• Dr. Ludger Wess

Weg mit dem alten Eisen.

Start-up. Seit mehr als 1000 Jahren werden Pferde mit Hufeisen beschlagen – im Zeitalter von Hochtechnologie ist das allein schon ein wenig anachronistisch. Tatsächlich schadet es sogar der Gesundheit der Pferde. Ein Team von jungen Gründern – allesamt selbst keine Reiter – hat nun eine Alternative entwickelt.

Innovationen kommen oft zufällig zustande. Bennet Klein und Simon Salowsky, zwei Entwickler aus der 3-D-Druckbranche, gründeten 2013 die Firma Trindo Digitalmanufaktur GmbH und machten daraus ein Dienstleistungs- und Produktentwicklungsunternehmen rund um die innovative Herstellungstechnik 3-D-Druck. Mit Pferden hatten sie bis dahin nichts am Hut.

Bei einem gemeinsamen Abendessen schilderte eine Freundin, selbst begeis­terte Reiterin, ihren Kummer. Ihr Pferd hatte immer wieder Hufprobleme, verursacht durch die Eisen, die mit sechs langen Nägeln in den Huf geschlagen werden. Für das Tier, lernten Klein und Salowsky, sei es am gesündesten, „barhuf“ zu laufen. Doch wegen der Mehrbelastungen auf Asphalt und Schotterwegen oder des Gewichts des Reiters brauche es zwingend einen Hufschutz.

Das Problem: Die von den Nägeln verursachten Löcher sind Eintrittspforten für Bakterien und Pilze. Ob es nicht möglich wäre, etwas Ähnliches aus Kunststoff zu drucken, wollte die Freundin wissen, eine Art Schuh, der nur dann angelegt würde, wenn das Pferd auf problematischen Oberflächen laufen müsse.

Die beiden wunderten sich zunächst darüber, dass bei Pferden heute noch eine Technologie zum Einsatz kommt, die vor etwa 1500 Jahren von den Römern entwickelt und seither nicht verändert wurde. Zu weiteren Risiken und Nebenwirkungen befragten sie Pferdeliebhaber und Tierärzte und fanden heraus, dass die starren Eisen zudem die Stoßdämpfung der Hufe außer Kraft setzen, weil sie eine Abfederung von Unebenheiten durch den Huf verhindern. Deshalb werden alle Stöße direkt auf Sehnen und Gelenke übertragen. Auch die Durchblutung der Beine wird beeinträchtigt.

Plötzlich war den Unternehmern klar, warum es inzwischen eine „Barhuf“-Bewegung gibt und rund um den Pferdehuf immer mehr Berufe und Produkte entstanden sind: Hufpfleger, Hufbearbeiter, Hufheilpraktiker und Huforthopäden sowie mehr als 30 Hersteller von etwa 100 verschiedenen Hufschutzprodukten. Jeder kennt das Problem, jeder empfiehlt ein anderes Produkt, aber nichts funktioniert richtig.

„Bisherige Versuche, abnehmbare Hufschuhe zu entwerfen“, erklärt Salowsky, „scheiterten am zu schnellen Materialverschleiß und an einer mangelnden Elastizität. Sie sind schwer an- und abzuziehen, sie passen nie perfekt, verdrehen sich bei der Benutzung, und die Verschlusssysteme scheuern am Pferdebein. Manche Anbieter nutzen auch schädliche, aggressive Kleber. Selbst das bislang beste, sehr hochpreisige Produkt hat keine elastische Entkopplung, muss nach spätestens vier Wochen neu befestigt werden und verfügt über ein Scharnier, eine ausgesprochene Schwachstelle. Da war klar, dass wir das Konzept gründlich und ganz neu überdenken mussten.“

„Uns gefiel die Idee gut, eine temporäre Verbindung herzustellen, die starre und flexible Elemente enthalten sollte“, ergänzt Klein. „Das Produkt sollte wirklich nur dann getragen werden, wenn es nötig ist, und sich deshalb mit wenigen Handgriffen anbringen und wieder entfernen lassen. Mit diesen Vorgaben haben wir angefangen, Prototypen zu entwickeln und zu testen.“

Herausgekommen ist der „Good­smith“-Hufschutz. Ein Hufbearbeiter passt ihn zunächst individuell an jeden Pferdehuf an und berücksichtigt dabei die Hufform und gegebenenfalls Fehlstellungen. Die Reiter können den Hufschutz dann selbst in Sekunden mithilfe des Klettsystems anklippen und losreiten. Das Entfernen geht genauso schnell. Je nach Nutzung hielten erste Prototypen unter Laborbedingungen bis zu 800 Stunden.

Derzeit hat eine zweite Testphase begonnen, um 100 Hufe 100 Tage lang zu testen und, wenn nötig, weitere technische Anpassungen vorzunehmen.

„Der Vorteil für das Pferd ist ganz klar die Beweglichkeit des Hufs“, erläutert Salowsky: „Das technische Zauberwort lautet elastische Entkopplung. An den Laschen befinden sich Elastomere, die Belastungsspitzen abfangen. Außerdem setzen wir Materialien aus der Industrie ein: Carbon, Hochleistungspolymere und Klett. Carbon ist flexibel und extrem leicht. Es ist in der Lage, die natürlichen Hufbewegungen zu unterstützen. So funktioniert der Hufmechanismus wieder wie in der freien Natur.“

Die spezielle Abriebschicht bestehe aus einem Kunststoff, bei dem der Abrieb nur sehr langsam stattfindet. „Ein durchschnittlicher Reiter kann unser Produkt etwa ein Jahr lang nutzen“, verspricht er. Ein zusätzlicher Vorteil bestehe darin, dass der Goodsmith-Hufschutz bei Bedarf sogar orthopädische Funktionen übernehmen könne, etwa bei einer Fehlbildung der Hufe.

Reiter sind von der Idee der beiden rasch überzeugt. Doch lässt sich damit auch Geld verdienen? Wird das Produkt nicht auf massiven Widerstand der klassischen Hufschmiede stoßen? „Das war überhaupt nicht der Fall“, erzählt Klein. „Die Schmiede selbst sind zunehmend skeptisch gegenüber dem alten Hufeisen eingestellt. Sie sehen, dass viele Reiter zu anderen Produkten wechseln und ihre Pferde nicht mehr mit Eisen beschlagen lassen wollen. Für sie ist unsere Technologie deshalb eine echte Alternative. Die Schmiede fungieren als Wiederverkäufer und passen Goodsmith vor dem ersten Einsatz an. An den Hufeisen verdienen sie nicht viel: Das Eisen kostet rund zwei Euro im Einkauf und etwa vier bis fünf Euro im Verkauf. Unser Produkt bietet ihnen dagegen bei einem Verkaufspreis von rund 90 Euro deutlich mehr Provision.“

Da, wo sie zunächst harten Widerstand vermutet hätten, finden die Gründer so einen attraktiven Vertriebskanal. Doch die zwei sind außerdem „Digital Natives“, seit ihrer Jugend konsequente User des Internets. Daher nutzen sie sämtliche Onlinemedien als Vertriebskanäle. „Es wird eine App geben“, sagt Klein. „Und die Website wird good-smith.com heißen. Wir konzipieren zusätzlich einen Blog namens hufglueck.de, auf dem mehrere Pferdefachwirte und Berufsreiter schreiben werden. Sie werden dort ein breites Spektrum an Themen aufgreifen und so eine Art Onlinemagazin für Reiter schaffen. Zudem planen wir Influencer-Marketing über YouTube, Facebook und Instagram. Und als Markenbotschafterin ist eine Reiterin mit einem Filmpferd im Boot, die heute schon mehrere 10000 Follower in wichtigen Social-Media-Kanälen hat.“

Eine von mehreren geplanten interessanten Partnerschaften steht bereits. „Wir haben gute Kontakte zum Unternehmen Geschenke24.de und können deshalb unser Produkt bald im Design veredeln lassen, etwa mit Swarovski-Steinen. Außerdem lässt sich der Goodsmith in jeder Wunschfarbe herstellen, passend zur Satteldecke oder zur Fellfarbe. Die Materialien erlauben eine starke Individualisierung.“

Um den nächsten Schritt zu gehen, sucht das Unternehmen jetzt Investoren. „Wir brauchen 600000 Euro, um Marketing und Vertrieb zu forcieren und die Produktion vorfinanzieren zu können. Dafür würden wir einen Anteil von zehn Prozent anbieten. Das entspricht einer Firmenbewertung von sechs Millionen Euro.“

Mit dieser Finanzspritze wollen die Unternehmer den Break-even erreichen. Unmöglich scheint dies nicht. Derzeit gibt es in Deutschland 1,2 Millionen Pferde. Der Umsatz in der Huf-Branche beläuft sich auf etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr. „Schon mit einem Marktanteil von 0,5 Prozent im deutschsprachigen Raum würden wir die Gewinnschwelle erreichen“, rechnet Klein vor: „Das wären 5000 bis 7500 Pferde, die mit unseren Produkten ausgestattet würden.“ Das müsse drin sein: „Wir haben schon jetzt einen Riesenzulauf.“

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Autor: Dr. Ludger Weß

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