• Dr. Günter Kast

Platzhirsch im Tal der Goldschläger.

024 Noris 20160209 L4Q9173Handwerk. Im 20. Jahrhundert machten 120 Goldschlägereien die fränkische Kleinstadt Schwabach zum internationalen Zentrum der Blattgoldverarbeitung. Heute gibt es dort nur noch vier Betriebe. Die Firma Noris der Familie Haferung hat diese Konsolidierung nicht nur überstanden. Das Unternehmen ist mittlerweile Europas größter Hersteller.

Armin Haferung bittet in das „Herz“ seines Unternehmens: Das große Zimmer ist vollgepackt mit Schränken und Maschinen, an der Wand stehen mehrere Tresore, in denen edles Metall gelagert wird. An der Frontseite sind Schmelzöfen, in der Mitte des Raumes Walzmaschinen. Hier werde Gold geschlagen, erklärt Haferung. Er greift zu einem Gefäß, in dem sich erbsengroße, rund fünf Gramm schwere Goldkörner befinden. „Dieses Granulat ist unser Rohstoff. Am Ende werden wir aus einem einzigen Korn 1,6 Quadratmeter Blattgold produziert haben.“

Das Werk der Noris Blattgold, die Haferung in vierter Generation zusammen mit seinem Vater Alfred führt, liegt einige Kilometer außerhalb der fränkischen Kleinstadt Schwabach am Waldrand in einem Talkessel mit Sandböden. Die sorgen dafür, dass die Luftfeuchtigkeit im Jahresverlauf nur geringfügig schwankt. „Die 60 bis 70 Prozent, die wir hier auch in einem schwülen Sommer haben, sind perfekt. Wäre sie höher, würde das Edelmetall zusammenkleben und Flecken bekommen.“

Aufgrund seines besonderen Klimas ist Schwabach schon seit dem 16. Jahrhundert die deutsche Hauptstadt des Goldschlagens. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es mehr als 100 Betriebe. Heute sind es noch vier. „Die Automatisierung des Produktionsprozesses führte in den 1980er-Jahren zu einer massiven Konzentration“, erzählt Haferung. Früher, als Gold noch ausschließlich mit Muskelkraft geschlagen wurde, seien 50 Arbeitnehmer nötig gewesen. Heute, dank computergesteuerter Maschinen, sind es nur noch drei.

„Für alle Hersteller in Schwabach war es damals eine schwierige Entscheidung“, erinnert sich der Unternehmer, „macht es wirklich Sinn zu investieren? Und: Funktioniert das dann überhaupt? Schließlich sind die Maschinen derart speziell, dass wir sie nicht kaufen, sondern in allen Einzelteilen selbst entwickeln mussten.“

Deshalb ist bei Noris auch seit 40 Jahren ein Maschinenbauer beschäftigt. Und darum lernte Armin Haferung Maschinenbau, bevor er später den Goldschlägermeister nachschob. „Mein Vater hat damals entschieden: ,Das ziehen wir durch.‘ Er investierte die Rücklagen, die über Jahrzehnte im Betrieb aufgebaut worden waren und ist diesen Weg dann mit voller Kraft gegangen.“

Jahr für Jahr gibt in Schwabach nun ein Hersteller auf – oder schließt sich einem der Betriebe an, die den Mut zur Investition hatten. „Drei sind mittlerweile bei uns“, erzählt Haferung. Schnell stellen sich erste Erfolge ein. Noris ist innovativ, verbindet Alt und Neu, Handarbeit und automatische Fertigung. Die Familie perfektioniert die Produktion mit speziellen Sondermaschinen, wird Kostenführer und erschließt so neue Kundengruppen. „Wir haben schnell gesehen, dass dies der richtige Weg war.“

Heute ist die Firma mit einem Umsatz von rund 23 Millionen der europäische Marktführer. Sie exportiert mithilfe von 80 Mitarbeitern Blattgold in 50 Länder rund um den Globus, dazu Pinsel, Grundierungen und Leime. Eben alles, was ein Vergolder braucht. Jeden Tag werden bei Noris drei Kilo Gold, also Ware im Wert von etwa 100000 Euro, flach geklopft. Bis zu 100000 extrem dünne Blättchen lassen sich aus einem Kilo Gold herstellen. Die typische Handelsgröße: ein „Büchlein“ mit 25 Blatt. Etwa zwei Fünftel der weltweiten Nachfrage wird so von dem 1876 gegründeten Familienunternehmen bedient.

„Die Herstellung von Blattgold ist sehr aufwendig, erfolgt in mehreren Schritten und erfordert viel Erfahrung“, erklärt Dieter Drotleff. Der 62-jährige Goldschlägermeister übt seinen Beruf seit fast einem halben Jahrhundert aus. Und ist damit der älteste aktive Meister seines Fachs in Deutschland.

Zunächst, erklärt er, werde Gold bei mehr als 1200 Grad Celsius zum Schmelzen gebracht, in Barren gegossen und gewalzt. „Konisch gewalzt, eine Erfindung von Leonardo da Vinci.“ Diese Technik sorgt dafür, dass der Barren – er hat die Maße 20 mal 4 mal 0,5 Zentimeter – bei jedem Walzvorgang länger wird, dabei aber seine ursprüngliche Breite von vier Zentimetern behält. Damit das Gold nicht reißt, muss es zwischen den Walzeinheiten immer wieder auf 600 Grad erhitzt werden. „Irgendwann ist das Band dann 300 Meter lang – und dünn wie Pergament.“

Aber Pergamentpapier ist für jemanden, der Blattgold herstellen will, kein wirklich akzeptabler Vergleich. „Gold lässt sich so dünn schlagen wie kein anderes Metall“, informiert Drotleff: „Ein vierzehntausendstel Millimeter ist möglich.“

Nach dem Walzen wird das Goldband in vier Zentimeter große Quadrate zerteilt und in Handarbeit, mittig und sauber ausgerichtet, auf Papier gelegt. „Meist sind das Seiten aus Telefonbüchern“, erzählt Drotleff: „Gold, Papier, Gold, Papier – immer im Wechsel, bis 1500 Blättchen aufeinanderliegen.“ Eine Ledermanschette sorgt dafür, dass der Stapel nicht auseinanderfällt.

Dieses Paket kommt dann ein Stockwerk tiefer in den Hammerraum. Hier herrscht ein Höllenlärm. Mehrere Stunden lang bearbeitet der automatische Hammer das Bündel, bis die Blättchen 14 mal 14 Zentimeter breit und nur noch ein tausendstel Millimeter hoch sind. „Ist aber immer noch kein Blattgold“, schreit Drotleff gegen den Lärmpegel an. Abermals zerschneidet eine Maschine Marke Eigenbau die Blättchen in neun gleich große Quadrate. Die Frauen in der Fertigung platzieren diese wieder auf Papier. Dabei benutzen sie Ebenholzzangen, die einen besonders präzisen Zugriff und ein besonders exaktes Ausrichten erlauben. Diesmal kommen je 1200 Blättchen in eine Manschette aus Ziegenleder. Abermals wird das Paket mit Schlägen bearbeitet. Danach wieder geschnitten, wieder geschlagen. „Bis es möglich ist hindurchzusehen“, sagt Armin Haferung. „Jetzt erst sprechen wir von Blattgold.“

Zum Schluss wird das dünne Edelmetall mit einem Schnittkarren in die gewünschte Größe zerlegt und in Handarbeit zwischen Seidenpapier drapiert. Manchmal pusten die Frauen ganz vorsichtig, um ein Blättchen in die gewünschte Position zu bugsieren. „Fertig“, sagt Goldschlägermeister Drotleff. „So gehen die Büchlein in den Versand. Es ist tatsächlich ein sehr, sehr schmaler Grat zwischen höchster Qualität und Edelmetallschrott.“

Waren es in den Zeiten des Ölbooms vor allem Kunden aus den arabischen Ländern, gehören heute Russen zu den wichtigsten Abnehmern. Sie kaufen Blattgold für die Verschönerung und Renovierung öffentlicher Gebäude wie des Moskauer Bolschoi-Theaters oder des Neptunbrunnens in St. Petersburg. Im Bolschoi-Theater wurden allein an den Innenwänden angeblich fünf Kilo Blattgold neu aufgebracht. „Dabei verwendeten die Russen Pinsel aus Fehhaar, das von den buschigen Schwänzen sibirischer Eichhörnchen stammt“, erklärt Haferung. Etwa eine Milliarde Euro soll die gesamte Renovierung des Theaters gekostet haben.

Sieht der Unternehmer größere Gefahren auf sich zukommen? Jetzt, da die russische Wirtschaft sich in einer tiefen Rezession befindet? „I wo“, winkt Haferung ab: „Den wohlhabenden Russen geht das Geld nicht so schnell aus.“ Blattgold sei en vogue, die Nachfrage steige beständig, Oligarchen bestellten es vermehrt auch für den Innenausbau ihrer Yachten, Privatjets, Limousinen und Luxusapartments.

Sogar Dietmar Müller-Elmau, Inhaber von Schloss Elmau, habe vor dem G-7-Gipfel im Sommer 2015 Blattgold geordert, um sein Hotel in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Regelmäßige Abnehmer sind auch Kirchenmaler und -vergolder. Hauchdünnes Edelmetall aus Mittelfranken findet sich zudem am Pariser Invalidendom, an den bayerischen Königsschlössern, in Versailles, in der Maria-Magdalena-Kirche in Jerusalem und an der Berliner Siegessäule. Die Hauptstadt bestellte 2010 rund 1,2 Kilo Blattgold für ein neues „Make-up“.

Neuerdings gehört auch die gehobene Küche zu den Kunden. Sterneköche und ambitionierte Hobbyköche nutzen essbares Blattgold, um ihre Kreationen auch optisch richtig in Szene zu setzen. Blattgold sei sogar ein regelrechtes Heilmittel, schmunzelt Drotleff: „Müsste eigentlich von der Krankenkasse bezahlt werden.“ Schon Hildegard von Bingen habe auf bei Gicht, Fieber und Schwindsucht darauf geschworen. Er empfiehlt, jeden Tag zwei kleine Goldblättchen à 6,5 mal 6,5 Zentimeter zu sich zu nehmen. „Kostet nur zwei Euro. Am besten als Danziger Goldwasser.“ Das meint er jetzt nicht mehr so ganz ernst.

Keinen Spaß verstehen die Unternehmer, wenn es um den Schutz des wertvollen Metalls vor Dieben und Überfällen geht. Schließlich lagern in der alten Mühle oft Schätze im siebenstelligen Bereich. Neben Gold werden nämlich auch andere Metalle wie Kupfer, Silber, Platin und Palladium regelrecht platt gemacht. Details will Haferung nicht verraten, er sagt nur so viel: „Unsere Tresore sind bestens gesichert. Bewegungsmelder schlagen sofort Alarm, bis jetzt zum Glück nur bei Mäusen.“

Ansonsten sei seine Nische ein ziemlich sicheres Geschäft. Denn auch die teilweise erratische Schwankung der Rohstoffpreise kann den Goldschlägern nichts anhaben. „Wir kaufen zum Tagespreis, wenn die Bestellung bei uns eingeht“, erklärt Haferung, „und müssen uns deshalb nicht gegen Preisschwankungen absichern.“

Wo kommt das Gold her? Schließlich waren Goldförderer vor allem in Afrika in den vergangenen Jahren wegen ihrer mitunter menschenverachtenden Fördermethoden zunehmend unter Druck geraten. „Wir kaufen bei Scheideanstalten in Deutschland, meistens bei Heraeus in Augsburg und bei Degussa in Frankfurt. Dort bekommen wir Gold von geprüfter Qualität und mit einem Zertifikat als Eigentumsnachweis.“

Droht Noris der wertvolle Rohstoff irgendwann auszugehen? „In 20 Jahren wird zwar fast alles Gold, das sich halbwegs wirtschaftlich fördern lässt, an der Oberfläche sein“, schätzt Haferung. Das bedeute aber nicht, dass Gold im ökonomischen Sinne knapp werde. Denn der Großteil des in Umlauf befindlichen Metalls werde ja nicht im eigentlichen Sinn verbraucht. Eng am Markt könne es allenfalls werden, wenn sich der Rest der Welt an den Kaufgewohnheiten Indiens ein Beispiel nimmt. „Dort sind angeblich 20000 Tonnen in Privatbesitz. Zum Vergleich: Der gesamte Goldvorrat der USA in Fort Knox umfasst nur 8500 Tonnen.“ ®

Text: Dr. Günter Kast

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