• Miriam Zerbel

Das zweite Leben.

Neuorientierung. Bert Bleicher hat als geschäftsführender Gesellschafter aus der kleinen Hoffmann Group den Marktführer im Handel mit Präzisionswerkzeugen in Europa gemacht. Und den Job trotzdem aufgeben müssen. Nun feilt er an einer zweiten Karriere.

Als Bert Bleicher im Dezember 2011 das Titelbild von private wealth ziert, ist das Leben des damals 49-Jährigen in Ordnung. Mehr als in Ordnung.

Bleicher hat in 18 Jahren aus dem Familienunternehmen Hoffmann, einem Münchner Werkzeugbauer, einen internationalen Systemanbieter und den europäischen Marktführer gemacht. Den Umsatz von 225 Millionen auf fast eine Milliarde Euro mehr als vervierfacht. Und wird ein Jahr später von der Unternehmensberatung Ernst & Young zum Entrepreneur des Jahres 2012 gekürt.

Dann – das Aus: Die Familie steht nicht mehr geschlossen hinter ihm, es gibt Streit im Gesellschafterkreis. Auf der einen Seite Bleicher und seine Ehefrau Nicola, die Enkelin des Firmengründers. Auf der anderen Seite die Schwiegermutter und die Schwägerin. Das Zusammenspiel der Gesellschafter funktioniert nicht mehr. Es herrscht Misstrauen, es gibt Streit. Nicht mehr zu schlichten. Nach 18 Jahren legt Bleicher von heute auf morgen sein Amt als Geschäftsführer nieder.

Ein gutes Jahr ist das nun her. Dass es ihm jetzt trotzdem gut geht, ist Bleicher anzusehen: Die Augen strahlen, der Blick ist aufmerksam und er lächelt – er lächelt wieder. „Ich bin zunächst in ein Loch gefallen. Die vier Monate nach meinem Rücktritt waren richtig hart. Wut, Ohnmacht, Enttäuschung – durch all das bin ich durch“, gibt er zu. „Aber dann habe ich mich umgedreht und bin wieder der Sonne entgegengegangen, das habe ich von meiner Mutter gelernt“, grinst der heute 51-Jährige. „Der Schatten ist hinter mir geblieben.“

Bert Bleicher hat einen schmerzhaften Weg hinter sich – und doch war es offenbar gut so. Zumindest für ihn selbst. Er achtet wieder auf seine Gesundheit, ernährt sich sehr bewusst. Keinen Kaffee, keinen Alkohol, keinen Zucker, kaum Weißmehl.  Der Effekt: „Ich kann endlich wieder durchschlafen. Vorher war nach spätestens vier Stunden Schluss.“ Der leidenschaftliche Tennisspieler treibt Sport und hat nun Zeit für seine drei Kinder und seine Frau. „Meine Lebensqualität ist enorm gestiegen. Und meine Freunde sagen: ,Bert, du bist wieder der Alte‘, das freut mich natürlich“, erklärt Bleicher.

Die meiste Zeit investiert Bleicher derzeit in die Stiftungsarbeit. Noch als Geschäftsführer der Hoffmann Group hatte er vor vier Jahren ein modernes Therapiezentrum im oberbayerischen Peißenberg aufgebaut. Kinder und Jugendliche, die benachteiligt sind, weil sie aus einem schwierigen sozialen Umfeld kommen oder behindert sind, werden dort in Zusammenarbeit mit der Tabaluga Stiftung gefördert.

Ein Herzensanliegen für Bleicher, der sich seit seiner Jugend für soziale Projekte engagiert. Erst vor wenigen Monaten wurde die Hoffmann Group Foundation mit dem Preis für Familienunternehmen in Bayern, Kategorie Soziales, ausgezeichnet. Weil seine Frau Nicola dort nach wie vor Geschäftsführerin ist, bleibt ihm die Nähe zur Stiftungsarbeit erhalten.

Völlig abgeschnitten ist die Verbindung zum Familienunternehmen Hoffmann für Bleicher sowieso nicht. Noch immer ist er Gesellschafter der Holding. Und sitzt im Beirat der Firma. Dieser Beirat ist eine organisatorische Neuerung, die erst mit dem Ausscheiden Bleichers als Geschäftsführer implementiert wurde. Er soll Bindeglied sein zwischen Gesellschaftern und Management, mit Heinrich von Pierer als Vorsitzendem.

Die Hoffnungen, die die anderen Gesellschafter in die Neuerung setzen, teilt Bleicher allerdings nicht. „In der Vergangenheit galt in der Familie immer: ,Wer in der Firma ist, hat das Sagen, muss aber auch die Konsequenzen tragen.‘ Ich halte nichts von Beiräten.“

Ist es nicht schwierig, in dieser Situation Beirat und Gesellschafter zu bleiben? Doch. Und deshalb kann sich Bleicher durchaus vorstellen,  seine Anteile abzugeben, innerhalb der Familie. „Ich halte es für falsch, immer festzuhalten.“

Enttäuscht ist der Manager in erster Linie von der Sprachlosigkeit in der Familie. Ein Dialog sei derzeit unmöglich, ein Riss ziehe sich quer durch die Verwandtschaft, was sich bedauerlicherweise bis hin zu den Kindern auswirke. Dabei schwingt aber auch leise Selbstkritik mit. Denn rückblickend stellt er durchaus Versäumnisse bei sich selbst fest: „Ich hätte die anderen Gesellschafter mehr mitnehmen, sie besser in die grundsätzlichen Entscheidungen, die die Firma betreffen, mit einbeziehen müssen.“

Bleichers Vorstellung von seinem zweiten Leben als Unternehmer hat nicht sehr viel mit seinem ersten Leben zu tun. Operativ will er nicht mehr tätig sein. Und doch: „Ich liebe es, Sachen zum Wachsen zu bringen, Menschen zu begleiten.“ Die Beteiligung an anderen Firmen schwebt ihm vor. Als Finanzinvestor und begleitender Berater. So könne er sein Know-how einbringen, ohne sich im kräftezehrenden Tagesgeschäft zu verausgaben. Die Werkzeugbranche soll es allerdings nicht mehr sein. Medizintechnik interessiert ihn. Die Immobilienwirtschaft.

So hat er beispielsweise direkt am Ufer des oberbayerischen Kochelsees die frühere Verdi-Bildungsstätte gekauft. Eine Bauchentscheidung. „Ich bin dahin gefahren, hab das Grundstück gesehen und mich verliebt.“ Das war, wie er sagt, „naiv“. Ein Luxus-Hotel, wie zunächst geplant, rentiert sich wohl nicht. Nun sucht er einen Investor und jemanden, der den Betrieb übernimmt. „Es gibt viele verschiedene Ideen:Unternehmen, die dort Ausbildungszentren errichten, ein Seniorenheim, eine Klinik. Ich mache etwas Schönes draus“, verspricht  er.

Dass dieser Prozess anders verläuft als in der Firma, hat ihn dann doch etwas überrascht. „Da konnte ich sagen: ,Das machen wir jetzt.‘ Hier kann ich sagen, was ich will und die anderen entgegnen einfach: ,Nö.‘“ Es geht um Baugenehmigungen, um Bürgerräte, die mitreden und mitentscheiden wollen, um Verwaltungen, deren Mühlen langsam mahlen. In diesem Projekt ist er nicht der alleinige Entscheider. Ein Lernprozess für den Macher. Er muss Mehrheiten herausarbeiten, Menschen für eine Idee gewinnen. Dabei kommt ihm weniger seine Erfahrung als Unternehmer zugute als seine Erfahrungen als Wahlkämpfer in seiner Zeit als Hamburger Agenturchef.

„Ich bin nicht immer die Axt im Wald. Ich glaube an Menschen“, sagt Bleicher.
Eben hat er in den britischen Fahrradhersteller Cooper Bikes investiert. Von Mike Cooper, dem Sohn des Mini-Entwicklers John Cooper, hat er die Markenrechte gekauft. Gemeinsam mit Mike Cooper überlegt Bleicher, was man aus der Marke Cooper Bikes machen kann. Außerdem spricht er mit Unternehmen aus der Medizintechnikbranche.

„Mal sehen, wie das weitergeht. Mein Traum ist es, fünf oder sechs Leute zusammenzubringen, die ähnlich denken und eine finanzielle Substanz haben. Mit denen gemeinsam, bankenunabhängig, Projekte durchzuführen, das wäre es.“ ®

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