• Günter Kast

Die Mutmacher.

Umwelttechnik ist die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts – und unzählige innovative deutsche Unternehmen liegen mit ihren „grünen“ Ideen im internationalen Wettbewerb ganz weit vorn. Das macht Mut für den Standort Deutschland. Denn langfristig werden diese Firmen – trotz Eurokrise und drohendem Wirtschaftsabschwung – Erfolg haben.

Im 16000-Einwohner-Städtchen Garching bei München trifft die alte auf die neue Welt. 1957 wurde hier der erste atomare Versuchsreaktor Deutschlands in Betrieb genommen – das sogenannte Atom-Ei. Das ist die alte Welt. Nur wenige Kilometer entfernt wird eine ungefährliche und klimafreundliche Energiequelle entwickelt. Der Unternehmer Dominik Peus tüftelt an der „grünen“ Kohle. Das ist die neue Welt.

Peus dachte sich dieses Verfahren zwar nicht aus, entwickelte es aber als einer der Ersten und meldete wesentliche industri­elle Schritte zum Patent an. Begonnen hat diese ungewöhnliche Unternehmergeschichte in einer kleinen Tropenklinik in Mo­yo­bamba im Amazonas-Hochland von Peru. Die hatte sich der angehende Arzt Peus für sein Auslandspraktikum ausgesucht: „Stromausfälle waren dort an der Tagesordnung, oft hatten wir auch kein fließendes Wasser. Wir konnten aber nur operieren, wenn diese Grundversorgung gewährleistet war. Für einige Patienten kam deshalb jede Hilfe zu spät.“

Seit dieser Zeit beschäftigte sich Peus mit der Frage, wie sich ein Tropenkrankenhaus autark mit Energie versorgen lässt. Eine Möglichkeit lag dabei auf der Hand: Biomasse. Die war schließlich im Regenwald in Hülle und Fülle vorhanden. Könnte sie nicht zur Energiegewinnung genutzt werden?

Jahre später stieß Peus dann auf ein seit nahezu 100 Jahren ­bekanntes Verfahren – die Hydrothermale Carbonisierung (HTC). Es war in Vergessenheit geraten, weil Braun- und Steinkohle im Überfluss vorhanden schienen und das bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe entstehende Kohlendioxid niemanden störte. Heute ist dies völlig anders. Dominik Peus gründete die Antaco GmbH, um HTC wiederzubeleben.
Bei diesem Verfahren wird Biomasse in eine Art Dampfkochtopf gegeben, Wasser hinzugefügt und die Mischung auf 200 Grad erhitzt. Nun vollzieht sich binnen weniger Stunden das, wofür die Natur Jahrmillionen benötigt: Die Bestandteile der Pflanzen werden zu Kohle umgewandelt, das Wasser chemisch abgespalten. Im Kessel ist dann nur noch eine schwarze Brühe – Wasser, in dem winzige Kohlekügelchen schwimmen.

Als Biomasse für diesen Prozess kommt alles möglich infrage – landwirtschaftliche Reststoffe, Treber aus Brauereien, der ­Inhalt der braunen Biotonne, ja sogar an Deichen angeschwemmtes Treibgut. Mit der HTC lassen sich sämtliche Pflanzenreste verarbeiten. Auch solche, die für die Verbrennung zu nass oder zu salzig oder für die Vergärung zu holzig sind. Anders als bei Biogasanlagen mit ihren speziellen Mikrobenkulturen kommt auch nicht darauf an, dass immer dasselbe, homogene Material verwendet wird: Die Anlage verarbeitet Stroh, Essensreste, tierische Abfälle, organische Anteile des Restmülls und sogar Klärschlamm: Die „grüne“ Kohle, die hinten herauskommt, ist fast identisch mit ihrer fossilen Schwester. Peus selbst nennt dies „einen 80-Prozent-Innovationssprung gegenüber Biogas“.

Seine Techniker haben inzwischen ein entscheidendes Detail gelöst: Der Biomassebrei muss zunächst auf rund 200 Grad gebracht und dann wieder abgekühlt werden. In großen Rühr-kesseln dauert dieses Aufheizen zu lange. Und beim Abkühlen lässt sich Wärme nur teilweise zurückgewinnen. Auch der Ein-satz von Dampf ist problematisch. Er würde zu einer uner-wünschten Verdünnung führen. „Am besten wäre ein vollkon-tinuierliches Verfahren geeignet, in dem der Wasseranteil nicht zu-, sondern abnimmt, denn das Prozesswasser muss schließlich aufbereitet werden“, erklärt Peus.

Mit einem speziellen Rohrreaktor wurde das Problem gelöst. Damit kann der Prozess ohne Unterbrechung ablaufen. Ein ständiges Mischen ist nicht mehr nötig. Ein solcher Reaktor kommt ohne bewegliche Teile aus und ist entsprechend war-tungsarm. Durch spezielle Vorrichtungen ist der Wasseranteil von Anfang an gering und nimmt im Verlauf weiter ab. Da-durch bleiben die Betriebskosten sehr niedrig.

Die so produzierte „grüne“ Kohle wird gepresst und getrock­net. Sie kann später als Kohlestaub, Briketts oder Pellets verbrannt werden. Und hat dann gegenüber fossiler Kohle gewichtige Vorteile: „Sie bietet mehr Brennwert pro Euro, und das Verbrennen läuft Kohlendioxid-neutral ab“, erläutert Peus, „schließlich ist der Grundstoff der Kohle eben nicht-­fossilen Ursprungs.“ So könnte „grüne“ Kohle zumindest teilweise die immer knapper werdenden fossilen Brennstoffe ersetzen. Und zwar ohne Hungersnöte zu provozieren, weil für die notwendige Biomasse als Grundstoff für die HTC keine zusätzlichen landwirtschaftlichen Anbauflächen benötigt werden. Außerdem leistet die HTC auch noch einen Beitrag zum Klimaschutz, denn dabei entsteht nur sehr wenig Kohlendioxid im Vergleich zur Kompostierung.

„Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, diese Technik umzusetzen“, macht Dominik Peus klar. „Wir haben die Entwick­lung abgeschlossen. Wir haben eine erprobte Technologie. Alle Teile, die wir verwenden, haben in Biogasanlagen schon funktioniert. Wir können bauen.“

Für den letzten, den wichtigsten Schritt braucht Peus nun Partner. Das Problem: Weil Anlagenbau grundsätzlich kapitalintensiv ist, scheuen Wagniskapitalgeber oft vor derartigen Engagements zurück. „Für eine 3000-Tonnen-Anlage, die schon wirtschaftlich betrieben werden könnte, sind immerhin Inves­titionen zwischen 3,5 und fünf Millionen Euro nötig“, rechnet Peus vor. Für ihn kommt es jetzt darauf an, die erste Anlage möglichst bald zu realisieren: „Ein Entsorgungsunternehmen möchte investieren. Wenn diese Anlage erst einmal steht, dürfte es leichter werden, neue Investoren zu finden.“

Das Potenzial der Technologie ist jedenfalls enorm. Die Max-Planck-Gesellschaft schätzt, dass der weltweit verfügbare Bioabfall ausreicht, um annähernd dieselbe Energiemenge zu produzieren, die derzeit aus Erdöl erzeugt wird. Auf der ganzen Welt könnten HTC-„Dampfkochtöpfe“ in allen erdenklichen Größen stehen und Energieprobleme lösen. Peus’ Geschäftsmodell zeigt, wie findige Unternehmer die Zukunft gestalten und dabei die Wirtschaft ankurbeln können. Es dürfte deshalb auch ganz nach dem Geschmack von Jeremy Rifkin sein. Der US-Ökonom und -Publizist macht gerade mit seinem neuen Buch „Die dritte industrielle Revolution“ Furore. Darin vertritt er die These, dass sich die zwei Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts – das Internet und die erneuerbaren Energien – zu einem kraftvollen Motor eines neuen Wirtschaftsaufschwungs verbinden werden, der Millionen von neuen Arbeitsplätzen schafft und eine nachhaltige Zukunft für künftige Generationen ermöglicht.

Rifkin skizziert eine Blaupause zum Umbau der globalen Energieversorgung hin zu einer de­zentralen und emissionsfreien Wirtschaft. Und schafft so einen Gegenentwurf zur Stagnationsfurcht einer überschuldeten Welt, in der die wirtschaftlichen Aktivitäten von privaten Haushalten und Staaten permanent unter Druck bleiben: „Saubere Energien, grüner Hausbau, Telekommunikation, Mikrostromerzeugung, dezentrale Netztechnologie, Steckdosen- und Brennstoffzellentransport, nachhaltige Chemie, Nanotechnologie – in einer Vielzahl verschiedener Bereiche entwickelt sich eine stattliche Reihe neuer Technologien, Produkte und Dienstleistungen.“ Besonders interessant: Rifkin selbst bescheinigt den Europäern, in der Umwelttechnik die Nase vorn zu haben.

Eine der kleinen Firmen, die genau in dieses Raster passen, ist die agnion Technologies GmbH. Das Unternehmen mit Sitz im bayerischen Pfaffenhofen an der Ilm steht für ein dezentrales Energiemanagement. Es konzentriert sich auf die Erzeugung von synthetischem Erdgas (SNG: Substitute Natural Gas) aus Holzhackschnitzeln oder Pellets. Sogenannte Heatpipe-Reformer veredeln Holz zu Biogas, das in das vorhandene Erdgasnetz eingespeist wird.

Agnion selbst ist heute schon ein, zwei Schritte weiter als Dominik Peus’ Antaco. Die Firma kann deshalb auch als ein Beispiel dafür dienen, wie Aufbau und Finanzierung eines Start-ups in der Umwelttechnologie typisch ablaufen können.
In einer ersten Phase wurde in den Jahren 1999 bis 2007 Idee und Konzept des Heatpipe-Reformers unter der Leitung von Professor Jürgen Karl an der TU München entwickelt und patentiert. Für die technische Umsetzung gab es Förder- und Entwicklungsgelder in Höhe von 3,5 Millionen Euro. Diese Mittel reichten, um im Rahmen eines EU-Projekts am Lehrstuhl drei Versuchsanlagen im Labormaßstab in Betrieb zu nehmen.

Danach wurde eine Pilotanlage gebaut, die seit 2008 mehr als 10000 Stunden „echte“ Betriebserfahrung gesammelt hat. Für die Finanzierung holten die Entwickler die Venture-Capital-Gesellschaften Kleiner Perkins Caufield Byers, Munich Ven­ture Partners und Wellington Partners an Bord. Inzwischen läuft der Bau der ersten kommerziellen Anlage zur Holzvergasung im bayerischen Grassau.

Im Mai 2011 engagierte sich dann noch WM Organic Growth, Inc., als Investor – ein Unternehmen der Waste-Management-Gruppe. Waste Management ist das größte Recyc­ling-Unternehmen Nordamerikas und investiert selektiv in junge Technologieunternehmen mit Wachstumspotenzial. Mit diesem Partner eröffnen sich agnion mögliche Standorte in Nordamerika für den Aufbau und Betrieb ihrer dezentralen Anlagen zur Bio-SNG-, Strom- und Wärmegewinnung. „Mit der Unterstützung von Waste Management werden wir jetzt zügig weitere Anlagen in Europa und Nordamerika errichten“, kündigt CEO Stephan Mey an.
M

ey ist davon überzeugt, dass sein Heatpipe-Reformer im Leis­tungsbereich von etwa 500 Kilowatt eine echte Alternative zu konventionellen Heizwerken ist, wie sie heute vor allem für die Wärmeversorgung von Schulen, Schwimmbädern oder Kommunen eingesetzt werden. Dass sich die Verfahren der thermischen Vergasung zur Energiegewinnung trotzdem noch nicht haben durchsetzen konnten, läge zum einen an der bis dato geringen Qualität der erzeugten Brenngase und zum anderen an den hohen Kosten der Vergasungstechnologie. „Beide Kritikpunkte können wir mit der Heatpipe-Reformer-Technologie deutlich abschwächen“, erklärt Mey. Der entscheidende Vorteil bestehe jedoch darin, dass diese Technik – im Gegensatz zu anderen großtechnischen Vergasungsverfahren – zunächst in kleinen Einheiten erprobt und eingeführt werden könne: „Die wesentlichen Markteintrittsbarrieren, das hohe Investitionsrisiko und die Genehmigungsrisiken sind bei Kleinanlagen ungleich geringer“, erläutert Mey.

Ein weiterer Vorteil: Mit den agnion-Anlagen lässt sich im Sommer, wenn keine Heizwärme benötigt wird, Strom erzeugen oder eine Kältemaschine zur Klimatisierung betreiben. Das erhöht die Auslastung und verbessert die Wirtschaftlichkeit dieser dezentralen Versorgungsanlagen erheblich.
Diese beiden Beispiele lassen schon erahnen: An Ideen für „grüne“, umwelt- und Ressourcen schonende Technologien herrscht in Deutschland kein Mangel. Da gibt es junge Firmen wie Autarcon, die Lösungen für eine dezentrale und energieautarke Wasseraufbereitung anbieten und schon heute in vielen Teilen der Erde für nachhaltig sauberes Wasser sorgen.

Andere wie fos4X entwickeln Sensoren, mit deren Hilfe sich Windkraftanlagen effizienter steuern lassen. FMP Technology schließlich baut innovative Einspritzdüsen für Verbrennungsmotoren, die den Kohlendioxidausstoß verringern und die Motoren weniger Sprit verbrauchen lassen. Und Celitement, eine Gründung des mehr als 160 Jahre alten Familienunternehmens Schwenk, hat umweltfreundlichen Zement zur Marktreife gebracht. Die Firma wurde damit Bundessieger 2011 beim Wettbewerb „Land der Ideen“.

Diese kleine Aufzählung ideenreicher Gründer ließe sich noch lange fortsetzen. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die junge Firmen aus der Umweltbranche in der Frühphase mit Stiftungsgeldern finanziert, ist deshalb auch voll des Lobes: „Deutschland liegt bei Umwelttechnologien weltweit auf dem ersten Platz.“

Ein paar Fakten unterstreichen, welche Perspektiven sich da­raus ergeben. Bereits im Jahr 2007 spielte die Umwelttechnik mit einem weltweiten Umsatz von 1400 Milliarden Euro in derselben Liga wie der Maschinenbau oder die Elektrotechnik. Binnen zehn Jahren soll sich das Geschäftsvolumen nach einer Analyse der Unternehmensberatung Roland Berger auf 3000 Milliarden Euro verdoppeln. Allein 15 Prozent davon, so die Experten, werden dann auf deutsche Firmen entfallen. Die Bundesrepublik würde so ihren Platz als führender Anbieter behaupten.

Ein Hinweis ist dabei noch wichtig: Diese Zahlen stammen aus der Zeit vor Fukushima. Die danach von der Regierung beschlossene Energiewende sollte dem Sektor weiteren Rück­en­wind geben. Schon jetzt steuert er acht bis neun Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei und wird seinen Anteil laut Bundesumweltministerium bis 2020 auf 14 Prozent ausbauen. Die Zahl der Beschäftigten soll sich bis dahin auf etwa 2,2 Millionen Menschen verdoppeln.
Oft sind es auch ganz traditionelle, gewöhnliche Unternehmen, weit weg von der Welt des Hightech, die zu Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit werden. Sie halten es mit Henry Ford. Der Autopionier, der die Fließbandtechnik perfektionierte, sagte einst: „Nicht mit Erfindungen, sondern mit Verbesserungen macht man Vermögen.“

Verbessern kann zum Beispiel heißen, das bestehende Recyc­ling zu optimieren. Die in Schkopau in Sachsen-Anhalt ansässige APK entwickelte ein physikalisch-chemisches Verfahren, um die in Verbundmaterialien – wie Getränkekartons – enthaltenen Kunststoffe und Metalle sortenrein trennen und wieder dem Rohstoffkreislauf zuführen zu können. Schwerpunkt ist die Rückgewinnung von Kunststoffen, die qualitativ so hochwertig sind wie aus Erdöl produzierte Neuware. Mit einem entscheidenden Unterschied: „Unsere Kunststoffe lassen sich mit deutlich reduziertem Energieaufwand herstellen. Sie sind damit umweltfreundlicher und auch günstiger“, betont Vorstandschef Wolfgang Lindner, der als langjähriger Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Kunststoffrecyc­ling im Jahr 2008 den Grundstein für die APK AG legte.

Lindner machte in der Sparte für chemische Kunststoffe bei Bayer Karriere, wo er die Entwicklung und den Aufbau von Kunststoffproduktionsanlagen verantwortete. Seine mehr als 30-jährige Erfahrung in diesem Bereich ist ein Schlüsselelement für den Erfolg der APK. Wer Prozesse optimieren wolle, so sein Credo, müsse deren Stärken und Schwächen jahrelang analysiert haben. Mit einer spontanen Geschäftsidee, die wie ein Glückskeks vom Himmel falle, habe APK deshalb rein gar nichts gemein. Das hätten auch die Investoren, die Münchner MIG AG und AT Newtech GmbH, verstanden.

Seit gut einem Jahr läuft nun in Merseburg eine Pilotanlage von APK mit einem Produktionsvolumen von 25000 Tonnen pro Jahr. Hauptzweck dieser Anlage sei es, den Schritt der mechanischen Aufbereitung zu optimieren. „Es ist zum Beispiel gar nicht so einfach, den Anteil an Papierfasern im Recyclingmaterial deutlich zu reduzieren“, erklärt Lindner. Das aber sei eine der Voraussetzungen für qualitativ hochwertiges Kunststoffrecycling. Bis dato ist es offenbar noch keinem Unternehmen gelungen, das Problem zufriedenstellend zu lösen. Lindner ist dran. Die Patente sind beantragt.

Dass eine Firma nicht unbedingt Umwelttechnik herstellen muss, um nachhaltig zu wirtschaften und zum ökologischen Umbau der Wirtschaft beizutragen, beweist die memo AG aus Greußenheim in Unterfranken. Deren Gesellschafter, Mitbegründer und Vorstandssprecher Jürgen Schmidt wurde im September mit dem Deutschen Umweltpreis 2011 ausgezeichnet, den die Deutsche Bundesstiftung Umwelt vergibt. Es ist nur eine von vielen Öko-Auszeichnungen für die Firma.

Das Handelsunternehmen, das ökologisch und sozial verträgliche Produkte für Büro, Schule, Haushalt und Freizeit vertreibt, ist zwar keine Neugründung, scheint sich aber ständig neu zu erfinden, wenn es darum geht, noch nachhaltiger zu wirtschaften: Das Sortiment ist konsequent ökologisch, güns­tig und fair zusammengestellt und erleichtert den Kunden durch ausführliche und informative Produkttexte zu allen Artikeln die tägliche Entscheidung zum Kauf ökologisch und sozial einwandfreier Waren. Firmengebäude und Fahrzeugflotte sind ebenfalls nach nachhaltigen Gesichtspunkten konzipiert – die gesamte Firma wirtschaftet klimaneutral. Jeden Tag verlassen rund 15 Tonnen Warengewicht mit ökologisch und sozial verträglichen Produkten das Gelände der memo AG.

Gerade im „grünen“ Umbau ganz normaler Unternehmen, für den die memo AG Vorbildcharakter hat, sehen Experten noch viel Potenzial. Das kann der Fensterhersteller sein, der sich Sonnenkollektoren auf das Dach der Werkshalle montieren lässt. Oder aber die regionale Einzelhandelskette, die ihre Kühlsysteme energiesparend erneuert.

Kapital für solche Investitionen kommt aus den meist prall gefüllten Fördertöpfen der KfW, der Rentenbank, oder einem anderen der rund 1200 staatlichen Förderprogramme, die es in Deutschland auf Bundes- und Länderebene gibt. Das Problem: Geld aus den Fördertöpfen muss meist über die Hausbank beantragt werden. Der fehlt aber oft die Erfahrung, um innovative Unternehmerideen zu bewerten. Im Zweifel bekommt dann lieber der Handwerker einen Kredit, der sich eine Solaranlage aufs Dach schraubt, weil sich genau errechnen lässt, bis wann sich diese amortisiert hat. Der Hightech-Gründer, der in der Frühphase Kapital für die Entwicklung eines Prototyps bräuchte, geht dann leer aus. Auch private Geldgeber halten sich noch häufig zurück. Sie scheuen Investitionen, die mit großen technischen Risiken verbunden sind. Oder erst nach vielen Jahren ein marktreifes Produkt versprechen.

Inzwischen tut sich in diesem Bereich allerdings einiges. Neben den schon erwähnten VC-Fonds ist zum Beispiel die Berliner Mama AG aktiv. Sie sammelt Geld von vermögenden Privatpersonen, aber auch von institutionellen Investoren ein. Auch der High-Tech-Gründerfonds, eine Partnerschaft zwischen dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der KfW sowie von sechs großen Industriekonzernen, spielt eien wichtige Rolle. Er brachte in fünf Jahren rund 250 Hightech-Unternehmen auf den Weg. Der immer im Juni stattfindende Family-Day hat sich als Netzwerkplattform zwischen den Gründern und potenziellen Mit-Investoren etabliert.
Manchmal entstehen aus den Gesprächen zwischen Finanziers und ihren Start-ups auch ganz neue Unternehmensideen. So hat der Frühphasenfinanzierer mic AG schon längere Zeit Firmen im Portfolio, die sich intensiv mit glasfaserbasierten Sensoren beschäftigen. „Wir fanden das sehr interessant und fragten uns, wo sich das sonst noch einsetzen ließe“, erzählt der Vorstandvorsitzende Claus-Georg Müller. Also startete er eine Umfrage in der Öl- und Gasindustrie: „Wie überwacht ihr eigentlich eure Pipelines?“

Das Ergebnis war erstaunlich. In Indien habe die staatliche Betreibergesellschaft im Abstand von 20 Kilometern Wachmänner postiert. Und bei einem deutschen Chemieriesen hieß es, um Lecks zu orten, würden die Pipelines mit dem Hubschrauber abgeflogen. Der Pilot halte dabei nach braun verfärbtem Gras Ausschau. Hightech sieht anders aus.

Claus-Georg Müller und sein Finanzvorstand Manuel Reitmeier witterten ein Geschäft. Schließlich lässt die weltweit stetig wachsende Nachfrage nach Rohstoffen das globale Pipelinenetz dynamisch wachsen. Die beiden zitieren eine Studie des Branchenexperten Douglas-Westwood, wonach von 2011 bis 2015 weltweit auf dem Festland Öl- und Gaspipelines über eine Länge von rund 173000 Kilometern gebaut werden. Hinzu kämen neue Röhren für den Transport von Wasser und Chemikalien. „Immer wieder kommt es bei den Bauarbeiten, durch Materialermüdung oder auch durch Sabotage zu ­Lecks. Tritt ein Leck auf, ist es wichtig, dies zügig festzustellen und präzise zu orten, um effektive Gegenmaßnahmen einzuleiten“, erklärt Müller.
Deshalb gründeten Müller, Reitmeier und weitere Glasfaserexperten PiMON. Müller fungiert als CEO, Reitmeier als CFO. Mit neuester Sensortechnologie will die Firma eine permanente Echtzeitüberwachung in verschiedensten Bereichen anbieten, bei Pipelines, aber auch bei lang gestreckten Bauwerken wie zum Beispiel Schienen, Brücken oder Tunnels.

Derzeit baut PiMON an einer bestehenden Ölpipeline nahe Neu-Delhi in Indien eine zwölf Kilometer lange Teststrecke auf. Dabei werden die Glasfaserkabel mit den Sensoren zum einen direkt in der Röhre installiert, zum anderen aber auch als Sensor-„Teppich“, der Geräusche meldet, unter der Pipeline verlegt. Machen sich Diebe oder Elefanten an der Röhre zu schaffen, schlägt das System Alarm. Verläuft der Test positiv, winkt zunächst ein Auftrag für 1000 Kilometer Pipeline, danach für die gesamte Strecke von 12000 Kilometern.

Dass ein Venture-Capitalist selbst gründet, ist hierzulande eher die Ausnahme. Doch Reitmeier führt einen guten Grund dafür ins Feld: „Wir entscheiden selbst, wann wir die Reißleine ziehen, sollte sich abzeichnen, dass aus der Idee nichts wird. Damit sind wir gegenüber Gründern, die auf private Geldgeber oder staatliche Förderprogramme angewiesen sind, im Vorteil. Wir haben bis dato erst einen niedrigen sechsstelligen Betrag investiert. So schnell werden wir nicht aufgeben.“

Diese geschichte deutet auch an, woran es in der deutschen Umwelttechnologie noch mangelt. Es sind nicht die Geschäftsideen – nur manchmal gelingt es eben nicht, sie auch mit viel PS auf die Piste, sprich: zum Laufen, zu bringen und zu einem kommerziellen Erfolg zu machen. Nur jedes achte Innovationsprojekt schafft es bis zur Marktreife. Jedes zweite davon wiederum erweist sich nach kurzer Zeit als Flop und verschwindet wieder.

Andy Goldstein, Leiter des Entrepreneurship Centers der Ludwig-Maximilians-Universität München, glaubt, einige der Gründe dafür zu kennen: „Die staatliche Förderung in Deutschland ist top. Aber wir verbringen zu viel Zeit damit, Gründern beizubringen, wie sie Kapital einsammeln, statt ihnen zu zeigen, wie sie ihr Produkt verkaufen.“ Das gelte insbesondere für die Umwelttechnik, denn Tüftler seien nicht automatisch auch gute Verkäufer.

Außerdem, so Goldstein, sei es wichtig, erfolgreiche Forscher aus dem Elfenbeinturm der Hochschulen herauszulocken. „Die wollen oftmals gar nicht gründen, weil sie dafür ihre Karriere unterbrechen oder sogar aufgeben müssten.“

Eine Lösung sieht Goldstein in den sogenannten Proof of Concept Centers, die mit Mitteln der privaten Kauffman-Stiftung an US-Universitäten entstanden sind. Diese sind eine Art Katalysator bei der Kommerzialisierung universitärer Innovationen. Sie begleiten Gründer aktiv bei den ersten Schritten und geben Wissenschaftlern gleichzeitig die Möglichkeit, weiterhin als Forscher zu arbeiten.

Für VC-Gesellschaften ist es mittlerweile ein Gütesiegel, wenn eine Gründung von einem dieser Proof of Concept Centers gefördert wurde. Etwas Ähnliches baut Goldstein nun an der LMU München auf: Er und sein Team bilden die unternehmerischen Führungskräfte der Zukunft aus, sie unterstützen aktiv die Gründung erfolgreicher Firmen, sie fördern eine Kultur des unternehmerischen Denkens und Handelns und sie leisten herausragende Beiträge zur Entrepreneurship-Forschung. Dabei schneidet die deutsche Umwelttechnik sehr gut ab: „Die ist exzellent aufgestellt. Andere Länder haben das übrigens noch besser erkannt als die Deutschen selbst. Wir könnten ruhig etwas lauter auftreten und mehr Marketing dafür machen.“

Genau das steht auch bei Dominik Peus in den nächsten Wochen und Monaten auf der Agenda. Die bisherigen Investitionen haben er und sein privates Netzwerk fast vollständig allein aufgebracht. Dass ein Entsorgungsunternehmen als erster Partner gefunden werden konnte, ist ein schöner Erfolg. Doch dies reicht natürlich nicht. Wer kommt als weiterer Geldgeber infrage? Venture Capital? Ein Industriepartner, der operatives Know-how mitbringt? Oder ein Family Office?

Dominik Peus hat darauf keine abschließenden Antworten. Noch nicht. Aber er weiß ganz genau, dass der Erfolg der An-taco von diesen Antworten abhängen wird. „Wissen Sie, ich hoffe Investoren finden zu können, denen es um mehr als reine Ergebnisorientierung geht. Ich will auch Sinn stiften. Und mit diesem Thema möchte ich noch einiges bewegen.“    ®

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