• Dr. Günter Kast

Mutmacher.

Technologie. Bevor Deutschland die Energiewende ersann, porträtierte private wealth im Winter 2011 Unternehmer, deren „grüne“ Ideen die Welt retten könnten. Einer von ihnen war Dominik Peus. Der gelernte Mediziner wollte aus Abfall Kohle machen. Ein Prototyp steht schon.

Jetzt gilt es für Dominik Peus und seine Firma Antaco. In diesem Herbst geht die erste Anlage zur Herstellung von sogenannter Bio-Kohle in Betrieb.

Auf dem Gelände einer Kläranlage im Südosten von London sollen pro Jahr 300 Tonnen Bio-Kohle produziert werden. Grüne Kohle aus Biomasse – aus landwirtschaftlichen Reststoffen, Treber aus Brauereien, dem Inhalt der braunen Biotonne, ja sogar aus Schlachtabfällen, Klärschlamm und an Deichen angeschwemmtem Treibgut. „Diese Kohle bietet mehr Brennwert pro Euro und das Verbrennen läuft Kohlendioxid-neutral ab“, hatte Peus vor drei Jahren in pri­vate wealth erklärt, „schließlich ist der Grundstoff der Kohle eben nicht-fossilen Ursprungs.“

Eine Revolution. Dominik Peus hat dafür die „Hydrothermale Carbonisierung“ (HTC), ein seit nahezu 100 Jahren bekanntes Verfahren, wieder zum Leben erweckt und weiterentwickelt. Es war lange Zeit in Vergessenheit geraten, weil Braun- und Steinkohle im Überfluss vorhanden schienen und das bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe entstehende Kohlendioxid niemanden störte. Bei der HTC wird Biomasse in eine Art Dampfkochtopf gegeben, Wasser hinzugefügt und die Mischung auf 200 Grad erhitzt. Nun vollzieht sich binnen weniger Stunden, wofür die Natur Jahrmillionen benötigt: Die Bestandteile der Pflanzen werden zu Kohle umgewandelt, das Wasser chemisch abgespalten. Im Kessel ist dann nur noch eine schwarze Brühe: Wasser, in dem winzige Kohlekügelchen schwimmen.

Es dauerte eine Weile, bis Peus und sein Team die technologischen Herausforderungen im Griff hatten, die entstehen, wenn mit fossiler Kohle im indus­triellen Maßstab konkurriert wird. Doch nun scheint alles – im Wortsinn – im grünen Bereich zu sein. Das technische Design wurde gründlich überarbeitet, die Energierückgewinnungsraten durch einen sogenannten vollkontinuierlichen Prozess maximiert. Das Ergebnis ist ein deutlich höherer Wirkungsgrad. „Das kann derzeit kein Wettbewerber leis­ten“, erklärt Peus. „Im Ergebnis ist die Antaco-Technologie nun unschlagbar günstig, kompakt und in großen Containern sogar mobil einsetzbar.“

Vielleicht hätte Peus sogar noch früher starten können, wäre da nicht das Finanzierungsproblem gewesen. 3,5 Millionen Euro wollte Peus von Investoren akquirieren, um eine 3000-Tonnen-Anlage zu bauen. Doch das hat nicht funktioniert. Zumindest nicht in Deutschland. Darum verlegte er den Firmensitz nach Großbritannien.

„Dort sind zum einen die steuerlichen Rahmenbedingungen für Gründer noch besser. Zum anderen wird Bio-Kohle über das britische Energie-Einspeisungs-Gesetz gleich in zweifacher Hinsicht gefördert: Zuschüsse gibt es sowohl für den erzeugten Strom als auch für die erzeugte Wärmeleistung. In Deutschland dagegen gibt es für beide Energieformen überhaupt keine Förderung.“

Umgerechnet rund eine Million Euro an Gründer-Zuschuss erhielt Antaco vom britischen Energie-Ministerium. Der Rest des Start-up-Kapitals, etwa 350 000 Euro, stammt von privaten Investoren. Seither hat er zahlreiche Auszeichnungen für seine Technologie erhalten: Im Februar dieses Jahres bekam er den Technologiepreis von WEX („Water and Energy Exchange“), außerdem wurde er vom „Europäischen Institut für Technologie & Innovation“ (EIT) in Budapest als „bestes europäisches Cleantech-Unternehmen in der Frühphase“ prämiert. 2013 war Antaco von unabhängigen Venture-Capital-Investoren bereits zum besten Cleantech-Start-up in Großbritannien gewählt worden.

Abnehmer für die 300 Tonnen Bio-Kohle pro Jahr sollen zunächst Kunden aus der Industrie sein, die damit ihren Wärmebedarf decken. Für die „grüne“ Kohle werden sie etwa 25 Prozent weniger als für dieselbe Menge Holzpellets bezahlen müssen, bei einem sogar höheren Brennwert. Rund 200 Euro soll die Tonne kosten.

Doch das Betreibergeschäft soll langfris­tig gar nicht das wichtigste Standbein von Antaco bleiben. „Ein Technologieverkauf bringt die höchste Marge. Deshalb favorisieren unsere Geldgeber diesen Weg“, erklärt Peus. „Den ersten Verkauf einer ganzen Anlage erwarte ich 2015. Den Prototyp werden wir auf jeden Fall selbst behalten.“ Die Break-even-Schwelle will der Gründer dann im Jahr 2016 erreichen.
Bis Antaco Gewinn abwirft, will er die Firma möglichst schlank halten: „Inves-toren wünschen sich zwar große und kompetente Teams, aber sie wollen nicht unbedingt dafür bezahlen. Wir gehen deshalb einen anderen Weg, der etwas anstrengender, aber sehr effizient ist und die Burn-Rate schont: Neben drei Angestellten haben wir mehrere Akademiker und Hilfskräfte freiberuflich beschäftigt, die begeistert bei der Sache sind. Nach Abschluss der derzeit laufenden Finanzierungsrunde werden wir jedoch personell aufstocken.“

Für diese neuerliche Runde nutzt Peus die Finanzierungsplattform AngelsDen und andere Crowd-Investing-Tools. „Wir fangen mit etwa 500 000 Euro an. Insgesamt wollen wir bei 1,5 Millionen Euro landen“, erklärt Peus. „Von den ersten 500000 Euro ist der Großteil, etwa 80 Prozent, bereits in trockenen Tüchern.“ Außerdem habe der „AngelCoFund“ den Geschäftsplan geprüft und in Aussicht gestellt, die privaten Investments zu matchen, also zu verdoppeln. Ausgeben will der Gründer das Geld für die weitere Entwicklung und Kommerzialisierung seiner Firma: vor allem für die Präsentation der ersten Anlage vor Kunden und künftigen Projekt-Investoren.

Peus ist davon überzeugt, dass HTC schon bald der ganz große Durchbruch gelingen wird. Unwahrscheinlich ist das tatsächlich nicht. Heiko Pieplow, ein Bio-Kohle-Experte aus dem deutschen Umweltministerium, nannte HTC in einem Beitrag für die „Zeit“ schließlich eine „Schlüssel-Innovation des 21. Jahrhunderts“.

Und auch in der Schweiz wird derzeit fleißig zu diesem Thema geforscht: Ein Pilotprojekt der AVA-CO2 Schweiz AG des Forschers Thomas Kläusli in Zug verarbeitet seit Oktober 2010 pflanzliche Reststoffe in einer Demonstrationsanlage. Bald wird ein kommunales Entsorgungsunternehmen in Zofingen in der Schweiz eine weit größere Referenzanlage mit einem Investitionsvolumen von umgerechnet rund 20 Millionen Euro ausschreiben.

Im Vergleich zu den Plänen Großbritanniens sind das jedoch kleine Schritte. Weil auf der Insel der Einsatz von Bio-Kohle sowohl zur Strom- als auch zur Wärmeerzeugung gefördert wird, ist es sogar für die Betreiber herkömmlicher Kohlekraftwerke interessant, über eine Umrüstung nachzudenken.

Großbritanniens größtes Kohlekraftwerk in Yorkshire, gleichzeitig eine der größten Anlagen Europas, hat schon vor einigen Jahren auf Holz-Pellets umgestellt – für umgerechnet 880 Millionen Euro. Das soll jedoch nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Bio-Kohle sein. Denn für die Herstellung der Pellets müssen noch Bäume in den USA gefällt werden, um die Anlage zu „füttern“. Daher wird die Nachhaltigkeit der Pellet-Projekte im Vereinigten Königreich auch sehr kontrovers diskutiert. Weil sich bei der Biokohle-Produktion – im Gegensatz zur Pellet-Herstellung – Ernte-Reste nutzen lassen, hat Peus hier einen klaren Wettbewerbsvorteil. Und er hat auch noch ein zweites As im Ärmel: Die Umstellung auf Bio-Kohle wäre wohl um die Hälfte billiger als eine Umrüstung zur Pellet-Herstellung.

Dominik Peus hat das ganz starke Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: „Die Förderung von Privat-Investoren in England ist unschlagbar gut.“ Auch deutsche Investoren bekämen immerhin 20 Prozent ihres Investments vom britischen Staat erstattet. Auch deshalb sei von Seiten der Kapitalgeber nach wie vor Interesse an seiner Technologie vorhanden. „Ich bin optimistisch“, erklärt Peus. Obwohl er ja eigentlich von Berufs wegen „Schwarz-Seher“ ist. Denn auch „grüne“ Kohle ist tatsächlich – schwarz.    ®