• Franz Stepan

A Matter of Heart.

Unternehmen Fußball. Es klingt ein bisschen wie die Erfüllung eines Jungentraums: Zwei deutsche Unternehmer kaufen einen englischen Fußballklub. Für Stefan Rupp und Edin Rahic ist es jedoch viel mehr. Gegen die Gier im britischen Profifußball – befeuert durch die Milliardengelder aus Fernsehrechten – wollen sie die Tugenden deutscher Familienunternehmer setzen. Und so auch ökonomisch erfolgreich sein.

17 der 30 umsatzstärksten Fußballvereine Europas kommen von der Insel. Alle spielen in der Premier League. Und profitieren davon, dass jedes Jahr 2,3 Milliarden Pfund für die Fernsehrechte überwiesen werden. Das sind 150000 Pfund pro Sendeminute. Falls es Stefan Rupp und Edin Rahic gelingen sollte, irgendwann mit ihrem Bradford City AFC da oben mitzuspielen, brächte ihnen jede Minute drei Prozent Rendite.

Ende Mai 2016 haben die beiden Deutschen den traditionsreichen Drittligisten für fünf Millionen Pfund gekauft. Stefan Rupp besitzt 77,5 Prozent der Anteile, Rahic 22,5 Prozent. Am Anfang lockte Rupp allein die Aussicht auf ein lohnendes Investment. Doch mittlerweile haben die beiden einen viel größeren Plan.

Denn aus einem geplanten Engagement auf Zeit wurde – so kitschig es klingen mag – Liebe auf den ersten Blick. „Ich wusste ja gar nicht, worauf ich mich einlasse, aber als ich den Klub näher kennenlernte, fühlte ich sofort, Bradford City hat etwas Einzigartiges.“ Und da Herzensangelegenheiten sich mit Exit-Strategien nicht vertragen, versicherten die neuen Eigentümer mit aller Überzeugungskraft in den Medien: „Wir wollen etwas aufbauen und bewegen. We are here to stay.“ Ein Bekenntnis, auf das die beunruhigten Mitarbeiter und Anhänger des Vereins bereits sehnsüchtig gewartet hatten.

„Manche Dinge im Leben kannst du nicht suchen. Sie müssen dich finden“, erzählt Stefan Rupp mit einem Lächeln, in dem noch immer das verwunderte Staunen über die doch manchmal verrückten Zufälle zu erkennen ist, die das Leben bietet. „Nachdem ich 2014 die Anteile an meiner Firma verkauft hatte, wollte ich es erst einmal ruhiger angehen lassen und die Füße hochlegen. Aber dann ist mir dieser Fußballverein quasi vor die Füße gefallen.“

Rupp ist ein freundlich lächelnder Typ, geradlinig, direkt und verlässlich. Mit der gedrungenen Statur des ehemaligen Eishockeyspielers vermittelt der 47-jährige Bayer souveräne Präsenz, das Zupackende eines unternehmungslustigen Menschen, der blitzschnell abwägt, aus dem Bauch entscheidet und sich bietende Chancen beherzt ergreift. Der weitermacht, wo andere aufhören. „Ich komme aus keinem reichen Elternhaus. Mein Vater war 40 Jahre Beamter bei der Post und hat Pakete ausgefahren. Meine Mutter war Hausfrau.“

Damit der studierte Maschinenbau-Ingenieur und Betriebswirt sich 2006 selbstständig machen kann, stellt ihm der Vater 75000 Euro Startkapital zur Verfügung. Es ist die Voraussetzung für eine millionenschwere Bankfinanzierung zum Kauf von Fischer+Entwicklungen. Über das Unternehmen aus seiner Heimatstadt Landshut, spezialisiert auf den Bau crashsicherer Hubschraubersitze, hatte Stefan Rupp seine Diplomarbeit geschrieben. Während sein Partner die Produkte entwickelt, kümmert er sich um den Verkauf. Mit durchschlagendem Erfolg. Das Unternehmen steigt auf zum Weltmarktführer. „Das hätte auch schiefgehen können“, bekennt Rupp, wenn er sich an seine Anfänge als Unternehmer erinnert, „aber letztendlich ist es ja immer so im Leben: Wer nichts probiert, weiß auch nie, ob es geklappt hätte.“

Im Juni 2014 verkauft Rupp seinen Unternehmensanteil zu einem „guten“ Preis. Er will nun kürzer treten, im eigenen Family Office ein paar größere Immobilienprojekte verwirklichen und sich seinem Hobby als Rennwagenfahrer widmen. Dann findet ihn Edin Rahic.

Der 43-jährige bosnische Schwabe war ein begabter Jugendauswahlspieler, dessen Karriere frühzeitig an einer Sportverletzung scheiterte. Doch Rahic blieb dem Fußball verbunden. Er arbeitete als Scout beim VfB Stuttgart, engagierte sich dann bei den Stuttgarter Kickers, erst im Nachwuchsbereich, dann im Vorstand, bevor er als Manager zum Technologiekonzern Bosch wechselte.

Dabei begleitete ihn immer der Traum, einmal seinen eigenen Verein zu leiten. Als Rahic eines Tages einen Mitarbeiter einstellt und beiläufig das Gespräch auf Lieblingsklubs kommt, nennt dieser Bradford City und beginnt sofort, be­geis­tert zu erzählen. Bradford City? Rahic‘s Interesse ist geweckt. Ein deutscher Verein kommt schließlich nicht infrage. Denn das deutsche Vereinsrecht schreibt vor, dass 51 Prozent der Anteile beim Stammverein bleiben. In England hingegen ermöglicht die Form der Spielbetriebs-GmbH einen 100-prozentigen Erwerb durch den Käufer.

Inzwischen verheiratet, Vater von zwei Söhnen und am Stadtrand von München lebend, lernt Rahic 2012 den Unternehmer Rupp kennen. „Wir hatten denselben Bankberater. Der hat uns zusammengebracht, wohl in der Meinung, ich sei verrückt genug für so ein Geschäft“, lacht Stefan Rupp. „Der Edin hatte alle englischen Vereine analysiert, was dann aber aus dem Trichter unten rausgefallen ist, war Bradford, ein für ihn unschlagbares Paket.“

Ein Traditionsverein, schuldenfrei, mit einem erstligatauglichen Stadion inmitten einer Großstadt und mit einem Einzugsgebiet von zwei Millionen Menschen. Dazu ein Team von qualifizierten Mitarbeitern in der Geschäftsstelle unter Führung von James Mason, einem gut vernetzten Fußballexperten, der jahrelang Reporter der bekanntesten BBC-Fußballsendung im Fernsehen war.

Das größte Plus sind aber die leidenschaftlichen Fans, die sich aufs Engste einander verbunden fühlen. Ein Grund dafür ist der Stadionbrand vom 11. Mai 1985, eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs. Eine weggeworfene Zigarette hatte die hölzerne Haupttribüne in nur vier Minuten in ein Flammeninferno verwandelt. 56 Menschen verbrannten, 265 wurden teils schwer verletzt. Die Erinnerung an die Opfer dieser Tragödie lebt in und mit dem Verein weiter. Sie schweißt die City-Anhänger noch heute zusammen.

Dieses „Paket“ erkannten auch schon andere. Ein Jahr vor den Deutschen hatte sich ein italienisches Konsortium um Flavio Briatore und Bernie Ecclestone, schillernde Namen aus der Formel 1, um den Verein bemüht. Doch die versuchte Übernahme war vornehmlich am Widerstand der Fans gescheitert.

„Mich hat diese Geschichte mit Bradford wahnsinnig gereizt“, erinnert sich Rupp: „Ich dachte mir: Wenn ich das jetzt nicht probiere, ärgert es mich in zehn Jahren unglaublich. Weil ich sofort das Potenzial erkannt habe, das in allen Bereichen in diesem Projekt steckt.“

Zwischen einem ersten Kaufangebot und dem tatsächlichen Erwerb liegen allerdings sieben Monate schwierigster Verhandlungen, in dem das Vorhaben immer wieder kurz vor dem Scheitern steht. Nach dem vorausgegangenen Flop mit den Italienern, bei dem auch die Chemie nicht gestimmt hatte, muss verlorenes Vertrauen wieder aufgebaut werden. Rupp und Rahic versuchten geduldig die Alteigentümer zu überzeugen. „Es war ein wöchentliches Auf und Ab“, erzählt Stefan Rupp. „Wir haben Bradford City Ende Mai 2016 gekauft, aber bis Mitte Mai wussten wir nicht, ob das final etwas wird. Und dann waren wir plötzlich über Nacht Besitzer eines Fußballvereins.“

Bradford ist eine englische Großstadt im Nordosten des Landes, nahe Leeds, eine gute Fahrtstunde von Manchester entfernt. Ein Schmelztiegel der Kulturen. Knapp die Hälfte der 300000 Einwohner sind Moslems, hauptsächlich Inder und Pakistani. Dazu kommt eine große polnische Kolonie.

Das 26000 Zuschauer fassende Stadion liegt im Zentrum der von Hügeln umgebenen Stadt. Allein aufgrund der rund 18000 verkauften Dauerkarten ist das Stadion Valley Parade bei jedem Spiel gut besucht. Bradford City FC ist stolz auf sein Image als Working Class Club, ohne Hooligans und Ausschreitungen. Die treuen Fans, die über Generationen ihre  Stammplätze „vererben“, schätzen die aggressionsfreie Atmosphäre des Familienvereins.

„Bradford ist ein echter Traditionsverein mit Seele“, erklärt Stefan Rupp. 1903 aus einem Rugby-Klub hervorgegangen, gewannen die „Bantams“ 1911 den wichtigsten englischen Fußballpokal, den legendären FA Cup. Seit diesen Tagen ist das Bantam, ein Zwerghuhn, Maskottchen des Bradford City AFC. Eine Erklärung dafür liefern gleich drei Geschichten, die originellste behauptet, der Mannschaftsbus habe auf dem Weg zum siegreichen Endspiel ein Bantam überfahren.

Der neue Glücksbringer erweist sich dann allerdings im Lauf der Vereinshistorie als sehr zurückhaltend. Große Erfolge bleiben den Bantams weitgehend versagt. Sie fristen ein unspektakuläres Dasein in der dritten und vierten Liga. Erst 1999 erfüllt sich der große Traum, als der Verein für zwei Jahre in die Premier ­League aufsteigt. Es wird ein teures Abenteuer. 36 Millionen Pfund Schulden bringen Bradford an den Rand des  Bankrotts. In den Jahren darauf wird die Mannschaft wieder in die dritte Liga durchgereicht.

Für Rupp und Rahic ist die Geschichte Ansporn und Warnung zugleich. Die Sache mit der Premier League kann funktionieren. „Aber erstes Ziel ist wirtschaftliche Stabilität. Mit einer konservativen Planung, die es uns ermöglicht, den Verein schuldenfrei zu führen.“

Schon viele haben sich am englischen Fußball die Finger verbrannt. So meldete zum Beispiel der Premier-League-Klub FC Portsmouth – Spekulationsobjekt arabischer und dann chinesischer Besitzer – im Jahr 2010 Insolvenz an. Heute spielt der FA-Cup-Sieger von 2008 in der vierten Liga. Die TV-Milliarden verleiten in einer irrwitzigen Preisspirale zu einem außer Kontrolle geratenen Wettlauf um völlig überzogene Ablösesummen und Spielergehälter.

In der Premier League regiert die Gier. Jeder will mitverdienen, ob Oligarchen, Scheichs oder chinesische Milliardäre. Selbst in der dritten Liga werden in der Hoffnung auf den schnellen Aufstieg in das Eldorado Premier League große Summen investiert.

Rupp und Rahic sind so etwas wie die Antithese. „Wir treten an, weil wir daran glauben, dass ein Fußballverein erfolgreich ist, wenn er wie ein solides mittelständisches Unternehmen geführt wird.“ Jetzt geht es darum, Bradford City von der kaufmännischen Seite her zu organisieren und zu strukturieren. Rupp ist klar, dass er anfangs das ein oder andere Mal noch in finanzielle Vorleistung gehen muss, doch schon bald muss sich der Verein selbst tragen. „Wenn das ein Subventionsbetrieb wird, haben wir etwas falsch gemacht.“

So bodenständig, wie die beiden argumentieren, treten sie auch auf. Zum ers­ten Saisonspiel fährt der neue Eigentümer mit einem Fiat-500-Leihauto. Partner Rahic ist nicht sicher, wie die Fans darauf reagieren würden. „Erwarten die Leute hier nicht, dass du mit einer dicken Limousine der Oberklasse vorfährst? Nicht, dass sie denken, die neuen Investoren hätten kein Geld.“ Rupp setzt sich über den gut gemeinten Rat hinweg. „Die sollen ruhig sehen, dass wir mit Geld verantwortungsvoll umgehen können.“

Die beiden wissen, wie wertvoll das Vertrauen der Fans ist. Deshalb gehen sie auf die Fans zu – mit Respekt, Feingefühl und Empathie. „Wir sind unglaublich stolz, dass wir schon so viel Vertrauen genießen. Aber jetzt sind wir in der Bringschuld, müssen ihr Vertrauen rechtfertigen und mit harter Arbeit liefern.“ Die niedrigen Ticketpreise von 150 Pfund pro Dauerkarte auch für die nächste Saison beizubehalten, war deshalb eine der ersten Maßnahmen.

Rupp und Rahic ist es wichtig, den neuen Teamspirit vorzuleben, den Mitarbeitern einen Vertrauensbonus und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. „Wir haben nicht nur 20 Leute auf dem Platz. So ein Verein ist ein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern, die jeden Morgen Spaß haben müssen, aufzustehen und in die Arbeit zu gehen. Dann stellt sich auch der sportliche Erfolg ein.“

Wie schnell sie die richtigen Entscheidungen treffen können, zeigen die beiden schon in den ersten beiden Monaten. „Eigentlich war diese kurze Zeit bis zum Saisonstart ein Albtraum“, erinnert sich Rupp. Von heute auf morgen hatte der bisherige Trainer gekündigt und gleich einige der wichtigsten Spieler mitgenommen, um sich einem der Aufstiegsfavoriten anzuschließen. „Für uns war das aber auch eine Chance, ein Signal zu setzen.“

Die neuen Eigentümer verpflichten eine Klublegende als neuen Trainer: Stuart McCall. Der 40fache schottische Nationalspieler ist ein Bradford-Eigengewächs. Er spielte später für Everton und Celtic Glasgow, ehe er im Jahr 2000 als Teamkapitän Bradford in die Premier League führte.

Gemeinsam mit McCall stellen Rahic und Rupp ein hochkarätiges Trainerteam zusammen, das wie der deutsche Fitnesscoach Robert Lossau vom VfL Wolfsburg fest daran glaubt, dass den Bantams auf Dauer keine Grenzen nach oben gesetzt sind. „Wir träumen nicht nur vom Aufstieg, wir wollen ihn auch wahrmachen.“

Wer so selbstbewusst auftritt, hat noch einen Trumpf in der Hand. Denn zum Klub gehört auch ein Fußballinternat vor den Toren der Stadt, das selbst den Premier-League-Verantwortlichen aus Manchester und Liverpool Respekt einflößt. Auf einem riesigen Areal liegen wie in einem Schlosspark Trainingseinrichtungen, mehrere Fußballplätze sowie eine der besten privaten Mittelschulen des Landes.

Für Stefan Rupp war dies ein entscheidendes Kaufargument. Im Internat sollen die Talente der Zukunft herangezogen werden. „Sie bekommen bei uns eine tolle schulische und fußballerische Ausbildung und haben dann die Möglichkeit, nach ein paar Jahren in der ersten Mannschaft zu spielen. Wir suchen die Hungrigen, die alles für den Erfolg geben. Ein 35-Jähriger in der dritten Liga  ist nicht mehr hungrig. Der lässt seine Karriere schön langsam ausklingen.“ Einem jungen Spieler stehe die Welt dagegen noch offen. „Wenn wir ihm eine Plattform bieten können, ist das eine Win-win-Situation.“

Ein charakterlich stimmiges Mannschaftsgefüge mit einer Mischung aus jugendlichem Elan und erfahrenen Führungsspielern soll Bradford City schon bald in die zweite Liga führen. Ohne Spitzenverdiener, die die innere Balance eines Teams gefährden. Viel wichtiger ist neben einem fairen Gehalt und einer aussichtsreichen Perspektive ein stabilisierendes soziales Umfeld. Und natürlich die familiäre Atmosphäre, in der die Chefs selbst als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Auch deshalb ist Edin Rahic mittlerweile mit seiner Familie nach Bradford gezogen. Er führt das Tagesgeschäft vor Ort. Stefan Rupp unterstützt ihn vorwiegend von Deutschland aus in Bereichen wie stabiler Unternehmensentwicklung oder Sponsorensuche. „Ob eine Firma für Hubschraubersitze oder ein Fußballklub – jedes Unternehmen funktioniert nach denselben Managementprinzipien. Wer die befolgt, hat schon eine gute Basis geschaffen.“

Trotz einer nicht eingespielten, schnell zusammengewürfelten Mannschaft starten die Bantams mit zwölf Spielen ohne Niederlage in die Saison. In Lauerstellung auf Platz zwei, der zum direkten Aufstieg berechtigt. Schon beginnen die begeisterten Fans zu träumen. Stefan Rupp sieht sein Engagement trotzem immer noch als „eine Reise mit unbekanntem Ausgang“. Herzensangelegenheiten seien eben nicht planbar. Ein Anfang aber ist gemacht – auf dem langen Weg in Richtung Premier League.

Autor: Franz Stepan

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