• Philipp Wente

Die Welt ist blau.

Nachfolge. Ins Blaue hinein? So war es schon irgendwie, als Nils Glagau 2009 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters die Geschäftsführung des Familienunternehmens Orthomol und damit die aus der Apotheke bekannte „blaue Wand“ übernahm. Doch anders als im sprichwörtlichen Sinne ahnte Nils Glagau, worauf er sich einließ.

Neue Generationen brächten eben auch Impulse in ein Unternehmen. Beispielsweise die Bereitschaft, neue Vertriebs- und Werbekanäle auszuprobieren – das iPad beim Arzt, das Orthomol-Radio, Bewegtbilder im Netz. Oder die Internationalisierung des Unternehmens voranzutreiben: „Ich bin überzeugt, dass sich ein Unternehmen nur erfolgreich führen lässt, wenn jeder offen ist für Veränderungen, gesellschaftliche wie interne.“

„Ich hatte das Glück, meinen Studiengang frei wählen und über das väterliche Unternehmen stellen zu können“, erzählt Nils Glagau. In Bonn hatte er Ethnologie studiert. Unter besonderer Berücksichtigung der Altamerikanistik: „Mein Vater wäre gerne Geschichtsprofessor geworden. In gewisser Weise lebte ich also die unausgelebte Seite meines Vaters.“

Der Vater – das war Kristian Glagau, der Pharma-Mann, wie er von Freunden genannt wurde. In 18 Jahren hatte er – zunächst mit einem Weggefährten aus alten Tagen, nach dessen Tod dann als reines Familienunternehmen – mit Orthomol den Marktführer für orthomolekulare Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland geschaffen. Das sind hochdosierte Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, die zur Prävention oder Therapie von Krankheiten eingesetzt werden. Dass die Firma auf 14 Quadratmetern im Keller seines Wohnhauses startet, wird Kristian Glagau später den  Spitznamen „Bill Gates von Langenfeld“ eintragen. „Alle haben geholfen, meine Mutter als Sekretärin, meine Schwester und ich bei der Verpackung und dem Versand“, erinnert sich Nils Glagau. Am 10. September 2009 verstirbt Kristian Glagau völlig überraschend, wenige Tage vor seinem 66. Geburtstag. Zu dieser Zeit macht Orthomol 80 Millionen Umsatz und beschäftigt knapp 400 Mitarbeiter.

Und Nils Glagau springt ins kalte Wasser. „Ich ging sofort zurück nach Langenfeld. Ich musste, der Menschen wegen. Viele waren ja schon seit mehr als zehn, 15 Jahren dabei.“ Oftmals seien die Mitarbeiter bei Firmenverkäufen oder Übernahmen doch die Leidtragenden. Denn Unternehmenskultur lasse sich eben nicht so einfach übertragen. „Es war eine Gewissensentscheidung. Will ich die Verantwortung für die vielen, bei Orthomol arbeitenden Menschen und deren Familien übernehmen?“ Nils Glagau wollte.

Ganz unbekannt war dem Ethnologen die väterliche Firma zu diesem Zeitpunkt nicht. Schließlich hatte er schon einmal längeren Einblick in Innen- und Außendienst gewinnen können. Nach erfolgreich absolviertem Studium war er mit einem vollgepackten VW LT sieben Monate durch Mittelamerika gereist. Zurück in Deutschland muss er sich erst einmal orientieren. Keine eigene Wohnung, das Geld beinahe aufgebraucht.

„Zu der Zeit war bei Orthomol ein Außendienst-Gebiet frei: ausgerechnet der Raum Bonn. Dort hatte ich studiert und mich immer sehr wohlgefühlt.“ Glagau absolviert eine siebenwöchige Schulung zum orthomolekularen Fachreferenten. Und steht wieder auf festen Füßen. Nach einigen Monaten meint der Vater, er müsse reinkommen. Rein ins Unternehmen. Innendienst. Das sei jetzt ihr gemeinsamer Weg.

„Ich habe in den Monaten im Innendienst, eine Regionalleiterstelle betreuend, unglaublich viel gelernt, auch durch sein Beisein. Es war prägend, an seiner Seite die Orthomol-Welt kennenzulernen.“ Das Vater-Sohn-Verhältnis dann auch täglich auszuleben, ist allerdings eine spannende Erfahrung. „Wir sind einfach zwei Alpha-Tiere, die nebeneinander nur mit viel Reibung arbeiten können. Orthomol war Papas Baby. Er hatte es groß gemacht. Er war fit. Und hatte natürlich keinerlei Ambitionen, die Leitung abzugeben oder zu teilen. Also habe ich schon nach rund einem Jahr im Innendienst die Entscheidung getroffen, wieder eigene Wege zu gehen. Das war gesünder. Für uns. Für das Unternehmen.“

Nils Glagau folgt ein weiteres Mal seiner Leidenschaft. Er will ein Stück Mexiko nach Bonn bringen – Lesungen, Kunst, Konzerte, gute Küche, richtig guten Tequila. Er sucht nach der passenden Lokalität. Und findet einen „tollen Raum“ in nur mittelmäßiger Lage, den er und sein kleines Team mit viel Liebe füllen.  Das Konzept geht auf. Glagaus Maya läuft so gut an, dass selbst der Steuerberater sagt: Das ist nicht gut, mach mal langsam. „Wir hatten eine wunderbare Zeit“, erinnert er sich heute. Gerade als der Gastronom Glagau eine Maya-Dependance eröffnen will, stirbt sein Vater. Wie aus dem Nichts.

In der ersten Zeit nach dem Schicksalsschlag lenkt die Familie das Unternehmen zu dritt – mit externer Unterstützung durch Michael Schmidt, der heute als Geschäftsführer Technik fungiert. Schwester Gesche, eine diplomierte Psychologin, hatte bereits zuvor die Orthomol-Personalleitung unter sich. Ihr Mann Michael Hugger, IT-Experte, ist für die technischen Belange zuständig.  Nils Glagau übernimmt die Position des vierten Geschäftsführers. Er verantwortet Marketing und Vertrieb.

„Gewiss, ich hätte es leichter haben können, wenn ich verkauft hätte. Aber bereits als Jugendlicher, bei uns zu Hause im Keller, habe ich gespürt, dass ich voll hinter dem Produkt stehe. Ich habe von Anfang an an die Marke geglaubt. Mindestens ebenso wichtig aber war und ist mir die besondere Orthomol-Unternehmenskultur. Bei uns steht der Mensch klar im Vordergrund.“ Das, sagt er, sei einfach überall zu spüren. Dieses Miteinander auf allen Ebenen. Jeder dürfe seine individuelle Persönlichkeit  einbringen und – soweit möglich – ausleben.

„Wir werden auch extern als erfrischend anders wahrgenommen. Weil wir nicht nur fundiertes Wissen und  Fachkompetenz haben, sondern darüber hinaus auch noch einfach tolle und lustige Menschen sind. Der Mensch darf anders sein. Der Mensch an sich, das ist für mich das höchste Gut im Unternehmen. Und sicher waren dies Triebfedern bei der Entscheidung, mein Maya aufzugeben für unser Orthomol.“

„Ich habe den Mitarbeitern gesagt: Hier bin ich. Ich werde bestimmt anders sein als mein Vater. Ein Vergleich mit ihm ist nicht fair. Den weiteren Weg durch seine großen Fußstapfen zu gehen, ist nicht mein Ziel.“

Glagau ahnt, dass die Transformation Zeit brauchen wird. „Mein Vater war sehr leicht lesbar, er war sehr emotional. Das gesamte Team hatte viel Zeit gehabt, sich an seinen Führungsstil zu gewöhnen. Zwar habe auch ich ,den Glagau‘ in mir, agiere aber doch ganz anders. Wir konnten es nur ausprobieren, dieses Gemeinsame. Wir hatten den Deal, offen mit Problemen umzugehen. Sagen zu können, wenn das eine oder andere Verhalten dem Gegenüber nicht gut tat. Wenn die gesamte Mannschaft nun gar nicht mit mir klar gekommen wäre, hätten wir andere Lösungen finden müssen. Wie auch immer die dann ausgesehen hätten. Ein Verkauf kam für mich nie infrage.“

Der schönste Lohn für den nur etwas über 30-jährigen Mann an der Spitze von 400 Mitarbeitern ist heute, dass die komplette Führungsmannschaft geblieben ist. Knapp 30 Menschen in 15 Abteilungen. Darunter Menschen mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung, die seine Eltern hätten sein können. Das liegt gewiss auch an seiner Vorgehensweise: „Ich habe zwar lediglich den Chefsessel vom Papa behalten. Andere Dinge haben wir aber nur sukzessive verändert. Nicht in Form eines radikalen Schnitts, mit der Brechstange, sondern behutsam.“

Das Unternehmen wächst zunächst weiter, jährlich zweistellig. Doch 2012 und 2013 lernt Glagau auch die Schattenseiten des Unternehmertums kennen. Erst muss Orthomol hohe Steuernachzahlungen verkraften. Kurze Zeit später rollte eine Abmahnwelle auf die Langenfelder zu. Trotz einer außergerichtlichen Einigung ist die finanzielle Belastung für das Unternehmen enorm. Und auch der gute Ruf leidet.

Glagau erkennt auch in dieser Phase etwas Positives: „Es war schön, zu sehen, was wir für eine tolle Mannschaft sind. Wir haben zusammengehalten, sind durch die Anfeindungen von außen zusammengewachsen. Dass die Kunden und auch viele der Apotheker in der Krise so klar zu uns standen, hat uns allen ein Gänsehautgefühl beschert.“ Eine neue Situation zu erfahren, einmal keinen Erfolg zu haben, habe geerdet. Und bewahre Orthomol vor dem Phlegma permanenten Erfolgs. „Wir haben uns neu ausgerichtet. Aus der Krise sind viele neue, viele gute Dinge entstanden. Wir haben verstärkt an der Diversifizierung unseres Portfolios gearbeitet, haben das Auslandsgeschäft nachhaltig gestärkt. Und begonnen, die digitale Welt zu erobern.“

Heute, die Krise ist überwunden, bewegt sich das Gesamtunternehmen Orthomol in Richtung eines Jahresumsatzes von 100 Millionen Euro. Kern des Unternehmenserfolgs bilden weiterhin die ausschließlich über Apotheken vertriebenen Nahrungsergänzungsprodukte der Orthomol-Linie. Und, die Langenfelder wollen weiter wachsen. „Profitabel, aber nachhaltig und gesund“, sagt Nils Glagau, „so, wie es für viele Familienunternehmen eben typisch ist: nicht mit Riesenschritten, sondern mit viel Bedacht und Weitsicht.“

Nun suchen er und sein Team nach weiteren Ergänzungen zum Kernprodukt, nach neuen Produkten, Zielgruppen und Märkten. Großes Potenzial sieht er in der neuen Marke Quickcap, die 2015 lanciert wurde. „Das ist eine Bombe.“ Den Vitalstoffdrink gibt es derzeit in den Sorten brain, beauty, sports und sun. Innovativ und im Markt einzigartig sei die Darreichungsform: eine wiederverwendbare Flasche, dazu portable Caps mit granulierten Inhaltsstoffen, wird geliefert. Die Zubereitung erfolgt dann bedarfsweise mit 400 Millilitern Leitungswasser.

Quickcap tritt an gegen den Platzhirschen Red Bull, gegen Gatorade und andere Lifestyle-Getränke. Ein hart umkämpfter Markt mit schwindelerregend großen Werbeetats bei den Big Playern. „Genau wie der Marktführer haben auch wir in einer Portion Quickcap brain 80 Milligramm Coffein. Allerdings aus natürlicheren Quellen wie Guarana-, Mate- und Grüntee.“ So gelänge es, den ,flight‘ länger zu halten. „Zudem sind wir frei von  Zusatzstoffen. Und vor allem   zuckerarm, passen damit wunderbar zu einer kalorienbewussten Ernährung. Dazu bieten wir eine innovative Trinkflasche aus Tritan, die, obgleich weichmacherfrei, Hunderte Spülgänge aushält. Ich wüsste kein Getränk, das mir das augenblicklich alles bieten kann“, referiert Nils Glagau.

Das Ganze befinde sich aber noch in den Anfängen. Man wolle über Umsatzprozente noch gar nicht sprechen. „Wir müssen die Marke jetzt behutsam aufbauen, sie langsam groß machen. Wir sprechen ja damit eine völlig andere Zielgruppe an als mit unserem Orthomol. Das Ganze ist viel lifestyliger ausgelegt. Insoweit nutzen wir auch andere Vertriebs- und Kommunikationskanäle.“ Der Orthomol-Weg über die Apotheke passe nicht recht, ebenso wenig wie die Listung in Supermärkten. Dafür sei das Produkt dann doch zu erklärungsbedürftig.

Derzeit ist Quickcap online bestellbar. Ein kleines Team um Glagau arbeitet daran, den Konsumenten dort zu erreichen, wo das Produkt sinnvoll eingesetzt wird: in Fitness- und Sportstudios, bei Sportveranstaltungen, in der Reisewelt, an Universitäten, auf der Fashion Week.

Ob die neu geschaffene Marke den Erfolg des vom Vater etablierten Orthomol wiederholen kann, ist vollkommen offen. Genauso wie die Frage, ob die dritte Generation das Unternehmen eines Tages weiterführen wird. Die Zwillinge von Nils Glagau, Mädchen, sind eben erst vier geworden. Die Antwort von Nils Glagau entspricht der seines Vaters: „Ich bin glücklich, wenn sie einen Weg finden, der ihnen Spaß macht. Falls einer davon Orthomol kreuzt, ja, dann werde ich mich vielleicht insgeheim doch freuen. Aber ich weiß auch: Ein Familienunternehmen ist  Fluch und Segen zugleich.“

Autor: Philipp Wente

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