• Petra Bäuerle

Die Sache mit dem Schnee.

Strategie. Er zaubert weiße Pisten und perfektioniert den Skizirkus. Wie Michael Manhart (links), Geschäftsführer und Miteigentümer der Skilifte in Lech am Arlberg, seine Region fit für die Zukunft hält.

Was wäre Lech am Arlberg ohne natürlichen Schnee? Diese Frage stellt sich Michael Manhart zwar schon ab und an. Doch sie beunruhigt ihn nicht wirklich. Der 74-jährige Chef der Skilifte, dessen bulliges Allradmonster als Kennung „SKI 1“ auf dem Nummernschild trägt, erzählt dann, wie er schon die Winterolympiade 1988 in Calgary mit dem selbst entwickelten Arlberg-Jet beschneit hat. „Wir haben heute die technischen Voraussetzungen, selbst ein so großes Gebiet wie Lech mit Schnee zu versorgen. Das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme. Aber es ist nicht die einzige.“

Der Diplom-Ingenieur mit dem Gespür für Schnee hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seiner Heimat Lech den Status als weltweite Top-Skiregion zu bewahren.

„Um die Attraktivität zu erhalten“, erzählt er, „müssen wir vor allem an drei Stellschrauben drehen. Es geht um Schneesicherheit, um das Schaffen einer perfekten Infrastruktur für Skifahrer bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Naturschutzes und darum, dass Lech exklusiv und damit für solvente Gäste interessant bleibt.“

Seit 1973 ist Michael Manhart für das Drehen an diesen Schrauben verantwortlich.

Der „Technische Rat“, so ein vom österreichischen Bundespräsidenten 1993 verliehener Titel, bezeichnet sich selbst als „Seilbahner“ mit Leib und Seele. Er ist Geschäftsführer der Skilifte Lech, der Rüfikopf-Seilbahn, der Bergbahn Lech- Oberlech, der Skilifte Schröcken Strolz GmbH sowie der Auenfeld-Jet Seilbahn. Und spürt als Mitinhaber aller Gesellschaften – „ich bin einer der größeren unter den Eignern“ – Erfolg oder Misserfolg seiner Entscheidungen direkt. „Ich habe immer darum gekämpft, durch Innovationen den Erfolg zu sichern, und das habe ich erreicht. Die letzten Jahrzehnte ging es immer nur aufwärts.“

Heute macht die ganze „Firma Lech“ mit rund 8500 Gästebetten pro Winter Umsätze zwischen 350 und 400 Millionen Euro. 3500 Arbeitsplätze hängen von der Skiregion ab. „Damit das funktioniert, musst du dir immer wieder etwas einfallen lassen.“

Genau das gelingt dem Tüftler Michael Manhart seit Jahren. „Wobei ich leider von meiner besten Erfindung gar nicht profitiert habe.“ Im Jahr 1972/73 hatte er eine Pistenfräse entwickelt, genauer eine „Nachlauffräse für Pistenmaschinen“, die Eisplatten zu Schnee pulverisierte. „Ich habe sogar meine Diplomarbeit darüber geschrieben und die Fräse als Patent angemeldet! Damals fehlte es mir nur an Geld, um sie selbst zu vermarkten. Später, als die Patente abgelaufen waren, produzierten andere die Fräse. Heute gehört sie zur Standardausrüstung bei der Pistenpflege.“ Andere Neuerungen bringen ihm mehr Ertrag, aber vor allem auch das Skigebiet Lech nach vorn. So geht die erste Sitzheizung für Seilbahnen weltweit auf die Initiative Manharts zurück. Außerdem ist er Miterfinder und Mitentwickler des ersten fernsteuerbaren Sprengstoffwerfers zur Auslösung von Lawinen, der sogenannten „Lawinen-Orgel“. „Ich habe eben schon als Kind gern geballert.“

Zu den Meilensteinen in der langen Liste seiner Entwicklungen zählt der Arlberg-Jet. Das Druckluft-Beschneiungsgerät ist mit zwei internationalen Patenten versehen und kam bei der Winterolympiade 1988 im kanadischen Calgary- Nakiska zum Einsatz. „In den USA war die Pistenbeschneiung damals schon weit verbreitet, in der Schweiz und Österreich wurde sie nur sporadisch eingesetzt. Mir war klar, dass darin die Zukunft unseres Skigebiets liegt.“ Michael Manhart gehört zwar nicht zu den Klima-Pessimisten, die ein Ende der weißen Winter befürchten. Doch er weiß, was auch natürliche Wetterschwankungen bedeuten können: „Ein Winter ohne Schnee und Lech ist platt!“

Durch die Beschneiung der Pisten wird Schneemangel ausgeglichen, die Saison zu Beginn im Dezember und zum Ende hin im April gesichert und außerdem natürlich auch die Qualität der Pisten verbessert.

Was die Skifahrer begeistert, ruft allerdings Naturschützer auf den Plan. „Beschneiung minimiert die Vegetation“, kritisiert zum Beispiel CIPRA (Commission Internationale pour la Protection des Alpes). Manhart, der keine Auseinandersetzung scheut, hat seine Gegner immer wieder nach Lech eingeladen, damit sie sich vom guten Zustand der Natur überzeugen können. Er besucht zahllose Kongresse und Veranstaltungen, ergreift immer wieder das Wort, diskutiert, erläutert.

Kritikern knallt er gern eine zentimeterdicke wissenschaftliche Studie hinsichtlich der Auswirkungen von Beschneiung und Massenskilauf auf die alpine Vegetation auf den Tisch. Professorin Ulrike Pröbstl vom Institut für ökologische Forschung in Etting-Polling wurde von den Skiliften Lech und dem Land Vorarlberg beauftragt. „Wir haben ganz bewusst keine einheimischen Experten zurate gezogen, um von vornherein den Verdacht einer Beeinflussung auszuschließen.“ Das pflanzensoziologische Gutachten, das von den Skiliften Lech angefordert werden kann, erläutert, dass Schäden von Flora und Fauna ausgeschlossen werden können, da sich keine Unterschiede zwischen beschneiten und unbeschneiten Flächen nachweisen ließen. Das Resümee der Wissenschaftler: „Auf den Zustand Ihrer Skipisten können Sie wirklich stolz sein.“

Bilder von blühenden Blumenwiesen dokumentieren das Wohlbefinden der Natur, Michael Manhart schwärmt von dem speziellen Saatgut, das die Bergwiesen im Sommer zum Paradies macht. Schließlich: „Die Skilifte Lech sind auch aktive Landwirte durch die Bewirtschaftung von rund 48 Hektar Eigenflächen und weiteren zusätzlich gepachteten Problemflächen.“

Richtig stolz ist der Seilbahner auf den „Schottenhof“, benannt nach den Schottischen Hochlandrindern, die auf dem mit 1760 Metern höchstgelegenen Landwirtschaftsbetrieb Vorarlbergs zu finden sind. Ihre Aufgabe: durch die Beweidung der Steilflächen diese vor Erosionen und Schneerutschen zu sichern und als Kulturflächen zu erhalten. Längst schon ist der Vorzeigebetrieb am Rand der Pisten im Winter zu einer Touristenattraktion geworden.

„Wir waren schon grün, als es noch keine Grünen gab“, und: „Nur mit der Natur ist nachhaltiger Gebirgstourismus möglich, wer gegen die Natur arbeitet, wird verlieren“, verkündet er selbstbewusst: „2009 wurde mein Einsatz für die Hochlagen-Renaturierung und zielgerichtetes Öko-Audit für Skigebiete

durch die Verleihung des ersten Preises ,pro Natura-pro Ski Awards09‘ anlässlich der Alpenkonferenz in Evian sogar prämiert.“

Manharts derzeitiges Projekt: die Automatisierung der Beschneiungsanlagen. „So können wir zukünftig sofort auf regional oder kurzfristig aufkommende Kälte reagieren und die Schneekanonen ferngesteuert per Funk in Betrieb nehmen.“ 431 Beschneiungsgeräte sprühen derzeit im Skigebiet Lech/Zürs die weißen Kristalle über die Pisten und können heute, so der Experte, schon rund 46 Prozent der Pisten versorgen.

Damit ist ein großer Teil von Lech schon schneesicher. Ab diesem Winter gilt die Region sogar als größtes zusammenhängendes Skigebiet Österreichs. Durch die Eröffnung der Flexenbahn 2016/17 mit  der neuen Verbindung zwischen Zürs und Stuben/Rauz erschließen sich 305 Kilometer Skiabfahrten. Dazu wartet der legendäre „Weiße Ring“ mit 22 Streckenkilometern – eine inspirierende Herausforderung für Wintersportler, die bei den Abfahrten 5500 Höhenmeter überwinden müssen. Zwei Drittel der Abfahrten – zusätzlich rund 200 Kilo- meter – sind Tiefschneeabfahrten, die Lech zu einem Paradies für Könner und Freerider werden lassen.

Manharts jüngster Coup war die Realisierung des Auenfeldjets im Jahr 2013. Über eine solche Bahn als Verbindung der Skigebiete Lech/Zürs und Warth/ Schröcken habe er lange nachgedacht – „tatsächlich kämpfte ich seit 1972 für diese Idee“. Da die acht Kilometer lange Straße von Lech nach Warth nur im Sommer befahrbar ist, waren die Gemeinden und ihre Skigebiete im Winter immer Welten voneinander entfernt. Heute sind es nur noch zehn Gondelmi- nuten.

Neben dem Erfindungsreichtum ist Hartnäckigkeit wohl die zweite heraus- ragende Eigenschaft des Unternehmers Manhart. Obwohl das Zwölf-Millionen-Euro-Projekt von den Seilbahnen Warth, Schröcken und Lech finanziert wurde, hatte sich die Planungsphase immer wieder verzögert. Landespolitiker wollten verhindern, dass anderen Regionen, zum Beispiel dem nahe gelegenen Bregenzer Wald, zu starke Konkurrenz erwächst. Andere befürchteten einen immensen Zuwachs des Straßenverkehrs.

Und nicht zuletzt gab es in Lech Vorbehalte gegenüber der „Bagage aus dem Lechtal“, wie Manhart es formuliert. „Jetzt sieht man, dass man die ‚Bagage‘ sehr wohl brauchen kann, denn schon nach einem Winter waren alle hellauf begeistert. Auch die Lecher Stammgäste, die sich über die Möglichkeit freuen, ins Frühjahr hinein auf den Nordhängen in Richtung Warth noch perfekte Schneebedingungen anzutreffen.“

Auch das befürchtete Verkehrschaos trat nicht ein. Unter anderem deshalb, weil die Region die Anzahl der Tagesgäste begrenzt hat. Diese Idee hatte ebenfalls Michael Manhart entwickelt, um die von der Landesregierung geforderte Verkehrsberuhigung zu schaffen. Die Beschränkung des Gästeeintritts in die Liftanlagen auf insgesamt 14000 pro Tag sorgte tatsächlich für Entspannung. Kritiker hatten die „Zählung“ für nicht realisierbar gehalten, doch Manhart demonstrierte der Landesregierung immer wieder die Zuverlässigkeit des Registrierungssystems an den Drehkreuzen der Lifte. Ist die Region voll, wird über Verkehrsfunk und auch Info-Tafeln an den Zufahrtsstraßen informiert, und bei Stopp des Verkaufs von Tageskarten werden die Ströme der Tagesgäste in andere Regionen geleitet. Die Feriengäste haben freie Fahrt auf den Pisten, Staus auf den Anfahrtsrouten und die Belastung der Umwelt durch schädliche Abgase werden vermindert.

Diese klare Entscheidung für den Gast, der sich die hohen Lecher Standards leisten kann und will, sei letztlich eine unternehmerische gewesen. „Denn diese Klientel wird der Region auch in Krisenzeiten die Treue halten. Ich möchte unser Skigebiet perfekt erhalten, allen Widerständen zum Trotz.“

Setzt er seine Ideen einmal nicht durch, ist dies für den 74-Jährigen nur An- sporn, weiterzumachen. Gerade ist er wieder mit einem Projekt „vorläufig gescheitert“. Ein Speichersee im Mohnenfluh-Gebiet mit 300000 Kubikmeter Wasser soll dafür sorgen, „dass wir energiesparend und in kürzester Zeit großflächig Schnee produzieren“. Noch fehlt es allerdings an der Finanzierung, da Gemeinde und Tourismusbetriebe nicht mitmachen wollen. Auch einige Grundbesitzer sträuben sich.

Die Bedeutung dieses Projekts, so Manhart, sei offenbar noch nicht ins Bewusstsein aller Beteiligter gedrungen. Schließlich gelten Lech auf 1450 Meter Höhe und das angesagte Oberlech (1660 m) als „Schneeloch“ des westlichen Arlbergs. „Für die zeitgemäße und zukunftssichere Bewirtschaftung eines Skigebiets wie Lech ist ein solcher See aber zwingend notwendig.“ Michael Manhart sieht ihn offenbar schon vor sich: „Ein funkelnder Smaragd in der Landschaft – eingepasst in die Natur, Segen für die Skipisten im Winter, Attraktion für die Gäste im Sommer.“ Und bisher ist ja schließlich auch (fast) alles, was der Seilbahner sich fest vorgestellt hat, auch irgendwann in die Realität umgesetzt worden.      ®

Autorin: Petra Bäuerle

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