• Philipp Wente

"Wo wir sind, ist oben."

Schallplattenspieler. Jochen Räke verkauft ein Produkt, das es in der digitalen Welt gar nicht mehr geben dürfte. Doch weil seine Plattenspieler zu den besten und schönsten der Welt zählen – und den wachsenden Wunsch nach Konzentriertheit und ­Entschleunigung nachhaltig bedienen –, wächst seine Firma Transrotor. Sie bietet auch dem Sohn Dirk eine glänzende Perspektive.

Am 8. März 1979 präsentierte der Elektronikriese Philips ausgewählten Fachjournalisten seinen Prototyp der Compact Disc. Erst drei Jahre zuvor hatte Jochen Räke seinen ersten eigenen Plattenspieler vorgestellt, den Transrotor AC, ein skulpturales Gerät aus Acrylglas, luftig, leicht und transparent. Der Klang analog der optischen Ästhetik. Obgleich Räke mit seiner kleinen Mannschaft die Nachfrage damals kaum bedienen konnte, schwante ihm angesichts der silberfarbenen digitalen Scheibe Böses: „Ein paar Jahre noch, dann war es das für uns.“

Bereits als Jugendlicher hatte sich Jochen Räke aus einem Bausatz aus England seinen ersten Plattenspieler zusammengebastelt. Bezeichnend dessen Name: Connaisseur. Eigentlich hätte der Sohn eines Landmaschinenhändlers ja in dessen Fußstapfen treten sollen, studierte sogar Ingenieurwesen, Schwerpunkt Landmaschinentechnik, nutzte die Kenntnisse der Mechanik dann aber auf seine eigene Weise.

Über seinen Studentenjob als Verkäufer von HiFi-Geräten wurde er zum Generalimporteur für Transcriptors, eine britische Plattenspieler-Manufaktur. Die Schallplattenspieler made in England waren in technischer Hinsicht zwar deutschen Produkten weit überlegen, hinkten allerdings in Sachen Qualität und Serienkonstanz hinterher.

Für den gelernten Maschinenbauer und leidenschaftlichen Elektroniker Räke hieß das, jeden importierten Transcriptors zuerst einmal komplett zu überprüfen und gegebenenfalls funktionsfähig zu machen. „Allein an einem Tonarm saßen wir mindestens eine Stunde. Der einpunktgelagerte Arm war zwar eine wirklich bahnbrechende innovative Lösung. Oftmals verbogen und fehlerhaft montiert, war er – insbesondere in Deutschland – aber nicht auslieferbar.“

Jochen Räke nahm über die Zeit mehr und mehr Verbesserungen an den Transcriptors vor. Folgerichtig kennzeichnet er seine optimierten Versionen ab 1973 mit einem eigenen Markennamen: Transrotor. Seiner Philosophie nach maximaler Qualität folgend, entwickelt Räke schließlich sein erstes eigenes Modell, den AC (für „Acrylglas“). Dieser war in wesentlichen Punkten neu und State of the Art: Chassis, Antrieb, Lager.

Auch im Vertrieb hatte Räke innovative Ideen. In den ersten Jahren legte er seinen 2200 Mark teuren Transrotor-AC-Plattenspielern eine Garantiekarte bei. Jeder, der diese ausgefüllt mit Namen, Alter, Beruf, Stereoanlage, Kaufdatum und -ort zurückschickte, bekam ein mit seinem Namen beschriebenes Typenschild. 95 Prozent der Käufer machten davon Gebrauch. Preiswerte Marktforschung, durch die Räke viel über seine Kunden lernt. „Die Aktion mit den Garantiekarten wäre heute absolut undenkbar. Da würde doch keiner mehr mitmachen. Wir wussten dadurch damals natürlich genau, wer unsere Geräte kaufte. Das waren hauptsächlich Angehörige höherer technischer Berufe.“

Räke konnte von da an maßgeschneiderte Produkte für die technikaffinen Connaisseure entwickeln.

Genau diese interessierten sich dann allerdings ab Herbst 1982 für die ersten in Serie produzierten CD-Player. Man ging mit der Zukunft – und die war digital. Die CD war der analogen Schallplatte vermeintlich haushoch überlegen, sie kannte kein Knistern, keine Kratzer, keinen Verschleiß. Ganze Plattensammlungen landeten auf dem Müll.

Bereits im Jahr nach der Markteinführung der neuen digitalen Technik war der Umsatz bei Transrotor um ein Drittel geschrumpft. Namhafte Plattenspielerfabrikanten wie Dual und Thorens gingen in die Insolvenz. Räkes düstere Prognose schien sich zu bewahrheiten. Er machte mit seinen Plattenspielern erst einmal alles weiter wie bisher. Und versuchte weiterhin, die Qualität seiner Produkte zu optimieren.

Seine Neigung, auch in oftmals vernachlässigten Konstruktions-Details stets akribisch nach Verbesserungen zu forschen, ermöglichte seinem Unternehmen schließlich zu überleben. Um seine Plattenspieler unempfindlicher gegen mechanische Einflüsse von außen zu machen, arbeitet er mit schwingungsdämpfenden Gummimischungen. Als Nebenprodukt entstanden hochdämpfende Absorberfüße – Räke nannte sie Transrotor Speaker Pucks –, die nicht unerheblich an die mit runden Zusatzgewichten versehenen Plattenteller seiner Plattenspielermodelle erinnern. Anfang der 1980er-Jahre ersetzen die Pucks die damals populären Tennis- und Squashbälle unter den Lautsprechern.

Für größere Lautsprecher entwickelte er wenig später sogar Jumbo Pucks, die mit einer metallenen Einfassung versehen waren. Die Einnahmen aus diesem Zusatzgeschäft überkompensierten die Umsatzrückgänge bei den Plattenspielern. Goldene Zeiten trotz Nachfrageeinbruchs.

„Der Euphorie über die CD, den neuen, ,idealen‘ Tonträger, propagiert auch von Meinungsführern wie Herbert von Karajan, ist dann ja zum Glück schnell Ernüchterung gefolgt“, erinnert sich Räke. Die Rede vom harten, überanalytischen digitalen Klang macht die Runde. Der differenzierte, wärmere Analogklang ist nun der Maßstab, an dem sich CD-Spieler messen müssen. „Klingt fast wie Platte“, wird zum festen Bestandteil der Testurteile über besonders gute CD-Spieler.

Räkes Geräte avancierten zur Referenz für die digitale Konkurrenz. Nach langer Durststrecke wird analog plötzlich wieder hip. Eine Bestätigung für diejenigen, die es schon immer gewusst hatten. So wie Jochen Räkes Frau, die ihn auch während der Krisenjahre immer wieder bestärkte: „Jochen, gib die Plattenspieler nicht auf! Wart’s einfach ab, die kommen zurück.“

Als dann Anfang der Nullerjahre tatsächlich die Renaissance der Schallplatte einsetzt, muss mancher Analog-Rück­kehrer erfahren, dass es viele der vertrauten Plattenspielermodelle und deren Hersteller gar nicht mehr gibt.

Die wenigen übrig gebliebenen Firmen, so auch Transrotor, erleben einen regelrechten Boom. Anspruchsvolle Kunden verlangen nach immer hochwertigeren Geräten. Und sind bereit, richtig viel Geld in Phono-Technik zu investieren.

Plattenspieler gelten als technologisch ausgereift und entsprechend zukunftssicher. Anders als die CD, die der zweiten digitalen Revolution zum Opfer fällt. Heute lässt sich jedes Notebook in Kombination mit entsprechender Netzwerktechnik zum High-End-Musikplayer aufrüsten. Keine beweglichen Bauteile, kein Motor, der vibriert oder Schwingungen überträgt. Im Netzwerkplayer vollendet das Musikhören seine jahrzehntelange Metamorphose – von Schelllack und Vinyl über Tonband, Kassette und CD hin zum dinglosen Dasein als Audiodatei aus dem Internet.

Der Hörer digitalisierter Musik braucht weder Plattenschrank noch CD-Regal. Er findet seine Musik im Explorer. Und auch klanglich rückt der audiophile PC heute schon näher an die weltbesten Plattenspieler heran, als es ein CD-Spieler je vermochte. „Mittlerweile ist der rein digitale Bereich bei den High-Res-Files tatsächlich auf unserem Klangniveau angekommen. Den Unterschied zur analogen Schallplatte hören Sie auch mit den teuersten Verstärkern und Boxen nicht mehr“, räumt Räke ein: „Um aus einer Schallplatte ähnliche Qualität herauszuholen, sind schon sehr hochwertige Geräte wie die unsrigen nötig. Und die kosten eben auch entsprechend.“

Der digitalen Revolution setzen die Räkes die „philosophe Schallplatte“ entgegen. Das Besondere an einem Plattenspieler sei eben, dass sich Kunden gezielt mit den Produkten beschäftigten, mit dem Plattenkaufen, mit dem Einstellen des Gerätes. „Anders als ein Computer ist der Plattenspieler eben ein echtes Musikgerät.“

Wie sich das im Verhalten äußere, erlebe er weltweit auf Vorführungen und Messen. „Sobald ein analoger Plattenspieler als Quelle der Musik ins Spiel kommt, werden die Leute ruhiger, sind gänzlich fokussiert auf die Musik. Der Reiz liegt offenbar in der Beschränkung. Es gibt kein index-sequenzielles Hin- und Herspringen. Musikliebhaber hören eine gesamte Plattenseite durch, 15, 20 Minuten lang, auch die Stücke, die vielleicht nicht ganz so gut gefallen.“

Die Schallplatte ist offenbar das Slow Food des Musik-Business.

Genau dieses Segment bedienen Jochen und Dirk Räke mit ihren analogen Genussmaschinen, die heute 15 Mitarbeiter bei Räke HiFi im Untergeschoss eines großen Einfamilienhauses im rheinischen Bergisch Gladbach bauen.

Die hier in stundenlanger Handarbeit entstehenden Transrotor-Plattenspieler zählen zu den besten der Welt. Sie sind bis zu 220 Kilogramm schwer. Technische Meisterwerke aus Edelstahl, Aluminium, Messing, Glas, Acrylglas, mo­dernsten Kunststoffen und Naturschiefer. Für die Ewigkeit gebaut, hochglanzpoliert, verchromt oder gar vergoldet. Alles dem einen Ziel untergeordnet, die dünne schwarze Scheibe aus Vinyl in gleichmäßiger Geschwindigkeit weitestgehend störungsfrei drehen zu lassen. Seine Kunden geben dafür relativ viel Geld aus: Das Artus FMD-Laufwerk steht mit 118000 Euro in der Preisliste, wohlgemerkt ohne Tonarm und Tonabnehmer.

„Heute“, macht der Unternehmer deutlich, „steht die Firma so gut da wie bisher noch nie. Und das hat auch viel damit zu tun, dass mein Sohn seit zehn Jahren dabei ist.“

Dirk Räke ist schon seit früher Kindheit fasziniert von Musik. Er lernt Geige, Gitarre, studiert Musikwissenschaften, bricht ab und kommt auf „Abwege“ – konkret, in die Verlagsbranche. 2007 steigt er dann ins väterliche Unternehmen ein. „Ich bin bei meinem Vater ja quasi seit ich denken kann in die Lehre gegangen. Ohne Übertreibung: Als Gute-Nacht-Geschichte hat mein Vater mir einmal erklärt, wie ein Tonarm funktioniert.“ Jochen Räke ergänzt: „Wir haben uns eigentlich noch nie groß über etwas anderes als Plattenspieler unterhalten. Das ging beim Frühstück los. Und dann den Tag über weiter.“

Bis zum Eintritt seines Sohnes in die Räke GmbH hatte Jochen Räke sich vorwiegend auf den Heimatmarkt konzentriert: „Ich habe den Export nicht so sehr forciert. Zwar spreche ich ganz gut Englisch, aber alles auf Englisch zu schreiben und zu machen, strengt mich an.“ Dirk Räke ist deshalb von Anfang an für das internationale Geschäft zuständig. Heute verkaufen die beiden von Bergisch Gladbach aus 1200 Plattenspieler im Jahr, mehr als jemals zuvor. „Wir haben in der letzten Dekade sehr viel mehr für die internationalen Märkte gearbeitet. Früher waren die Verkäufe zur Hälfte im Inland, heute sind es noch knapp 45 Prozent“, erläutert Dirk Räke.

Die beiden sind heute zwei gleichberechtigte Geschäftsführer in der GmbH. Und haben eine klare Arbeitsteilung vereinbart: Export, der gesamte Auslands-Vertrieb, ist die Sache der zweiten Generation, der Heimatmarkt sowie die Fertigung bleiben beim Firmengründer. Neue Geräte entwickeln sie mittlerweile gemeinsam, Hand in Hand. „Ganz elegant“ nennt Dirk Räke das.

So lief es allerdings nicht immer: „Am Anfang haben wir schon viel diskutiert. Klar, da kommt einer hinein in eine wie automatisch laufende Firma, der auch einen eigenen Kopf, einen eigenen Willen und eigene Ideen hat. Nach gewisser Zeit hat sich das aber alles beruhigt. Wohl auch, weil ich nicht so ein riesiges Ego habe, dass ich meine, ich müsse alles anders machen. Ich will mein Wirken so gestalten, dass alle hier Spaß daran haben. Ich möchte das Unternehmen im Wesentlichen so erhalten, wie es ist. Auch, weil ich denke, dass es nur so oder so ähnlich funktionieren kann. Wie arrogant wäre es auch, wenn ich meinte, das liefe seit 40 Jahren falsch hier.“

Einen konkreten Plan für den Unternehmensübergang haben die beiden trotzdem nicht. Zwar sei das auch immer wieder mal Thema, aber man habe nicht zehn Punkte aufgeschrieben, die festlegen, wann was zu tun oder zu lassen ist. Jochen Räke: „Die Firma, so wie sie jetzt ist, könnte ich allein ja gar nicht mehr führen. Ich bin jetzt 76, und meine Arbeit hier ist endlich. Auf Holz geklopft, fühle ich mich noch gut und denke, ich bin Herr der Lage. Dirk, du musst mir sagen, wenn das mal nicht mehr so ist.“ „Machen wir dann, klar“, antwortet Dirk Räke und ergänzt: „In der Praxis läuft es ja jetzt schon einfach so von einer Hand in die andere, ganz, ganz langsam.“ Jochen Räke: „Ja. Noch sind wir gleichberechtigte Partner. Aber irgendwann muss ich mir dann auch sagen, so, das war es jetzt für mich. Und mich hier langsam herausschleichen.“

Dirk Räke ist ein pragmatischer und geduldiger Mensch. Das stoische Drehen der Transrotors scheint sich auf ihn übertragen zu haben: „Den ikonischen Status meines Vaters werde ich sicher nicht erreichen. Das muss aber auch nicht sein, ich kann es mittlerweile akzeptieren. Vielleicht ergibt sich eines Tages etwas, das vollständig aus meiner Feder kommt. Ich habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir.“   ®

Autor: Philipp Wente

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