• Dr. Günter Kast

Hüterin des Vermächtnisses.

Nachfolge. Magdalena Messner, 29, ist seit Anfang des Jahres Verwalterin und Mehrheitsgesellschafterin der Messner Mountain Museen. Sie möchte nicht nur als die Tochter des berühmten Bergsteigers wahrgenommen werden, sondern als Unternehmerin mit eigenen Ideen.

Ein Samstagnachmittag auf Schloss Juval, dem Sommersitz der Familie Messner im Südtiroler Vinschgau: Eine große Besuchergruppe wartet vor dem Tor. Sie alle haben einen besonderen Abend mit Reinhold Messner gebucht: private Führung durch Schloss und Museum, kleine Weinprobe mit Rebensaft aus eigenem Anbau, danach Vortrag und Vier-Gänge-Menü mit dem Hausherrn.

Für die Messners bedeuten solche Events zusätzliche Arbeit. Während der Vater seinen Fans vor dem Tor schon mal die Geschichte von Juval erklärt, trifft seine Tochter Magdalena drinnen letzte Vorbereitungen. Sie spricht abwechselnd Deutsch und Italienisch in ihr Handy, gibt Anweisungen. Es geht etwas hektisch zu.

Ein Reporterteam, das eine laute und nervige Drohne steigen lässt, bittet sie, das Ding jetzt vom Himmel zu holen. Sie sagt es freundlich, aber bestimmt. Als die beiden Angesprochenen nicht reagieren, sagt sie es noch einmal, nicht mehr ganz so freundlich. Die Messner-Fans machen derweil Selfies mit ihrem Helden. Dass die eigentliche Chefin hier inzwischen Magdalena ist, wissen nur wenige. Sie erkennen sie nicht einmal.

Die Tochter kann damit gut leben. Ihr Vater ist noch immer das wichtigste Zugpferd, ihr Zugpferd. Er spült Geld in die Kassen der Messner Mountain Museum GmbH (MMM). Jener Firma, der sie seit Anfang 2017 vorsteht und deren Mehrheitsgesellschafterin sie inzwischen ist. „Meine Eltern“, sagt sie, „halten nur noch kleine Anteile.“

Wer Magdalena Messner nicht kennt und sie das erste Mal trifft, ist angenehm überrascht von ihrer Offenheit auch bei sensiblen Fragen. Und wer gedacht hatte, der „Gröbaz“, der größte Bergsteiger aller Zeiten, halte sich für unsterblich und verweigere deshalb den Dialog über die Zukunft seines Imperiums aus Museen, Büchern, Reliquien und Immobilien, sieht sich ebenfalls getäuscht. Stattdessen entsteht der Eindruck: Da geht ein Familienunternehmen die kritischen Fragen um Zukunft und Erbe sehr offen und pragmatisch an, ganz ohne Tabus.

Das hänge, erklärt Magdalena Messner, mit dem früher ja nicht ganz ungefährlichen Job des Vaters zusammen: „Wenn er auf Expedition ging, wusste ich immer, wo sein Testament liegt. Meine Mutter drängte ihn auch, dieses von Zeit zu Zeit zu aktualisieren.“ Überhaupt habe die Mama, die Textildesignerin Sabine Stehle, zu Hause die Hosen an. Oft nicht nur das letzte, sondern das einzige Wort.

Magdalena nennt sie „einen starken Charakter, eine bodenständige, in sich ruhende Frau, den praktischen Arbeiten eher zugetan als der Papa. Anders würde das auch gar nicht funktionieren.“ Sie koche auf der einen Seite Früchte aus den eigenen Gärten ein, sei aber gleichzeitig auch der Finanzmanager der Familie – „Mama ist diejenige, die sich daheim ums Geld kümmert. Ohne sie hätte mein Vater die Museen nie stemmen können.“ Von Gelddingen, das hat Reinhold Messner öfter betont, verstehe er nur wenig.

Dass Magdalena, eines von drei Kindern, die Reinhold Messner mit Sabine Stehle hat, nun die sechs MMM verwaltet und Chefin von gut 20 Mitarbeitern wurde, ist eine logische Entscheidung gewesen. Die kleine Schwester Anna Judith, 15, geht noch zur Schule. Und Bruder Simon, 26, hat eine andere Fachrichtung eingeschlagen. Er beendete gerade in Innsbruck sein Biologiestudium.

Magdalena Messner dagegen ist schon länger „schleichend“ in ihre heutige Rolle hineingewachsen. Als Teenager hatte sie die handgeschriebenen, schwierig zu lesenden Manuskripte des Vaters abgetippt. Dabei habe sie, die sich nicht für das extreme Kraxeln begeistern kann und sich auch nicht so gern in dünner Luft quält, viel über das Bergsteigen und dessen Geschichte gelernt. Außerdem studierte sie in Wien und Rom Wirtschaft und Kunstgeschichte – zwei Fächer, die sie jetzt gut gebrauchen kann. Sie spricht zudem drei Sprachen fließend und hat früh den Umgang mit prominenten Menschen geübt. Die waren bei Messners häufig zu Gast, von Künstlern über Politiker bis zu Managern wie Wolfgang Reitzle oder Jürgen Schrempp.

Als Chefin der MMM hat sich Magdalena zwei große Ziele gesetzt: Die Museen sollen wirtschaftlich erfolgreich sein. Und sie möchte eigene künstlerische Akzente setzen.

Als Firma florieren – das heißt für sie: auf keine Subventionen angewiesen sein. Die MMM seien der einzige Kulturbetrieb Südtirols, der sich von Anfang an selbst getragen hat: „Wir haben nie Geld von der Provinz, vom Staat oder von der EU bekommen. Das ist ein schönes Gefühl und soll auch so bleiben.“

Diese Aussage bezieht sich allerdings nur auf den operativen Betrieb. Die Entwicklungs- und Baukosten für das gesamte Projekt werden auf bis zu 30 Millionen Euro geschätzt. Aufgeteilt wurden diese zwischen Messner, dem Land Südtirol sowie privaten Investoren. Letztere finanzierten zum Beispiel den Ausbau der alten Gemäuer und auch den Neubau des MMM Corones von Zaha Hadid. Im Gegenzug muss die Familie Messner die Ausstellungen ohne Subventionen einige Jahrzehnte lang aufrechterhalten.

Lediglich Schloss Juval und die Liegenschaften der Gletscherwelten Ortles gehören Messner selbst, inklusive der Museen. Für das Zentrum Firmian (Bozen) und die drei anderen Satelliten Dolomites, Ripa und Corones gibt es dagegen lang laufende Pachtverträge mit der MMM GmbH. Die Restaurierung des ehemaligen Forts auf dem Monte Rite (MMM Dolomites) übernahm die Region Venetien gemeinsam mit der Gemeinde Pieve di Cadore. Für die Sanierung und Gestaltung von MMM Ripa wurden die Kosten zu 80 Prozent vom Land Südtirol übernommen, um der Gemeinde Bruneck finanziell unter die Arme zu greifen.

Die Gesellschaft selbst sei als Handelsunternehmen eingetragen, erklärt Magdalena. „Da tauchen komplexe steuer- und versicherungsrechtliche Fragen auf.“ Viele der in den Museen gezeigten Objekte stammen aus Reinhold Messners Privatbesitz, sind juristisch betrachtet also kostbare, aber kostenlose Leihgaben an die MMM. Hinzu kommen Schenkungen, Käufe und Leihgaben Dritter. Fast drei Jahre lang arbeitete sie sich in diese Themen ein, ehe sie Anfang 2017 Verwalterin wurde. Ihr Freund ist Jurist, auch das sei hilfreich. Magdalena sagt dazu: „Das funktioniert alles nur, wenn wir als Familie funktionieren.“

Jetzt muss sie erst einmal sehen, dass sie Besucher in die Museen lockt. Knapp 200000 waren es 2016. „Der Anfangs-Hype ist ja schon länger vorbei, die Zahlen haben sich normalisiert. Die Kunst besteht jetzt darin, das Niveau zu halten.“ Soll heißen: Ihre Aufgabe wird eher schwieriger als einfacher.

Um die Herausforderung zu meistern, setzt sie bereits eigene künstlerische Akzente – auch wenn Kunst und Berg, Magdalena und Reinhold, in den Museen mitunter hart aufeinanderprallen. „Manches finde ich zu verdichtet, das überfordert die Besucher vielleicht. Da müssen wir noch einiges umstellen“, kündigt die Tochter an. In der Regel lasse sich der Herr Papa dann auch umstimmen. Fast zwei Jahre dauerte es allerdings, bis sie ihn für einen Multimedia- und Audio-Guide begeistern konnte. Sie hätte es auch ohne ihn machen können. Doch sie wollte, dass er den Guide bespricht: „Seine Stimme ist doch wichtig.“

Anfangs habe sie Sorge gehabt, dass es zu wenige Aufgaben geben könnte als Verwalterin. Heute sagt sie: „Eine schöne Illusion.“ Sie ist deshalb froh, dass sie nicht das ganze Imperium ihres Vaters am Hals hat. Um dessen Buchprojekte und -rechte sowie die Filme kümmere er sich noch selbst zusammen mit seiner langjährigen persönlichen Assis­tentin Ruth Ennemoser.

Das gelte auch für die drei Bergbauernhöfe, die Messner verpachtet hat. Er will damit keinen Gewinn erzielen, aber er möchte, dass die Höfe von den Pächtern nachhaltig und biologisch bewirtschaftet werden – und gibt ihnen deshalb die Richtlinien vor.

Messner hat öfter betont, dass jedes der drei Kinder, die er zusammen mit Sabine Stehle hat, einen Hof bekommen soll. Magdalena sagt dazu: „Ich brauche keinen und bin an Landwirtschaft auch nicht interessiert.“ Unterortl, der Hof mit dem Weinberg, sei bereits an ihren Bruder Simon überschrieben worden, der im Übrigen ein ausgezeichneter Kletterer ist. Er hänge das aber nicht an die große Glocke, um nicht stets mit dem Vater verglichen zu werden.

Auch der verpachtete Vinschger Bauernladen am Fuß von Juval gehöre noch dem Papa, erzählt Magdalena. Ebenso wie das „Yak & Yeti“, Gasthof und Touristenherberge in Sulden am Ortler, mit eigener Yak-Herde. Die Wohnung in der Münchner Klenzestraße?

„Wir haben alle einen Schlüssel, das ist unser gemeinsames Basislager in der Stadt, zum Beispiel vor und nach Fernreisen.“ Komplizierter sei es, für die ­Stiftung ihres Vaters, die Messner Mountain Foundation, eine Lösung zu finden. Weil diese einmal schwierig zu vererben sei, wolle sie der Vater mittelfristig ­auflösen. „Bis dahin wird es aber noch einige nützliche Projekte geben, zum Beispiel für die Erdbebenopfer in Nepal zusammen mit der Hillary-Stiftung.“

Keine Frage: Da denkt einer tatsächlich an die Zeit nach ihm. Messners wertvollster Besitz ist Schloss Juval, das er 1983 – gegen den Rat einiger Freunde – für umgerechnet nur 30000 Euro gekauft hat und das heute eher zehn Millionen Euro wert sein dürfte.

Juval ist der Sommerwohnsitz der Familie. Die Immobilie selbst ist – ähnlich wie das Areal der Gletscherwelten Ortles – nicht Bestandteil der Museums GmbH. Nur über die Exponate kann Magdalena Messner verfügen. Diese allerdings haben es in sich. Schließlich ist in Juval unter anderem die alpinhistorische Bibliothek des Reinhold Messner untergebracht. Sie ist vermutlich die größte private Sammlung dieser Art weltweit und umfasst neben zahlreichen Originalausgaben auch viele wertvolle Aquarelle, deren Wert gar nicht zuverlässig geschätzt werden kann.

Wie es mit Juval und seinem Mount Everest aus Büchern einmal weitergehen soll, weiß auch Messner nicht so genau: „Die Sammlung sollte nach meinem Tod eigentlich Teil des Museums bleiben. Aber ich kann Juval auch nicht einem einzigen meiner Kinder vererben. Wir werden sehen.“

Magdalena Messner will sich ebenfalls Zeit lassen, um in Ruhe in ihre neue Rolle hineinwachsen. Im Juni ist sie umgezogen, von Meran in ein in den Fels gebautes Haus auf Juval. Von dort pendelt sie täglich nach Bozen, wo sich im Mountain Museum Firmian der Sitz der Gesellschaft befindet. Wenn sie die Möglichkeit hat, besucht sie andere Museen. In der näheren Umgebung zum Beispiel das Ötzi-Museum in Bozen, in Meran die Trautmannsdorfer Gärten. „Ich schau mich um, was die gut oder anders machen. Wie sie ihren Museumsshop aufziehen, die Eintrittspreise staffeln.“

Sie sagt, sie möchte sich ihre Offenheit bewahren, ihre Neugier auf andere Kulturen und Menschen. Aber sie wisse auch, dass sie als Chefin ihres neuen Reiches Grenzen ziehen und mitunter unangenehme Entscheidungen treffen müsse. „Es fällt mir schwer, hart zu sein“, gibt sie zu. „Ich nehme vieles persönlich, sehe meine Empathie aber als Plus. Und bisher gab’s ja auch noch keine großen Vertrauensbrüche.“ Sie sei da wie ihr Vater, der – was viele nicht wüss­ten – sich schon mal ausnutzen lasse und sehr großzügig sein könne.

Magdalena Messner weiß: Die großen Bewährungsproben kommen erst noch. Noch geht es dem inzwischen 72-jährigen Reinhold Messner gut, sie kann ihn immer um Rat fragen. Wenn er einmal nicht mehr ist, wird er ihr als Vater, aber auch als Sparrings-Partner fehlen.

Und: Irgendwann werden die Pachtverträge mit dem Land Südtirol auslaufen, sie müssen dann neu verhandelt werden. Sie und ihre Geschwister werden älter, sie müssen sich überlegen, was einmal mit Schloss Juval passieren soll. Und um die Buchrechte des Vaters, einige davon Weltbestseller, muss sich auch jemand kümmern.

Es gibt viel zu tun für die junge Frau. Aber sich vor einem Berg zu drücken, und sei es ein Berg an Aufgaben,  war noch nie die Art der Messners.           ®

Autor: Dr. Günter Kast

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