• Susann Naumann

Zurück in die Zukunft, Teil 2.

Wachstumsfinanzierung. Das Jahr 2008 sollte für das Frankenberger Traditionsunternehmen Thonet ein Wendepunkt in der mehr als 190­jährigen Geschichte werden. Mit einem externen Geschäftsführer und einer auf das Exportgeschäft ausgerichteten Strategie wollte sich der Möbelhersteller und Erfinder des legendären Kaffeehausstuhls wieder zu alter Größe aufschwingen. Doch es kam ganz anders.

„Es ist mir geglückt, das Feuer meiner Vorfahren am Brennen zu halten. Das Unternehmen steht gut da. Es ist mir aber nicht geglückt, die Firma entscheidend größer zu machen. Diese Aufgabe gebe ich jetzt weiter“, beendete Claus Thonet im Herbst 2008 das Interview mit private wealth.

Vier intensive Stunden lang hatte der älteste der drei Thonet-Bruder – fünfte Generation – die aufregende Geschichte des Möbelherstellers erzählt. Die Herausforderungen skizziert – Top-Design im oberen Preissegment ohne eine Beschädigung der Marke mit Mengengeschäft zu verbinden. Das Ziel definiert – „Bekanntheitsgrad und Umsatz unseres Unternehmens passen nicht zusammen. Das muss sich ändern.“ Und den Weg dorthin skizziert: „Ausbau des Exportgeschäftes und Konzentration auf den Vertrieb.“

Umsetzen sollte dies ein familienfremder Geschäftsführer – Roland Ohnacker, der von einem Büromöbelhersteller zu Thonet kam. Ein Vertriebsexperte – genau der Richtige für diesen Job. Zunächst läuft alles nach Plan. Doch dann macht die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010 Thonet einen Strich durch die Rechnung.

Die Möbelbranche, die extrem von der allgemeinen Wirtschaftsentwick­lung abhängig ist, bricht ein. Die Frankenberger müssen die Notbremse ziehen: Ende 2010 gibt der Hersteller bekannt, von den ehemals 160 Arbeitsplätzen rund 50 zu streichen. Das Stammwerk mit der Holzfertigung zieht um, die komplette Produktion rückt zusammen und wird umstrukturiert. Roland Ohnacker verlässt im Februar 2011 das Unternehmen. „Die Chemie hat nicht gestimmt“, erklärt Peter Thonet, Zweitältester der Thonet-Brüder.

Peter Thonet übernimmt nun selbst die Verantwortung. Sucht einen neuen Unternehmenslenker. Einen Vertriebsexperten mit besonderem Gespür für Markenentwicklung. Ende 2012 schließlich entscheidet er sich für Peter Schwering. Der damals 45-Jährige kommt vom Küchenhersteller Alno. Schwering geht mit großen Ambitionen an seine Arbeit. Er will die Marke Thonet vor allem bei der jüngeren Generation bekannter machen und den „produktiven Umstrukturierungsprozess mitgestalten“, heißt es offiziell. Doch nach nur sechs Monaten ist für ihn Schluss. Das Unternehmen verlängert seinen Vertrag nach Ablauf der Probezeit nicht. „Die Performance hat nicht gestimmt“, begründet Peter Thonet dieses Mal die Trennung.

Wieder übernimmt Peter Thonet die vorübergehende Geschäftsführung, wieder wird er dabei von Interims-Manager Karl-Heinz Gloe unterstützt, der bereits nach dem Abgang von Ohnacker im Unternehmen tätig war.

Im Jahr 2013 scheint die Krise überwunden. „Wir bewegen uns trotz des schwierigen Umfelds in der Branche deutlich über Plan“, erläutert Gloe. Was das konkret bedeutet, sagt er ebenso wenig wie Claus Thonet vor sechs Jahren. Keine Zahlen.

Über Umsatz und Ertrag wird öffentlich immer noch nicht gesprochen. Nur so viel: Die Umstrukturierung der Fertigung spare nicht nur Kosten. Der Rationalisierungseffekt sei erheblich gewesen. Auch ein stärkerer Fokus auf den Wohnbereich – mittlerweile liegt das Verhältnis von Objekt- und Wohngeschäft bei 50:50 – mache sich bezahlt. Da der Wohnbereich nicht so anfällig gegenüber Umsatzschwankungen im Möbelgeschäft sei, könne das Unternehmen dem launischen Möbelmarkt heute besser die Stirn bieten.

Das Ziel – den Umsatz in Einklang mit dem Bekanntheitsgrad der Marke zu bringen – ist aber genauso weit entfernt wie vor sechs Jahren. Die Familie fasst einen Entschluss: Im September 2013 verkauft sie 60 Prozent des Stammkapitals an die Beteiligungsfirma Afinum, die mit dem Slogan für sich wirbt: „Unternehmerisches Eigenkapital für erfolgreiche, mittelständische Unternehmen.“

Für Thonet und Afinum die ideale Partnerschaft, wie beide betonen. „Wir haben das Potenzial, strategisch wichtige Exportmärkte in Europa und Asien zu erschließen. Um das nachhaltig tun zu können, benötigen wir zusätzliches Kapital“, erklärt Peter Thonet. „Thonet ist eine absolute Perle im internationalen High-End-Möbelmarkt. Und wir haben Know-how im Marken- und Möbelgeschäft“, sagen Michael Hüsken und Burkhard von Wangenheim, zuständige Beteiligungsmanager bei Afinum.
Gemeinsam will man nun die ehrgeizigen Wachstumspläne angehen und über die nächsten Jahre „partnerschaftlich“ zusammenarbeiten.

Nach dieser Zeit soll der Möbelhersteller wieder ausschließlich der Familie gehören. Das, sagen beide übereinstimmend, sei so vertraglich vereinbart. Das von Afinum eingezahlte Kapital plus Rendite wollen die Thonet-Brüder aus dem aktuellen Cashflow zurückzahlen. Für den Fall, dass das nicht gelingt, schließt von Wangenheim perspektivisch auch die Aufnahme eines weiteren Partners nicht aus: „Thonet soll langfristig aber in der Hand der Familie bleiben“, stellen beide klar und fügen hinzu: „Wir wollen das Unternehmen dahin führen, wo es hingehört und als erfolgreiche Partner auseinandergehen.“

Im Oktober 2013 tritt Thorsten Muck seinen Job als neuer Geschäftsführer an. Der 46-jährige Muck kommt von Erco Leuchten und ist bei den Thonets kein Unbekannter. Seit Anfang 2013 schon ist er Mitglied des Thonet-Beirates, beriet mit seinen Kollegen die Familie bei der Auswahl des passenden Investors. „In dieser Zeit haben wir uns alle gut kennengelernt. Und waren uns schließlich einig, dass es keine schlechte Idee wäre, wenn ich den Geschäftsführerpos­ten übernehmen würde“, schmunzelt Muck. Für die Entscheidung der Familie, eine Beteiligungsgesellschaft an Bord zu nehmen, hat er großen Respekt: „Es braucht eine Menge Selbstbewusstsein und Stärke zu sagen: Wir holen uns jetzt jemanden, damit es dem Unternehmen am Ende noch besser geht.“

Mit der Ernennung des neuen Geschäftsführers zieht sich Peter Thonet in den Beirat zurück, in dem auch schon sein älterer Bruder Claus aktiv ist. Claus‘ Sohn Percy ist für das Österreich-Geschäft verantwortlich, sein zweiter Sohn Felix leitet den Showroom in Düsseldorf. Philipp kümmert sich um das Nordamerika-Geschäft.

Gemeinsam mit Thorsten Muck verfolgen alle ein Ziel: das Exportgeschäft voranzubringen. Vor allem Holland, Belgien, die Schweiz und Großbritannien sowie China, Japan und Russland sind im Visier von Thonet. „Die Chinesen sagen: ‚Gehe langsam, wenn Du es eilig hast.‘ Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Deshalb werden wir uns Zeit lassen, die richtigen Menschen zu finden, die uns helfen können“, erklärt Muck. Bereits verändert wurde die Struktur des Exportgeschäfts. Anstatt auf unabhängige Verkaufsgesellschaften setzt man nun auf eigene Mitarbeiter, die den Verkauf ankurbeln sollen.

Ein zusätzlicher wichtiger Schritt ist die Weiterentwicklung der Produktpalette. Auch hier hat Thonet gelernt, nicht immer ein komplett neues Produkt auf den Markt zu bringen. Sondern Bewährtes und Traditionelles aufzufrischen und zu verbessern. So wie die Stahlklassiker, die seit den 1930er-Jahren in Frankenberg hergestellt werden. Sie gibt es seit Januar 2014 in sieben Trendfarben und verkaufen sich, so Peter Thonet, sehr gut.

„Wer um die gestalterische Qualität der Bauhaus-Möbel weiß, erkennt Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne“, erklärt Thonet-Chef Muck: „Diese Produkte haben nach wie vor ihre Gültigkeit und stellen Dinge, die heute auf den Markt kommen, oft in den Schatten.“

Fast scheint es so, als hätte Thonet in den letzten sechs Jahren eine Zeitschleife gedreht. Erklärtes Ziel ist es wieder, Thonet in eine andere Umsatzdimension zu bringen. Umsetzen soll es wieder ein externer Firmenlenker. „Thorsten Muck versteht den Geist der Familie“, sagt Peter Thonet. Mit dem neuen Finanzinvestor hat sich die Situation allerdings deutlich verschärft. Weiter wie bisher geht nicht mehr. Nun ist Erfolg Pflicht. ®

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