• Alexander Hosch

Passion mal Bauchgefühl.

Design. Es begann wie auf einer Achterbahn. Als Oliver Holy Anfang des Jahrtausends Chef der Luxusmöbelfirma ClassiCon wurde, fiel die Wirtschaft gerade in den Keller. Doch Holy hat sich aus diesem Tief herausgearbeitet. Heute läuft das Geschäft mit den schönen Dingen, weil der Unternehmer sehr genau überlegt, welche Möbelklassiker er lizenziert – und wie er produziert.

Das Gewerbegebiet in München-Riem. Oliver S. Holy öffnet gut gelaunt die Autotür, nimmt im Sitzen den Rollstuhl vom Beifahrersitz, wuchtet ihn über sich nach draußen, klappt ihn aus, hievt sich hinein. „Ja, so was lernt man in 35 Jahren mit Handicap“, sagt er. Er hat vor dem Haupteingang des „Raumschiff ClassiCon“ geparkt. So hat die Stil- und Architekturzeitschrift „AD“ vor 15 Jahren das neue Firmengebäude bei München genannt, das aussieht, als hätte der japanische Stararchitekt Tadao Ando es mal schnell hier abgeworfen – viel Glas und seidiger Beton. Alles an dem Bau ist nachhaltig, elegant und barrierefrei.

Er rollt zum Eingang, über einen breiten Korridor in den Lift, im ersten Stock zuerst zu den Kollegen, dann in sein Büro mit der großen Glasfront, wo er den Schreibtisch an beiden Seiten umfahren kann. Hinter ihm hängt ein großformatiges Exponat des Fotografen Olaf Steinkühler – „Frau, Hanoi“. Überall liegen Bücher zu Kunst und Design. Ein Schöngeist. Vor dem Schreibtisch stehen zwei Chaos-Sessel von Konstantin Grcic. Für Gäste. 

Holy blickt nachdenklich. Eine Motorsäge ist zu hören. „Draußen müssen leider die Bäume gefällt werden, der Borkenkäfer.“ Er bangt um seine Komfortzone, den Blick vom Schreibtisch mit der tollen Aussicht ins Grüne. „Ich muss genau überlegen, was wir da machen.“ Denn die großen Lärchen waren auch ein guter Schallschutz zur Straße.

Der Unternehmer ist naturverbunden, seit er als Bub zu Hause in Metzingen durch die Felder streifte und Ringelnattern und Käfer in der Hand hielt. Natur und Klimaaspekte haben auch das Gebäude beeinflusst, das eine grüne Dachterrasse mit Alpenblick hat. Aber die Bäume müssen jetzt eben weg. „Es ist, wie es ist.“ Diesen Satz wird er in den nächsten Stunden öfter sagen.

Der junge Mann lehnt den Rücken gegen das Sideboard. Hier kümmert er sich also den ganzen Tag um Märkte und Zahlen? Holy, einziger Gesellschafter von ClassiCon, lacht ein Lachen, das da heißt: Aber ganz gewiss nicht. „Hier kümmere ich mich um neue Ideen. Um das, was mir gefällt, was ich als Nächstes machen will.“ Das war nicht immer so. „Probleme habe ich in den letzten 17 Jahren genug kennengelernt.“

Oliver Holy stammt aus einer Modedynastie. Er ist seit 2001 CEO und Allein-Inhaber von ClassiCon. Zwei Jahre zuvor hatte ihn der Vater aus Florida angerufen: „Oliver, setz dich ins Flugzeug, wir haben was zu entscheiden.“ Der Sohn, damals Jura-Student in der Endphase, war zuerst beunruhigt. Aber das war unnötig. Jochen Holy, der einst mit Bruder Uwe des Großvaters Modefirma Hugo Boss internationalisierte, hatte eine Idee für den Sprössling, der seine Augen und Hände schon immer lieber über schöne Oberflächen streichen ließ als über Zahlen oder Bankbilanzen.

„Es fing schon in meiner Kindheit an“, sagt Oliver Holy. „Wir wuchsen mit Kunst und Architektur auf. Und als Rollstuhlfahrer habe ich in meinem Zimmer die ganze Zeit Lösungen entworfen, die mir das Leben erleichtern könnten – Dinge zum Drehen, Klappen, Falten.“ Oliver Holy ist seit einem Skiunfall im Alter von acht Jahren gelähmt. Die Berge und den Skisport liebt er trotzdem.

In diesem Jahr 1999 waren von der exklusiven Münchner Möbelfirma ClassiCon eben 49 Prozent zu kaufen, mit der Option auf den Rest. Von Anfang an machte der Vater ihm klar, dass er sich wie alle in der Familie beweisen müsse – sonst sei das Thema schnell durch. Der damals 25-Jährige brauchte „nur den Bruchteil einer Sekunde“, um sich dafür zu entscheiden.

ClassiCon war 1990 vom ehemaligen Mitgeschäftsführer der Vereinigten Werkstätten, Stephan Fischer von Poturzyn, gegründet worden. Er hatte einige alte Lizenzen erworben – einen Kleiderständer von Otto Blümel, Lampen und Möbeltypen von Eckart Muthesius und Eileen Gray – und vor allem Letztere populär gemacht. Das „Classic“ stand und steht für moderne Klassiker, das „Con“ für contemporary, zeitgenössisches Design.

Oliver Holy durchläuft zunächst zwei Jahre lang alle Abteilungen – Buchhaltung, Entwicklung, Einkauf, Vertrieb, Marketing. Und das Lager. Vieles beginnt eben im Lager. „Ein Lager weiß alles, hier erfährst du immer zuerst, wie es einer Company wirklich geht, wer mit wem gut oder gar nicht kann oder was es für Beschwerden gibt. Heute noch parke ich jeden Tag hinter dem Haus, gehe dann meist als Erstes ins Lager und rede mit den Jungs.“

Zwei weitere Jahre ist Holy Mitgeschäftsführer. Dann scheidet Fischer von Poturzyn aus.

Rückblickend ist es kein guter Moment, um Unternehmer zu werden. Den ersten Schock versetzt Nine Eleven, kurz nachdem Oliver Holy bei ClassiCon alleiniger Chef geworden war. „Die Welt brach zusammen – und wir machten ein Umsatzminus von mehr als 30 Prozent gleich in meinem ersten Jahr. Wir saßen nun teilweise bis 4 Uhr früh hier und arbeiteten. Es dauerte drei, vier Jahre, bis wir uns davon erholten.“ Unter anderem reduzierte er radikal das Sortiment an Lampen, weil der Aufwand für Ersatzteile und Reparaturen zu hoch war.

Fünf Jahre später folgt der zweite Rückschlag. Holy war auf der Suche nach marktfrischen Klassikerlizenzen auf den amerikanischen Designer Norman Cherner gestoßen, dessen Entwürfe außerhalb der USA nicht mehr zu haben waren. Er entschloss sich zur Produktion des puristischen hölzernen Sidechair mit den femininen Formen, den er vor Jahren zum ersten Mal in der Wohnung seiner Mutter gesehen hatte. Innerhalb eines Jahres schnellten die Verkäufe dieses Sitzmöbels aus den Fifties gleich auf 18 Prozent des Gesamtumsatzes. Der erste selbst initiierte Erfolgsstreich!

„Doch was passierte dann? Die Cherner-Erben schrieben mir einen Brief voll Lob und Dank, aber gleichzeitig teilten sie mir ohne Umschweife mit, dass sie die Produktion ab sofort selbst übernehmen. Sehr amerikanisch.“ Es war das Jahr 2008, pünktlich zur Lehman-Pleite. Wieder rutschte der Umsatz weg.

Den dritten Reinfall brachten nach drei Jahren erfolgreicher Vermarktung dann im Jahr 2011 Entwürfe des Brasilianers Sergio Rodrigues. Auch da hielt sich die Lizenzgeberin nicht an die Vereinbarungen, fasst Holy kurz zusammen. „Man steht beim klassischen Lizenzgeschäft, das den Gebern immerhin zehn bis 15 Prozent einbringt, immer wieder vor Rätseln“, wird er später kopfschüttelnd in einem anderen Zusammenhang erzählen.

Heute spricht Oliver Holy souverän über Anfängerpech und eigene taktische Fehler der Vergangenheit. Doch diese Herausforderungen haben offenbar sein Gespür geschärft und die kleine Firma zusammengeschweißt. Mit dem Chef sind sie ja nur 14 Leute. Holy baut heute immer noch auf sein Bauchgefühl und auf hundertprozentiges Vertrauen zu den oft langjährigen Mitarbeitern. Er achtet auf schnelle Lieferfähigkeit und lässt nur in kleinen, hochspezialisierten Manufakturen fertigen, meist aus der Umgebung. „Made in China kommt wegen der Arbeitsbedingungen nicht infrage. Unsere Kunden wollen das auch nicht. Wir beziehen die Stahlbleche vom Tegernsee, vergeben Schreinerarbeiten nach Glonn. Untergestelle kommen aus Fischbachau, und die Glassockel der Beistelltischserie Bell lassen wir in der Glashütte des Freiherrn von Poschinger im Bayerischen Wald fertigen. Das ist eine der ältesten deutschen Firmen – gleich nach Weihenstephan, der Post und den ersten Brauereien gegründet.“

Nur die Chromgestelle werden in Italien produziert – allerdings sei der Chef der Firma ein Schwabe, wirft Holy verschmitzt ein, „der liefert garantiert pünktlich“. Zuverlässigkeit und Bodenständigkeit sind Merkmale, die er für unabdingbar hält, dazu Nachhaltigkeit. „Ich arbeite mit Leuten, bei denen im Prinzip auch ein Handschlag für eine Abmachung reichen würde.“

Woher er das hat? Holy überlegt kurz. „Sicher zum Teil von meinem Vater. Wir sind alle extrem eng in der Familie, es ging stets um echte Werte.“

Dann fällt ihm noch ein anderes Vorbild ein: Ciro Paone, der Gründer der Nobelschneiderei Kiton. „Mein Vater hat mich früher auf Modemessen bei ihm vorgestellt und gesagt: ,Der zeigt dir alles!‘ Paone saß den ganzen Tag da und schaute Stoffe an. Er hatte immer seinen Parmaschinken und den eigenen Parmesan dabei. Bei ihm habe ich gelernt, woran ein gutes Sakko zu erkennen ist, wie ein Ärmel eingepasst wird, wo was vernäht werden muss und was Rosshaar bewirkt. Das hat mit Möbeln alles nichts zu tun. Aber diese Leidenschaft, die Paone für das kleinste Detail hatte, faszinierte mich. Wow. Großartig, ganz toll. Und mir gefiel, dass Kiton keine Riesenfirma war.“

Heute ist Holy 43 Jahre alt, und während die Prinzipien gleich bleiben, wird die Umsetzung immer feiner, immer effizienter. „Ich liebe das solide, nachhaltige deutsche Wachstum – auch wenn es nicht so rasend geht.“ Dabei hat sich sein Umsatz in den letzten fünf Jahren von fünf auf neun Millionen Euro fast verdoppelt. Dass die Firma mittlerweile stabil wächst, hat zum einen mit einer resoluten Auswahl junger Designer und neuer Produkte zu tun – dazu später. Und es liegt zweitens an der kerngesunden Basis, durch die Möbel-Reeditionen der irischstämmigen Designerin Eileen Gray (1880–1976), die Holy lieber „lizenzierte Originale“ nennt.

Während lebende Designer vom Verkaufspreis Anteile im einstelligen Bereich bekommen, sind Lizenzen für Namen, die moderne Klassikermöbel entworfen haben, laut Holy teurer. Sie kosten zehn bis 15 Prozent – der Preis für Anwälte und langjährige Bürokratie.

Im Prinzip ist der Markt für die Lizenzen der berühmtesten Designer des 20. Jahrhunderts geordnet und friedlich: Die Rechte für Le Corbusier und Charlotte Perriand liegen bei Cassina. Die Entwürfe von Jean Prouvé oder Verner Panton darf Vitra vermarkten. Und die Lizenz für das Reservoir des Ehepaares Ray und Charles Eames ist zwischen Vitra in Europa und Knoll International in den USA aufgeteilt. Dazu gibt es einzelne geografische Rechte.

Bei anderen Designern sind die diversen historischen Entwürfe auf viele Hersteller verteilt. Trotzdem sucht Holy immer gern nach vergessenen Helden oder frei werdenden Lizenzen. Es gilt dabei eben, etwas zu finden, das zu einem passt.

Das mit ClassiCon und Eileen Gray passt schon lange. Ein Viertel der 80 verschiedenen ClassiCon-Möbel stammen von ihr. Früher lag deren Umsatzanteil zwischen 80 und 90 Prozent. Und auch heute tragen Grays Design-Ikonen, wie der Stuhl Roquebrune, die Anrichte Rivoli und der Adjustable Table aus Chrom und Glas – alle zwischen 1925 und 1928 für ihr eigenes Ferienhaus an der Côte d’Azur entworfen –, noch kontinuierliche 30 bis 35 Prozent bei.

Letzterer ist das berühmteste Gray-Möbel – und seit Langem der Bestseller von ClassiCon. Zwischen 5000 und 12000 Exemplare werden davon abgesetzt – jährlich.

Der Ursprung dieses erfolgreichen Tandems ClassiCon plus Eileen Gray liegt in einer Kooperation, die die damals völlig vergessene Perfektionistin Eileen Gray 1973 selbst noch – als 93-Jährige – mit dem Briten Zeev Aram geschlossen hatte. Sie übertrug ihm die Weltrechte an ihren Entwürfen. Aram produziert aber nicht selbst, sondern veräußert und vergibt die Fertigungserlaubnis.

Heute schmücken Gray-Klassiker die Sammlungen von MoMA, V&A und anderen Museen der Welt. „Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte, die mir Aram erzählt hat“, sagt Oliver Holy, der seinen wichtigsten Lizenzgeber oft und gern in London zum Essen trifft – selbst wenn nichts Geschäftliches ansteht. „Aram hatte damals einen Prototyp des Bibendum-Sessels fertigen lassen, dessen Details sie zusammen festlegen wollten. Die Über-90-Jährige kam zur Abnahme und zum Besprechen, setzte sich, drehte sich und sagte, obwohl sie kaum noch richtig sehen konnte: ,Oh, auf dieser Seite muss er um einen Zentimeter verändert werden. Und vielleicht einen halben Zentimeter in der Höhe. Dann ist es gemütlicher und besser.‘ Wie gesagt, Eileen Gray war extrem genau, sie hatte ein Millimetergefühl.“ Natürlich tat Aram, wie ihm geheißen.

Wenn Holy ein neues altes Möbel von Eileen Gray in die Kollektion nehmen möchte oder auch nur neue Stoffe (wie 2016 den blauen Bibendum-Samt) oder Farben (das mattschwarze Gestell des Adjustable Table, 2015) ausprobieren will, trifft er sich seinerseits mit Aram. Der Brite prüft dann alles auf Herz und Nieren, entscheidet manches allein, aber immer nach Maßstäben des Handwerks und der Qualität. „Darum werden wir uns auch immer einig. Aram liebt es, dass wir nie billig produzieren würden.“

Auch Sohn und Tochter, bald die Nachfolger von Zeev Aram, kennt er zum Glück seit Jahren. „Leute, die lange zusammenarbeiten, werden irgendwann zu Freunden – weil sie eine große Leidenschaft teilen.“ Und so bleibt es zwischen Holy und Aram bei einem Geben und Nehmen: „Mit der Idee für neue handgeknüpfte Teppiche kam Aram 2007 zu uns. Ob wir die nicht machen wollten? Mit dem schwarzen Adjustable Table, den ich 2014 in der Retrospektive im Centre Pompidou auf einem Buchcover entdeckte, kam dagegen ich zu ihm.“

So ist ClassiCon mehr oder weniger eins mit Eileen Gray geworden. Obwohl es noch andere Lizenznehmer gibt, wie die Firma Ecart. Die baut den feinen Transat-Sessel und besitzt die Rechte für andere Teppiche. Holy würde sie gern haben, aber nicht um jeden Preis.

Neulich waren die ClassiCons zum Betriebsausflug mit der ganzen Firma in Eileen Grays ab 1926 entstandenem Haus E.1027 in Südfrankreich – weil viele ihrer ClassiCon-Möbel speziell dafür entstanden sind. „Jeder bei uns soll wissen, wer Eileen Gray war.“ Auch, weil es unter Umständen Möbel gibt, „an denen wir am Ende keinen Cent verdienen. Aber sie gehören eben auch zu Eileen Gray und damit zu unserer Verantwortung.“

Konkret ist eine Coiffeuse geplant. Es soll ein Ausflug ins Artdéco werden, Gray hat das gute Stück vor ihrer puren Phase entworfen. Viel Geld, Zeit und Gedanken wird die Entwicklung wohl noch kosten.

Zunächst einmal, kündigt Holy an, entstehe ein Prototyp. Und dann werde es viele Treffen mit Aram geben. Dabei wird es um Passion und Maßarbeit gehen. Um die besten Zulieferer. Um Stahlblech vom Spengler am Tegernsee, um Leder aus dem Allgäu. Nur das Chrom wird weiter aus Italien kommen – wenn auch zu „schwäbischen Bedingungen“. So entsteht die sublime Eleganz der Eileen Gray aus süddeutscher Nachhaltigkeit. Bestseller sind neben dem Adjustable Table die auf einer Leuchtstoffröhre basierende Stehleuchte Tube Light und der hochpreisige Sessel Bibendum, der zwischen 3500 und 7000 Euro kostet und kräftig zu den guten Zahlen der letzten Jahre beigetragen hat.

Bevor er auf die zeitgenössische Palette kommt, muss Oliver Holy noch über sein teuerstes Gray-Möbel reden: den Brick Screen, Stückpreis 46 000 Euro. Von diesem Lack-Ziegel-Paravent hat ihm sein Vorgänger einst schwerst abgeraten – zu aufwendig, zu teuer, da könne er ja zwei Plagiateure aufkaufen. Holy hat es jetzt trotzdem gewagt. Obwohl er nicht viel von Kleineditionen hält, wurde auf 75 Stück limitiert, Zeev Aram wollte es so. Seit 2013 wurden mehr als 20 Exemplare geordert und gefertigt. Auch dieser Paravent, der als 1922er-Original zuletzt im April für 1,4 Millionen Pfund bei Phillips London versteigert wurde, ist also ein Erfolg.

Inzwischen ist Holy auf das zeitgenössische Segment aber längst genauso stolz wie auf die Tradition mit Eileen Gray: Es beinhaltet die intensive Arbeit mit lebenden Stardesignern wie Konstantin Grcic, der seit 25 Jahren spröde Charaktere wie die Tischchen Diana A bis F oder den Schreibtisch Orcus samt Geheimfach beiträgt. Und die Entdeckung von jungen Talenten wie Barber Osgerby aus London oder die Chinesen Neri & Hu.

Auch diesem Geschäftsbereich hat Holy mittlerweile seinen Stempel aufgedrückt. Noch in den ersten Holy-Jahren schien Eileen Gray immer wie ein Schatten- Kreativdirektor hinter jeder neuen Kollektion zu stehen. Wenn etwa Grcic wieder so ein flexibles, kipp-, dreh- oder schwenkbares Möbel für eine ruhelose und mobile Generation, die aus dem Koffer lebt, einfügte, dachten viele sofort an die genial leichten und praktischen, modernen „Campingmöbel“, die Gray oft für den Eigengebrauch entworfen hatte.

Seit Kurzem sind bei ClassiCon die neuen Handschriften aber nicht mehr nur minimalistisch, sondern durchaus glamourös und raumgreifend. Kupfer- und Messingbänder, Mehrfarbigkeit und mundgeblasenes Glas gelten nun als Erkennungszeichen. Sebastian Herkners attraktive Serien mit opulenten, üppigen kleinen Tischen und Leuchten sind ein gutes Beispiel, der bunt-verspielte Beisteller Pli der französischen Künstlerin Victoria Wilmotte sowieso.

Begonnen hat dies möglicherweise 2011 mit dem Munich Armchair, den die Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton anfragten, damals nur für die Ausstattung des Museums Brandhorst. Doch Holy wollte die Entwürfe der Berliner gleich in Serie – auch sie tragen viel zum neuen Umsatzplus bei. „Wir haben inzwischen ein enormes, fast erschreckendes Wachstum.“

Wie bitte? Muss ein Wirtschaftsunternehmen nicht grundsätzlich immer weiter expandieren wollen?

Holy bekennt sich gern zu Qualität und gesundem, solidem deutschen Wachstum – „auch weil es eine Belohnung für die Mitarbeiter ist und weil ich damit zum Beispiel das gefährdete Handwerk in der Poschinger-Glashütte mit mehr Aufträgen wieder ankurbeln kann“.

Aber gemach. „Wir werden vermutlich nie so groß sein wie Cassina oder Vitra und Sofasysteme oder Büro-Umgebungen bauen. Stattdessen sehen wir uns als Nischenanbieter in der Luxusecke, als Spezialist für Beistelltische, für Garderoben, für Daybeds.“ Stimmt, der vernickelte Garderobenständer Nymphenburg von Otto Blümel aus dem Jahr 1908, eine der ältesten Lizenzen, bekam 2007 Gesellschaft von Barber Osgerbys filigranem Saturn-Kleiderständer aus Buche oder Nussbaum. Und Grcics solides nagelneues Daybed Ulisse ist nicht nur ein Zeugnis seines neuen Stils, sondern auch ein zeitgemäßes Pendant zum berühmten Opus von Eileen Gray.

Holys Begeisterung hat Rückhalt in einer Familie, die stets mit schönen Dingen zu tun hatte. Heute führen Bruder und ein Cousin eine Firmengruppe um Windsor und Strellson. ClassiCon gehört Oliver Holy allein, „und da bin ich gottfroh“, sagt der Herzensschwabe.

Durch das zuletzt starke Wachstum ergab sich nun die Notwendigkeit, zur Entlastung am ersten Juli seinen Vertriebsleiter Michael Groth als zweiten Geschäftsführer zu berufen. „Wir harmonieren seit fünf Jahren glänzend, er arbeitet sehr strukturiert und ist weniger chaotisch als ich. Ich bleibe der ,Außenminister‘ meiner Firma, aber ich brauche so einen Sparringspartner, der immer für die Händler da ist.“

Jetzt muss Oliver Holy aber weiter zu einem Termin nach Zürich. Weil er gleich darauf eine andere Verabredung in der Schweiz hat, überlegt er, ob er nicht zwei Tage im Engadin verbringen soll. Im Sommer war er ewig nicht mehr da, immer nur bei Schnee. Es wäre eine schöne Abwechslung.

Dort würde der Möbelfabrikant Oliver Holy dann mit Blick in seine geliebte Natur gleich weiter träumen, von Designprodukten und von künftigen Programmen, für die er jetzt wieder mehr Zeit haben wird. Korkmöbel, vielleicht ein Bambus-Entwurf, der das 80er-Jahre-Revival auffängt. Das rät ihm sein Bauchgefühl. Oder eine stylishe Zimmer- Bar im Charakter von heute. Die gleichzeitig an die Bars der Fifties, an Sinatra und das Rat Pack erinnert – „das ist so elegant“. Er denkt auch allen Ernstes an einen schweren Clubsessel. An eine Recycling-Design-Einheit, die aus Lederresten atemberaubende und überraschende neue Produkte zaubert. Und, und, und. ®

Autor: Alexander Hosch

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