• Hanns J. Neubert

Alles auf den Prüfstand.

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Klimarisiken. Der menschengemachte Klimawandel führt überall auf der Welt zu Starkregen, Überschwemmungen, zunehmend stärkeren Stürmen und Hitzewellen. Höchste Zeit auch für Unternehmen, sich vorzubereiten.

Plötzlich ging nichts mehr. Als im Ahrtal die Energieversorgung zeitweise zusammenbrach und keine Telefonate mehr möglich waren, um gegenseitige Hilfe zu organisieren, bekam der abstrakte Begriff „systemische Risiken“ eine handfeste Bedeutung. Abwasserleitungen und Speicherbecken konnten die Regenmassen nicht mehr zurückhalten. Brücken, Tunnel und zu dicht am Ufer erbaute Bauwerke verstärkten die Zerstörungskraft der Strömungen.

„Systemische Risiken sind physikalische Gefahren, die weit über die regulatorischen und marktlichen Risiken hinausgehen, mit denen Unternehmen normalerweise konfrontiert sind“, erklärt Ortwin Renn, Direktor des Instituts für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Ein typisches Beispiel, so der Wissenschaftler, sei der Zusammenbruch wichtiger technischer oder infrastruktureller Einheiten an einem Ort, der sich wie ein Dominoeffekt ausbreitet und auch weit entfernte, lebenswichtige gesellschaftliche Einrichtungen bedroht, wie Gesundheitssysteme oder die Energieversorgung.

Dass diese Gefahren perspektivisch eine immer größere Bedeutung haben werden, ist unumstritten. Die europäische Unwetter-Datenbank (ESWD) registrierte allein im Juli dieses Jahres für Deutschland 1268 Unwettermeldungen – im Westen und Osten Starkregen, im Süden große Hagelkörner, sogar drei Tornados. Für Österreich waren es 241 Meldungen und für die Schweiz 83. Jedes einzelne dieser Ereignisse hätte in eine Katastrophe ausarten können.

Die Anzahl der Unwetter an sich sagt noch nicht viel aus. Es ist vielmehr deren Stärke, die zunimmt, wie zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen inzwischen bestätigen. Hitzewellen können zwar durchaus häufiger vorkommen, Niederschlagsphasen dagegen seltener. Sie bringen dann jedoch viel mehr Regen. Eine Zunahme von Stürmen gibt es zwar in Norddeutschland, woanders werden sie nicht unbedingt häufiger, dafür aber umso zerstörerischer.

Während des Starkregens in Nordrhein-Westfalen starben mehr als 200 Menschen. Zahlreiche kleine Firmen und Handwerksbetriebe stehen seither vor dem Nichts. Und auch große Unternehmen waren betroffen. So ergossen sich die Wassermassen in den Braunkohle­tagebau Inden, der das Kraftwerk Weisweiler versorgt. Betreiber RWE konnte zwar rechtzeitig die zahlreichen Wasserkraftwerke in der Eifel, an Mosel, Saar und Ruhr herunterfahren. Dennoch werden sich die Verluste auf einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag summieren“, so RWE-Sprecher Guido Steffen.

Kein Einzelfall. In Stolberg musste ein Werk von Aurubis evakuiert werden, in dem Bänder und Drähte aus Kupfer und Kupferlegierungen für den Weltmarkt hergestellt werden. Aufgrund der vollständigen Überflutung des Werksgeländes und der Fertigungshallen am 16. Juli erklärte Aurubis „Force Majeure“ – der Betrieb konnte seinen Lieferverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Ortwin Renn macht seit vielen Jahren auf genau diese systemischen Risiken aufmerksam. Doch das Bewusstsein dafür wächst in der Wirtschaft nur langsam. In einer Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte unter 1168 europäischen Finanzvorständen zum Klimawandelbewusstsein in ihren Unternehmen war den meisten zwar klar, dass irgendetwas getan werden müsste. Aber das, was sie dann als Schutzmaßnahmen ansahen, hatte in der Regel nur kurzzeitige und vor allem kosteneffektive Effekte. Ein wirkliches Verständnis des Klimawandels zeigte kaum einer der befragten Firmenchefs.

„Es ist höchste Zeit, dass Unternehmen systemische Vernetzungen sehr viel klarer sehen und Themen wie Klimaschutz, Klimaanpassung und Biodiversität als Elemente der eigenen Unternehmensstrategie einbauen“, stellt Renn fest.

Der Nachhaltigkeitsforscher anerkennt zwar, dass die Wirtschaft bei der Beherrschung konventioneller Risiken, etwa im Arbeitsschutz, beim Autoverkehr, bei toxischen Chemikalien oder Lebensmitteln, sehr erfolgreich war und ist. Doch die zeitlichen und finanziellen Res­sourcen müssten nun neu justiert werden. „Sie wären jetzt besser in systemischen Risiken investiert als in den konventionellen“, meint Renn. „Nach einer Explosion in einem Werk tauchen sofort Tausende neue Regularien auf, die auch umgesetzt werden. Aber da, wo es wirklich schmerzt, fehlen sie.“

Die Schäden durch die Juli-Katastrophe werden wohl 30 Milliarden Euro hoch sein. „Ein Zehntel davon hätte gereicht, um vor den hochwassergefährdeten Gebieten Überflutungsräume und Polder zu schaffen“, schätzt Renn. Dann wäre das Unwetter nicht zu einer derart zerstörerischen, todbringenden Katastrophe geworden.

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Klimarisiken checken – die Anlaufstationen.

Es gibt inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, sich im Internet über Klimarisiken wie Unwetter, Hochwasser, die Auswirkung von Hitzewellen und auch Gefahrengebiete zu informieren. Die meisten davon erfordern allerdings ein technisches, geografisches, mitunter sogar mathematisch-physikalisches Grundwissen. Diese Ressourcen sind in der Regel für Experten und Planer aus Verwaltungen und Versicherungen gedacht.

Im Rahmen der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS) hat die Bundesregierung mittlerweile das Deutsche Klimavorsorgeportal (KLiVO) eingerichtet (www.klivoportal.de). Es ist die erste Anlaufstelle für Bürger, Hausbesitzer und Hauskäufer, aber auch für Unternehmer. Das Portal bietet zahlreiche Leitfäden, Werkzeuge, Klimadaten und weiterführende Webportale, die sich über eine Suchmaske maßgeschneidert finden lassen.

Dazu gehört auch der leicht verständliche „Hochwasserpass“ des Hochwasser-Kompetenz-Centrums (www.hochwasser-pass.com). Er listet regionale geprüfte Experten auf, die bei Maßnahmen beraten können. Dieser Dienst richtet sich vor allem an Hausbesitzer und diejenigen, die einen Hausbau oder -kauf planen oder in der Immobilienbranche tätig sind.

Kommunen und Bundesländer können sich mit dem Hochwasserpass einen Überblick über die Gefährdung von Ortslagen verschaffen, um zielgenaue Schutzmaßnahmen zu planen und zu realisieren.

Speziell für Unternehmen bietet das Climate Service Center Germany (GERICS) prototypische Produkte und Dienstleistungen an. Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollen so bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützt werden. Dazu zählen Beratungen zu ökonomischen und politischen Folgen des Klimawandels sowie zum Klimaschutz. Die Einrichtung gehört zum Helmholtz-Zentrum Hereon. Mehr Informationen unter: www.climate-service-center.de.

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Autor: Hanns J. Neubert

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