• Miriam Zerbel

„Tradition zerbricht nicht so schnell.“

Nachfolge. Seit 255 Jahren geht die Glas-Dynastie der Riedels mit ihrem Unternehmen durch Höhen und Tiefen. Vor einem Jahr übernahm mit Maximilian Riedel die elfte Generation. Und schreibt nun an einem neuen Kapitel der Familiengeschichte.

Effizienz ist sein Mantra. Das Personal effizienter einsetzen, die Produktion effizienter gestalten, die Kommunikation zum Kunden effizienter betreiben, die Unternehmensstrukturen effizienter machen. Der 36-jährige Maximilian Riedel hat sich viel vorgenommen.

Seit einem Jahr weht ein neuer Wind in der Riedel-Glasdynastie mit Hauptsitz in Kufstein in Tirol. Maximilian vertritt die elfte Generation der Familie, die mit ihrer Firma zu einem der größten Hersteller von Weingläsern in Europa zählt.  50 Millionen Glasprodukte, hergestellt von 1200 Mitarbeitern, verlassen jährlich die fünf Fabriken und werden in 125 Länder weltweit exportiert.

Seit 250 Jahren sind die Riedels im Glasgeschäft, die meiste Zeit davon sehr erfolgreich. Eine Historie, die verpflichtet. „Ich bin stolz, dass das Blut meiner Ahnen durch meine Adern fließt. Und ich werde nicht der Letzte in dieser Reihe sein“, erklärt der junge Chef stolz.

Dieses Selbstbewusstsein brauchte der Sohn von Georg Riedel auch. Denn als er vergangenes Jahr die Leitung des Familienunternehmens übernahm, ging nicht nur der Vater, sondern ebenfalls dessen gesamte Kufsteiner Führungs­riege in den Ruhestand. Wenngleich Vater Georg noch immer als Markenbotschafter auftritt und in der Produkt­ent­wick­lung mitwirkt: Maximilian stand vor einem Berg an Arbeit und war zunächst einmal allein. Und wie lange es dauert, ein eigenes Team aufzubauen, wusste er damals aus Erfahrung. Schon einmal hatte er schließlich diese Aufbauarbeit geleis­tet, als er das Nordamerika-Geschäft zum wichtigsten Exportmarkt der Riedel-Gruppe machte.

Mit erst 27 Jahren war Maximilian Riedel 2005 zum Chef von Riedel Crystal in Nordamerika avanciert. Seitdem hat er den Umsatz dort vervierfacht. Sein Rezept: „Immer agil sein, um zu verbessern.“ Eine Dynamik, die altgediente Führungskräfte möglicherweise verschreckt. Zugleich aber eine Chance für einen echten Neuanfang.

Wobei „Neuanfang“ in einem mehr als 250 Jahre alten Unternehmen relativ ist. „Jede Riedel-Generation musste ihre eigenen Herausforderungen meistern“, hatte vor fünf Jahren schon Georg Riedel im Gespräch mit private wealth gesagt. Für Maximilian Riedel bedeutet das nun: neue Märkte finden, alte Märkte ausbauen, eingefahrene, ineffektive Unternehmensstrukturen verbessern, kreativ sowie innovativ bleiben und diversifizieren.

Was der neue Chef konkret anders machen will? „Es war ein Fehler, die Märkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu vernachlässigen. Das wird sich ändern.“ Den Markt in China hatte Vater Georg schon erobert, der Sohn setzt nun seine Hoffnungen künftig auf Lateinamerika und Afrika.

Dass die Firmensprache langfristig auf Englisch umgestellt werden soll, ist nur ein Randaspekt, aber ein symbolischer: Die internationale Ausrichtung soll so deutlich werden. Schließlich liegt die Exportquote bei 90 Prozent. Kunden, Partner und Mitarbeiter im Ausland sprechen eben nicht unbedingt Deutsch.

Überhaupt legt Riedel Junior viel Wert auf Kommunikation. Deshalb macht er mit Blick auf die beiden Glasmarken Nachtmann und Spiegelau, die Riedel vor zehn Jahren in Bayern gekauft hat, ein weiteres Defizit aus. „Zu meiner Überraschung habe ich festgestellt, dass es noch bessere Möglichkeiten gibt, diese Firmen zu integrieren. Wir müssen das Zusammenwachsen beschleunigen.“

Seinen eigenen „footprint“, wie Riedel Junior das nennt, hat er ohnehin schon früh hinterlassen. Noch in Amerika nimmt er die Gastronomie ins Visier. Mit der Reihe „Riedel Restaurant“ wendet er sich an einen neuen wichtigen Kundenstamm. Spülmaschinenfest, mit kürzeren Stielen sind seine Gläser – kompromisslos auf den Bedarf dieser Kunden zugeschnitten. Er baut auf Social Media wie Facebook und Twitter, steigt mit einer Internetboutique für Riedel-Produkte in den Online-Handel ein.

Auch als Designer setzt er Akzente, entwirft 2004 die „O“-Glasserie, einen Kelch ohne Stiel. Und landet nicht nur einen Verkaufserfolg. Für das Design erhält er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem vom Museum of Modern Art.

Verglichen mit der jüngsten Idee sind das allerdings Kleinigkeiten. Zukünftig möchte Riedel in ganz andere Industriefelder vordringen. Bislang hat Riedel sein Geschäft auf zwei Säulen gestellt: die Produktion für die drei Eigenmarken Riedel, Nachtmann und Spiegelau sowie die Herstellung für Fremdmarken wie Villeroy & Boch und Tiffany. Diese Fokussierung auf das klassische Trinkglas könnte nun bald vorbei sein. „Man darf nicht nur dem Wein-, Bier- oder Whiskey­glas Treue schwören, sondern muss sich auch in anderen Industrien umschauen“, erklärt Maximilian Riedel.

Diversifizieren will er und hat konkret die Bau- und Autoindustrie sowie die Medizintechnik vor Augen. Der Werkstoff Glas ist vielfältig, das wissen die Riedels. Schon Maximilians Ur-Ur-Ur-Großvater Josef hatte die Voraussetzung für die Produktion von Gläsern für Verkehrsampeln geschaffen. Die Geschichte des Familienunternehmens Riedel zeigt: In der Veränderung liegt die Kontinuität. Der neue, junge Unternehmens­chef hat das früh erkannt.

Seit Maximilian 18 Jahre alt ist, arbeitet er im Unternehmen mit. Genug Zeit, um Erfahrungen zu sammeln. Gedrängt, die Nachfolge anzutreten, habe ihn sein Vater jedoch nie, erklärt der Junior. Eher sei es ihm schmackhaft gemacht worden. „Wir sind Freunde geblieben“, sagt er mit Blick auf den Vater, „obwohl wir auch Geschäftspartner sind.“

Beide Riedels sind im vergangenen Jahr mit einem Sonderpreis im Ernst & Young-Wettbewerb Entrepreneur of the Year für die erfolgreiche Übergabe der Geschäfte ausgezeichnet worden. Denn gerade in Familienunternehmen gelingt das nicht immer. Auch Georg Riedel hat noch ganz andere Erfahrungen gemacht. Seinen Vater musste er recht nachdrück­lich in den Ruhestand schicken.

Den eigenen Kindern wollte Georg das leichter machen. Sein Vorbild war dabei wahrscheinlich Ur-Ur-Großvater Josef, aus der sechsten Riedel-Generation, der „Glaskönig“ aus dem 19. Jahrhundert. Schon sehr früh hatte Josef seinen Sohn Josef Anton ins Unternehmen eingebunden, ihm aber dennoch die Freiheit gelassen, einen eigenen Weg zu finden, um den Fortbestand des Familienunternehmens zu sichern. Ein Ziel, das auch der aktuelle Firmenchef Maximilian verinnerlicht hat. Den Weg, das weiß er, muss er selbst finden.    ®