• Sabine Holzknecht

(In search of) Excellence.

Unternehmer aus Leidenschaft. Die Geschichte über Prof. August-Wilhelm Scheer aus dem Jahr 2006 ist eine Pflichtlektüre für Unternehmer und Gründer. Schließlich analysiert einer der bedeutendsten Unternehmer Deutschlands dort messerscharf die Gründe für seinen Erfolg. 

Heute ist Scheer 73 Jahre alt. Und genauso fokussiert wie eh und je.

„Fangen wir von vorne an“, sagte Professor August-Wilhelm Scheer im Sommer 2006, „ich sage Ihnen, wie es geht, und woran es liegt, wenn es nicht geht.“

Was dann folgt, ist eine glasklare Analyse des Standortes Deutschland und der Faktoren, die unternehmerischen Erfolg fördern – oder aber verhindern. Von Mut zum Risiko spricht Scheer, von falschen Anreizen in den Universitäten, vom klugen Umgang mit der Börse, von der Globalisierung als Chance, der richtigen Partnerwahl und darüber, wie Familienunternehmer das passende Führungs-Team zusammenstellen.

August-Wilhelm Scheer kann all diese Punkte glaubhaft wie kaum ein anderer in Deutschland  diskutieren. Denn schon damals, 2006, ist klar – Scheer hat selbst alles richtig gemacht.

1984 als Ein-Mann-Unternehmen gestartet, entwickelte sich seine IDS Scheer mit Sitz in Saarbrücken zum Weltmarktführer auf dem Gebiet betrieblicher Software und schrieb eine der erfolgreichsten Geschichten made in Germany. Zu dieser Zeit macht seine Firma 316 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt 2600 Mitarbeiter. Fast schon nebenbei gründet Scheer ein Forschungszentrum, das weltweit zu den wichtigsten „Centers of Excellence“ zählt. Wird von Kanzlerin Angela Merkel in den Beirat der Bundesregierung berufen. Ist Mitglied diverser Kuratorien, Aufsichtsräte und Verbände. Schreibt Hunderte von Artikeln und ein Dutzend Bücher, die zu Standardwerken avancieren. Wird mit Ehrungen und Auszeichnungen überschüttet, darunter das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Doch wer glaubt, dass damit die Geschichte des damals 65-Jährigen auserzählt ist, irrt gewaltig. 2009 betreut IDS Scheer 7500 Kunden in siebzig Ländern der Welt und ist trotz Finanzkrise hoch profitabel. Trotzdem verkündet August-Wilhelm Scheer im Juli 2009, seine Firma an seinen Konkurrenten, die Software AG, nach SAP Deutschlands Nummer zwei in der Software-Branche, zu verkaufen.

Was war passiert? „Als ich beschloss, meine Firma zu veräußern, befand ich mich nicht in einer finanziellen Notsituation“, erklärt Professor Scheer heute: „Die Firma besaß immerhin einen Bar­bestand von 70 Millionen Euro.“ Scheer handelte wie immer mit Kalkül. Zu diesem Zeitpunkt habe er mehrere Angebote auf dem Tisch gehabt – wohlmeinende und weniger wohlmeinende. Eines davon kam von einem der größten Player am internationalen Markt und lautete salopp gesagt so: „Ich möchte dich kaufen. Wenn du aber nicht verkaufen möchtest, so kaufe ich deinen stärksten Konkurrenten und mache den so stark, dass du nichts mehr zu lachen haben wirst.“

Keine schöne Aussicht. Der Professor überlegte. Möglichkeit eins: alleine weitermachen. Was in einer Branche, die so schnelllebig ist wie der IT-Markt und in Anbetracht der oben genannten Warnung gelinde gesagt nicht so einfach geworden wäre. Möglichkeit zwei: das oben genannte unfreundliche Angebot annehmen.  
Professor Scheer entschied sich für die Möglichkeit drei: eine Partnerschaft einzugehen, aber mit dem Partner seiner Wahl. „Die Software AG“, sagt er, „hatte den Vorteil, dass es ein deutsches Unternehmen ist.“ Und den Standort Deutschland zu stützen ist etwas, das August-Wilhelm Scheer schon immer sehr am Herzen liegt. Während seiner sechsjährigen Zeit als Präsident des IT-Branchenverbandes Bitcom hat sich Scheer immer wieder dafür stark gemacht.

Trotzdem: „Ein Unternehmen zu verkaufen, das man selbst gegründet hat“, erzählt Scheer, „ist eine schwierige Entscheidung, mit der man sich auch nachts herumschlägt. Wäre ich nicht bedrängt worden – ich hätte es wahrscheinlich nicht gemacht.“

Im September 2009 übernimmt die Software AG für 482 Millionen Euro beziehungsweise für 15 Euro pro Aktie – was einem Aufschlag von fast 40 Prozent zum damaligen Aktienkurs entspricht – die IDS Scheer. Der Mehrheitsaktionär Scheer erlöst für seine 41 Prozent knapp 200 Millionen Euro. Im Dezember 2010 verschmilzt die IDS Scheer dann vollständig mit der Software AG.

„Ich habe es gemacht wie Tarzan“, erklärt Scheer: „Um sich von einem Baum zum nächsten fortzubewegen, benötigt Tarzan eine Liane. Er nimmt die Liane und schwingt sich zum nächsten Baum. Dann aber muss er die Liane loslassen, nur so kann er den Schwung nutzen. Lässt er sie nicht los, pendelt er zurück. Ich habe die Liane losgelassen und den Schwung mitgenommen. Ich denke, ich bin ziemlich gut darin loszulassen.“

Den Schwung aus dem Verkauf der IDS Scheer hat August-Wilhelm Scheer tatsächlich mitgenommen. Weit davon entfernt, nun, im Alter von 68 Jahren ein Pensionärsdasein anzustreben, gründet er kurze Zeit später die Scheer Group, wieder in Saarbrücken. „Junge Menschen kamen zu mir und fragten mich, ob ich ihnen nicht bei ihren Unternehmensgründungen helfen könne.“ Scheer hilft und beteiligt sich auch an den Firmen.

Heute ist die Scheer Group ein Netzwerk von sieben Firmen, die gemeinsam einen Jahresumsatz von hundert Millionen Euro machen. Alle sieben Firmen sind hochspezialisierte IT-Firmen, die sehr innovativ arbeiten, wachstumsstark und von Anfang an international orientiert sind. Das Leistungsspektrum reicht von IT-Lösungen zur Erhöhung von Energieeffizienz über E-Learning-Strategien bis zu Sicherheitsanwendungen in der digitalen Kommunikation. Um die Firmen unter einem Dach zu vereinen, ließ Professor August-Wilhelm Scheer auf dem Universitätscampus von Saarbrücken einen hochmodernen Büro-Turm, den Scheer Tower, errichten. „Die Nähe zur Universität ist wichtig, um die Verbindung zur Forschung aufrecht zu erhalten.“

Doch August-Wilhelm Scheer wäre nicht August-Wilhelm Scheer, wenn das schon alles wäre. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema „Industrie 4.0“, dem Einzug des Internet in die Unternehmen. Dabei geht es um computergesteuerte Fertigung, Personalisierung von Produkten oder auch den Trend, dass Produktionsentwicklungen zu Dienstleistungen werden. „Wir sind vielleicht die letzte Generation, die noch weiß, wie ein Computer aussieht. Die nächste Generation bekommt Computerleistung aus der Cloud.“

Was den Professor umtreibt, ist die Befürchtung, dass Deutschland, ja ganz Europa, dann den Anschluss an Schlüsselwissen verliere. Denn die Software komme vor allem aus den USA. Im Feb­ruar dieses Jahres gründet er das AWS-Institut, ein Forschungsinstitut für digitale Prozesse und Produkte mit dem Ziel, Forschung, Lehre und innovative Anwendungen eng zu verzahnen. „Die Arbeiten des Instituts“, sagt Scheer,  „sollen die Innovationskette von der Grundlagenforschung bis zur erfolgreichen Produktentwicklung beschleunigen. Gleichzeitig soll es den Innovationsstandort der Universität des Saarlandes stärken und einen Beitrag zur Standortpolitik des Saarlandes leisten.“

Ausgestattet ist das Institut mit einem Kapital von rund drei Millionen Euro, Mitteln, die aus der AWS-Stiftung stammen. August-Wilhelm Scheer hat seine Stiftung im Jahr 2001 gegründet, um „etwas von dem, was ich im Leben erreichen durfte, wieder zurückzugeben.“

Zweck der Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Kunst. So finanzierte Scheer auch zehn Jahre lang eine Professur für Jazz an der Hochschule für Musik in Saar. 2011 spendete er jeweils eine Million Euro für die Technische Universität München und die Universität des Saarlandes. Ferner unterstützt er Projekte von Musikern oder stiftet Instrumente für Schulen.

Schließlich ist August-Wilhelm Scheer selbst passionierter Musiker und ein begnadeter Bariton-Saxophonist. Drei Tourneen führen ihn vergangenes Jahr quer durch Europa. Ostern dieses Jahres nahm er eine CD auf, die nächste soll im September folgen. „Die meiste Zeit verbringe ich mit der Musik. Denn das Üben, das nimmt einem schließlich niemand ab.“

Jüngst hat der umtriebige Professor, Unternehmer, Forscher und Musiker noch einen neuen, ganz besonderen Coup gelandet. Im April kaufte er einen Teil seiner Firma – die IDS Scheer Consulting GmbH mit rund 500 Mitarbeitern – von der Software AG zurück. Damit holt sich Scheer das SAP-Beratungsgeschäft in der deutschsprachigen Region Deutschland, Österreich und Schweiz zurück und integriert es in seine Scheer-Group. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart. Vermutlich hat Scheer aber nicht knallhart verhandelt. „Die Software AG hätte die IDS Scheer Consulting GmbH sonst ins Ausland verkauft. Aber eine ausländische Firma mit meinem Namen – das wollte ich nicht.“

Nun will der Professor das Geschäft mit neuen Strategien versehen, um es fit zu machen für Wachstum und Internationalisierung. Und so auch einen Beitrag leisten, dass die Softwaregrundlagen für Industrie 4.0 in Zukunft nicht nur außerhalb des Standorts Deutschland geschaffen werden. Im Juli ist das Multitalent 73 Jahre alt geworden. „Und eigentlich bin ich mit der IDS Scheer Consulting ja jetzt wieder so etwas wie ein Start-up-Unternehmer.“     ®

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