• Dr. Ludger Wess

Im Zweifel für den Patienten.

Krebstherapie. Junge Biotech-Gründer stehen oft vor einer schwierigen Entscheidung. Der Weg zum erfolgreichen Medikament ist lang und teuer. Abkürzungen sind meist mit dem Verkauf von Anteilen und dem Verlust von Kontrolle verbunden. Vor vier Jahren hat private wealth vier Unternehmer vorgestellt, die ein Medikament entwickeln wollen, mit dessen Hilfe das eigene Immunsystem Krebs erkennen und eliminieren kann. Zwei von ihnen sind mittlerweile schon sehr weit gekommen.

Von der Idee zum fertigen Medikament ist es ein langer Weg mit vielen Stolpersteinen. Vertragen die Patienten das Medikament? Wie reagieren sie? Ist die Wirkung überzeugend? Tests, Studien, Zulassungsverfahren kosten Zeit und Geld. Oftmals dauert es zwölf bis 15 Jahre, bis ein neues Arzneimittel die Patienten erreicht.

Für den jeweiligen Start-up-Unternehmer ist dies extrem herausfordernd. Denn er muss immer wieder die Entscheidung treffen, wie weit er selbst die Entwicklung treiben möchte. Je weiter er kommt, desto wertvoller wird schließlich im Erfolgsfall seine Firma sein. Nimmt er dagegen frühzeitig einen großen, finanzstarken Partner mit an Bord, oder verkauft er gar die gesamte Firma, fällt der Ertrag zwar geringer aus, dafür besteht dann auch kein unternehmerisches Risiko mehr. Und die Innovation kommt möglichst vielen Patienten in der Regel schneller zugute.

Vor dieser schwierigen Entscheidung standen Patrick Bäuerle und Christian Itin, Vorstände des Biotechnologie-Unternehmens Micromet, im Jahr 2011. Ein paar Monate zuvor hatte Bäuerle in der Titelgeschichte von private wealth seine faszinierende Vision erklärt. „Wir haben einen völlig neuen Typus von Antikörpern entwickelt. Sie sind in der Lage, die für Krebszellen tödlichen Immunzellen unseres Körpers – sogenannte T-Zellen – aktiv an den Tumor heranzuführen und ihn zu veranlassen, diese Tumorzellen effektiv zu zerstören.“ Der besondere Clou war, dass dies selbst dann funktioniert, wenn – wie bei Krebs oftmals der Fall – das Immunsystem getäuscht wird, so dass es eine Tumorzelle selbst nicht erkennt.

Tatsächlich konnte Micromet schon bald nachweisen, dass ihr Blinatumomab, ein Antikörper gegen Krebs, bei der Behandlung der B-Zell-Leukämie gute Effekte erzielte. „Uns war klar, dass wir damit ein neues Wirkprinzip entdeckt hatten, das eigentlich keineswegs nur auf Leukämie beschränkt ist“, sagt Itin. „Bei aller Fokussierung auf die nächsten Schritte, um Blinatumomab voranzubringen, hat uns deshalb die Frage nicht losgelassen, wie wir unser erstes Produkt und auch unser Wirkprinzip möglichst breit medizinisch anwendbar machen können.“

Was ist effizienter: Allianzen mit Pharmaunternehmen eingehen? An der Börse noch mehr Kapital aufnehmen? Mitten in diesen Überlegungen machte einer der Partner, mit dem Micromet schon seit 2010 gemeinsam an mehreren Projekten arbeitete, ein Übernahmeangebot. Der Partner war kein geringerer als Amgen, das zweitälteste und größte Biotechnologieunternehmen der Welt.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, erzählt Itin heute. „Wir hatten Micromet ja so aufgestellt, dass wir alles selbst hätten umsetzen können. Das Unternehmen war mit genügend Kapital ausgestattet und auch eine weitere Finanzierung wäre gut möglich gewesen. Aber wir waren am Ende der Überzeugung, dass das Potenzial für die Krebstherapie innerhalb einer größeren Firma schneller und wesentlich umfangreicher realisiert werden könnte.“

Anfang 2012 wurde der Verkauf besiegelt. Es war die größte Übernahme in   > der Geschichte der deutschen Biotechnologieindustrie: Amgen zahlte 1,16 Milliarden US-Dollar. Itin verließ das Unternehmen und ist heute ein gefragter Spezialist, wenn es um die Ausrichtung von Biotechnologieunternehmen geht. Patrick Bäuerle blieb und kümmert sich heute immer noch als Vice President Research von Amgen und zugleich Geschäftsführer von Amgen Research in München um die weitere Entwicklung der BiTE-Antikörper.

Was die beiden selbst bei diesem Deal verdient haben, wollen sie nicht sagen. Für sie gilt, was private wealth im Winter 2010 formuliert hat: „Gelingt die Entwicklung eines Medikamentes, winkt ein einzigartiger Unternehmerlohn: Wohlstand für sich selbst und Leben für uns alle.“ Christian Itin ist auch heute noch überzeugt, dass der Verkauf damals richtig war. „Der größte Teil unseres Kapitals und unserer Arbeitskraft ging damals in unser Hauptprodukt Blinatumomab. Amgen hat dank seiner Größe ganz andere Möglichkeiten. Blinatumomab wird jetzt nicht nur für refraktäre Leukämie entwickelt, also für austherapierte Patienten, sondern auch für Leukämie in einem wesentlich früheren Stadium. Amgen hat also bereits vor der Zulassung des Medikamentes in die Breite gehen können – das wäre uns nicht möglich gewesen.“

Der Vorteil für die Patienten ist offensichtlich. Blinatumomab kann nun vielleicht von Anfang an für einen breiteren Patientenkreis zugelassen werden. Nachdem Amgen eine Studie vorlegen konnte, in der bei einer bestimmten Form der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) etwa 43 Prozent der Patienten geheilt wurden, erkannte die US-Zulassungsbehörde FDA Anfang Juli 2014 den Wirkstoff tatsächlich als „Therapiedurchbruch“ an. Ein wichtiger Erfolg. Denn damit wechselt er im Zulassungsverfahren sozusagen auf die Überholspur.

Wohl noch in diesem Jahr kann Blina-tumomab deshalb in das entsprechende Verfahren gehen, und – wenn alles gut geht – 2015 zugelassen werden. „Dann hätten wir unser Ziel erreicht“, macht Christian Itin klar. „Schließlich wollten wir ja, dass die Technologie und die Produkte so schnell wie möglich Patienten zugute kommen.“
Harpreet Singh, Mitgründer des Biotechnologieunternehmens immatics und im Winter 2010 auf dem Cover von private wealth, treibt das gleiche Anliegen um: „Wie lässt sich das, was wir können, so breit wie möglich zum Nutzen von Patienten einsetzen?“

Immatics entwickelt Impfstoffe für Krebspatienten, die verhindern sollen, dass der Krebs weiterwächst oder sich nach einer Entfernung erneut ausbreitet. Ähnlich wie bei Micromet steht dahinter eine Innovation mit ungeahnten Möglichkeiten: Immatics kann im Hochdurchsatzverfahren, also sozusagen in industriellem Maßstab, Strukturen auf der Oberfläche von Zellen entdecken, an denen Immunzellen dann den Krebs erkennen. Diese XPRESIDENT®-Technologie nutzt Tumormaterial von Patienten, in dem mit verschiedenen physikalischen, biochemischen und molekularbiologischen Methoden nach krebs-typischen Fingerabdrücken gesucht wird. „Diese Zielstrukturen zu kennen, ist die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung hoch wirksamer Impfstoffe“, erklärt Singh.

Der erste Produktkandidat, der daraus entsteht, heißt IMA901 und ist ein Impfstoff zur Behandlung von Patienten mit Nierenzellkrebs.
Mit IMA901 ist immatics inzwischen in der entscheidenden Phase der klinischen Prüfung angekommen: Im Rahmen der Zulassungsstudie erhielt im November 2012 der letzte Studienteilnehmer den Impfstoff, der den Krebs in Kombination mit dem zugelassenen Nierenkrebsmedikament Sutent® aufhalten soll. 339 Nierenzellkrebs-Patienten und über 100 Kliniken in den USA, West-, Mittel- und Osteuropa sowie Russland sind an der Studie beteiligt. Jetzt muss abgewartet werden, ob der Impfstoff das Leben der Patienten tatsächlich deutlich verlängert – so wie es die Ergebnisse vorangegangener, kleinerer Studien vermuten lassen. Frühestens 2015 wissen die Forscher des Unternehmens mehr.

Um die Studie abzuschließen, konnte immatics Ende 2013 noch einmal Geld einwerben: Die Geldgeber des Unternehmens stellten im Rahmen einer vierten Finanzierungsrunde 34 Millionen Euro zur Verfügung. Damit haben Investoren insgesamt 142 Millionen Euro für die Firma bereitgestellt. Nicht schlecht für ein Unternehmen, das vor mehr als zehn Jahren zwei volle Jahre brauchte, um eine erste Finanzierungsrunde über acht Millionen Euro zu stemmen. Und dessen Vorstand – Harpreet Singh, der heute noch Anteile am Unternehmen hält – auf dieser Roadshow nur in Jugendherbergen und Billighotels übernachtet hat, um Kosten zu sparen.

„Wir sind davon überzeugt, dass wir uns mit unseren Produkten für die Immuntherapie von Krebs auf einem sehr guten Weg befinden“, sagt Singh heute stolz. „Wir wussten immer, dass wir mit unserer Technologie einen Schatz besitzen. Wir finden unter Tausenden von Zielstrukturen die besten Antigene bei Krebs, und wir sind die einzigen, die die Gesamtheit der Peptide auf der Oberfläche von Krebszellen – Fachleute nennen das das Krebs-Immunpeptidom – beschreiben können. Das ist interessant für das gesamte Feld der Immuntherapie, und – es gibt nur sehr wenige Firmen, die das können.“

Einen der wichtigsten großen Spieler auf dem Gebiet der Immuntherapie – Roche – konnte immatics jedenfalls schon überzeugen. „Roche hat sich weltweit Firmen angesehen, die die Wechselwirkung von Immunsystem und Krebs sys-tematisch analysieren, und am Ende schließlich uns für eine weitreichende Partnerschaft ausgewählt“, sagt Singh. „Jetzt können wir endlich das gesamte Potenzial unserer Entwicklung heben.“

Im Rahmen der Ende 2013 abgeschlossenen Kooperation wollen die beiden Partner eine Reihe neuer Krebsimpfstoffe, aber auch weitere Krebsimmuntherapien erforschen, entwickeln und schließlich vermarkten. Die Zusammenarbeit konzentriert sich auf drei Krebsarten: Magenkrebs, eine bestimmte Form von Lungenkrebs und Prostatakrebs. Der am weitesten fortgeschrittene Impfstoff ist IMA942 zur Behandlung von Magenkrebs-Patienten. Er wird demnächst an ersten Patienten in einer Studie getestet werden, um Sicherheit, Verträglichkeit und erste Zeichen der Wirksamkeit zu untersuchen.

„Parallel dazu identifizieren wir für Roche neue und relevante Strukturen – nicht nur für die Entwicklung von Krebsimpfstoffen, sondern auch für weitere Wirkstoffklassen“, erläutert Singh. Dazu gehören zum Beispiel Antikörper, Zelltherapien, Wirkstoffe, die vielfältige Abwehrstrategien von Krebszellen unterlaufen können.

Immatics hat von Roche bereits eine Einmalzahlung in Höhe von 17 Millionen US-Dollar erhalten. Weitere Forschungsfinanzierungen und erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen im Bereich oberhalb von einer Milliarde Dollar sind vereinbart. Zusätzlich enthält der Vertrag eine Vereinbarung über Tantiemenzahlungen für die drei Indikationen Magen-, Lungen- und Prostatakrebs an immatics, die an den Verkauf der Krebsimpfstoffe und Krebsimmuntherapien aus dem Kollaborationsabkommen gebunden sind.

„Das Abkommen mit Roche ist so etwas wie der Ritterschlag für unsere Technologie gewesen“, meint Singh. Und wohl auch das Startsignal für den Aufbruch in eine noch spannendere Zukunft: „Wir haben jüngst viel investiert, um die Plattform breiter und schneller zu machen. Schon sehr bald werden eine ganze Reihe weiterer Patente folgen.“

Auch das sei dann aber nur eine Zwischenstation: „Wir wollen noch mehr Geld einsammeln, um die Dinge noch schneller vorantreiben zu können. Außerdem ist es uns wichtig, auch das Gebiet der personalisierten Therapie zu erkunden, also Therapien, die auf einzelne Patienten zugeschnitten sind.“

Bei einem EU-Projekt in diesem Bereich ist immatics heute schon federführend. „Dort geht es um das Glioblastom, den häufigsten bösartigen Hirntumor bei Erwachsenen. Ziel ist es, Designer-Impfstoffe individuell für den einzelnen Patienten zu entwickeln. Wir gehen damit in die Breite und in die Personalisierung, denn wir wissen, dass Tumore und Immunsysteme sehr heterogen sind.“

Maßgeschneiderte Krebsimpfstoffe? Wenn das gelänge, hätte immatics einen erheblichen Anteil an der Entwicklung neuer Immuntherapien für Krebs. Und private wealth in Zukunft noch sehr viele interessante Geschichten über Harpreet Singh zu erzählen.    ®

Verlagsanschrift

  • Private Wealth GmbH & Co. KG
    Montenstrasse 9 - 80639 München
  • +49 (0) 89 2554 3917
  • +49 (0) 89 2554 2971
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sprachen

Soziale Medien