Potenzial.“ Es ist eben ein Balance­akt – Sparen ist dringend nötig. Doch wer zu viel spart, beschneidet die Zukunftsperspektiven.

„Wir haben in der Krise Forschung und Entwicklung intensiviert und unsere Produktionskapazitäten beibehalten“, erläutert der Unternehmer und pustet heute noch hörbar durch. Tatsächlich gibt Manz in der Krise zwei Millionen > Euro mehr für F&E aus als davor. Das ist mutig, zahlt sich aber aus. Denn schon 2010 stehen die Zeichen wieder auf Erholung. Der Umsatz dürfte sich im vergangenen Jahr auf 170 bis 175 Millionen Euro verdoppelt haben. „Wir sind gut gerüstet, um von der kommenden Welle im Solarbereich zu profitieren.“ Die nächste Welle? Das ist das, was nach Erreichen der Netzparität kommt. Das, was Manz das „Erwachsenenalter“ der Photovoltaik nennt.

„Wir gehen davon aus“, erläutert Solarexperte Stryi-Hipp, „dass die Kosten für Solarstrom noch weiter fallen werden. Der Wirkungsgrad kristalliner Zellen wird auf 18 bis 22 Prozent steigt, bei Dünnschichtmodulen auf zwölf bis 16 Prozent.“ „Zudem“, ergänzt Manz, „wird daran geforscht, die Leitungen auf den Modulen, durch die der Strom fließt, dünner zu machen. Dadurch wird die Fläche, die die Sonnenenergie aufnimmt, größer.“

Mehr Watt pro Fläche zu geringeren Kosten. Das ist gut – für den Solarmarkt, für Verbraucher, für den Staat, der weniger für Subventionen ausgeben muss. Ob auch die Modulhersteller wie Q-Cells oder Solarworld dann in die alte Erfolgsspur zurückfinden, aus der sie durch die Konkurrenz aus China und den USA geworfen wurden, ist allerdings fraglich.

„Sie werden es weiter schwer haben“, sagt Thiemo Lang, Fondsmanager bei dem auf nachhaltige Investments ausgerichteten Schweizer Vermögensverwalter SAM. Denn nicht nur die ausländische Konkurrenz dürfte ihnen zu schaffen machen, „sondern auch die politische Entwicklung“. So wurde im Januar 2011 von der Bundesregierung beschlossen, die Solarförderung ab dem 1. Juli zusätzlich um bis zu 15 Prozent zu senken. „Die Nachfrage nach Modulen könnte dadurch in Europa im ersten Quartal 2011 sogar deutlich zurückgehen. Mit einer Erholung ist erst zu Beginn des zweiten Quartals zu rechnen“, informiert Matthias Fawer, Nachhaltigkeitsanalyst der Bank Sarasin. Erschwerend kommt hinzu: Module sind weitgehend Standardware, Commodities, eine technologische Differenzierung ist allenfalls über höhere Wirkungsgrade möglich. „Letztlich aber“, sagt Lang, „entscheiden allein die Kosten, und genau daran werden die deutschen Hersteller von Solarzellen hart arbeiten müssen.“

Wer billiger ist, macht das Geschäft.
Diese Sorgen hat Dieter Manz nicht. Zumindest nicht in diesem Maß. Seine Technologie ist führend. Und seine Zukunft sieht er ohnehin in Asien. Für ­China prognostiziert Matthias Fawer zwischen 2009 und 2015 ein jährliches Wachstum der neu installierten Leistung von 77 Prozent, für Indien von 76 Prozent. „Europa selbst wächst voraussichtlich nur noch mit rund 16 Prozent pro Jahr“, ergänzt er. Es scheint so, als habe sich Manz rechtzeitig in den richtigen Märkten positioniert.

Doch allein auf die Nachfrageentwi­cklung im Photovoltaikbereich will auch der 49-Jährige sich nicht verlassen. „Die Finanzkrise hat uns klar vor Augen ­geführt, dass wir uns noch breiter aufstellen müssen.“ Neben den ­Segmenten Flachbildschirme und Photovoltaik sollen deshalb zukünftig als drittes starkes Standbein Anlagen für den Bau von Lithium-Ionen-Batterien hinzukommen.

„Dieser Bereich liegt nahe. Sehen Sie, da werden nur Folien aufeinan­dergeschichtet. Das können wir, dafür haben wir zum Beispiel schon Anfang 2008 die Maschinenbaufirma Christian Majer GmbH übernommen, einen Spezialisten für Anlagen zur Papier- und Folienverarbeitung.“

Es sind die eigenen Stärken, die Dieter Manz optimistisch in die Zukunft bli­cken lassen. Auch wenn er über genaue Vorstellungen noch wenig sagen will. Nur so viel: „Ich kann mir vorstellen, dass wir in zehn Jahren um den Faktor zehn gewachsen sein werden.“

Faktor zehn? Ein Umsatz von 1,7 Milliarden Euro? Klingt ganz schön ambitioniert. Auf den ersten Blick. Sollte die neu installierte Leistung pro Jahr bis dahin wirklich um den Faktor 8,5 zunehmen, würde Manz aber nur leicht überdurchschnittlich abschneiden. „Und das müsste doch zu machen sein.“    ®

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