• Yvonne Döbler, Sabine Holzknecht, Hanns-J. Neubert

Mission Innovation.

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Weltretter. Um den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen, ist die Welt auf neue Ideen angewiesen. Die Start-up-Szene boomt, Impact-Investoren stellen Kapital zur Verfügung. Zehn Geschichten von Unternehmerinnen und Unternehmern, die einen Unterschied machen.

Wenn die Menschheit eine Chance haben möchte, die Klimaziele zu erreichen, muss sie auf die Erfindungskraft von Unternehmern vertrauen. Denn fast die Hälfte der bis 2050 erforderlichen Emissionssenkungen, so die Internationale Energie-Agentur, wird durch Technologien bewerkstelligt werden müssen, die es derzeit erst auf dem Papier gibt.

Mission Klima ist eine Mission Innovation. „Und da bewegt sich gerade viel. Immer mehr junge Investoren finanzieren immer mehr junge Unternehmer mit innovativen Ideen“, analysiert Andreas Rickert, Vorstandsvorsitzender bei Phineo, Co-CEO beim Impact-Investor  Nixdorf Kapital und Mitglied in den Aufsichtsräten mehrerer Impact-Investmentgesellschaften: „Der Markt für Investieren mit Wirkung hebt ab.“

Das Thema Impact kombiniert eine gesellschaftliche Wirkung – zum Beispiel die Reduktion der CO2-Emissionen – mit finanzieller Rendite. Dass dieser Gedanke vermehrt Anhänger findet, führt Rickert auf drei Faktoren zurück, die sich gegenseitig bestärken: „Erstens die gesellschaftliche Großwetterlage. Viele Menschen – Konsumenten und Anleger – machen sich Sorgen. Sie fragen sich, was sie selbst tun können. Das treibt die Politik an zu handeln. Gleichzeitig suchen mehr Investoren aus dem klassischen Bereich des Wagniskapitals nach Unternehmen mit Wirkung. Und finden innovative Gründer.“

Einer dieser Impact-Investoren ist Thomas Festerling, Finanzvorstand bei GreenTec Capital Partners in Frankfurt. Es sucht seit 2015 nach Anlagen mit Impact und konzentriert sich dabei auf Afrika.

„Die Bevölkerung wächst dort unglaublich schnell. Wenn wir jetzt nicht in Afrika eine nachhaltige Energieversorgung implementieren, bekommen wir das gleiche Problem wie in China. Um Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln, werden immer mehr fossile Stoffe verbrannt“, erklärt Festerling und folgert: „Jeder Euro, der heute in Afrikas Klimaschutz investiert wird, generiert mehr Klimawirkung als anderswo. Denn hier besteht die Chance, das fossile Zeitalter komplett zu überspringen.“

Gerade, informiert Festerling, würden auch in Afrika Start-ups wie Pilze aus dem Boden schießen. „Sie sind Innovationstreiber und Inkubatoren. Ihre Ideen werden dann oft von größeren Unternehmen übernommen.“ Angehörige der jungen Generation Afrikas haben ihre Ausbildung in den USA oder Europa erhalten, kommen nun zurück und wollen zu Hause etwas bewirken. „Die stehen mit ganzem Herzen hinter ihren Ideen.“

Um die Wahrscheinlichkeit auf einen ökonomischen Erfolg zu erhöhen, hat GreenTec einen (speziellen) Venture-Building-Ansatz für Afrika entwickelt. „Wir unterstützen die Firmen sehr früh, noch bevor Geld fließt. Funktioniert das Projekt nicht, können wir schnell die Reißleine ziehen.“

Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. „Unser erstes Finanzprodukt wurde vor 2,5 Jahren gelauncht. Es sind sieben Unternehmen drin. Auf Basis der Bewertungen späterer Finanzierungsrunden liegen wir bei einer Rendite (IRR) von mehr als 30 Prozent. Klar, das sind unrealisierte Gewinne – aber es zeigt, dass wir uns vor anderen Venture-Capital-Fonds nicht verstecken müssen.“

„Das ist der Schlüssel – Impact Investments halten heute schon mit klassischen Finanzprodukten mit“, macht Rickert klar. Und weil Ideen, mit deren Hilfe die Emissionen gesenkt werden können, einen Riesenmarkt adressieren, sollte sich daran auch nichts ändern.

Wer Rickert und Festerling sprechen hört, kann die Aufbruchstimmung geradezu mit Händen greifen. Vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät. Auf den folgenden Seiten erzählen private-wealth-Autoren die spannenden Geschichten von zehn Gründern, die ausgezogen sind, einen Unterschied zu machen. Sie vermitteln Hoffnung. Denn da draußen gibt es von solchen innovativen Köpfen noch viel, viel mehr.                         

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Weg mit dem CO2.

Der entscheidende Fortschritt auf dem Weg zu einer klimaneutralen Welt gelang schon im Jahr 1999. Damals schlug der heute in den USA tätige deutsche Physiker Klaus Lackner erstmals ein Verfahren zur Entfernung von Kohlenstoffdioxid aus der Luft vor, das sogenannte Carbon-Capture-Verfahren. Die Idee: größere Mengen CO2 direkt aus der Luft filtern und in geologischen Lagerstätten speichern.

Zehn Jahre später dann war dieses Konzept in der Forschung so weit gediehen, dass ein Kollege Lackners, David W. Keith, im kanadischen British Columbia das Unternehmen Carbon Engineering gründete. 2010 ging dann ein weiteres Unternehmen mit einer ähnlichen Idee an den Start – Global Thermostat. Dessen Mitbegründerin und Geschäftsführerin ist die Mathematikerin Graciela Chichilnisky. Ihre akademischen Schwerpunkte liegen in der Umwelt- und Wohlfahrtsökonomie sowie im Emissionsrechtehandel. Sie war entscheidend an der Formulierung des Emissionshandels-Abschnitts im Kyoto-Protokoll der Vereinten Nationen über Klimaänderungen beteiligt, das 2005 internationales Recht wurde. Außerdem ist sie eine der Hauptautorinnen des Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC von 2007.

Zwei Unternehmen, ein Gedanke. Carbon Engineering plant derzeit zwei riesige Anlagen, die der Atmosphäre mithilfe erneuerbarer Energien jeweils bis zu eine Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr entziehen sollen. Die Anlage in Texas, deren Bau Anfang des kommenden Jahres beginnt, soll Ende 2024 fertig sein. Eine zweite wird in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Storegga Geotechnologies im Nordosten Schottlands gebaut und soll bis 2026 in Betrieb gehen. Sie wird dann die größten Carbon-Capture-Anlage Europas sein.

Storegga Geotechnologies plant, dort Wasserstoff aus Erdgas herzustellen, das in der Nordsee gefördert wird. Das dabei entstehende CO2 wird in der Carbon-Engineering-Anlage aufgefangen und über die vorhandenen Öl- und Gasleitungen in leere Ölkavernen unter den Nordseeboden eingeleitet.

Die geologische Kohlendioxidspeicherung, bekannt als Kohlenstoffsequestrierung, wird von der Industrie bereits seit Jahrzehnten genutzt. Mehr als 200 Millionen Tonnen CO2 wurden weltweit bisher erfolgreich in geologischen Lagerstätten gespeichert. Allerdings ist immer noch nicht vollständig erforscht, wie lange das Treibhausgas dort abgeschottet ruhen wird. Es müssten wohl viele Tausend Jahre sein.

In Texas dagegen wird der Großteil des abgefilterten CO2 für die sogenannte verbesserte Ölgewinnung beim umstrittenen Fracking verwendet. Dabei wird CO2 in den Untergrund eingeleitet, um aus stagnierenden Bohrungen zusätzliches Öl herauszupressen. Das Kohlenstoffdioxid verbleibt im Boden in der Hoffnung, dass es sich unter den dortigen geologischen Verhältnissen in Stein verwandelt. Der Nachteil dieser Methode: So können allenfalls die fossilen Kraftstoffe klimaneutral werden. Zur nötigen Konzentrationsabnahme des Klimagases in der Atmosphäre trägt dies erst einmal nicht viel bei.

Wenn Carbon Engineering nun zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr abscheidet, klingt das zunächst viel – es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn Klimaforscher gehen davon aus, dass die Welt bis zum Ende des Jahrhunderts in jedem Jahr mindestens 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus der Luft entfernen muss, um die Rest­emissionen aus Luft- und Schiffsverkehr, Stahl- und Zementproduktion sowie der Landwirtschaft zu bewältigen, die man nicht so einfach kostengünstiger beseitigen kann. Das wären viele Tausend Luftsauger der Größenordnung, wie Carbon Engineering sie plant. Die Profitabilität solcher Anlagen hängt vor allem von den Kosten pro eingefangener Tonne CO2 im Vergleich zum weltweiten CO2-Preis ab. Zu den Kos­ten äußert sich Carbon Engineering nicht, auch wenn das Unternehmen ansonsten vorbildlich transparent in seinen Informationen ist. Aber in einer Studie von 2018 kam der Carbon-Engineering-Gründer und Harvard-Professor David W. Keith auf eine Preisspanne von 94 bis 232 US-Dollar pro Tonne, sobald die Technologie den kommerziellen Maßstab erreicht. Das ist immer noch ein Stück weit von dem Preis entfernt, den Unternehmen heute für kommerziell genutztes Kohlenstoffdioxid für industrielle Prozesse zahlen – zwischen 65 und 110 US-Dollar.

Günstiger arbeitet Global Thermostat. In seiner Demonstrationsanlage in Huntsville, Alabama, scheint es CO2 für nur 120 US-Dollar pro Tonne entfernen zu können. Das wäre wirklich bahn­brechend. Denn damit läge der Preis bereits innerhalb der Spanne dessen, was Firmen heute für indus­trielles Kohlenstoffdioxidgas zahlen. Im Gegensatz zu anderen Carbon-Capture-Initiativen benötigt Global Thermostat deshalb keine staatlichen Subventionen oder Kohlenstoffzertifikate aus dem CO2-Handel, um wirtschaftlich und rentabel zu sein.

Die Technik von Global Thermostat beruht auf organisch-chemischen Bindemitteln, die an poröse Keramikwaben gebunden sind, die als Kohlenstoffschwämme wirken. Ähnliche Materialien und Verfahren werden seit Jahrzehnten für andere Zwecke verwendet und lassen sich nachweislich gut nach oben skalieren.

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Die Chemikalien binden das CO2, das über große Ventilatoren angesaugt wird, sowohl direkt aus der Atmosphäre als auch aus Schornsteinen von Kraftwerken oder aus einer Kombination von beidem – das ist bisher einzigartig. Bei einer relativ niedrigen Temperatur von 85 bis 100 Grad lässt sich das CO2 mit Dampf auswaschen, der sich idealerweise aus Prozess- oder Abwärme anderer Unternehmen beziehen lässt. Die Keramikwaben lassen sich anschließend erneut mit CO2 beladen. Dieser Prozess benötigt nur Dampf und Strom, es entstehen keine Emissionen oder Abwässer.

Angesichts des günstigen Preises ist es kein Wunder, dass es bereits Verträge mit großen Unternehmen wie Coca-Cola gibt. Der Getränke-Multi will das Gas für seine kohlensäurehaltigen Getränke nutzen. Auch der Öl- und Gasriese Exxon ist dabei. Er möchte mithilfe von CO2 ein Carbon-to-Fuel-Geschäft starten, Öl auf der Basis von Kohlenstoffdioxid herstellen.

Die Märkte von Global Thermostat liegen also in all den Produktionsbranchen, die auch heute schon CO2 benötigen. Das sind neben der Getränke- und Kraftstoffindustrie Hersteller von Kunst- und Baustoffen sowie Industriegasen und Wasserentsalzungsanlagen, bei denen das saubere Wasser mit Carbonaten angereichert werden muss, die sich aus CO2-Gas herstellen lassen.

Die Perspektiven für die Umwelt – und die Unternehmen – sind also gigantisch. Heute sind sich Risikokapitalgeber weitgehend einig, dass die direkte CO2-Abscheidung bis zur Mitte des Jahrhunderts zu einem der größten Industriezweige der Welt werden könnte.        

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Doppelter Ertrag.

Photovoltaik und Landwirtschaft – kann das nicht auf denselben Flächen funktionieren? „Kann“, informiert Reiner Egner, Vorstand der Tubesolar AG: „Gemüse, Salate, Tomaten, Chilis – sie alle und viele Pflanzen mehr haben unter unseren Agri-Photovoltaik-Pilotanlagen zum Teil bessere Erträge erzielt als auf Ackerflächen ohne Solaranlage.“

Die Idee: Strom erzeugen mit Solar­panelen in Röhrenform. Sie werden auf Stelzen in beispielsweise fünf Meter Höhe über landwirtschaftlichen Nutzflächen aufgebaut. Die Vorteile: Regendurchlässigkeit und sauberer Strom sowie leichte Beschattung von landwirtschaftlichen Nutzflächen, was den Boden bei extremer Sonne schützt. „Unterm Strich können höhere Erträge in der Landwirtschaft erzielt und gleichzeitig sauberer Strom erzeugt werden“, erklärt Egner. Weltweit gebe es immer mehr heiße Tage und lange Dürreperioden. Die Solarröhren helfen, das Austrocknen des Bodens zu verringern, sie sind regendurchlässig, wetterfest und Traktoren können unter ihnen hindurchfahren. Am Ende, so die Vision, sollen die Photovoltaik-Dünnschicht-Röhren eine jährliche Produktionskapazität von 250 Megawatt erreichen.

Egners Zielmärkte sind neben der Agri-Photovoltaik auch industrielle Gewerbedächer mit entsprechender Begrünung – „ein Markt mit Gigawatt-Potenzial allein in Bayern bei bestehenden und geplanten Gewerbebauten. Durch den Einsatz unserer Module auf Industrie- und Gewerbedächern tragen wir, in Verbindung mit Dachbegrünung, wesentlich zum Umwelt- und Klimaschutz bei gleichzeitiger Energieerzeugung bei.“ Die wichtigsten Herausforderungen bezüglich Statik und Luftangriffsfläche habe das Team bereits gelöst.

Ende 2019 wurde Tubesolar als Spin-off der Laborfertigung von Osram/Ledvance in Augsburg gegründet. Neben Reiner Egner gehört seitdem Technikvorstand Jürgen Gallina dem Vorstand an, Mehrheitsaktionär ist der Kulmbacher Unternehmer Bernd Förtsch.

Osram/Ledvance stellte damals unter anderem  Leuchtstoffröhren her, die als Grundlage für Photovoltaik-Dünnschicht-Röhren dienen. „Das Produkt benötigte einen Investor, da die chinesischen Investoren keine Solarproduktion in Deutschland aufbauen wollten“, erzählt Egner. Und sie interessierten sich nicht für die Solarröhren und das Know-how der Mitarbeiter. Vesselinka Koch, die diese Idee der Dünnschicht-Röhren zu Osram gebracht hatte, bat ihn, sich das Unternehmen einmal genauer anzusehen – was er tat.

Dabei traf Egner auf motivierte Entwickler und Maschinenbauer mit sehr viel Erfahrung in einem Markt, den der gelernte Banker als zukunftsfähig einstufte. „Wir haben dann strategische Investoren gefunden, die Patente für die Herstellung von Solarröhren erworben und im ersten Schritt zehn Mitarbeiter übernommen haben.“

Besonderes Potenzial bietet eine Kooperation, die Tubesolar mit der amerikanischen Ascent Solar (ASTI) vereinbart hat. Das Start-up hat sich für 2,5 Millionen Dollar am US-Unternehmen beteiligt und sich damit eine zweite Lieferquelle großer Volumina an Dünnschicht-Photovoltaik-Folie für ihre Glasröhrenmodule gesichert. Zudem ist der Aufbau einer gemeinsamen Produktionsstätte in Deutschland geplant sowie die Entwicklung spezieller Solarzellen.

Diese CIGS-Perowskit Tandemzellen sind sehr effizient und günstig in der Herstellung. „Sie haben daher in der Solarindus­trie disruptives Potenzial, da die marktführenden monokristallinen Siliziumzellen immer näher an ihr praktisches Effizienzmaximum kommen“, schreibt der Analyst Karsten von Blumenthal von First Berlin Equity Research.

2020 hat Tubesolar einen Nettoverlust von 2,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Auch im ersten Halbjahr 2021 wurden noch keine Umsätze erzielt. Der Nettoverlust betrug 1,2 Millionen Euro. Geld benötigte das Unternehmen vor allem für den Bau einer vollautomatischen Fertigungsanlage. Hierzu hat der Freistaat Bayern eine Förderung in Höhe von 10,8 Millionen Euro zugesagt, einen weiteren Teil stemmt Tubesolar durch zwei bereits platzierte Kapitalerhöhungen. Im März dieses Jahres wurde die jüngste mit 6,5 Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen. „Mit unserer automatisierten Produktionsanlage können wir skalieren und konkurrenzfähige Preise bieten“, so Egner.

Größtes Risiko für Tubesolar ist die ausstehende Zertifizierung der Module durch den TÜV. Egner erwartet sie in den nächsten Monaten. Erst wenn die Zertifizierung erfolgt ist, kann die Produktion anlaufen – „wir rechnen in der zweiten Jahreshälfte 2022 mit dem Vertriebsstart“, informiert Reiner Egner.

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Holz statt Erdöl.

Schließt Florent Héroguel die Augen, sieht er eine Welt, in der Erdöl keine Rolle mehr spielt. „Unsere Vision ist, dass alles, was heute aus Erdöl produziert wird, morgen aus Biomasse hergestellt werden kann – dank der Technologie unseres Start-ups Bloom.“

Wie soll das gehen? Bloom nimmt einen Kohlenstoff, der bereits in großen Mengen in der Natur vorkommt, nämlich Lig­nin, und verwandelt es in einen chemischen Rohstoff, der überall dort eingesetzt werden kann, wo bisher fossile Rohstoffe zum Einsatz kommen. „Lignin“, erklärt Remy Buser, Mitgründer und heutiger CEO von Bloom, „ist das zweithäufigste Biopolymer auf der Erde. Es ist das Stützmaterial in Holz – ähnlich wie Stahlbeton in einem Bauwerk. In seiner Struktur ist es dem Erdöl sehr ähnlich. Es wurde nur noch nicht genutzt, weil es sehr lange Zeit einfach unmöglich war, es zu extrahieren.“

Lange verstanden die Forscher offenbar einfach seine Struktur und Eigenschaften nicht. Unerwartete und unerwünschte Reaktionen führten immer wieder dazu, dass das Lignin während des Extraktionsprozesses zerstört wurde. Deshalb war seine Gewinnung bisher auch nie rentabel. Diese Schwachstelle hat Bloom nun überwunden.

Die Firma ging aus einem Spin-off der Universität École Polytechnique Fédé­rale von Lausanne hervor und wurde 2019 von den beiden Chemikern Remy Buser und Florent Héroguel gegründet. Seinen Sitz hat Bloom in Marly, einem Vorort von Freiburg in der französisch-sprachigen Schweiz. „Bloom“, erklärt Remy Buser, „hat hochmoderne Analyse­instrumente genutzt, um eine einzigartige ,Stabilisierungschemie‘ zu entwi­ckeln. Sie ermöglicht es, Lignin in seiner natürlichen Struktur zu extrahieren und seine Eigenschaften für Anwendungen in der chemischen Industrie voll zu nutzen.“

Das Potenzial von Lignin ist in der Tat beachtlich. Holz besteht zum Beispiel zu 40 bis 50 Prozent aus Zellulose, zu 20 bis 30 Prozent aus Hemizellulose und zu 15 bis 30 Prozent aus Lignin. Neben Zellulose und Chitin ist Lignin jenes Polymer, das am häufigsten in der Natur vorkommt. Nun, da dank Blooms Technologie die Gewinnung von Lignin rentabel geworden ist, eröffnen sich riesige Möglichkeiten, die bereits vorhandenen Reserven an diesem Rohstoff zu verwenden und zu nutzen.

Der Markt für Kohlenstoffe und Kohlenstoffverbindungen ist tatsächlich riesig. Sie kommen in fast allen Gegenständen unseres alltäglichen Lebens vor – im Prinzip überall dort, wo Plastik enthalten ist: Kunststoffe, Autos, Medikamente, Farbe, ja selbst in Lebensmitteln in Form von Aromastoffen. In Deutschland stammen die Kohlenstoffverbindungen dabei zu 87 Prozent aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas oder Kohle. Noch. Denn wenn es nach den Gründern von Bloom geht, wird sich das in Zukunft ändern.

Am Rohstoff Lignin mangelt es dabei nicht. Allein in der Papierindustrie fallen weltweit jährlich rund 50 Millionen Tonnen Lignin als Abfallprodukt an – ein Abfallprodukt, das sich jetzt in einen äußerst wertvollen und nachhaltigen Rohstoff verwandeln lässt. „Wenn Sie eine Tonne Holz nehmen, die einen Wert von 100 Dollar hat, so enthält dieses Holz Rohstoffe im Wert von 1000 Dollar“, rechnet Remy Buser vor.

Außerdem: „Die Ressource Holz wird nachhaltig erzeugt, und ihre Produktion steht nicht in unmittelbarer Konkurrenz zu Nahrung, es gibt also kein ethisches Problem“, weiß der Forstwissenschaftler Dr. Marcus Lingenfelder von der Universität Freiburg.

Noch befindet sich Bloom in der Aufbauphase. „Die Technologie ist im Pilotmaßstab validiert, jetzt muss sie zu einem kommerziellen Verfahren werden“, sagt Remy Buser. „Wir möchten längerfristig vor allem für die petrochemische Industrie eine neue, nachhaltige Kohlenstoffquelle erschließen. Der Markteintritt erfolgt jedoch zunächst über Märkte mit geringem Volumen und hohem Wert.“

Die Märkte, von denen Buser spricht, sind Parfüms, Aromen und Kosmetika – Märkte mit traditionell sehr hohen Margen. Ein weiterer sehr interessanter Bereich ist der Markt von Phenolharz, der bereits vor einigen Jahren den Wert von zehn Milliarden US-Dollar überschritten hat.

„Diese Märkte können innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate in die Strategie von Bloom integriert werden“, erläutert Sebastian Heitmann, Partner bei der deutschen Impact-Investmentgesellschaft Extantia. Sebastian Heitmann begleitet Bloom seit über einem Jahr und ist von dem Konzept überzeugt. „Die Technologie passt, das Team arbeitet hochmotiviert – in weniger als zwei Jahren werden wir erste konkrete Ergebnisse haben.“

„Dass sich alle, die heute noch mit Produkten auf fossiler Basis arbeiten, an eine dekarbonisierte Welt anpassen müssen, spielt uns in die Karten“, sagt Remy Buser, „die Gesetzgeber werden dazu beitragen, diesen Übergang zu fördern.“

Heitmann ist sicher: Bloom wird bis spätestens 2030 das für den Aufbau notwendige Investment zurückgezahlt haben. Geht das Geschäftsmodell voll auf, wird aus Bloom ein Gigacorn: ein Unternehmen, dessen Technologie mehr als eine Milliarde Tonnen CO2 pro Jahr einspart. Perspektivisch ließen sich so die EU-weiten CO2-Emissionen um 33 Prozent reduzieren. Das ist in etwa so viel wie der CO2-Ausstoß von 35 Millionen Autos. Ein enormer positiver Impact.             

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Treibstoff aus CO2.

Einer der großen Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel ist die Elektromobilität. Doch selbst wenn es ausreichend Ladestationen, entsprechende Stromtrassen und Unmengen an grünem Strom gäbe – für die Luft- und Schifffahrt und den Schwerlastverkehr bedarf es noch anderer Lösungen.

Eine Alternative können sogenannte E-Fuels sein, strombasierte Kraftstoffe, die aus CO2 und Wasser hergestellt werden: E-Kerosin, E-Diesel und E-Benzin. Diese Kraftstoffe weisen dieselben Eigenschaften und Qualitäten wie fossile Kraftstoffe auf und können in die bestehenden Motoren und Antriebe befüllt werden. Es ist weder notwendig, die Motoren umzurüs­ten, noch neue Infrastruktur aufzubauen. Und das Bestechende daran ist, dass für die Herstellung dieser Kraftstoffe CO2 benötigt wird.

„Wenn wir von Dekarbonisierung sprechen“, sagt Sebastian Heitmann, Partner bei der Impact-Investmentgesellschaft Extantia, „gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Wir können versuchen zu vermeiden, dass mehr CO2 in Umlauf kommt. Das ist in der Regel mühsam und teuer. Oder wir können versuchen, das vorhandene CO2 durch intelligente Technologien so umzuwandeln, dass wir dadurch unseren Bedarf an Kohlenstoff decken können. Wenn es uns gelingt, mit dem CO2 zu wirtschaften, das da ist, ohne die Menge per se zu erhöhen, schaffen wir eine Kreislaufwirtschaft.“

Wie so ein Kreislauf aussieht, zeigt das Kopernikus-Projekt P2X. Dort produziert die weltweit erste integrierte Anlage Kraftstoff aus Luft, Wasser und erneuerbarem Strom. Neben dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sind an dem Prototyp drei Unternehmen beteiligt: Climeworks, sunfire und Ineratec.

Der Kraftstoff wird in vier Schritten produziert. Im ersten Schritt wird das CO2 aus der Luft gefiltert. Grundsätzlich kann das Kohlenstoffdioxid dort entnommen werden, wo es ohnehin anfällt, sprich in industriellen oder in Biogasanlagen. Eine sehr elegante Lösung dafür bietet die Schweizer Firma Climeworks. Sie ist mit ihrer Technologie weltweit führend und filtert das CO2 direkt aus der Umgebungsluft (private wealth, Ausgabe 04/2017). „Unsere Anlagen“, erklärt Louise Charles von Climeworks, „können an beliebigen Standorten der Welt aufgestellt werden. Sie sind modulierbar, skalierbar und können in Massenproduktion hergestellt werden.“

Im zweiten Schritt kommt die Technologie von sunfire zum Einsatz. Die Firma wurde 2010 gegründet und hat ihren Sitz in Dresden. Heute ist sunfire ein weltweit führendes Elektrolyse-Unternehmen. Seine Vision ist „ein Leben ohne fossile Brennstoffe“.

Im sogenannten Power-to-Liquid-Prozess verwandelt sunfire CO2 und Wasser mittels erneuerbarem Strom in ein grünes Synthese-Gas, eine Mischung aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid.

Im nächsten und dritten Schritt kommt das Know-how der Schweizer Firma Ineratec zum Einsatz. „Mittels der sogenannten Fisher-Troops-Synthese wird das Synthesegas in Kohlenwasserstoffe unterschiedlicher Kettenlänge umgewandelt“, erklärt Roland Dittmeyer vom KIT. „Diese Kohlenwasserstoffmoleküle sind dann die Rohprodukte für die erneuerbaren synthetischen Kraftstoffe – vergleichbar mit Rohöl.“

„Mit seiner Technologie ist Ineratec seiner Konkurrenz um Jahre voraus“, erläutert Sebastian Heitmann. Er rechnet damit, dass sich mit der innovativen Technologie fast ein Drittel der EU-weiten CO2-Emissionen reduzieren lässt. Damit hätte Ineratec ebenfalls das Zeug zum Gigacorn – einem Unternehmen, das eine Milliarde Tonnen CO2 pro Jahr einsparen kann.

Im letzten und vierten Schritt – entwi­ckelt durch die Forscher des KIT – werden schließlich die so gewonnenen Rohprodukte in einer weiteren Reaktionsstufe in flüssigen Kraftstoff verwandelt. Sie werden also raffiniert: in E-Kerosin, E-Diesel und E-Benzin.

Die gesamte Technologie, die dafür notwendig ist, passt in einen neun Meter breiten Container. Der Kreislauf funktioniert und ist effizient. „Mehr als 90 Prozent des Kohlenstoffs, der im ersten Schritt aus der Luft gefiltert wurde, findet sich im flüssigen Produkt wieder“, sagt Roland Dittmeyer. Mehr noch: Das synthetische Kerosin verbrennt sauberer als der fossile Brennstoff. Und: Die Abwärme der Synthese in Schritt drei kann rückgeführt und für die Elektrolyse in Schritt zwei verwendet werden. 60 Prozent des aufgewendeten Stroms sind so im flüssigen Treibstoff gespeichert.

Fossile Brennstoffe können also tatsächlich durch erneuerbare, synthetische E-Fuels ersetzt werden. Mit dem Einsatz von E-Kerosin in Flugzeugen würde Fliegen klimaneutral. Die Verwendung von E-Fuel im Schwerverkehr könnte die CO2-Emissionen senken – ohne hohe Investitionskosten für die Umstellung auf neue Antriebstechnologien oder Betankungsanlagen. Dasselbe gilt für die Schiff­fahrt. Auch hier können E-Fuels maßgeblich zur Dekarbonisierung beitragen.

In Norwegen wurde bereits eine erste Industrie-Anlage zur Herstellung von E-Fuel gebaut. Filteranlagen von Climeworks entziehen das CO2 aus der Luft. Elektrolyse-Verfahren von sunfire verwandeln es in erneuerbaren Kraftstoff. Die Anlage wird zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom aus Norwegen versorgt. Innerhalb der nächsten drei Jahre werden so jährlich zehn Millionen Liter erneuerbaren Kraftstoffs für den norwegischen und europäischen Markt geliefert. Die Anlage kann auf 100 Millionen Liter pro Jahr erweitert werden.

Im norddeutschen Werlte ist die bisher weltgrößte Power-to-Liquid-Anlage zur Herstellung von E-Kerosin mit der Technologie von Ineratec entstanden. Die Anlage wird mehr als 350 Tonnen CO2-neutrales E-Kerosin herstellen und deutsche Fluggesellschaften versorgen. Und das ist erst der Anfang.

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„2022 plant Ineratec, in Frankfurt am Main eine weitere industrielle Pionieranlage zur Produktion nachhaltiger synthetischer Kraftstoffe in Betrieb zu nehmen“, sagt Philipp Engelkamp, Mitgründer und Geschäftsführer von Ineratec. Der Standort ist strategisch gut gewählt, denn der Industrieparkt Höchst garantiert einen kostengünstigen Zugang zu erneuerbarem Wasserstoff sowie zu CO2 aus einer Biogasanlage.

„Wir wollen hier“, sagt Philipp Engelkamp, „aus bis zu 10000 Tonnen biogenem Kohlendioxid und erneuerbarem Strom jährlich bis zu 3500 Tonnen oder 4,6 Millionen Liter E-Fuel produzieren. Diese Pionieranlage wird die bisher größte aus dem Hause Ineratec sein und als Wegbereiter für weitere weltweite Power-to-Liquid-Projekte dienen.“

Jeder Liter E-Fuel ersetzt dann einen Liter Treibstoff fossilen Ursprungs. Der Kreislauf hat begonnen. Jetzt muss nur noch die Politik mit graduell steigenden Beimisch-Quoten für E-Fuels im Flugverkehr wie auch im Straßenverkehr dafür sorgen, dass tatsächlich zunehmend erneuerbarer Kraftstoff  getankt wird. Die Technologie hat bewiesen, dass sie funktioniert.

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Strom für Afrika.

Energie ist der Schlüssel zu allem. In Afrika südlich der Sahara haben aber mehr als 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu Strom. Und damit auch keinen zu Bildung, Gesundheit und letzten Endes auch zur Selbstbestimmung. „Wenn wir wollen, dass Afrika sich entwickelt und dabei CO2-neutral ist, müssen wir dem Kontinent die Möglichkeit geben, CO2-neutral Strom zu produzieren“, sagen Torsten und Aida Schreiber.

Die beiden haben 2016 Africa GreenTec gegründet. Das Unternehmen bringt Solarstrom in die oft weit abgelegenen Dörfer. Dazu wird ein sogenannter Solartainer zusammengestellt – das ist ein zwölf Meter langer Standardcontainer mit Solarpanelen und zugehöriger Elektronik.

Vor Ort lassen sich die Panele des Solarkraftwerks mit örtlichen Kräften in wenigen Stunden aufbauen und in Betrieb nehmen. Ein sogenanntes Mini-Grid, ein allein stehendes Stromnetz, verteilt den Strom in die Werkstätten und Läden von Kleinunternehmern und in die Wohnungen der Einwohner. Über ein den finanziellen Möglichkeiten angepasstes Prepaid-Tarifsystem können die Dorfbewohner den Strom bezahlen. Betreiber bleibt Africa Greentec, das auch weitere Dienstleistungen zur Verfügung stellen kann, wie Kühlschränke oder Wasseraufbereitungsanlagen, die ebenfalls von den örtlichen Mitarbeitern aufgebaut und gewartet werden können.

Da Aida Schreiber aus Mali stammt, konnte ihre Firma dort auf ein umfangreiches informelles Netzwerk zurückgreifen. Deshalb startete Africa GreenTec auch hier mit der Suche nach Impact­Sites, also Orten, die gute Chancen haben, sich auch aus eigener Kraft weiterzuentwickeln, und deren Einwohner motiviert sind, etwas zu bewegen.

Aktuell sind es vor allem Orte mit 3000 bis 5000 Einwohnern, die bereits über eine Art Mittelstand, eine Schule und eine Krankenstation verfügen, in denen die Schreibers ihre Solartainer und Mini-Grids aufbauen. Mittelstand auf Afrikanisch heißt: Handwerker wie Schreiner, Tischler, Schmiede, Sattler, aber auch Händlerinnen auf dem Markt oder mit kleinen Geschäften und Restaurants. Der Strom gibt ihnen die Möglichkeiten, wirtschaftlich zu wachsen und ihren Lebensstandard zu verbessern.

Dabei versteht sich Africa GreenTec als Sozialunternehmen. „Alles, was über der schwarzen Null liegt, wird wieder inves­tiert“, sagte Schreiber in einem Radiointerview. Heute haben sich in Mali bereits 15 dieser ImpactSites um die Solartainer etabliert, eine weitere liegt in Niger. Die Vision ist, bis 2030 drei Millionen Menschen in 1000 afrikanischen Dörfern zu ImpactSites zu entwickeln, die sich selbst tragen und nachhaltig funktionieren.

In einer ersten Crowdinvestment-Kampagne kamen über vier Millionen Euro zusammen. Die nächste Runde ist in Planung. In einem weiteren Projekt will Africa GreenTec das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR am Tschadsee mit seiner Solarinfrastruktur unterstützen. Hierfür wird es Nachrangdarlehen mit fester Verzinsung anbieten. Weiter westlich, in Senegal, sollen marode, dieselbetriebene Wasserpumpen durch 100 solarbetriebene Pumpen ersetzt werden. Das wird eine halbe Million Euro kos­ten. Auch dafür wird das Unternehmen demnächst Nachrangdarlehen anbieten, die mit 4,25 Prozent fest verzinst werden.

Vielleicht haben die Schreibers ja recht, wenn sie finden, dass private Investitionen ein Gegenmodell zur traditionellen Entwicklungshilfe sein können. Der afrikanische Kontinent, glauben sie, werde mit der richtigen Unterstützung den Weg in eine effiziente, erneuerbare Energiewirtschaft auch allein schaffen.

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Ein cooler Kocher.

Kochen ist in Afrika ein echtes Problem. In Nigeria verwenden zum Beispiel 96 Prozent aller Haushalte dazu Holzkohle- oder Kerosinöfen. Deren Brennstoffe sind nicht nur oft exorbitant teuer, sondern vor allem für Frauen und Kinder lebensgefährlich: Jährlich gibt es vier Millionen Tote durch Rauchbelastungen. Nicht zuletzt leiden auch Umwelt und Klima darunter.

„Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und erlebte, wie die Menschen durch die Rauchschwaden der offenen Kochfeuer chronische Lungenkrankheiten bekamen“, erzählt Okey Esse. „Ich verließ das Dorf, um Physik zu studieren – glücklicherweise. In den Labors der Universität experimentierte ich damit, wie man den Verbrennungsprozess in Öfen optimiert.“

In der Hauptstadt Nigerias, in Abuja, produziert Esse seit 2018 in seinem Unternehmen den PowerStove , kleine Kochherde, die mit Pellets aus Holz und Ernteresten betrieben werden können. Das klingt nach Lowtech, ist aber ein äußerst raffiniertes System, um nachwachsende Brennstoffe rückstandsfrei zu verbrennen – und nebenbei Strom zu erzeugen und zu speichern. Mehr noch: Die Herde haben sogar einen Internetanschluss.

Dank einer ausgeklügelten Luftzuführung durch 85 Düsen verbrennt das Material bei bis zu 1000 Grad vollkommen rauchlos und rückstandsfrei. Dadurch wird das Essen in einem Fünftel der Zeit gar, verglichen mit den in Afrika üblichen Holzkohle- oder Kerosinkochstellen. Entsprechend sparsam sind sie, zumal auch die Pellets bei gleicher Energieausbeute preiswerter sind.

Nebenbei erzeugt der Herd Strom – eine elegante Lösung in vielen Dörfern, die weitab von einer entsprechenden Leitung liegen. In einer Batterie gespeichert, steht er auch außerhalb der Essenszeiten für Beleuchtung und zum Laden von Telefonen zur Verfügung. „Wir haben elf verschiedene Modelle im Angebot, je nach Größe kosten sie zwischen zehn und 110 Dollar“, sagt Esse.

Da aber 42 Prozent der PowerStove-Kunden nicht mehr als zwei Dollar pro Tag zum Leben haben, bietet Esses Unternehmen die Lösung „Buy as you Cook“ an, bei der die Nutzer den Herd in kleinen Beträgen entsprechend den Kochzeiten abbezahlen. Dazu dient der Internetanschluss, über den sich die Kosten nach Betriebsstunden centweise abbuchen lassen. Nach zweieinhalb Monaten hat sich auf diese Weise ein Herd für die meisten Kunden bereits amortisiert, insbesondere wenn sie von den in Afrika üblichen Holzkohle- oder Kerosinöfen umsteigen.

So löst Okey Esses Hightech-Gerät eines der drängendsten Probleme des Kontinents. Die Abgaswerte des PowerStoves sind dabei so niedrig wie die eines Gasherds, entsprechend wenig Kohlenstoffdioxid emittieren sie.

Im vergangenen Jahr investierte das Venture-Capital-Unternehmen GreenTec Capital Partners in PowerStove. Damit konnte das Unternehmen eine zweite Fertigung in Abuja einrichten und die Produktionskapazität auf 25000 Herde pro Monat aufstocken.

Aber Esse denkt noch größer. Power­Stove soll ein echtes panafrikanisches Unternehmen werden. Als nächsten Schritt plant er, eine Endmontage in Simbabwe einzurichten. Da das Land ziemlich in der Mitte des südlichen Afrikas liegt, lässt sich von hier aus auch der inzwischen wachsende Markt in den Nachbarstaaten schneller bedienen. 

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Zweites Leben für Batterien.

Die E-Mobilität kann einen großen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten. Doch sie sorgt dabei für ein neues Problem: Wohin mit den Altbatterien, die in der Regel aus den Autos ausgebaut werden, sobald sie nur noch 80 Prozent ihrer Leistung bringen?

Bis 2025 werden rund sieben Millionen gebrauchte Batterien aus der E-Mobilität frei – darin steckt noch so viel Energie, dass eine Stadt wie Berlin für ca. 50 Tage mit Batteriestrom versorgt werden könnte. Selbst wenn die Batterie recycelt wird, ist das pure Energieverschwendung. „Da kommt ein Tsunami an gebrauchten Batterien auf uns zu. Ich habe mich deshalb gefragt: Können wir deren Leben nicht verlängern und sie in eine Zweitnutzung überführen? Mit meiner Firma betteries habe ich dann eine Lösung entwickelt, die das Potenzial hat, 0,5 Gigatonnen CO2 bis 2030 einzusparen“, erzählt Gründer Rainer Hönig.

Die Idee ist einfach – die Technik ist es nicht: Hönig hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er das Herzstück der E-Batterien, die Lithium-Ionen-Module, ausbauen und zu neuen leistungsstarken mobilen Batterien zusammenbauen kann. „Damit verlängern wir das produktive Leben der Lithium-Ionen-Module um fünf bis zehn Jahre. Außerdem garantieren wir, dass die verwertbaren Teile der Batterien danach recycelt werden“, erzählt er.

Den ersten Impuls, gesellschaftliche Herausforderungen mitzugestalten, hatte Rainer Hönig schon 2009: „Ich war damals Manager bei Rolls-Royce plc in England und habe an einer ungewöhnlichen einjährigen Fortbildung teilgenommen.“ Es ging darum, erfolgreiche Großunternehmen mit Sozialunternehmern zusammenzubringen. „Dabei war ich auch in Bangladesch beim Friedensnobelpreisträger Yunus, der den Mikrokredit erfunden hat. Wir haben uns seine Aktivitäten angesehen. Das hat mein Denken verändert, meine Sicht auf die Dinge – das hat etwas mit mir getan.“ Nach der Fortbildung stößt Hönig bei seinem Arbeitgeber einiges in Richtung Nachhaltigkeit an. Doch das hat nicht den Impact, den er sich gewünscht hätte. 2016 steigt der Luft-Raumfahrtingenieur bei Rolls-Royce aus. Er will seinen Beitrag für den Schutz des Planeten leisten, „in dem Bereich, in dem ich mich auskenne – Energie und Mobilität. Ich wollte möglichst vielen Menschen bezahlbaren Zugang zu sauberer mobiler Energie aus Batterien verschaffen.“ Da er selbst E-Autos fährt, hat er den Gedanken, mit ein paar Studenten in seiner Garage Autobatterien auszubauen und neu zusammenzusetzen – „daraus ist 2018 dann betteries entstanden“.

Die Herausforderungen beim Aufbau von betteries, erzählt er, seien immens gewesen. „Es gab ja noch nichts – keinen effizienten Prozess für den Ausbau der Lithium-Ionen-Module, keine Erfahrung und auch kaum Partner. Denn damals haben zwar viele über den Verkauf von E-Autos nachgedacht, aber kaum jemand über den Verbleib der Batterien nach ihrer Nutzung.“ Ein offenes Ohr findet er bei Renault Mobilize. „Die Führungsriege dort wollte das Thema der Kreislaufwirtschaft damals schon progressiv angehen.“ Mit Renault arbeitet betteries nun kooperativ zusammen, was dem Start-up vor allem den Zugang zu den Altbatterien und industriellen Fertigungskapazitäten sichert. Ab 2022 sollen die Second-Life-Batterien in der Renault-Fabrik zusammengebaut werden.

Potenzielle Abnehmer, sagt er, gebe es mehr als genug. „Der Vertrieb, der heute Kleingeneratoren verkauft und morgen nachhaltige Energiesysteme anbieten muss. Unternehmen, die Maschinenparks für Bauindustrie, Events, Feste, Film und TV verleihen. Firmen, die Second-Life-Batterien in andere Systeme einbauen, wie die Piaggio-Kleinfahrzeuge oder Tuk-Tuks im asiatischen Raum, die aktuell auf Elektroantrieb umgerüstet werden. Oder das gesamte Projektgeschäft. Das ist beispielsweise jemand, der 50 Kleinkrankenstationen in Afrika auf Solarstrom umrüsten möchte und einen stationären und mobilen Speicher benötigt, eine dezentrale Energieversorgung, die klimafreundlich sein soll.“

Der Wettbewerb ist allerdings intensiv. „Unsere Konkurrenz sind ja Neuprodukte, die jedes Jahr günstiger werden. Wir müssen die Käufer also davon überzeugen, dass die Zweitverwertung von Batterien keine Leistungseinbußen mit sich bringt. Noch sind wir günstiger als Neuprodukte – ob das so bleibt, hängt stark von der Effizienz unserer Prozesse und Innovationskraft ab. Und das Einzige, das uns schützt, ist, mindestens genauso schnell zu laufen wie die Konkurrenz und permanent innovativ zu sein, um Mehrwert für den Kunden zu schaffen.“

Zu Beginn hat Hönig ausschließlich eigenes Geld investiert, dann kamen Freunde aus seinem Netzwerk als Angel Investors hinzu. Bei der ersten offiziellen Seedrunde legt er Wert auf das Mission Alignment seiner Geldgeber. „Wir wollen Menschen, die unsere Ziele teilen und in dieselbe Richtung streben. Sie sollten zudem einen Mehrwert bringen – über ihr Netzwerk, Absatzmärke, Erfahrungen.“ Gefunden hat er Impact-Investoren – einen Fonds, der von der Shell-Stiftung finanziert wird, und einen Pledgefonds von Vermögenden, die Klimaziele verfolgen. Beide wollen neben dem finanziellen Return den gesellschaftlichen Ertrag.

Heute macht das Start-up bereits „einige 100000 Euro Umsatz“, wie Hönig sagt. Offiziell ist die Firma aber noch in der Pre-Revenue-Phase. „Wir lernen gerade, wie die Markteinführung funktioniert. In Senegal, Portugal und in Belize, Mittelamerika, sind unsere Batterien schon im Einsatz, auch in Deutschland. Aber die richtige Welle kommt mit der Zulassung des Produkts im nächsten Jahr.“

Deshalb macht er sich auch gerade mit einem konkreten Plan wieder auf Investorensuche. Die nächsten Schritte sind: Produkt zulassen bis Anfang 2022, Produkt einführen, erste Umsätze generieren, Finanzierungsrunde abschließen, die das Wachstum für die nächsten 24 Monate absichert, und die nächste Produktkategorie, eine größere, etablieren. „Wenn wir erfolgreich sind, haben wir bis 2030 mindestens 0,5 Gigatonnen an CO2 vermieden, Millionen Menschen mit sauberem Strom versorgt und der Kreislaufwirtschaft einen Schub gegeben.“

In fünf Jahren, sagt der heute 58-Jährige, sei er dann draußen und habe die Firma an jüngere Kollegen übergeben. „Die machen sie dann richtig groß. Ich werde mir das anschauen und stolz darauf sein, dass ich das auf den Weg gebracht habe.“   

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Die Waldretter.

Mehr als 100 Staaten haben sich auf dem Weltklimagipfel in Glasgow verpflichtet, die Zerstörung von Wäldern bis 2030 zu stoppen. Denn Wälder sind wichtig, nehmen sie doch etwa ein Drittel der jährlich vom Menschen ausgestoßenen CO2-Emissionen auf.

Aktuell schrumpfen die Waldflächen allerdings bedenklich. Jede Minute, sagen die Forscher auf dem Klimagipfel, geht eine Fläche von etwa 27 Fußballfeldern verloren – durch Rodung, Brände oder Schäden im Wald.

Selbst in Deutschland gibt es aktuell rund 300000 Hektar solcher sogenannter Schadflächen. „Hier läuft etwas gewaltig schief“, beurteilt Ole Seidenberg die Situation: „Jährlich werden es mehr, und hinzu kommen große Umbauflächen, also Wälder, die derzeit noch in Monokultur existieren und schnell zu Misch­wäldern werden sollten, damit sie dem Klimawandel standhalten können.“

Das Problem: Aufforsten ist teuer – vor allem in schwer zugänglichen Gebieten. „Derzeit wird das Ausbringen von Setzlingen mit rund 4000 bis 10000 Euro pro Hektar bezahlt. Um Böden und Nährstoffe am Steilhang zu sichern, ist mitunter sogar ein Helikopter nötig. Der kostet 18 Euro pro Minute. So kommen wir bei diesem Thema nicht voran.“

Seidenberg ist einer von drei Gründern des Start-ups Skyseed. Seine Mission: mit einer eigens entwickelten Drohne und Baumsaaten in einer Pellethülle die Waldschadflächen in Deutschland und Europa kostengünstig und effektiv aufforsten. „Die Drohnen sind schnell und überall einsetzbar. Je größer oder schwerer erreichbar die Fläche ist, desto sinnvoller ist die Drohne. Und die Pellets sorgen dafür, dass kein Saatgut verschwendet wird. Das Pellet schützt, es ist rein ökologisch, es kann mehr Wasser speichern, und die Mikroorganismen sowie die Pilzkulturen, die ohnehin im Waldboden sind, können eine bessere Symbiose mit den Nährstoffen im Saatgut eingehen. Keimung und Wachstum werden deutlich begünstigt.“

Zusammen mit den Brüdern Dominik und Simon Wind hat Seidenberg innerhalb von rund einem Jahr ein Team aufgebaut und die Drohne konfiguriert, die mit zwei verschiedenen Abwurfmechanismen fast alle Baumarten an verschiedenen Stellen ausbringen kann. Der Proof of Concept läuft aktuell: „Wir haben zehn Testareale, dazu gehören ein Landesforst, mehrere Großwälder in adeligem Besitz und Flächen, die von der TU München wissenschaftlich begleitet werden“, erzählt Seidenberg. Auf rund 30 Hektar haben sie im Herbst mit ihrer Drohne Pellets ausgebracht. „Dort gibt es verschiedene Böden, verschiedene klimatische Bedingungen.“

Und das ist wichtig, denn die letzte Finanzierungsrunde hat das Start-up mit Geld versorgt, das bis Februar reicht. Eine halbe Million Euro haben die Gründer bisher bei 13 Investoren eingesammelt. Die meisten bringen ihre Unternehmer­erfahrung ein, die Waldbesitzer auch ihre Kontakte zu Saatverkäufern. „Der ein oder andere Investor wird uns noch bis April unterstützen, aber dann benötigen wir Ergebnisse – und 1,5 bis zwei Millionen Euro, um skalieren zu können.“

Seine Vision: Künftig sollen Waldbesitzer mithilfe von Skyseed einen digitalen Blick auf ihre Flächen werfen können. Dabei wird der Boden analysiert, sodass im Vorfeld festgelegt werden kann, welche Baumart mit welcher Mischung am besten passen würde. Gleichzeitig soll es möglich sein, mit einer digitalen Lieferkette in Echtzeit abzugleichen, ob und wo die gewünschten Saaten zu welchem Preis gekauft werden können.

Das Angebot an den Waldbesitzer erfolgt also idealerweise noch während des Gesprächs. Dieser kann es per Klick sofort annehmen. Mit einem weiteren Klick wird automatisch die Bestellung ausgelöst und der Vorgang in Gang gesetzt. Im Jahr 2022 möchte Skyseed auf 500 Hektar Aufforstungsfläche kommen und beweisen, dass die pelletierte Saat gegenüber Setzlingen klar im Vorteil ist.

Doch das soll erst der Anfang sein. „Die Drohnen werden größere Reichweiten bekommen, die Batterien werden stärker, sie werden mehr schleppen und außer Sichtweite fliegen können“, erklärt Seidenberg. Sein Ziel ist deshalb, binnen fünf Jahren zehn Prozent des deutschen Aufforstungsmarkts zu beliefern.

„Akut sind schon 300000 Hektar aufgelaufen – nur in Deutschland. Und das Problem wird sich verschärfen.“ Perspektivisch rechnet Seidenberg mit zusätzlich rund 120000 Hektar neuer Aufforstungsfläche pro Jahr: „Weder Baumschulen noch eigenes Personal kommen da hinterher. Das führt zu immer mehr Freiflächen, die in der prallen Sonne ohne schnelle Aussaat austrock­nen und vergrasen. Deshalb zählt jedes Jahr – und da kommen wir ins Spiel, besonders mit unserer Vorwaldmischung.“ Dazu sind präventive Maßnahmen gegen die Versteppung in Griechenland dringend nötig. Oder der Umbau des Eukalyptuswalds in Portugal. „Es gibt unheimlich viel zu tun.“

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Autorinnen und Autoren:

Yvonne Döbler, Sabine Holzknecht, Klaus Meitinger, Hanns J. Neubert.

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