• Petra Maier

Grün ist die Hoffnung.

Innovation. Weil Algen so gut wie von selbst und ohne Beeinträchtigung durch den Klimawandel gedeihen, gelten sie schon lange als Hoffnungsträger. Sie sollen als Biomasse den Energie- und als Nahrungsmittel den realen Hunger einer wachsenden Weltbevölkerung stillen. Drei findige Österreicherinnen löschen damit zunächst den Durst.

Es zischt sanft, dann breitet sich ein Hauch Limonenduft aus. Helga ist dunkelgrün und schmeckt – irgendwie überraschend. „Jeder hat gesagt, das funktioniert nicht, ein grünes Getränk kauft keiner“, sagt Renate Steger und lacht. Doch mittlerweile hat die Algenlimonade Helga – „das ist abgeleitet vom Begriff healthy algae, gesunde Alge“ – eine echte kleine Fangemeinde.

Low Carb, vegan und mit Rübenzucker gesüßt, ist die Neuentwicklung auf Basis der Chlorella-Alge tatsächlich eine echte Vitaminbombe. Und was vor zwei Jahren als Innovation dreier Österreicherinnen begann, rückt nun in den Mittelpunkt eines echten Trendthemas. Limonaden für ernährungsbewusste Kunden sind in. Coca-Cola überschwemmt den Markt deshalb derzeit mit der Stevia-gesüßten „GreenCola“. Und der österreichische Hersteller Rauch lancierte vor Kurzem ein Getränk auf Basis von Gurken mit Spirulina-Algen. „Als wir vor einem Jahr einen Abfüller suchten, hieß es in der Industrie noch, Algen mag doch keiner. Jetzt hängen überall große Plakate von Rauch. Das ist schon gut für uns“, meint Steger.

Aber es ist natürlich auch eine Gefahr. „Wir müssen nun noch schneller voran, damit ganz klar wird, wer das Original ist – und wer die Kopie. Wir wollen die Marktführerschaft und müssen jetzt international wachsen.“ Helga soll schließlich das Oberhaupt einer ganzen Familie von Algenprodukten werden. Der Wegbereiter, um den Menschen nahezubringen, welche interessanten Möglichkeiten die Alge bietet. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen scheinbar übermächtige Gegner.

Bevor Renate Steger Mitgründerin des Helga-Start-ups wurde, hatte sie als Projektentwicklerin im Bereich Erneuerbare Energien gearbeitet. Und dort die Biochemikerin Anneliese Niederl-Schmidinger kennengelernt, die daran forschte, wie Algen als Biomasse fossile Brennstoffe ersetzen könnten.

„Um aus Algen einen Treibstoff zu entwickeln, sind die Triglyceride entscheidend, das sind die Fettstoffe, die sich zu Diesel weiterverarbeiten lassen“, erklärt die Expertin. Beim Prozess der Abspaltung bleiben wichtige und nahrhafte Inhaltsstoffe übrig. Nur ein kleiner Teil davon geht allerdings bislang in die Pharma- und Lebensmittelindustrie als Gelier- und Verdickungsmittel. „Ich dachte mir: Bis eine wirtschaftliche Methode für den vollständigen Ersatz von erdölbasiertem Kraftstoff gefunden wird, kann es noch Jahrzehnte dauern. Warum sollte ich nicht zunächst aus Algen einen Treibstoff für die Menschen machen?“

Weltweit existiert eine riesige Vielfalt an Algenarten, die sich in Größe, Farbe und Form unterscheiden. Gut erforscht ist zum Beispiel die Mikroalge Chlorella vulgaris. Sie gilt als Superfood, weil sie hochwertiges Eiweiß, Vitamine, Mineralien, Omega-3-Fettsäuren liefert und den höchsten Chlorophyllgehalt aller Lebensmittel hat. Algen wirken zudem entgiftend und sind eine der wenigen kohlehydratarmen Alternativen zu tierischem Eiweiß.

Daraus lässt sich doch bestimmt etwas entwickeln. „Wir haben zunächst einmal sondiert, welche Algenprodukte es schon auf dem Markt gibt“, erzählt Renate Steger: „Das waren vor allem Pulver und Tabletten, also Medizin, total unsexy.“ Ihre langjährige Freundin Ute Petritsch hat dann vor zwei Jahren die zündende Idee: „Warum entwickeln wir nicht ein Getränk auf Basis der Chlorella-Alge? Erfrischungsgetränke sind auch viel leichter zu vertreiben als Tabletten oder ein Müsliriegel.“

„Es hat uns schon gewundert, dass noch keiner vorher auf diese Idee gekommen ist. Ungefähr ein Jahr lang haben wir dann an dem Rezept gearbeitet und wirklich alles ausprobiert“, erzählt Steger weiter. Von Anfang an war klar, es sollte ein Getränk mit wenig Zucker, also Low Carb, werden und es sollte grün schmecken. Wie aber schmeckt grün? Nach Kräutern? Nach Gemüse? Neutral oder fruchtig? „Auf keinen Fall nach Meer. Denn Chlorella ist ja eine Süßwasseralge.“

Im nächsten Schritt geht es nun darum, einen zuverlässigen Lieferanten zu finden. „Die Algenszene ist klein, da kennt eigentlich jeder jeden. Wer 1a-Qualität

möchte, kommt an Algen aus Klötze nicht vorbei.“ Dort, in Sachsen-Anhalt, betreibt der Biologe Jörg Ullmann seit 15 Jahren eine Algenfarm. Die Mikroalgen wachsen in einem 500 Kilometer langen Glasröhrensystem. Sie werden so optimal mit Sonnenlicht versorgt und es kann nicht zu Verunreinigungen von außen kommen. „Das ist wichtig, denn Algen haben ja die positive Eigenschaft, Schwermetalle zu binden“, erklärt Niederl-Schmidinger: „Das soll aber erst nach dem Verzehr geschehen.“

Würden Algen, wie in Asien üblich, in offenen Teichanlagen gezüchtet, könne es durchaus passieren, dass sie schon während der Anzucht belastet seien. „Jörg war einer der Ersten, den wir in unser Vorhaben einweihten. Anneliese und er arbeiteten eng zusammen, um die geeignete Variante der Alge zu finden, die als reines Lebensmittel für die Limo geeignet ist.“

Das Ergebnis ist ein erfrischendes Getränk, allergenfrei, nur 30 Kilokalorien pro Flasche, vegan und voller Vitamine. Im Abgang schmeckt es ein bisschen wie frisches Heu.

Als die drei ihre Idee von der Küche auf die Straße bringen wollen, ergeben sich zwei Probleme. Wie lässt sich der Vertrieb vorfinanzieren? Und wer füllt in größeren Mengen ab? „Oft lautete die Antwort auf unsere Anfragen: Algen? So etwas kommt bei mir nicht in die Anlage.“ Ein kleinerer Anbieter wagte es und hat seitdem viel zu tun. 400 000 Flaschen wurden im zweiten Halbjahr 2015 abgefüllt. „In diesem Jahr sollen es noch einmal 300 000 Flaschen sein. Bald stoßen wir bei ihm an die Kapazitätsgrenze.“

Das Kapital für den Vertrieb wird über Crowdinvesting akquiriert. Ab 100 Euro konnten sich Interessierte an Helga beteiligen. Das unkonventionelle Konzept sieht vor, dass die Zinsen in Höhe von 4,5 Prozent in den ersten beiden Jahren gestundet werden. Sollte Helga im dritten Jahr – das wäre 2017 – Geld verdienen, werden Zinsen gezahlt. 2025, so der Plan, sollen die Kapitalgeber ihr Geld zurückbekommen – und dazu ihren Anteil der Wertsteigerung im Unternehmen. „Aktuell wird Helga von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft auf 1,5 Millionen Euro taxiert. In neun Jahren wird unsere Firma dann neu bewertet.“

Innerhalb von nur drei Monaten kommen so 152 000 Euro zusammen. „Uns waren viele kleine Investoren lieber als ein großer, denn sie stehen hinter dem Produkt, machen die Marke bekannt, erzählen ihren Freunden, der Familie davon“, erklärt Steger. Manchmal geben diese auch Tipps, schicken Ideen und liefern Kontakte zu möglichen Kunden. Auf der internationalen Ernährungsmesse Anuga im Herbst 2015 gelingt dann so etwas wie der Durchbruch. Helga wird mit dem Innovationspreis 2015 ausgezeichnet. „Nach der Messe gab es viele Anfragen. Eine kam sogar aus Israel. Der Interessent wollte wissen, ob Helga koscher sei – ist sie natürlich. Wir suchen nun kleine, aber sehr engagierte Partner in verschiedenen Ländern. Leute, die unser Produkt verstehen.“

In Schweden ist das ein Paar, das schon länger vier bis fünf außergewöhnliche Getränke vertreibt. Mit Helga, die zufällig im Schwedischen „die Glückliche, die Gesunde“ heißt, runden die beiden ihr kleines, aber feines Getränke-Portfolio ab. Die Idee: Ein möglichst exklusiver Vertrieb soll Helga zunächst interessant machen. Später, so die Hoffnung, würden dann größere Abnehmer nachziehen.

Aktuell verhandelt Steger sogar mit einem russischen Importeur, der Helga nach Moskau entführen will. „Ein paar Mal in Folge wurden von derselben Adresse Muster angefordert. Es war ein russischer Zwischenhändler. Er hatte den dortigen Markt getestet und anscheinend für lukrativ befunden.“

In Deutschland und Österreich sind die Unternehmerinnen schon diesen Schritt weiter. Dort bestehen schon Vereinbarungen mit Spar und Galeria Kaufhof. „Besonders spannend sind dabei immer die Preisverhandlungen. Die Märkte zielen immer auf möglichst niedrige Preise und möglichst hohe Absatzzahlen ab. Wir aber möchten in das hochpreisige Segment. Da lassen wir uns nicht drücken“, erklärt Steger. Spar verkauft 250 Milliliter in Österreich für 2,89 Euro, bei Galeria Kaufhof in Deutschland kostet die Flasche 3,17 Euro. „Helga ist so besonders, da ist ein hoher Preis vertretbar. Unsere Kunden erhalten neben einem Getränkt, das den Durst löscht, ja auch Vitamin B12 und die Entgiftungswirkung der Alge. Das ist wertvoll. Aber natürlich haben wir uns auch an der Konkurrenz und deren Preismodellen orientiert.“

Es ist ein interessantes unternehmerisches Experiment. Gelingt es, Helga mithilfe von Facebook und Instagram zu einer Kultmarke à la Bionade zu machen? Schaffen die Gründerinnen den Sprung auf die nächste Absatzstufe? Oder wird die Idee der Algenlimonade irgendwann ganz einfach von kapitalstärkeren Konkurrenten zu Geld gemacht.

„Deshalb müssen wir ja Gas geben. Rund ein Drittel der bisher produzierten Helga-Limonaden haben wir verschenkt, auf Street-Food-Märkten, an Blogger, in Szenegastro-Läden.“ Das funktioniert nur, weil die Firma sehr schlank aufgestellt ist. „Ich lebe gerade nur von Luft, Liebe und Helga“, erklärt Steger. Erst seit Kurzem gibt es eine Teilzeitkraft im Büro in Wien. Ansonsten erledigen die drei Gründerinnen noch alles selbst. „Wir geben das Limo-Rezept natürlich nicht heraus, weil es sich nicht schützen lässt.“ Die Gefahr, dass ein Wettbewerber die Limo analysiert und ein ähnliches Produkt dann Herta nennt, sei einfach sehr hoch. „Jeder hat ja gesehen, wie sich der Markt für Energiedrinks entwickelt hat.“

Die Unternehmerinnen sind überzeugt, dass nun alles davon abhängt, möglichst schnell neue Produkte an den Markt zu bringen, um so eine angedachte Dachmarke „Helga“ zu etablieren. Schließlich sehen sie ihre Kompetenz vor allem in der Produktentwicklung rund um das Thema Alge – nachhaltig, gesund, funktional und ästhetisch.

Zwischen den Tagen, an denen Helga hergestellt wird, arbeitet Anneliese Niederl-Schmidinger deshalb fieberhaft an neuen Rezepturen. Ute Petritsch designt schon die Verpackung und Renate Steger bereitet den Markteintritt vor. Im Herbst soll das neue Produkt vorgestellt werden. „Nein“, wehrt Steger hartnäckig ab: „Ich sage wirklich nicht, was es ist.“ Nur die Farbe scheint wohl klar. Grün wird es sein. Grün – wie die Hoffnung.  ®

Autorin: Petra Bernadett Maier

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