• Dr. Günter Kast

Plötzlich Chefin.

032 Leki DSC 0194Leki. Nach dem Unfalltod ihres Mannes übernahm Waltraud Lenhart die Geschäfte bei der Leki Lenhart GmbH, einem der weltgrößten Hersteller von Ski- und Wanderstöcken. Mit schwäbischem Pragmatismus hat sie sich in die neue Rolle hineingearbeitet – und ist froh, nach dem tragischen Verlust des Partners nie ernsthaft einen Verkauf des Familienunternehmens erwogen zu haben.

Klaus Lenhart liebte wie viele Unternehmer aus der Outdoor-Branche Abenteuer und Nervenkitzel. Mit 14 saß er zum ersten Mal in einem Segelflugzeug, mit Mitte 40 wechselte er zum Motorkunstflug. Ein Pilot aus Leidenschaft. Im Mai 2012, nur einen Tag vor seinem 57. Geburtstag kam er ums Leben, als der Antrieb seiner Maschine aussetzte. Das Unglück passierte bei einem Trainingsflug mit einem Flugschüler.

Von einem Tag auf den anderen musste Waltraud Lenhart – schon vor dessen Unfall zwar die wichtigste Beraterin ihres Mannes, offiziell aber „nur“ Leiterin der IT- und Finanzabteilung – die Geschäfte im Familienunternehmen übernehmen. „Plötzlich war es notwendig, das große Ganze im Blick zu haben“, erzählt sie: „Strategie, Personal, Produktion, Vertrieb, Marketing“. Die Firma besitzt zudem zahlreiche Patente. Einige liefen aus, andere mussten erneuert werden. Und sie ist Sponsor vieler Spitzenathleten aus dem alpinen Skisport – von Felix Neureuther bis Lindsey Vonn.

Darüber hinaus unterstützt Leki internationale Top-Biathleten und Freeskier wie Glen Plake, rüstet Expeditionsbergsteiger wie Ueli Steck oder David Lama aus und arbeitet mit zahlreichen Skiverbänden zusammen, unter anderem mit dem Deutschen Skiverband. Das Bedürfnis zu trauern – ja, es war da. Aber es blieb sehr wenig Zeit dafür.

Vor mehr als 30 Jahren hatte die ehemalige Lehrerin für Sport und Werken den Sohn des Firmengründers Karl Lenhart geheiratet. Der Senior produzierte zunächst Schriftzüge aus Holz für verschiedene Gewerbe, später dann Griffe und Schneeteller für Skistöcke. Weil er sich über schlecht konstruierte Skistöcke ärgerte, beschloss er schließlich, diese selbst zu bauen. Ab 1970 vertrieb er sie unter dem Markennamen Leki (Lenhart in Kirchheim). Sein jüngster Sohn Klaus, Jahrgang 1955, rückte mit nur 19 Jahren in die Firmenführung auf, wurde später alleiniger Geschäftsführer.

Alle, die Klaus Lenhart kannten, beschreiben ihn als charismatischen Visionär und als Perfektionisten. Als einen, der nicht per Zufall zum Weltmarktführer aufstieg, zm Hidden Champion, zum Global Player, wie er typisch ist für den Speckgürtel rund um Stuttgart. Als einen klugen Unternehmer und einen leidenschaftlicher Tüftler. Als einen, der nicht alles machen wollte, aber das, was er dann machte, immer perfekt umsetzte. Der sich darum auch nie allzu weit von seiner Kernkompetenz – Ski- und Wanderstöcke – entfernte. Handschuhe: ja. Alle möglichen Accessoires: nein. Outsourcing nach Fernost? Zu weit weg und schwierig zu steuern. Produktion im böhmischen Tachov? Warum nicht, wenn der Standort in Tschechien die passende Infrastruktur und auch sonst optimale Voraussetzungen bietet.

Dort in Tachov steht heute die weltgrößte Fertigungsanlage für Skistöcke. Rund 230 Mitarbeiter bauen zwischen 1,2 und 1,3 Millionen Paar pro Jahr zusammen. Wobei „zusammenbauen“ natürlich das falsche Wort ist, denn die Fertigungstiefe ist sehr groß. Zum Beispiel stellt Leki jedes Spritzgussteil selbst her, ebenso die Sondermaschinen für die Serienproduktion. „Mein Mann hat das Unternehmen immer sehr bodenständig geführt, ist vermeidbaren Risiken aus dem Weg gegangen, obschon er mitunter auch gewagte Produktideen austestete“, erzählt Waltraud Lenhart.

Eine dieser Innovationen war ein Stock namens Trigger S, in den sich der Skifahrer mit dem Handschuh, ähnlich wie bei einer Bindung, einklinken konnte. Klaus Lenhart hatte das Gefummel mit der Schlaufe immer gestört. Seine Lösung: Am Sessellift zieht der Sportler einen Stecker aus den Stöcken und legt diese ab. Die Schlaufen bleiben einfach an den Handschuhen. Bei der nächsten Abfahrt genügt ein Klick, um fahrbereit zu sein – sicher und bequem.

„Das war, als ob jemand in einem dunklen Raum das Licht anknipst“, beschrieb Lenhart seinen Geistesblitz damals. Heute ist das Klicksystem etabliert, muss von den Kunden aber nicht zwingend benutzt werden. Denn alle Trigger-Stöcke haben auch eine Schlaufe. Und alle Leki-Handschuhe mit „Bindung“ lassen sich auch zusammen mit einem herkömmlichen Stock nutzen. Klaus Lenhart wollte nie jemanden zu etwas bekehren, die Produkte sollten für sich sprechen und überzeugen. „Mit dieser Innovation haben wir ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal am Markt erzielt“, erzählt seine Frau.

Den erfolgreichen Weg weiterzugehen war die große Herausforderung: „Wir wollen auf einer soliden finanziellen Basis gesund wachsen. Ein Umsatzplus nur um der Größe willen ist nicht unser Ziel. Die Produkte müssen stimmen, dann stimmt auch der Ertrag.“ Bislang scheint das zu klappen. 2010 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 40 Millionen Euro. Inzwischen dürften es gut 45 Millionen sein. So ganz genau möchte Waltraud Lenhart das nicht in den Medien lesen: „Da bin ich sehr schwäbisch.“ Profitabel ist die Firma allemal: In der ersten Bilanz nach dem Tod von Klaus Lenhart wies die GmbH einen Jahresüberschuss von 1,5 Millionen Euro aus.

Dieser Übergang funktionierte wohl auch deshalb so scheinbar problemlos, weil der Anteil von Waltraud Lenhart an der Leki-Erfolgsgeschichte schon früher weit größer gewesen war, als viele vermuteten. Schließlich hatte sie gleich nach der Heirat den Lehrerjob aufgegeben und lernte schnell alle Abteilungen von Leki kennen. Später baute sie die IT-Abteilung auf und steuerte die Finanzen. „Ich war in alle Entscheidungen involviert, kannte jede Entwicklung.“ Ihr Mann Klaus holte sich auch vor der Einführung neuer Produkte immer erst das „Go“ seiner Partnerin. „Bevor ich endgültig entscheide, will ich nochmals mit meiner Frau darüber reden“, pflegte er zu sagen.

Der plötzliche Tod ihres Mannes war zwar ein schwerer Schicksalsschlag für Waltraud Lenhart. Aber er wurde nicht zur Katastrophe für Leki. Die Eheleute hatten – keineswegs selbstverständlich für einen familiengeführten Mittelständler – sogar frühzeitig über die Nachfolgeproblematik gesprochen. Welche Rolle sollen Sohn und Tochter einmal spielen? Ist unter Umständen auch ein externer Manager vorstellbar? Oder verspricht es mehr Erfolg, einen erfahrenen und langjährigen Mitarbeiter zum Geschäftsführer aufzubauen?

„Ein komplexes Thema“, sagt die Leki-Chefin. „Hätten wir die Nachfolge nicht so intensiv diskutiert, wäre es schwieriger geworden.“ Das soll nicht heißen, dass die Unternehmerwitwe sofort wusste, wie und in welcher Besetzung es weitergehen würde. Aber sie wusste relativ schnell, dass sie das Lebenswerk ihres Mannes weiterführen will. „Das war auch ein wichtiges Signal für unsere Mitarbeiter und den Markt.“

Attraktive Angebote soll es zwar gleich mehrere gegeben haben. „Aber ein Verkauf war nie ein Thema“, sagt sie. „Ich bin sehr gern im Unternehmen.“ Ein anderes Führungssystem und eine andere Art zu führen waren dagegen sehr wohl ein Thema: „Nicht exakt so wie unter Klaus. Man kann einen Menschen nicht kopieren. Jeder hat seinen eigenen Stil.“

Anders als ihr Mann setzt Waltraud Lenhart zum Beispiel auf ein breiteres Managementteam. Seit Sommer 2015 sind neben ihr als CEO noch drei weitere Geschäftsführer im Unternehmen tätig: Zuständig für Finanzen, Controlling und IT ist Martin Rominger, CFO, für die Bereiche Produktion, Entwicklung und Einkauf Gerald Kinbacher, COO, sowie für Vertrieb und Marketing Matthias Hatt, CSO. „Zwei Ältere und zwei Jüngere“, kommentiert die Chefin. „Das ist eine gute Mischung.“

„Es warten künftig eben andere, neue, komplexere Herausforderungen“, begründet die Chefin diesen Schritt. „Marketing zum Beispiel bekommt im Social-Media- und Online-Zeitalter eine andere Bedeutung. Das erfordert Spezialwissen, das einer allein nicht haben kann.“

Tatsächlich braucht das Unternehmen Antworten auf viele, auch ganz neue Fragen. Dauert der Skitouren-Boom an? Ist Trail-Running in zwei Jahren vielleicht schon wieder vergessen? Wird Ski alpin zum Sorgenkind, wenn sich immer mehr Urlauber die Skiausrüstung und damit auch die Stöcke leihen? Braucht Leki einen Nachhaltigkeitsbericht? Wie wichtig sind schadstoffarme Stöcke? Was wird aus dem Wintergeschäft, das für rund die Hälfte des Umsatzes steht, wenn die vermeintlich kalte Jahreszeit immer wärmer wird? Inwiefern kann Social-Media-Kommunikation das teure Athleten-Sponsoring ersetzen oder zumindest ergänzen?

Gleichzeitig ändern sich die Vertriebswege rasant. Für Leki ist zwar nach wie vor der stationäre Fachhandel der bedeutendste Partner. Aber die Unternehmerin weiß natürlich, dass der Online-Vertrieb immer wichtiger wird. Sie hat deshalb einen hauseigenen Online-Shop gestartet. Besonders innovativ dabei: Auch hier ist der Fachhandel integriert, zum Beispiel als Auslieferer der Ware. Der Umsatzanteil des Shops liegt derzeit jedoch noch im einstelligen Prozentbereich. Leki beliefert natürlich auch große Multichannel-Outdoor-Händler wie SportScheck oder Globetrotter, macht diesen jedoch keine Vorgaben, wie viel Prozent der Ware online oder stationär – und damit mit Fachberatung – verkauft werden soll.

Einen Flagship-Store, zum Beispiel in der teuren Stuttgarter Innenstadt, brauche es ebenfalls nicht, haben die Chefin und ihr neues Team beschlossen. Ein solches Vorzeigeobjekt sei zwar „nice to have“, aber aufgrund der Fachhandelstreue kein Thema. „Solche Themen diskutieren wir im Team“, erklärt die Chefin. „Aber entscheiden muss am Ende des Tages ich.“

Das gilt auch für die Produktpalette. Grundsätzlich orientiert sie sich dabei am Diktum ihres Mannes: „Wir wollen uns nicht zu weit von der Kernkompetenz Stöcke entfernen.“ Für den Bau des Faltstuhls Breeze habe sie sich aber doch entschieden, weil „dessen Konstruktion eben ein typisches Leki-Produkt ist“. Auch Waltraud Lenhart kann eben Innovation. In diesem Frühling beginnt die Auslieferung des neuen Produkts.

Wie die Zukunft in fünf oder zehn Jahren aussehen wird, vermag – oder: mag? – die Unternehmerin nicht (zu) sagen: „Meine Überlegungen zur Nachfolge sind sehr dynamisch.“ Fakt ist: Ihr macht der Job inzwischen richtig Spaß. Dabei hat sie sich sehr genau überlegt, wie sie sich als Unternehmerin positionieren möchte. Sie kennt natürlich Antje von Dewitz, die Chefin des Outdoor-Ausrüsters Vaude aus dem Allgäu. Doch während die Vaude-Ankerfrau das Licht der Öffentlichkeit sucht und den Medien offensiv verkündet, in naher Zukunft der nachhaltigste Outdoor-Produzent Europas sein zu wollen, hält sich Waltraud Lenhart sehr zurück. Das Unternehmen soll nicht zu sehr mit ihrer Person verknüpft sein.

Denn irgendwann wird die 59-Jährige natürlich wieder vor der Entscheidung stehen: Verkauf? Oder Weitergabe an den Sohn? Familienstiftung mit externer Geschäftsführung? Sie wird diese Entscheidung im Team treffen – mit den Kollegen. Mit ihren Kindern. Mit schwäbischer Gründlichkeit, aber auch mit Gelassenheit. Bevor sie sich festlegt, wird sie sich wahrscheinlich ein Paar Leki-Stöcke nehmen und ihre Nordic-Walking-Hausstrecke laufen: durchs Zipfelbachtal hoch zum Mörikefelsen, 774 Meter über dem Meer: „Der Ausblick hinunter auf die großartige Landschaft der Schwäbischen Alb macht den Kopf unglaublich frei.“ ®

Autor: Günter Kast

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